{"id":20631,"date":"2018-04-15T00:00:00","date_gmt":"2018-04-14T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/master.greenpeace.ch\/beitrag\/20631\/greenpeace-expedition-amazonas-riff-woche-4\/"},"modified":"2022-03-31T17:53:09","modified_gmt":"2022-03-31T15:53:09","slug":"greenpeace-expedition-amazonas-riff-woche-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/story\/20631\/greenpeace-expedition-amazonas-riff-woche-4\/","title":{"rendered":"Greenpeace Expedition-Amazonas-Riff \u2013 Woche 4"},"content":{"rendered":"<p><em>Der Bieler Facharzt f\u00fcr Viszeralchirurgie Dr. J\u00e9r\u00f4me Tschudi (<a href=\"http:\/\/www.dr-tschudi.ch\/\">http:\/\/www.dr-tschudi.ch\/<\/a>) erf\u00fcllt sich einen langgehegten Traum und ist als Arzt und Crew-Mitglied derzeit bis Mitte Mai in Brasilien auf dem Greenpeace-Schiff Esperanza &#8211; und berichtet uns hier ungefiltert von seinen Erlebnissen und Eindr\u00fccken.&nbsp;Die Tour ist Teil der Kampagne zum Schutz des erst k\u00fcrzlich entdeckten und von Greenpeace erforschten Amazonas-Riffes vor der brasilianischen K\u00fcste. Leider haben die \u00d6lkonzerne ein Auge auf die Region geworfen, die als einzigartiges, ja neuartiges \u00d6kosystem gilt. (<a href=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/act\/amazonas-riff\/\">https:\/\/www.greenpeace.ch\/act\/amazonas-riff\/<\/a>)<\/em><\/p>\n<p><em>J\u00e9r\u00f4me Tschudi ist Teil einer wissenschaflichen Expedition. Sie soll die Basis legen, das bisher fast unerforschte \u00f6kologisch sensible und wertvolle Gebiet zu einem Meeresschutzgebiet zu machen, wo Fischerei-Aktivit\u00e4ten und \u00d6lbohrungen verboten sind. Ein WissenschaftlerInnen-Team ist mit an Bord und wird &#8211; u.a. mit einem ROV-U-Boot &#8211; Daten sammeln und das Riff dokumentieren. Das wird helfen, die Risiken und Konsequenzen von \u00d6lbohrungen in dem \u00f6kologisch wertvollen Gebiet zu benennen, eine m\u00f6gliche Schutzzone zu erarbeiten und die PolitikerInnen und die Bev\u00f6lkerung davon zu \u00fcberzeugen, dass es da unbedingt ein Meeresschutzgebiet braucht.&nbsp;<\/em><\/p>\n<p><em>Jer\u00f4me Tschudi sagt: \u00abIch freue mich, Leute kennenlernen, die sich aus \u00dcberzeugung und ohne pers\u00f6nlich Profit daraus zu schlagen f\u00fcr die Umwelt einsetzen, ihre Ideen, ihre Motivation, ihre Freuden und \u00c4ngste. Meine ganz grosse Hoffnung ist, dass wir es einmal schaffen,&nbsp;40% der Weltmeere unter&nbsp;Schutz zu stellen.\u00bb<\/em><\/p>\n<hr>\n<p><b>Sonntag 8.4.18<\/b><br \/>\n<span style=\"font-weight: 400;\">Wie geplant versinkt der Tauchroboter um 6 Uhr morgens in den Fluten. Er liefert erste verwertbare Bilder vom Meeresgrund auf knapp 200 Meter Tiefe. Die geplanten Wasserproben k\u00f6nnen entnommen und analysiert werden. Leider l\u00f6st sich der bewegliche Teil des Roboters nicht aus seiner Verankerung, sodass die Umgebung bildm\u00e4ssig nicht erfasst werden kann. W\u00e4hrend wir das n\u00e4chste Planquadrat ansteuern und das Sonar hinter uns herziehen, arbeiten die Angestellten der Firma fieberhaft an ihrem Roboter. Beim zweiten Tauchgang nachmittags landet der Roboter in einer Gestein-und Staubwolke auf dem Meeresgrund, bleibt aber wegen starker Str\u00f6mung zu instabil, um das ROV (remote operated vehicle) ausfahren zu k\u00f6nnen.