{"id":20559,"date":"2018-03-24T00:00:00","date_gmt":"2018-03-23T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/master.greenpeace.ch\/beitrag\/20559\/greenpeace-expedition-amazonas-riff-woche-1\/"},"modified":"2022-03-31T17:50:13","modified_gmt":"2022-03-31T15:50:13","slug":"greenpeace-expedition-amazonas-riff-woche-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/story\/20559\/greenpeace-expedition-amazonas-riff-woche-1\/","title":{"rendered":"Greenpeace Expedition-Amazonas-Riff &#8211; Woche 1"},"content":{"rendered":"<p><em>Der Bieler Facharzt f\u00fcr Viszeralchirurgie Dr. J\u00e9r\u00f4me Tschudi (<a href=\"http:\/\/www.dr-tschudi.ch\/\">http:\/\/www.dr-tschudi.ch\/<\/a>) erf\u00fcllt sich einen langgehegten Traum und ist als Arzt und Crew-Mitglied derzeit bis Mitte Mai in Brasilien auf dem Greenpeace-Schiff Esperanza &#8211; und berichtet uns hier ungefiltert von seinen Erlebnissen und Eindr\u00fccken.&nbsp;Die Tour ist Teil der Kampagne zum Schutz des erst k\u00fcrzlich entdeckten und von Greenpeace erforschten Amazonas-Riffes vor der brasilianischen K\u00fcste. Leider haben die \u00d6lkonzerne ein Auge auf die Region geworfen, die als einzigartiges, ja neuartiges \u00d6kosystem gilt. (<a href=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/act\/amazonas-riff\/\">https:\/\/www.greenpeace.ch\/act\/amazonas-riff\/<\/a>)<\/em><\/p>\n<p><em>J\u00e9r\u00f4me Tschudi ist Teil einer wissenschaflichen Expedition. Sie soll die Basis legen, das bisher fast unerforschte \u00f6kologisch sensible und wertvolle Gebiet zu einem Meeresschutzgebiet zu machen, wo Fischerei-Aktivit\u00e4ten und \u00d6lbohrungen verboten sind. Ein WissenschaftlerInnen-Team ist mit an Bord und wird &#8211; u.a. mit einem ROV-U-Boot &#8211; Daten sammeln und das Riff dokumentieren. Das wird helfen, die Risiken und Konsequenzen von \u00d6lbohrungen in dem \u00f6kologisch wertvollen Gebiet zu benennen, eine m\u00f6gliche Schutzzone zu erarbeiten und die PolitikerInnen und die Bev\u00f6lkerung davon zu \u00fcberzeugen, dass es da unbedingt ein Meeresschutzgebiet braucht.&nbsp;<\/em><\/p>\n<p><em>Jer\u00f4me Tschudi sagt: \u00abIch freue mich, Leute kennenlernen, die sich aus \u00dcberzeugung und ohne pers\u00f6nlich Profit daraus zu schlagen f\u00fcr die Umwelt einsetzen, ihre Ideen, ihre Motivation, ihre Freuden und \u00c4ngste. Meine ganz grosse Hoffnung ist, dass wir es einmal schaffen,&nbsp;40% der Weltmeere unter&nbsp;Schutz zu stellen.\u00bb<\/em><\/p>\n<div class=\"a\">\n<hr>\n<p><b>18.3.2018 \u2013 Tag 7&nbsp;<\/b><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Sonntag ist Ruhetag, was ich erst heute fr\u00fch, frisch geduscht und rasiert, erstmals erfahren habe. Also kein festes Programm, ausser des obligatorischen auf der Br\u00fccke und im Maschinenraum sowie den beiden Mahlzeiten mittags und abends. Diese werden am Sonntag von der Crew gekocht, mittags haben sich meine drei vorgesetzten Kolleginnen eingeschrieben (USA, Belgien, Brasilien), es gibt Pommes frites (amerikanisch, nicht belgisch), vegetarische W\u00fcrstchen an einer gut riechenden Zwiebelsauce, dazu Ratatouille und Salat, ich habe mich schon informiert. <\/span><span style=\"font-weight: 400\">Die Mahlzeit entsteht bei lautem Latino-Sound in der typisch fr\u00f6hlichen Atmosph\u00e4re der jungen Frauen in einem Mix aus Englisch und Portugiesisch.