{"id":20044,"date":"2017-04-29T00:00:00","date_gmt":"2017-04-28T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/master.greenpeace.ch\/beitrag\/20044\/eine-unbekannte-welt-entdecken\/"},"modified":"2019-05-30T15:13:44","modified_gmt":"2019-05-30T13:13:44","slug":"eine-unbekannte-welt-entdecken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/story\/20044\/eine-unbekannte-welt-entdecken\/","title":{"rendered":"Eine unbekannte Welt entdecken"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein Korallenriff in der Amazonasm\u00fcndung versetzt Forscher in Aufregung. Sandra Sch\u00f6ttner, Greenpeace-Expertin f\u00fcr Meere, erkl\u00e4rt, was der Fund bedeutet \u2013 und welche Gefahr ihm droht.<\/strong><\/p>\n<p>Vor der K\u00fcste Brasiliens, wo der Amazonas auf den Atlantik trifft, sind Wissenschaftler auf ein einzigartiges \u00d6kosystem gesto\u00dfen. Unter der Wasseroberfl\u00e4che, teils \u00fcber 100 Meter tief, liegt <a href=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/meer\/#fokus-amazonas-riff\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">ein gigantisches Riffsystem<\/a>, mehr als 9500 Quadratkilometer gro\u00df \u2013 fast viermal die Fl\u00e4che des Saarlands. Dr. Sandra Sch\u00f6ttner, Meeresbiologin und Greenpeace-Expertin f\u00fcr Ozeane, wird das Naturwunder in K\u00fcrze selbst vor Ort erforschen. Im Interview erkl\u00e4rt sie, warum die Entdeckung f\u00fcr Wissenschaftler eine Sensation ist \u2013 und nicht nur f\u00fcr die.<\/p>\n<p><strong>Greenpeace: Wie konnte so ein gigantisches Riff so lange unentdeckt bleiben?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sandra Sch\u00f6ttner:<\/strong> Es war einfach undenkbar, dass in diesem K\u00fcstenabschnitt \u00fcberhaupt ein Riff zu finden sein k\u00f6nnte. Laut Lehrbuch galt das als schier unm\u00f6glich! Denn tropische Korallenriffe, wie wir sie klassischerweise kennen, brauchen vor allem eines: Sonnenlicht \u2013 und klares, sauerstoffreiches, nicht zu saures Meerwasser. Diese Bedingungen sind in M\u00fcndungsgebieten von gro\u00dfen Fl\u00fcssen nicht gegeben, vor allem nicht im Amazonasdelta. Der Amazonas ist einer der schlammigsten Fl\u00fcsse dieser Erde. Er transportiert unglaublich viele Sedimente und organische Schwebstoffe aus dem Regenwald ins Meer, die einen dichten, tr\u00fcben Teppich im Wasser bilden \u2013 und die Sonnenstrahlen gar nicht bis auf den Meeresgrund durchlassen.<\/p>\n<p><strong>Wie sind die Bedingungen dort unter Wasser?<\/strong><\/p>\n<p>In der Amazonasm\u00fcndung herrscht eine heftige Str\u00f6mung und eine ungew\u00f6hnlich starke Schichtung aus Fluss- und Meerwasser: Das tr\u00fcbe S\u00fc\u00dfwasser flie\u00dft oben, das relativ klare Salzwasser unten. Wegen der vielen Sedimente und Schwebstoffe an der Wasseroberfl\u00e4che, ist es darunter ziemlich dunkel, auch schon in geringen Tiefen. Auff\u00e4llig ist auch, dass der Sauerstoffgehalt im Wasser stellenweise sehr niedrig ist. Das sind alles nicht gerade die besten Voraussetzungen f\u00fcr die Existenz eines lebenden Riffsystems.<\/p>\n<p><strong>Hei\u00dft das, dieses Riff ist einzigartig? Oder haben wir andere Riffe dieser Art einfach noch nicht gefunden?<\/strong><\/p>\n<p>Beides. Nach jetzigem Kenntnisstand ist dieses Riffsystem tats\u00e4chlich weltweit einzigartig \u2013 aufgrund seiner besonderen Umweltbedingungen und Eigenschaften, aber auch weil man so etwas bisher nirgendwo anders entdeckt hat. Es wird als neuartiges marines \u00d6kosystem betrachtet, das \u00fcber eine charakteristische Biodiversit\u00e4t, ein eigenes Mikroklima und eine besondere Geografie verf\u00fcgt. Hier hat uns die Natur klar eines Besseren belehrt und gezeigt, dass wir l\u00e4ngst nicht alles kennen und wissen.<\/p>\n<p><strong>Was bedeutet der Fund wissenschaftlich?<\/strong><\/p>\n<p>Die Entdeckung des Amazonas-Riffs wird in der Wissenschaft als einer der wichtigsten meeresbiologischen Funde seit Jahrzehnten gefeiert. Dabei spielt aber nicht nur die Neuartigkeit dieses \u00d6kosystems eine Rolle \u2013 sondern auch seine m\u00f6gliche Bedeutung als \u201eZukunftsorakel\u201c:\u00a0 Man vermutet, dass es uns einen Einblick liefert, wie Riffe in der Zukunft aussehen k\u00f6nnten, die durch Klimawandel und Erosion unter erschwerten Umweltbedingungen \u00fcberleben m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Welche Lebewesen findet man an dem Riff vor?