<br \/>\nNach heutigen Kenntnissen erstreckt sich das Amazonas-Riff bis nach Franz\u00f6sisch-Guyana. Die \u00d6lfirma Total erhielt innert 48 Stunden eine Erlaubnis f\u00fcr Probebohrungen. Greenpeace wartet seit November 2017 auf die Erlaubnis, in den franz\u00f6sischen Gew\u00e4ssern tauchen zu d\u00fcrfen.<br \/>\nDie Algenplage der Saragossa See ist nicht zu \u00fcbersehen. Ronaldo, der Expeditionschef der Wissenschaftler, erkl\u00e4rt mir, dass infolge des Klimawandels das Meerwasser w\u00e4rmer wird, sodass sich diese Algen innert zwei Jahren explosionsartig vermehren konnten. Sie haben mittlerweile die afrikanische K\u00fcste erreicht, wo sie zuvor nicht vorkamen, und reichen weiter nach Norden und S\u00fcden. An Str\u00e4nden verwesen sie und stinken. Es mussten deswegen bereits zwei bekannte brasilianische Ferienorte mit traumhaften Str\u00e4nden schliessen.<br \/>\nDie 26-j\u00e4hrige C\u00e9line erlaubt mir, ihren Werdegang kurz zu skizzieren. Sie ist Biologin mit Bachelor-Abschluss. In einer Segelschule als Vorkurs f\u00fcr marine Berufe entdeckte sie ihre Liebe zum Meer und machte ihr Matrosendiplom. Seit zwei Jahren ist sie mit Greenpeace unterwegs und plant nun einen Master in Meeresbiologie.<\/span><\/p>\n<hr>\n<p><b>Samstag 7.4.18<\/b><br \/>\n<span style=\"font-weight: 400;\">Die See geht hoch und die Wellen brechen sich fl\u00e4chendeckend um uns herum. An eine Wasserung des Tauchroboters war heute Morgen jedenfalls nicht zu denken. Um 13.30 Uhr ist eine Neubeurteilung der Lage vorgesehen, ganz wie bei einem verschobenen Skirennen. Nachmittags ert\u00f6nt pl\u00f6tzlich ein Befehl zum Wassern von zwei Schlauchbooten. Es stellt sich heraus, dass diese f\u00fcr die Kameraleute bestimmt sind, die Aussenaufnahmen der Esperanza mit ihren Bannern machen. Zur\u00fcck an Bord folgt die \u00dcbungskritik, zun\u00e4chst durch den Bootsmann, dann nochmals durch den ersten Offizier. Vorgehen und Zeiten wurden offenbar eingehalten. Ich habe erstmals aktiv daran teilgenommen und konnte von aufbauender Kritik des ersten Offiziers profitieren. Abends dann habe ich ein interessantes Gespr\u00e4ch mit Hugo, einem der Techniker der Firma ROVCO, die die Tauchroboter vermietet. Neben Greenpeace wird die Firma nat\u00fcrlich von \u00d6l- und Gasfirmen zugezogen, aber auch f\u00fcr die Suche nach Wracks, f\u00fcr marine Arch\u00e4ologie, schliesslich von der Armee zur Suche nach verschollenen Marschflugk\u00f6rpern, bevor sie von anderen M\u00e4chten geborgen werden. Ihr Schiff wird dann h\u00e4ufig von grossen \u00abFischerbooten\u00bb beobachtet, die mit riesigen Radarschirmen best\u00fcckt sind, wie sie noch nie ein Fischerboot gesehen hat.<\/span><\/p>\n<hr>\n<p><b>Freitag 6.4.18<\/b><br \/>\n<span style=\"font-weight: 400;\">Punkt um 8 Uhr werde ich unsanft geweckt durch L\u00e4rm und Vibrationen. Der Kapit\u00e4n hat begonnen, die Esperanza genau an der gew\u00fcnschten Position zu halten. Das erfordert h\u00f6chste Konzentration, bewirken ein starker Wind von Beaufort 6, Wellen und ein an Richtung und St\u00e4rke wechselnder Strom genau das Gegenteil. Die Toleranzen sind gering. Entfernt sich das Schiff zu stark vom gew\u00fcnschten Standort, k\u00f6nnen Verbindungskabel zur Kamera oder &#8211; noch schlimmer &#8211; zum Tauchroboter reissen. Das h\u00e4tte sehr hohe Kostenfolgen und w\u00fcrde das Scheitern der Forschungsmission bedeuten. Um 9 Uhr wird der Tauchroboter dann erfolgreich gewassert. Die See geht jedoch so hoch, dass die hin und her tanzende Esperanza das Ger\u00e4t zu besch\u00e4digen droht, sodass der Tauchgang abgebrochen wird. Statt dessen fahren wir mit dem Sonar ein Planquadrat ab zur Dokumentation des Bodenreliefs an dieser Stelle. Ein zweiter Versuch mit der Unterwasserkamera misslingt leider, weil die Kamera aufgrund der starken Str\u00f6mung den Meeresboden gar nicht erreicht.