{"id":14818,"date":"2011-07-27T00:00:00","date_gmt":"2011-07-26T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/master.greenpeace.ch\/beitrag\/14818\/das-ist-doch-mein-leben\/"},"modified":"2019-05-30T12:44:09","modified_gmt":"2019-05-30T10:44:09","slug":"das-ist-doch-mein-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/story\/14818\/das-ist-doch-mein-leben\/","title":{"rendered":"Das ist doch mein Leben!"},"content":{"rendered":"<p><b>Er ist ein \u00abTextiler\u00bb der alten Schule. Ein \u00abPatron\u00bb, dessen Sohn in der eigenen Firma arbeitet. Doch 1990, nach Jahrzehnten in der konventionellen Textilindustrie, nach einer Kindheit als Sohn eines Textilh\u00e4ndler in \u00c4gypten und im Sudan, begann der Unternehmer Patrick Hohmann etwas, wofu\u0308r er damals ausgelacht wurde. Hohmann wurde gru\u0308n. Sehr sogar. Seit 2005 produziert sein Betrieb nur noch Bioware. Ein hartes Gesch\u00e4ft, voller Tu\u0308cken, Betru\u0308ger, Preisschwankungen. Doch Hohmann liebt das Ringen. Man mu\u0308sse Werte haben in diesem Gesch\u00e4ft, sagt der Firmengru\u0308nder, der mittlerweile an Partizipation glaubt und eine ganz eigene Unternehmensethik entwickelt hat.<\/b><\/p>\n<div>\n<p><strong>Von Hannes Grassegger<\/strong><\/p>\n<\/p>\n<div class=\"events-box middle-box left\">\n<div class=\"frame\">\n        <a class=\"open-img EnlargeImage\" href=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/1187e7b9-1187e7b9-patrick_hohmann.jpg\" title=\"\"><br \/>\n            <img decoding=\"async\" id=\"ctl00_cphContentArea_Property3_ctl00_ctl02_Image1\" class=\"Thumbnail\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/1187e7b9-1187e7b9-patrick_hohmann.jpg\" alt=\"\" style=\"border-width:0px;\"><\/p>\n<p>        <\/a>\n    <\/div>\n<div class=\"events-content no-title\">\n        <span class=\"date\"><\/span><br \/>\n        <strong><\/strong><\/p>\n<p>\n            Patrick Hohmann mit indischen Feldarbeitern: \u00abDer Bioanbau bedeutet ungeheures Ringen. Das Vorspielen von Einfachheit \u2014 das macht die Gentechnik\u00bb. <br \/>\n\u00a9 Florian Jaenicke \/ www.greenpeace-magazin.de\n        <\/p>\n<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p> <!-- END DYNAMIC CONTENT --><\/p>\n<p><strong><em>Greenpeace: <\/em>Sie verrieten mir ku\u0308rzlich bei einer Besichtigung Ihrer Biobaumwollfelder in Indien, dass sich der Anbau finanziell kaum mehr lohne. Doch Sie h\u00e4tten ein Versprechen gegeben, spu\u0308rten Verantwortung. Wurde aus dem Gesch\u00e4ftsmann ein Vision\u00e4r?<\/strong><\/p>\n<p><em><strong>Patrick Hohmann:<\/strong> <\/em>Auch als reiner Gesch\u00e4ftsmann war ich Vision\u00e4r. Ich wollte viel verdienen, Karriere machen. Aber wie das Leben so spielt: Man begegnet Menschen, hat Familie, Kinder. Mit fortlaufendem Alter gehen die Augen immer weiter auf. Mit 40 Jahren dachte ich: Diese Wirtschaftsform, die ich bisher erlebt habe, ist doch einfach Unfug. Ich sah, wie die Textilindustrie sich \u00e4nderte. Da wollte ich einen Serviceanbieter gru\u0308nden, der allen nu\u0308tzt.<\/p>\n<p><strong>Wie viele Menschen arbeiten im Produktionsnetzwerk, das Remei betreut?<\/strong><br \/>Es sind 54 Betriebe, die wir koordinieren, und damit etwa achtzig- bis hunderttausend Menschen.<\/p>\n<p><strong>Urspru\u0308nglich war Remei ein konventioneller Betrieb. Wie kamen Sie auf Bio?<\/strong><br \/>Da lag eine Werbung des WWF auf meinem Tisch, in der fu\u0308r handgepflu\u0308ckte Baumwolle geworben wurde. Etwa 1990. Das suggerierte, handgepflu\u0308ckt sei etwas Gutes. Was auch stimmte, weil nicht durch Entlaubungsmittel geerntet wurde. Ich sagte mir aber: Wenn schon, dann richtig!<br \/>Eigentlich war das Pflu\u0308cken von Hand nur in Amerika etwas Besonderes. Siebzig Prozent der Baumwolle wurden ja handgepflu\u0308ckt. Ich ging etwas sp\u00e4ter zu meinen Spinnereien in Indien und fragte meine Zulieferer, woher denn eigentlich ihre Baumwolle komme. \u00abVon weit her.\u00bb Da fragte ich: \u00abWarum nicht von hier, vor der Haustu\u0308r? Warum nehmen wir nicht Bio?