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Zum Abendessen habe ich mich eingetragen, zusammen mit einem sanftm\u00fctigen Spanier mit dunkelbraunen Augen, die ihm einen leicht melancholischen Aspekt geben. Er hatte mich bereits beim Spleissen angeleitet, geduldig und freundlich wohlwollend, als w\u00e4ren wir schon lange Kumpels. Die neue Strickleiter f\u00fcr den Piloten hat er mittlerweile fast fertiggestellt, sieht toll aus. Er hat seinen spanischen Milit\u00e4rdienst in der Marine gerade abgeschlossen, war dann einige Monate mit M\u00e9decins sans fronti\u00e8res in Yemen, wo er an der Infrastruktur vor Ort gearbeitet hat, Einrichtung von Sanit\u00e4tshilfstellen, Montage von Solaranlagen, Frisch-und Abwasser etc. Nun m\u00f6chte er als n\u00e4chstes auf der Arctic Sunrise in die Arktis, wird aber via USA reisen m\u00fcssen, ist also auf ein Visum angewiesen, was mit dem Stempel von Yemen und seinem schwarzen Bart mit dem sonnengebr\u00e4unten Gesicht schwierig sein d\u00fcrfte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Gestern habe ich mein zweites Gespr\u00e4ch mit unserem Kapit\u00e4n gehabt, er hat mir meinen Arbeitsvertrag als Greenpeace Freiwilliger ausgestellt, damit ich bei der Einreise nach Brasilien gegen\u00fcber der Zollbeh\u00f6rde nicht in Schwierigkeiten komme. Darin habe ich erfahren, dass Greenpeace mir die Reisespesen zur An- und Abreise bezahlt, dazu die Kranken-und Unfallversicherung inkl. Rapatriierung und schliesslich 4.5 Euro pro geleistetem Arbeitstag, also etwa gleich viel wie mein Sold in der Rekrutenschule 1974.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Den K\u00e4pit\u00e4n muss man sich als grossgewachsenen athletischen ca 40-j\u00e4hrigen vorstellen, mit kurzen Haaren, kantigem Gesicht, hellen klaren Augen und breitem Brustkorb, deutlich muskul\u00f6ser, als man sich das f\u00fcr seine Funktion vorstellen w\u00fcrde, immer sauber rasiert und sportlich elegant gekleidet. K\u00f6nnte damit sehr gut auch als Berufsmilit\u00e4r durchkommen. Er kam gestern aus dem Fitnessraum im Sportdress mit Handschuhen, die die Finger freilassen, aha. Eine F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeit, die keine Zweifel aufkommen l\u00e4sst, wirkt auf mich leicht distanziert, was nicht negativ gemeint ist.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Nachmittags gab\u2019s f\u00fcr diejenigen, die sich das w\u00fcnschen, ein Gymfit im Helikopterhangar mit Seilklettern inkl. technischer Anleitung, Bockspringen und anderen schweisstreibenden \u00dcbungen, die \u00e4lteren Semester hatten dankend abgelehnt, ich begn\u00fcgte mich mit Foto-und Videodokumentation. Dann wurde das Banner vom Vortag aufgezogen und auf Deck fotographiert mit einem Grossteil der Crew. Beim Vorbereiten des Abendessens hatte der Koch Mitleid mit dem Spanier und Schweizer, die etwas hilflos wirken mussten, \u00fcbernahm die Leitung der Operation Nachtessen, das dadurch zweifellos viel an Qualit\u00e4t gewonnen hat. Nach dem Nachtessen werde ich mich im Wacheschieben als Ausguck auf der Br\u00fccke instruieren lassen, die f\u00fcr mich von Mitternacht bis 04.00Uhr stattfinden wird, n\u00e4heres wurde mir noch nicht mitgeteilt.