<br \/>\nAbends unterhalten uns unsere G\u00e4ste mit brasilianischen T\u00e4nzen. F\u00fcr mich als etwas unterk\u00fchlten Schweizer ist das eine gelungene und energiegeladene Vorstellung. Die Journalistin von \u00abDeutsche Welle\u00bb in Brasilien erkl\u00e4rt mir, dass ihre deutschen Kollegen sagen, die Brasilianer seien \u00abganz nett, aber ein bisschen laut\u00bb.<\/span><\/p>\n<hr>\n<p><b>Donnerstag 5.4.18<\/b><br \/>\n<span style=\"font-weight: 400;\">Am Vorabend zeigt Fabio Nascimento zwei seiner Dokumentarfilme: einen von der letztj\u00e4hrigen Expedition zum Amazonas-Riff, einen anderen zur Antarktis. Der Unterschied k\u00f6nnte gr\u00f6sser nicht sein. Die Bilder sind so bet\u00f6rend sch\u00f6n, dass ich nachher gar nicht einschlafen kann und wach bin, als ich f\u00fcr die Wache geweckt werde. Wir sind nicht nur auf beachtliche 45 Personen angewachsen, auch das Durchschnittsalter ist gestiegen. Damit habe ich als Bordarzt sofort mehr zu tun und behandle Blutdruck, Schlafst\u00f6rungen, Nervosit\u00e4t, Nikotinentzug. Ein abgebrochener Backenzahn bedarf zahn\u00e4rztlicher Behandlung, ich bewundere die Professionalit\u00e4t des ersten Offiziers, der den Transfer an Land organisiert.<br \/>\nWir sind am Zielort angekommen. Die Esperanza schleppt nun ein torpedof\u00f6rmiges Sonar hinter sich her, das ein Relief des Meeresbodens aufzeichnet. Eine Gruppe schaut sich die Bilder an, die live ins Hauptquartier der Forscher \u00fcbertragen werden. Die letztj\u00e4hrige Expedition zeigte ganz spezielle Eigenheiten des Riffs auf. Die Wissenschaftler werden aufgrund des Reliefs bestimmen k\u00f6nnen, wann sich der Einsatz des Tauchroboters lohnt. Den Nachmittag verbringen wir mit dem Aufsuchen einer bestimmten Stelle des Riffs. F\u00fcr einen ersten Augenschein wird eine Kamera hinuntergelassen, was infolge starker Str\u00f6mung nur nach Beschwerung mit mehreren Kilo Blei gelingt und mehrere harte Stunden Arbeit bedeutet.<\/span><\/p>\n<hr>\n<p><b>3.4.2018 &#8211; Tag 23<\/b><br \/>\n<span style=\"font-weight: 400;\">Die brasilianischen Beh\u00f6rden haben uns noch nicht kontrolliert, als die Esperanza um 01 Uhr vom Quai ablegt. Wir schl\u00e4ngeln uns zwischen vor Anker liegenden Handelsschiffen durch in Richtung hohe See. Es sind ungewohnt viele Leute auf der Br\u00fccke, die neu an Bord gekommen sind und das Man\u00f6ver sehen wollen. Der Chef der Wissenschaftler erz\u00e4hlt mir spontan mit mitreissender Begeisterung von ihrer Forschung. Das Sonar wird die Oberfl\u00e4che des Riffs dokumentieren. Mit dem Tauchroboter soll es bis 1000m Tiefe untersucht werden mit Analyse von Bodenproben. Zur Untersuchung der Fische stehen Reusen auf Deck bereit, tausende R\u00f6hrchen zur Wasseranalyse in Riffn\u00e4he, mittlerer Tiefe und des Oberfl\u00e4chenwassers warten auf ihre Proben. F\u00fcr viele Lebewesen scheint das Riff einen Durchgangskorridor zwischen Amazonas und der Karibik darzustellen, was mit genetischen Untersuchungen spezieller in beiden \u00d6kosystemen vorkommender Arten bewiesen werden soll. Das Ziel ist die Ausscheidung bestimmter Zonen, die umfassend gesch\u00fctzt werden sollen von solchen mit eingeschr\u00e4nkter Nutzung wie Fischfang z.B.