<\/strong><\/p>\n<p>Das Riff besteht haupts\u00e4chlich aus Schw\u00e4mmen, Hart- und Weichkorallen, sowie aus korallinen Rotalgen. Diese Kalkalgen bilden \u2013 \u00e4hnlich wie Hartkorallen \u2013 ein Skelett, beziehungsweise eine Kruste aus Kalk, und sind so ma\u00dfgeblich am Aufbau der Riffstruktur beteiligt. Au\u00dferdem leben dort verschiedene Fische, Weichtiere sowie Hummer und spezielle Bakteriengemeinschaften. Viele der bisher entdeckten Arten kennt man aus anderen Meeresregionen und Riffsystemen. Es wurden aber auch einige neue Arten entdeckt, die vermutlich nur dort vorkommen.<\/p>\n<p><strong>Welchen Bedrohungen ist das Riff ausgesetzt?<\/strong><\/p>\n<p>Das Sedimentbecken der Amazonasm\u00fcndung enth\u00e4lt fossile Rohstoffe, also Erd\u00f6l. Die brasilianische Regierung hat deshalb verschiedene Sektoren vor der K\u00fcste an nationale und internationale Erd\u00f6lkonzerne verkauft \u2013 darunter Total und\u00a0BP. Deren Sektoren liegen direkt am Riff, einer reicht sogar bis auf acht Kilometer heran. Bislang hat dort zwar noch keine Erd\u00f6lf\u00f6rderung stattgefunden, die Probebohrungen sollen aber schon in diesem Jahr starten \u2013 die Firmen warten nur noch auf die endg\u00fcltige Genehmigung durch die brasilianische Regierung. Sollte es zu \u00d6lbohrungen oder gar \u00d6lunf\u00e4llen kommen, ist das einzigartige Leben im Amazonas-Riff in unmittelbarer Gefahr \u2013 eine der geplanten Bohrstellen von Total liegt nur acht Kilometer vom Riff entfernt.<\/p>\n<p><strong>Was genau tut Greenpeace vor Ort?<\/strong><\/p>\n<p>Die Esperanza ist bereits seit einigen Tagen im Riffgebiet in der Amazonasm\u00fcndung unterwegs, in den n\u00e4chsten Tagen schlie\u00dfe ich mich der Expedition an. Mit an Bord sind genau jene Wissenschaftler, die dieses einzigartige \u00d6kosystem entdeckt und bekannt gemacht haben. Gemeinsam mit ihnen besuchen wir nun dieses Naturwunder \u2013 und zwar direkt unter Wasser, mit einem Tauchboot. Das hat bisher noch niemand gemacht! Wir werden die ersten sein, die das verborgene Leben dort unten in der Tiefe mit eigenen Augen zu sehen bekommen \u2013 und f\u00fcr jeden mit Foto- und Videoaufnahmen sichtbar machen. Nur was der Mensch kennt, das sch\u00fctzt er auch.<\/p>\n<p><strong>Die Tauchfahrt zum Riff wird also ein aufregendes Erlebnis.<\/strong><\/p>\n<p>Ja \u2013 ich bin sehr gespannt! Denn die starke Str\u00f6mung und schlechte Sicht dort unten, vor allem im n\u00f6rdlichen Riffgebiet, machen solche Tauchfahrten zu einer echten Herausforderung. Das Tauchboot war allerdings schon mehrfach erfolgreich im Einsatz, und wir haben erfahrene Piloten. Diese einmalige Chance, eine v\u00f6llig unbekannte Welt zu entdecken, stimmt mich aber auch nostalgisch: Vor fast genau 10 Jahren durfte ich schon einmal in einem Tauchboot ein verborgenes Korallenriff erkunden \u2013 in den dunklen, kalten Gew\u00e4ssern am norwegischen Kontinentalrand, in einer Tiefe von 400 Metern. Das wundersch\u00f6ne, pralle Leben dort unten werde ich nie vergessen, es fasziniert mich bis heute. Im Amazonas-Riff wird es mir bestimmt nicht anders ergehen!<\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/act\/amazonasriff\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Geben Sie dem Amazonas-Riff Ihre Stimme<\/a>\u00a0und verhindern Sie\u00a0mit Greenpeace die \u00d6lf\u00f6rderpl\u00e4ne von Total und BP. Wir informieren Sie \u00fcber weitere M\u00f6glichkeiten aktiv zu werden.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/xxVGSLIWkpw\" width=\"806\" height=\"453\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Korallenriff in der Amazonasm\u00fcndung versetzt Forscher in Aufregung. Sandra Sch\u00f6ttner, Greenpeace-Expertin f\u00fcr Meere, erkl\u00e4rt, was der Fund bedeutet \u2013 und welche Gefahr ihm droht. 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