<\/span><\/p>\n<hr>\n<p><b>17.03.2018 &#8211; Tag 6<\/b><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\"> Heute ist Samstag, damit dauert das Arbeitsprogramm bis mittags, dann ist Dienstbetrieb, wo dieser unabdingbar ist, z.B. auf der Br\u00fccke, im Maschinenraum etc. sowie die \u00c4mtlein. Ich habe heute die Messe zu putzen, jeweils nach dem Fr\u00fchst\u00fcck, Mittag-und Abendessen. Morgen wird unser Koch seinen freien Tag haben, und wir Matrosen werden f\u00fcr alle kochen, ich habe mich f\u00fcr das Abendessen eingetragen. Der Inder kocht ausgezeichnet, pr\u00e4sentiert t\u00e4glich ein leckeres Buffet mit sehr viel Gem\u00fcse und Salat. Auch wenn ich nicht zum Kochen auf die Esperanza gekommen bin, m\u00f6chte ich die Kolleginnen und Kollegen nicht entt\u00e4uschen, das Men\u00fc wird gutschweizerisch sein, die Mengen werden mich stressen, ich habe noch nie f\u00fcr 20 Leute gekocht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Greenpeace muss sich durch und durch nachhaltig verhalten, was sich von selbst versteht. Die Umsetzung dagegen ist schwierig, selbst bei gutem Willen. So ist sattsam bekannt, dass die Viehzucht viel Methan freisetzt, das als Treibhausgas noch wirksamer ist als CO2 und den Klimawandel damit beschleunigt. Also sollten wir weniger Fleisch und Milchprodukte konsumieren. An Bord der Esperanza wurde dieses Thema bei versammelter Crew diskutiert und die Mehrheit hat sich schliesslich in der Umfrage f\u00fcr 3x w\u00f6chentlich Fleisch ausgesprochen, einige wenige w\u00fcnschen weiterhin t\u00e4glich Fleisch essen zu k\u00f6nnen. Die Fleischportionen sind allerdings klein und weit davon entfernt, was sonst in Restaurants aufgetischt wird. Ausserdem werden keine Speisereste fortgeworfen, sie werden bei der n\u00e4chsten Mahlzeit aufgew\u00e4rmt und dann auch gegessen.<\/span><\/p>\n<\/div>\n\n<div class=\"a\">\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Dann mussten wir heute die Vorratskammern reinigen und auf abgelaufene Nahrungsmittel absuchen, diese aussondern und solche beiseitelegen, die vor Ablauf und Ankunft in Brasilien konsumiert werden m\u00fcssen. Die brasilianischen Beh\u00f6rden kontrollieren einlaufende Schiffe sehr genau, und abgelaufene Nahrungsmittel k\u00f6nnen bis zu 10\u2019000 Euro Busse kosten. Auch dies wurde diskutiert, das Fortwerfen einwandfreier Nahrungsmittel nur aufgrund eines Ablaufdatums auf der Verpackung ist allen Anwesenden ein Greuel. Der \u00d6sterreicher meinte dazu, er besorge sich seine Nahrungsmittel ausschliesslich aus den M\u00fclltonnen der Grossverteiler, die abgelaufene Lebensmittel nicht mehr verkaufen d\u00fcrfen und daher entsorgen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Foodwaste als Umwelts\u00fcnde im Konflikt mit regulatorischen Vorgaben. Dann hatten Freiwillige k\u00fcrzlich moniert, dass teilweise Nahrungsmittel von Konzernen gekauft wurden, die f\u00fcr Umwelts\u00fcnden bekannt sind. Wir kriegten nun eine lange Liste der Hersteller, die beim Einkaufen nicht ber\u00fccksichtigt werden d\u00fcrfen und mussten die Vorratskammer nach deren Produkten absuchen, die ebenfalls sobald als m\u00f6glich konsumiert werden sollen, wonach sie durch solche zu ersetzen sind, die vor Ort biologisch hergestellt wurden. Ich habe dennoch nicht schlecht gestaunt, wieviele biologisch hergestellte Produkte es in der Vorratskammer gibt, sodass wir eher von einer Bereinigung des Sortiments sprechen m\u00fcssen, \u00ab nobody is perfect \u00bb.