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Nachmittags werde ich von brasilianischen Journalisten der \u00ab Deutsche Welle \u00bb bei laufender TV-Kamera interviewt und bitte sie, ihre Fotos an Greenpeace Schweiz in Z\u00fcrich zu \u00fcbermitteln. Dann kriegen wir \u00fcberraschend frei f\u00fcr den Rest des Tages, da an Ostern gearbeitet werden musste. Allerdings findet sp\u00e4ter noch eine \u00dcbung zum notfallm\u00e4ssigen Verlassen des Schiffs statt, damit die Neuank\u00f6mmlinge das Vorgehen kennenlernen. Besammlung auf dem Helikopterdeck, mit voller Belegung sind das ganz sch\u00f6n viel Leute. Appell, Ausgabe der Schwimmwesten und \u00dcberlebensanz\u00fcge, nur das Besteigen der Rettungsinseln fehlt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Nach dem Nachtessen putzen ein Italiener und ich die Messe. Er war in Somalia als Reporter f\u00fcr die New York Times und schw\u00e4rmt von der Stadt Belem. Im Vergleich zu Mogadisciu d\u00fcrfte Belem tats\u00e4chlich ein ruhiges Pflaster sein.<\/span><b>..<\/b><\/p>\n<hr>\n<p><b>2.4.18 &#8211; Tag 22<\/b><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Heute hat ein Lastwagen unseren Abfall abgeholt. Von Portugiesen habe ich heute erfahren, wie so ein Termin wahrgenommen wird. Wir hatten das Fahrzeug um 9 Uhr bestellt. F\u00fcr die Angestellten der Firma heisst das, dass sie um 9 Uhr einsteigen und hierher fahren mussten, eine kulturelle Eigenart, wurde uns mitgeteilt. Immerhin waren sie vor dem Mittagessen vor Ort. Den Abfall haben wir sch\u00f6n sortiert in Plastiks\u00e4cken abgeliefert, was allerdings nachher damit geschieht, entzieht sich meiner Kenntnis.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Die Esperanza ist so voll, dass Mittag- und Abendessen quasi in Schichten gegessen werden m\u00fcssen. Aus R\u00fccksicht auf diejenigen, die noch nicht gegessen haben, wird schnell gegessen und Platz gemacht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Nun sind noch die Journalisten und Kameraleute an Bord gekommen. Sie lassen sich das ganze Schiff zeigen und filmen ausgiebig. Ich zeige ihnen das Bord-\u00ab Spital \u00bb und gebe auf ihre Fragen bereitwillig Antwort. Gl\u00fccklicherweise hat der momentane Bewohner des Spitals seine Siebensachen sorgf\u00e4ltig aufger\u00e4umt, gestern sah das Spital noch anders aus.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Die Wissenschaftler, ihre Techniker und Assistentinnen richten zur Zeit ihre Arbeitspl\u00e4tze ein. Es wird viel Material hergeschleppt und ausgepackt, das gibt Morgen viel aufzur\u00e4umen. Vom Kampagnenteam haben wir sch\u00f6ne orange Greenpeace T-Shirts erhalten, f\u00fcr mich ist es das erste solche T-Shirt, sieht toll aus.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Von Feiertagen haben wir leider nicht viel bemerkt. Immerhin wird heute Ostermontag schon um 3 Uhr Feierabend gemacht. Um Mitternacht heisst es dann \u00ab Leinen los \u00bb in Richtung Amazonas Riff.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\n<p><strong>Weitere Tagebucheintr\u00e4ge:<\/strong><\/p>\n<p>[display-posts category=&#187;Bordtagebuch&#187; posts_per_page=&#187;-1&#8243; include_date=&#187;false&#187; order=&#187;ASC&#187; orderby=&#187;title&#187;]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Tauchroboter machen sich auf. 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