{"id":20518,"date":"2018-02-01T00:00:00","date_gmt":"2018-01-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/master.greenpeace.ch\/beitrag\/20518\/der-bundesrat-die-schlechte-schuelerin-und-das-atomrisiko\/"},"modified":"2019-05-30T15:41:44","modified_gmt":"2019-05-30T13:41:44","slug":"der-bundesrat-die-schlechte-schuelerin-und-das-atomrisiko","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/story\/20518\/der-bundesrat-die-schlechte-schuelerin-und-das-atomrisiko\/","title":{"rendered":"Der Bundesrat, die schlechte Sch\u00fclerin und das Atomrisiko"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Geschichte einer vermasselten Pr\u00fcfung und einer h\u00f6chst fragw\u00fcrdigen Intervention.<\/strong><\/p>\n<p>Die Mutter der kleinen Bea Zun wusste sofort, dass etwas nicht in Ordnung war, als diese sich grusslos an den Mittagstisch setzte mit gesenktem Haupt und abwesend im Loch im \u00c4rmel ihres zerschlissenen Pullis herumfingerte. Nachdem Bea eine Weile lustlos auf den Teller stierend in ihren H\u00f6rnli mit Gehacktem herumgestochert hatte, fragte die Mutter schliesslich: \u00abWas ist los, mein Schatz? War dieser Hippie, dieser Peer Gancee, wieder gemein zu dir in der Schule?\u00bb<\/p>\n<p>Bea hielt ihren Blick gesenkt. \u00abNein, ich \u2026\u00bb Sie stockte, den Tr\u00e4nen nahe. \u00abDie Mathi-Pr\u00fcfung, ich \u2026\u00bb<\/p>\n<p>Frau Zun wartete und fasste sich unbewusst an ihren Perlohrring, wie sie es immer tat, wenn die Emotionen begannen in ihr hochzusteigen. Denn sie ahnte, was jetzt kommen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>\u00abIch \u2026 bin durchgefallen. Ich \u2026 ich \u2026 muss nachsitzen\u00bb, brach es schliesslich aus der Kleinen schluchzend heraus.<\/p>\n<p>\u00abWaaaaaaaaaas?\u00bb, schrie die Mutter, und ihre kleine Tochter zuckte zusammen, als erwarte sie, dass sie jeden Moment verpr\u00fcgelt w\u00fcrde. Doch der Zorn ihrer Mutter galt nicht ihr. \u00abDieser verdammte Lehrer! Diese elende Bildungsdirektorin!\u00bb Sie belegte die beiden mit Kraftausdr\u00fccken, wegen deren sie ihrer Tochter tats\u00e4chlich mit Pr\u00fcgeln gedroht h\u00e4tte, h\u00e4tte diese sie benutzt. Frau Zun sprang auf, schnappte sich ihr Handy, das im Designer-Gestell hinter ihr lag, und w\u00e4hlte sogleich die Nummer der Bildungsdirektion. \u00abDas kriegen wir schon hin, mein Schatz\u00bb, sagt sie, dem Freizeichen lauschend, w\u00e4hrend sie der Tochter \u00fcber ihr struppiges Haar strich. \u00abDie sollen jetzt verdammt nochmal den Notenschnitt f\u00fcr diese Pr\u00fcfung senken! Ja, Zun hier, jetzt h\u00f6ren Sie mal zu \u2026\u00bb<\/p>\n<p>An dieser Stelle w\u00fcrde diese kleine Geschichte wohl enden. Warum sollte die Bildungsdirektion intervenieren, um einer schlechten Sch\u00fclerin das m\u00fchsame Nachsitzen zu ersparen?<\/p>\n<p>Aber nehmen wir einmal an, wir reden hier nicht von Bildungs- und Erziehungssorgen einer Schweizer Kleinfamilie, sondern von sehr handfesten Sorgen um die Sicherheit der Bev\u00f6lkerung. Die schlechte Sch\u00fclerin heisst in dieser, sehr realen, Geschichte: Beznau. Die Pr\u00fcfung, bei der das AKW durchgefallen ist, ist der Nachweis, dass es einem sehr starken Erdbeben standhalten kann. Nach geltender Rechtsordnung gilt dieser Test als bestanden, wenn bei einem solchen Jahrtausend-Erdbeben die Bev\u00f6lkerung nur einer tiefen Strahlendosis von \u00a01 Millisievert pro Jahr ausgesetzt w\u00fcrde. Bei Beznau wurde aber daf\u00fcr ein massiv h\u00f6herer Wert berechnet (nach Berechnung der Betreiberin Axpo 29 Millisievert, nach Berechnung der Aufsichtsbeh\u00f6rde Ensi gar 78). Eigentlich h\u00e4tten deshalb beide Bl\u00f6cke von Beznau abgeschaltet und nachger\u00fcstet werden m\u00fcssen. Dass sie es nicht wurden, ist auf eine offensichtlich falsche Auslegung der Verordnung zur\u00fcckzuf\u00fchren. Dagegen haben AnwohnerInnen des AKW geklagt, mit Unterst\u00fctzung von Greenpeace und anderen Organisationen. Das Verfahren ist h\u00e4ngig beim Bundesverwaltungsgericht.<\/p>\n<p>Und jetzt kommt die Bildungsdirektion \u2026 will sagen: der Bundesrat ins Spiel. Dieser hat sich entschieden, den zuvor erw\u00e4hnten Jahrtausendbeben-Strahlendosis-Grenzwert auf nunmehr 100 Millisievert pro Jahr zu erh\u00f6hen. Das ist \u00fcber dreimal mehr als das, was Sch\u00e4tzungen zufolge in D\u00f6rfern um Fukushima im ersten Jahr nach der Reaktorkatastrophe an Radioaktivit\u00e4t in der Luft lag. Der Bundesrat hat also genau das getan, was sich die w\u00fctende Frau Zun von der Bildungsdirektorin f\u00fcr ihre lernfaule Tochter gew\u00fcnscht h\u00e4tte: Die Regierung hat den Notenschnitt so gesenkt, dass auch die schlechte Sch\u00fclerin Beznau durchkommt \u2013 ungeachtet dessen, dass damit eine grosse Gefahr f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung bestehen bleibt. Und auch ungeachtet dessen, dass das Verfahren der Beznau-AnwohnerInnen noch immer h\u00e4ngig ist; der Bundesrat greift also einem laufenden Verfahren vor, was staatspolitisch h\u00f6chst fragw\u00fcrdig ist.<\/p>\n<div id=\"attachment_42610\" style=\"width: 810px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-42610\" class=\"wp-image-42610 size-full\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/9e6577fd-9e6577fd-gp04sb4_web_size_with_credit_line.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"532\" \/><p id=\"caption-attachment-42610\" class=\"wp-caption-text\">Die Schweizer Bev\u00f6lkerung bleibt Versuchskaninchen der Atomindustrie: Greenpeace-Aktion vor dem AKW Beznau im Jahr 2013<\/p><\/div>\n<p>Immerhin: Das letzte Wort ist in dieser Aff\u00e4re noch nicht gesprochen. Noch ist die absurde und gef\u00e4hrliche Notenschnittsenkung des Bundesrats nicht festgeschrieben \u2013 Greenpeace und ihre Partnerorganisationen werden sich w\u00e4hrend des Anh\u00f6rungsverfahrens daf\u00fcr einsetzen, dass der Schutz der Bev\u00f6lkerung vor jenem der AKW-Betreiber steht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Geschichte einer vermasselten Pr\u00fcfung und einer h\u00f6chst fragw\u00fcrdigen Intervention. 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