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Nachmittags wurde ich vom Diensthabenden auf der Br\u00fccke \u00fcber die aktuellen Sicherheitseinrichtungen der Esperanza informiert, es hat sich diesbez\u00fcglich wirklich sehr viel getan, seit ich meinen \u00ab B-Schein \u00bb erworben habe und mein kleines Boot mit Loran C ausger\u00fcstet hatte. Besonders beeindruckt hat mich der Notsender, der sich nach einem \u00fcberraschenden Sinken des Schiffes automatisch 5m unter Wasser vom Schiff l\u00f6st und dann fortlaufend SOS sendet und damit die letzte Position des Schiffes. Besteht dagegen gen\u00fcgend Zeit, um in die Rettungsinsel zu steigen, kann der Sender mitgenommen werden und wird dann die Position der Rettungsinsel senden, was Suche und Bergung entsprechend erleichtert. \u2013&nbsp;<\/span><span style=\"font-weight: 400\">Diese Nacht werden wir Madeira passieren und weiter Kurs auf die kanarischen Inseln halten.<\/span><\/p>\n<hr>\n<p><b>16.03.2018 &#8211; Tag 5<\/b><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Immer noch hohe D\u00fcnung, aber das Wetter ist deutlich freundlicher mit Sonnenschein und Cumulus-Wolken. Die Esperanza gleitet viel ruhiger vorw\u00e4rts, rollt leider immer noch recht stark hin und her, aber mittlerweile sind alle seefest geworden und die Seekrankheit ist kein Thema mehr. Nach der morgendlichen Putztour haben wir im Vorschiff recht viel Meerwasser aus der Bunker Station, wo der Ansatzstutzen f\u00fcr den Diesel steht, entfernt, in einer Werkstatt auf Deck musste aufger\u00e4umt werden, der Sturm hat seine Spuren hinterlassen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Sp\u00e4ter musste eines der bekannten Greenpeace Banner kreiert werden, Protest gegen eine neue \u00d6lpipeline zum Pazifik. Das Banner wurde im Helikopter-Hangar auf der Blache aufgezogen, die den Hangar zum Schiffsheck zu abschliesst. Dann wurde mittels Beamer der Text darauf projiziert und wir konnten den Schriftzug von Hand nachziehen.&nbsp;<\/span><span style=\"font-weight: 400\">Das t\u00f6nt ganz einfach, bei Wind und Seegang ist weder die Blache noch das Banner ruhig zu halten, auch wenn sich zwei Helfer alle M\u00fche geben, beide angespannt zu halten. Ausmalen der Buchstaben mit wasserfesten Filzstiften, fertig war \u00ab mein \u00bb erstes Greenpeace Banner.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Auf so einem Schiff ist sehr viel Knowhow vorhanden. Das bringen Leute verschiedenster Nationen mit, auf der Esperanza sind das bei 20 Leuten immerhin 16 verschiedene Nationalit\u00e4ten, neben drei Deutschen, zwei Russen und zwei Spaniern sind je eine oder ein Vertreter von Panama, Zentralafrikanische Republik, Ukraine, \u00d6sterreich, Neuseeland, Litauen, Indien, Philippinen, Schweiz, Belgien, USA, Bulgarien und Brasilien dabei. Entsprechend ist die offizielle Sprache an Bord Englisch. Alle arbeiten sehr professionell, es herrscht aber ein kameradschaftlicher Umgangston und alle sind sehr hilfreich, was ich als \u00e4ltester Teilnehmer und Novize sehr zu sch\u00e4tzen weiss.<\/span><\/p>\n<hr>\n<p><b>15.03.2018 &#8211; Tag 4<\/b><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Wir schippern nun weitab der portugiesischen K\u00fcste in Richtung S\u00fcdwesten. Der Wind hat nachgelassen, die D\u00fcnung persisitiert und die Wellenh\u00f6he erreicht beachtliche 7m, trifft uns etwas von der Seite und f\u00fchrt immer noch zu starken Rollbewegungen des Schiffs. Am Morgen war mein \u00c4mtchen das Putzen der Duschen, was aber nicht m\u00f6glich war, weil die eine verstopft war. Unser Australier hat dann mit Schraubzieher, Metalldraht und Weinessig das verstopfte Rohr entstopfen k\u00f6nnen, in der engen Dusche noch unangenehmer als zu Hause f\u00fcr den Spengler, unterst\u00fctzt durch den Spanier der Crew. Dann habe ich die Duschen doch noch reinigen k\u00f6nnen, ohne stehende hin-und herschwappende Pf\u00fctze. Meine Kolleginnen haben in der Zwischenzeit eine im Sturm aus ihrer Halterung gerissene Rettungsinsel gesichert, sie ist besch\u00e4digt und wird eingeschickt werden m\u00fcssen, Sicherheit geht vor.