\u00bb Ich wurde erst einmal ausgelacht. Damals gab es noch keine Bio-Bewegung. Neun Monate sp\u00e4ter stellte ich die gleiche Frage dem Spinner der Maikaal-Spinnerei. Und der sagte: \u00abLass uns das machen.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Hinter Remei stehen Sie. Sie sagten einmal, Sie seien ein Patron. Ihr Unternehmen scheint kein revolution\u00e4res Modell zu sein.<\/strong><br \/>Fast alle Mitarbeiter sind beteiligt (h\u00e4lt ein Aktion\u00e4rsregister hoch). Ein Unternehmen mit Namenaktien! Habe ich wirklich Patron gesagt? Nun, ich fu\u0308hre relativ breit, versuche, ein guter Patron zu sein, und frage meine Mitarbeiter.<br \/>Ich koordiniere ein Fu\u0308hrungsteam mit sechs Leuten. Mit mir und meinem Sohn sind nur zwei M\u00e4nner in der Fu\u0308hrungsetage.<\/p>\n<p><strong>Ein guter Patron? Was sind denn Ihre unternehmerischen Werte?<\/strong><br \/>Ich m\u00f6chte Qualit\u00e4t und Preisgerechtigkeit. Qualit\u00e4t heisst, wirklich das Beste aus dem Produkt herauszuholen. Preisgerechtigkeit heisst, so zu arbeiten, dass jeder, der am Gesch\u00e4ft beteiligt ist, sich auch damit entwickeln kann und seinen Teil kriegt. Nicht einer sehr viel und der andere sehr wenig.<br \/>Wenn man wie ich mit Tausenden Partnern zusammenarbeitet, kann man das nicht eins zu eins l\u00f6sen, sondern muss Regeln aufstellen. Darin liegt die Schwierigkeit: Regeln so aufzustellen, die Mitarbeiter so zu sensibilisieren, dass sie diese Regeln anwenden wollen. Das ist der Schlu\u0308ssel. Dass ich eine Unternehmung schaffen m\u00f6chte, in der diese Regeln lebendig, in Bewegung bleiben. Wir u\u0308berlegen uns bei Zahlen in den Bilanzen: Wie wirkt sich unser Handeln auf die Bauern aus?<\/p>\n<p><strong>Sie denken fu\u0308r andere mit?<\/strong><br \/>Ja! Fu\u0308r Farmer und fu\u0308r Endkunden.<strong><\/p>\n<p>Sie sagen, Ihre heutige Unternehmensethik besteht darin, fu\u0308r Zulieferer wie Abnehmer so nu\u0308tzlich zu werden, dass Remei einen Wert darstellt und nicht nur Kosten.<\/strong><br \/>Ich glaube nicht, dass Ethik und Wirtschaft sich widersprechen. Die unethische Wirtschaft l\u00e4uft aus dem Ruder. Die ethische Wirtschaft balanciert aus. Zu ethisch ist nicht wirtschaftlich. Zu unethisch ist nur noch wirtschaftlich. Die Balance, die man zwischen Angebot und Nachfrage schaffen muss, ist etwas Verbindendes, Wertschaffendes. Daraus soll der Ertrag unserer Firma kommen. Der Nutzen unseres Unternehmens fu\u0308r die Kunden besteht darin, dass die Partner etwas mitnehmen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Sie experimentieren mit biodynamischen Methoden. Was bedeutet Ihnen Anthroposophismus?<\/strong><br \/>Im Anthroposophismus fand ich Gedanken, die eine u\u0308berkulturelle Zusammenarbeit erm\u00f6glichen. Etwa, dass jeder frei ist, seiner Denkwelt zu folgen. Und jeder ist dem Anderen zugewandt, es hat keinen Sinn, Wirtschaft nur fu\u0308r sich zu machen, sondern es ist immer auch fu\u0308r den Anderen. Drittens: Vor dem Gesetz ist jeder gleich, es gibt Regeln, die fu\u0308r alle gelten. H\u00e4lt man sich daran, kann man weltweit wirtschaften, ohne zu unterdru\u0308cken oder Regeln aufzuzw\u00e4ngen. Wir bieten Biodynamisch als Option, zwingen das aber den Bauern nicht auf.<\/p>\n<p><strong>2009 begann eine Krise in der Biocotton-Branche. Zu allem Unglu\u0308ck traf Sie auch noch ein schwerer gesundheitlicher Ru\u0308ckschlag. Wie fanden Sie die Kraft, wieder<br \/>in die Firma zuru\u0308ckzukehren?<br \/><\/strong>Das ist doch mein Leben! Ich kann es mir nicht vorstellen ohne dieses Ringen um Bio oder eigentlich noch um viel mehr: um eine soziale Wirtschaft. Ich will das hinkriegen, wirtschaftlich und nachhaltig zu arbeiten. Ich m\u00f6chte, auch wenn das nicht immer m\u00f6glich scheint, dass die Menschen, die mit mir zusammengearbeitet haben, einen Vorteil aus dieser Zusammenarbeit ziehen k\u00f6nnen. Ich habe gesehen, das ist noch nicht fertig. Das muss auf viel breitere Schultern, auf viel mehr Menschen, nicht einfach auf einen Patron gestellt werden. Diese Ideen des partizipativen Zusammenarbeitens, das mu\u0308ssen wir wirklich noch weitertragen, das muss Formen finden u\u0308ber eine lange Kette, so dass der Bauer bis zum Retailer durchkommt. Das alte, horizontale Wettbewerbsmodell Weber gegen Weber ist tot.