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Interessant war ein Gespr\u00e4ch mit dem Chiefmate, seit 15 Jahren im Beruf, verheiratet mit 3 schulpflichtigen Kindern, die w\u00e4hrend seiner berufsbedingten monatelangen Absenzen durch die Mutter erzogen werden. Diese habe schon vor der Hochzeit gewusst, was auf sie zukommen w\u00fcrde. Er w\u00fcrde gerne etwas mehr verdienen, was in einer vollprofessionellen Crew eines \u00fcblichen Handelsschiffes m\u00f6glich w\u00e4re, aber sein Herz w\u00e4re nicht dabei, es ginge nur noch um\u2019s Geld. Dann erz\u00e4hlt er von der Entwicklung der Organisation Greenpeace von einigen Aktivisten mit spektakul\u00e4ren Aktionen zu einer Organisation, die vorwiegend wissenschaftliche Grundlagen erarbeitet, um stichhaltige Argumente zum Schutze der Umwelt ins Feld f\u00fchren zu k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Die Wissenschaftler, die hierf\u00fcr an Bord kommen, sind begeistert, weil sie in jeder erdenklichen Art von der Mannschaft\/Frauschaft unterst\u00fctzt werden, was auf gecharterten Schiffen nicht der Fall sei, dort seien Mannschaft und Kapit\u00e4n nur f\u00fcr die Schiffsf\u00fchrung zust\u00e4ndig und k\u00fcmmerten sich kaum um die Bed\u00fcrfnisse der Wissenschaftler und seien auch nicht an den Resultaten interessiert. Die Organisation sei gr\u00f6sser geworden und habe sich den neuen Gegebenheiten angepasst, sei hierarchisch flach organisiert, die Schiffscrews h\u00e4tten die M\u00f6glichkeit, ihre Bed\u00fcrfnisse und Verbesserungsvorschl\u00e4ge mit Erfolg vorzubringen, es herrsche ein Teamgeist und eine Kameradschaft wie auf anderen Schiffen eben nicht. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Dann mussten wir Decksmannschaft, d.h. drei f\u00fcr mich \u00abblutjunge\u00bb und mir vorgesetzte Frauen und ich den im Schiff angesammelten Abfall in die hierf\u00fcr vorgesehenen Container auf Deck verfrachten, sch\u00f6n s\u00e4uberlich getrennt in Plastik, Papier, Metall, allgemeinen M\u00fcll. Organische Abf\u00e4lle (K\u00fcchenabf\u00e4lle und Essensresten) werden gek\u00fchlt aufbewahrt und sp\u00e4ter im Hafen der Wiederverwertung zugef\u00fchrt. Vor dem Nachtessen half ich noch beim Reparieren von zwei Seifenspendern, wobei die Amerikanerin geschickt den einen erneut mit bordinternen Ersatzteilen zu einer zweiten Lebensspanne reanimieren konnte, beim anderen war das defekte Teil in Plastik eingeschweisst und nicht zug\u00e4nglich. Ich h\u00e4tte mir die Reparatur schon gar nicht zugetraut.<\/span><\/p>\n<hr>\n<p><b>14.03.2018 &#8211; Tag 3<\/b><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">In der letzten Nacht frischte der Wind stetig auf und erreichte morgens zwischen 50 und 60 Knoten, Beaufort 9-10. Zuerst hatten wir ihn in der Nase, die Esperanza wurde stark abgebremst und k\u00e4mpfte sich jeden Wellenberg hinauf, um auf dem Wellenkamm nach vorne zu kippen und mit grossem Krach und einer Gischtwolke ins Wellental einzutauchen. Ab Cap Finisterre, der Nordwestecke Spaniens, hatten wir Wind und Wellen von der Seite, das Boot rollte also hin und her, was f\u00fcr mich einfach zu viel des Guten war. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Trotz Stugeron schaffte ich es kaum, mich anzuziehen, zum Fr\u00fchst\u00fcck begn\u00fcgte ich mich mit einem Tee, um gegebenenfalls nur den Tee aufnehmen zu m\u00fcssen. Zum Gl\u00fcck hatte ich am Vortag das \u00ab Spital \u00bb gr\u00fcndlich untersucht und wusste damit, wo die Tabletten gegen Reisekrankheit zu finden waren. Im kleinen Raum ohne L\u00fcftung h\u00e4tte ich mich sonst nicht lange aufhalten k\u00f6nnen, ohne erbrechen zu m\u00fcssen. Damit konnte ich diejenigen mit Medikamenten versorgen, denen es genauso erging wie mir selbst.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Dann habe ich mich hingelegt und gebe zu, mich von m\u00f6glichst vielen Aufgaben gedr\u00fcckt zu haben. Es waren denn auch ganz andere F\u00e4higkeiten gefragt als meine, eine rinnende Leitung musste abgedichtet werden, irgendwo kam Salzwasser herein und die Quelle musste gefunden und verschlossen werden. Am schlimmsten waren die unglaublich vielen umherfliegenden oder rollenden Gegenst\u00e4nde, obwohl wir zuvor m\u00f6glichst alles felsenfest angezurrt zu haben glaubten. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Zusammen mit den anderen tausenden Ger\u00e4uschen, die auf dem Schiff zu h\u00f6ren sind, war es wirklich laut, das ging von schlagenden T\u00fcren \u00fcber herunter fallende Gegenst\u00e4nde, die dann klirrend oder krachend auf dem Boden herumkollerten, einmal nach der einen, dann auf die andere Bootsseite. Der Koch hatte seinen Laptop auf den Boden seiner K\u00fcche (Pantry) gelegt, damit er nicht herunterfallen konnte, daf\u00fcr rutschte er mit Schwung \u00fcber den K\u00fcchenboden und krachte in den Ofen, wo der Bildschirm zerbrach. Sogar der WC-Deckel sprang aus seiner Halterung und lag am Boden und die Sp\u00fclung tropfte unter dem Sp\u00fcldeckelrand heraus.&nbsp;<\/span><span style=\"font-weight: 400\">Der Kapit\u00e4n \u00e4nderte den vorgesehenen Kurs mehr nach S\u00fcden, um dem Tiefdruckgebiet schneller zu entkommen und die Wellen in einem g\u00fcnstigeren Winkel empfangen zu k\u00f6nnen. Bez\u00fcglich Wetterbesserung wurden wir auf Morgen vertr\u00f6stet, aber \u00e4ndern k\u00f6nnen wir das ohnehin nicht.<\/span><\/p>\n<hr>\n<p><b> 13.03.2018 &#8211; Tag 2<\/b><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\"> Die Biscaya hat ihrem schlechten Ruf alle Ehre erwiesen, sie empfing uns mit 5m hohen Wellen und heftigem Wind von 26Knoten oder Beaufort 7. Ich hatte vor der Abfahrt eine Tablette Stugeron 25mg eingenommen, die gut geholfen hat, f\u00fchlte mich zwar \u00fcbel und schlecht, schwitzte mehr als die geheizten Innenr\u00e4ume das sonst verlangt h\u00e4tten, musste aber nicht erbrechen und nahm sogar am Abendessen teil, wo sich nur 7 G\u00e4ste z\u00e4hlen liessen. Unsere Amerikanerin versorgte mittlerweile die Brasilianerin mit den schlimmsten Symptomen der Seekrankheit, den Australier und andere Nationalit\u00e4ten und ich spendete meine Stugeron. Sp\u00e4ter habe ich dann weitere Packungen davon im \u00ab Spital \u00bb an Bord vorgefunden, als ich zu meiner Information dort Inventar machte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">So ein Seegang ist ja schon gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig. Beim Laufen wird man von der einen zur anderen Wand geworfen, was man von Filmen oder eigener Erfahrung ja kennt. In der engen Koje dagegen f\u00fchlt sich das noch viel ungewohnter an, wie auf der Achterbahn sp\u00fcrt man einmal die Matratze fast gar nicht mehr, um dann wieder mit Nachdruck dagegen gedr\u00fcckt zu werden. Kommt noch ein Rollen des Schiffs dazu, hebt man nicht nur ab, sondern rutscht in der Koje nach oben oder fussw\u00e4rts, je nachdem, ob das Schiff nach Steuer- oder Backbord rollt. Auf dem WC ist es gleich, man k\u00e4mpft aus verst\u00e4ndlichen Gr\u00fcnden darum, auf der Brille sitzen zu bleiben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Geht die See hoch, wird es im Schiff gelegentlich dunkel, wenn eine Welle die Bullaugen \u00fcbersp\u00fclt. Neu war f\u00fcr mich das Schlagen der Anker in ihrer Halterung, die sich im Seegang etwas gel\u00f6st hatten, was gerade in meiner Mannschaftskoje im Vorschiff sehr gut h\u00f6rbar war, als w\u00fcrde jemand mit einem Hammer auf Metall schlagen, und zwar gleich zweimal hintereinander, einmal hin und wieder zur\u00fcck. Wir haben das sp\u00e4ter am Tag, nachdem sich der Seegang etwas gelegt hatte, korrigiert, hoffentlich erfolgreich. Gleichzeitig wurde auch kontrolliert, ob die Reparatur im Bug gehalten hatte. Es war praktisch kein Wasser eingedrungen, die Schiffswand war nur etwas feucht und der Verantwortliche zeigte sich zufrieden. Auch sonst wurde alles festgezurrt, was sich bewegen k\u00f6nnte, dies im Hinblick auf die angek\u00fcndigte Front vor Cap Finisterre, wo Spanien im Nordwesten endet, mit angek\u00fcndigten Wellen von 7m H\u00f6he&#8230;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Morgens wurde ich in der Putzequipe eingeteilt, habe danach im sog. Spital nicht schlecht gestaunt, was die Vorschriften f\u00fcr die kommerzielle Schiffahrt f\u00fcr ein relativ kleines Schiff wie die Esperanza so alles vorschreiben, so z.B. einen Defibrillator und vieles andere mehr. In allen Ger\u00e4ten fanden sich geladenen Batterien, einwandfrei gewartet! Dann wurde in auf Deck im Spleissen von Trossen be\u00fcbt und konnte bewundernd den anderen zusehen, wie sie eine neue mobile Leiter f\u00fcr die Hafenpiloten spleissten, je eine Frau und ein Mann, und ihr h\u00e4tte ich die kraftzehrende Arbeit nicht so auf Anhieb zugetraut. Sp\u00e4ter habe ich von ihr erfahren, dass sie als Kadettin auf einem Containerschiff ihren Beruf erlernt hat und sich nun f\u00fcr die n\u00e4chste Berufsstufe weiterbildet, Greenpeace als Kaderschmiede.<\/span><\/p>\n<hr>\n<p><b>12.03.2018 &#8211; Tag 1<\/b><br \/>\n<span style=\"font-weight: 400\">Ich wurde am Flughafen per Taxi abgeholt und direkt zur Esperanza gebracht, die beflaggt am Quai in Bordeaux lag. Darum herum herrschte emsiges Treiben, zwischen Informationsst\u00e4nden mit Freiwilligen bildete sich eine lange Warteschlange von Menschen, die alle an der F\u00fchrung des Greenpeace Schiffes teilhaben wollten.<\/span><\/p>\n\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Mein Seesack wurde irgendwohin verstaut und ich wurde gleich in die Freiwilligengruppe integriert. Mit einer Crew von knapp 20 Leuten und \u00fcber 60 Freiwilligen aus ganz Frankreich, die sich alle verpflegen mussten, waren Sylvie und ich voll damit besch\u00e4ftigt, Geschirr abzuwaschen und aufzur\u00e4umen. Die Freiwilligen in Pause waren teilweise todm\u00fcde, konnten kaum die Augen offen halten oder schliefen gleich ganz ein, waren sehr fr\u00fch am Morgen hergereist und w\u00fcrden auch sp\u00e4t wieder nach Hause kommen. Sylvie hatte als alleinerziehende Mutter ihre 3 Adoleszenten zu Hause gelassen, um hier auszuhelfen, ihr Einsatz war erstaunlich und f\u00fcr sie selbstverst\u00e4ndlich. Am Samstag haben 1500 und am Sonntag 1800 Leute die Esperanza besucht und sich die Erkl\u00e4rungen der Freiwilligen angeh\u00f6rt, die gegen den starken Wind anschreien mussten, ihre Erkl\u00e4rungen mit fuchtelnden H\u00e4nden unterstrichen, und abends kaum mehr einen Ton \u00fcber die Lippen brachten.