<\/p>\n<p><strong>Wie wichtig ist es, an seinen Werten festzuhalten, wenn man in der Biobranche arbeitet?<\/strong><br \/>Ich glaube, Werte sind eminent wichtig.<\/p>\n<p><strong>Wenn es um Werte, um Glauben geht, wie kann dann Kritik an Bio \u2013 etwa aus den Medien \u2013 eine produktive Rolle einnehmen?<\/strong><br \/>Ich bin kein Besserwisser. Und ich habe manchmal Mu\u0308he mit Kritik. Aber ich nehme das auf und denke immer: Es k\u00f6nnte etwas dran sein. Kritik wird bei uns hoch angesehen. Wir versuchen, sie fu\u0308r unsere Performance zu nutzen. So war das auch, als 2010 Berichte u\u0308ber gentechbelastete Bioware erschienen. Darauf haben wir unser Kontrollsystem noch mal versch\u00e4rft. Und wir haben festgestellt: Wir mu\u0308ssen noch viel besser werden, um Gentech die Stirn bieten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Sie haben in Ihrem Jahresbericht bereits 2009 auf schwere Unregelm\u00e4ssigkeiten hingewiesen. So ehrlich wie bei Hohmann war Bio vordem nie. Was hat es Ihnen gebracht?<\/strong><br \/>Es ist mir wurscht, was die anderen dazu sagen. Wer die Wahrheit sagt, muss sich nachher nicht daran erinnern, was er gesagt hat. Der Bioanbau ist keine einfache Sache. Er bedeutet ungeheures Ringen. Das Vorspielen von Einfachheit, das macht die Gentechnik. Das ist nicht lebendig. Wenn man lebendig arbeitet, hat man Widerst\u00e4nde. Wenn man will, dass der Andere teilnehmen kann, muss man ihm die Wahrheit erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p><strong>Nun hat Remei \u2013 vielleicht aufgrund ihrer aufwendigen Gentechkontrollen \u2013 Tausende Farmer verloren. Nehmen Sie die Gentechnik vielleicht zu ernst?<\/strong><br \/>Die Gentechnik kann man gar nicht zu ernst nehmen. Sie ist empirisch gedachter Anbau. Zuerst kam die gru\u0308ne Revolution, dann gab es zu viele Unkr\u00e4uter. Man vernichtete sie und damit starben die nu\u0308tzlichen Insekten aus. Also musste man die Pflanzen spritzen. Dann haben sich die Sch\u00e4dlinge unter den Bl\u00e4ttern verteilt. Dann musste man die ganze Pflanze vergiften. Gentech: Es gibt keine Ruhe in diesem System. Auch sozial nicht: Erst haben sich die Bauern mit uns entschuldet. Dann kehrten sie zur Gentechnik zuru\u0308ck \u2013 und haben wieder Schulden. Wir mu\u0308ssen die Balance finden. Das geht nicht, indem man ganze Fl\u00e4chen vergiftet. Wir mu\u0308ssen anders denken! Bioanbau setzt Kr\u00e4fte ins richtige Verh\u00e4ltnis zueinander. Ich bin zu alt, um noch an die Gentechnik glauben zu k\u00f6nnen. Ich sehe zu viele Widerspru\u0308chlichkeiten darin.<br \/><strong><br \/>Sie haben geringere Profite durch den Mehraufwand, den Sie fu\u0308r die ethischen Praktiken in Kauf nehmen.<\/strong><br \/>Es geht uns gut, vor allem wenn ich mich mit anderen Textilunternehmen vergleiche. Wir sind in sehr schwarzen Zahlen. Doch es geht nicht nur um Profit. Profit ist nur eine Notwendigkeit. Wir mu\u0308ssen gut verdienen, um sozial zu sein. Wir wollen gut verdienen und haben da unsere Ziele, aber wir wollen mehr.<\/p>\n<p><em>Mit Patrick Hohmann, Gru\u0308nder des Biotextilpioniers Remei, sprach Hannes Grassegger.<\/em><\/p>\n<p><em>Der Textilhersteller Remei aus Rotkreuz nahe Luzern ist ein klingender Name in der Biotextilwelt. Rund 7000 Farmer in Indien und Tansania produzieren Baumwolle im Auftrag von Remei, der sich als Netzwerkmanager versteht. Durch ein vielstufiges Produktionssystem gelangen Remei-Kleider schliesslich in die Regale von Monoprix, Coop und Mammut. Auch Greenpeace setzt auf Remei.<\/em><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er ist ein \u00abTextiler\u00bb der alten Schule. Ein \u00abPatron\u00bb, dessen Sohn in der eigenen Firma arbeitet. 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