<\/span><\/p>\n<\/div>\n\n<p style=\"text-align: left\"><span style=\"font-weight: 400\">Nach kurzem Schlaf hiess es Leinen los um 2 Uhr morgens bei Hochwasser und offener Hebebr\u00fccke. Ich war noch gar nicht eingef\u00fchrt und wurde auf die Br\u00fccke kommandiert, um mir meinen zuk\u00fcnftigen Job als Matrose anzuschauen. M\u00e4nner und Frauen standen dort im str\u00f6menden Regen im Scheinwerferlicht und warteten auf ihren Einsatz. Die schweren Trossen wurden am Quai losgemacht und ins Wasser geworfen und die Mann-\/Frauschaft an Deck rannte hin und her, alle an der einen dicken und schwerenTrosse ziehend, ganz wie beim Seilziehen, aber nur in einer Richtung, bis alle Trossen an Deck waren. Das Verstauen unter Deck hat dann noch einige Zeit gedauert, Treppe rauf und Treppe runter. Unterdessen gab der Pilot seine Anweisungen, um das Schiff durch die Hebebr\u00fccke und in der Mitte der Fahrrinne zu halten, v\u00f6llige Ruhe auf der Br\u00fccke, man h\u00f6rte nur die Kursbefehle des Piloten. Gegen Morgen erreichten wir den Golf von Biscaya und wurden dort von einer steifen Brise mit Beaufort 7 empfangen und 5m hohen Wellen. Der Pilot liess sich vom Helicopter auf dem Helikopterlandeplatz der Esperanza abholen.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Weitere Tagebucheintr\u00e4ge:<\/strong><\/p>\n<p>[display-posts category=&#187;Bordtagebuch&#187; posts_per_page=&#187;-1&#8243; include_date=&#187;false&#187; order=&#187;ASC&#187; orderby=&#187;title&#187;]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dr. J\u00e9r\u00f4me Tschudi ist auf einer wissenschaftlichen Expedition. Lese seine Tagebucheintr\u00e4ge.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":20571,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_planet4_optimize_post_is_variant":false,"_planet4_optimize_experiment_name":"","_planet4_optimize_variant_name":"","ep_exclude_from_search":false,"p4_og_title":"","p4_og_description":"","p4_og_image":"","p4_og_image_id":"","p4_seo_canonical_url":"","p4_campaign_name":"not set","p4_local_project":"not set","p4_basket_name":"not set","p4_department":"","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[41],"p4-page-type":[75],"gpch-article-type":[],"class_list":["post-20559","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-unkategorisiert","tag-meer","p4-page-type-story"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20559","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=20559"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20559\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/20571"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=20559"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=20559"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=20559"},{"taxonomy":"p4-page-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/p4-page-type?post=20559"},{"taxonomy":"gpch-article-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/gpch-article-type?post=20559"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}