{"id":20645,"date":"2018-04-21T00:00:00","date_gmt":"2018-04-20T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/master.greenpeace.ch\/beitrag\/20645\/greenpeace-expedition-amazonas-riff-woche-5\/"},"modified":"2022-03-31T17:54:14","modified_gmt":"2022-03-31T15:54:14","slug":"greenpeace-expedition-amazonas-riff-woche-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/story\/20645\/greenpeace-expedition-amazonas-riff-woche-5\/","title":{"rendered":"Greenpeace Expedition-Amazonas-Riff \u2013 Woche 5"},"content":{"rendered":"<p><em>Der Bieler Facharzt f\u00fcr Viszeralchirurgie Dr. J\u00e9r\u00f4me Tschudi (<a href=\"http:\/\/www.dr-tschudi.ch\/\">http:\/\/www.dr-tschudi.ch\/<\/a>) erf\u00fcllt sich einen langgehegten Traum und ist als Arzt und Crew-Mitglied derzeit bis Mitte Mai in Brasilien auf dem Greenpeace-Schiff Esperanza &#8211; und berichtet uns hier ungefiltert von seinen Erlebnissen und Eindr\u00fccken.&nbsp;Die Tour ist Teil der Kampagne zum Schutz des erst k\u00fcrzlich entdeckten und von Greenpeace erforschten Amazonas-Riffes vor der brasilianischen K\u00fcste. Leider haben die \u00d6lkonzerne ein Auge auf die Region geworfen, die als einzigartiges, ja neuartiges \u00d6kosystem gilt. (<a href=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/act\/amazonas-riff\/\">https:\/\/www.greenpeace.ch\/act\/amazonas-riff\/<\/a>)<\/em><\/p>\n<p><em>J\u00e9r\u00f4me Tschudi ist Teil einer wissenschaflichen Expedition. Sie soll die Basis legen, das bisher fast unerforschte \u00f6kologisch sensible und wertvolle Gebiet zu einem Meeresschutzgebiet zu machen, wo Fischerei-Aktivit\u00e4ten und \u00d6lbohrungen verboten sind. Ein WissenschaftlerInnen-Team ist mit an Bord und wird &#8211; u.a. mit einem ROV-U-Boot &#8211; Daten sammeln und das Riff dokumentieren. Das wird helfen, die Risiken und Konsequenzen von \u00d6lbohrungen in dem \u00f6kologisch wertvollen Gebiet zu benennen, eine m\u00f6gliche Schutzzone zu erarbeiten und die PolitikerInnen und die Bev\u00f6lkerung davon zu \u00fcberzeugen, dass es da unbedingt ein Meeresschutzgebiet braucht.&nbsp;<\/em><\/p>\n<p><em>Jer\u00f4me Tschudi sagt: \u00abIch freue mich, Leute kennenlernen, die sich aus \u00dcberzeugung und ohne pers\u00f6nlich Profit daraus zu schlagen f\u00fcr die Umwelt einsetzen, ihre Ideen, ihre Motivation, ihre Freuden und \u00c4ngste. Meine ganz grosse Hoffnung ist, dass wir es einmal schaffen,&nbsp;40% der Weltmeere unter&nbsp;Schutz zu stellen.\u00bb<\/em><\/p>\n<hr>\n<p><b><strong>Sonntag, 15.4.18<\/strong><\/b><br \/>\n<span style=\"font-weight: 400;\">Wie bisher hielt auch der gestrige Tag seine \u00dcberraschungen f\u00fcr unser Team bereit. Zun\u00e4chst kollidierte das Ger\u00e4t zur Entnahme der Bodenproben offenbar mit einem Stein und war nachher nicht mehr zu \u00f6ffnen. Zwe Mechanikern gelang es schliesslich, die Probe zu entnehmen und die verbogenen Achse wieder zu richten. Die gute Nachricht war, dass der Artikel Ronaldos und seiner Mitarbeiter zur letztj\u00e4hrigen Expedition zur Publikation akzeptiert wurde und demn\u00e4chst schon einmal digital erscheint.<br \/>\nAuf meiner Wache spielt mein Offizier Musikst\u00fccke ab, meist zur Unkenntlichkeit verzerrte Coverversionen bekannter und erfolgreicher Songs, mit viel Elektronik drapiert und extrem repetitiv mit prominentem Schlagzeug unter-, pardon \u00fcbermalen. Er findet diese Musik selbstredend sehr sch\u00f6n, ich enthalte mich der Stimme. \u00dcberhaupt habe ich auf der Esperanza kaum mir bekannte Musikst\u00fccke geh\u00f6rt, verschweige denn solche, die mir gefallen w\u00fcrden. An der Musik sp\u00fcre ich den Generationenunterschied am meisten.<br \/>\nDer heutige sonnt\u00e4gliche Ruhetag wird eingehalten, es arbeiten nur die Wissenschaftler und Campaigner und die K\u00fcchenmannschaft.<\/span><\/p>\n<hr>\n<p><b><strong>Samstag, 14.4.18<\/strong><\/b><br \/>\n<span style=\"font-weight: 400;\">Die eigentliche Forschungsarbeit ist nun voll angelaufen: Wir fahren die Planquadrate ab, in deren Bereich Probebohrungen bewilligt wurden und deren Untergrund wir bereits mit dem Sonar analysieren konnten. Die starke Str\u00f6mung verbietet den Einsatz des Tauchroboters. Dagegen funktioniert die Entnahme von Bodenproben. Hierf\u00fcr wird ein Chromstahlger\u00e4t eingesetzt, das sehr schwer ist und mit dem Kranen manipuliert werden muss. Schl\u00e4gt es auf dem Meeresgrund auf, l\u00f6st dies den Verschlussmechanismus aus, und eine Art Baggerschaufel schnappt sich eine Probe, die sie sicher einschliesst. Fabio h\u00e4ngt seine Go-Pro-Kamera in wasserdichter H\u00fclle an das Halteseil des Ger\u00e4ts. Die H\u00fclle ist bis 60m garantiert wasserdicht, sie bleibt dicht bis 110m, tiefer versagt die Kamera und zeichnet keine Bilder mehr auf. Sie filmt den Aufprall am Meeresgrund. Man sieht, wie die Str\u00f6mung die Sandwolke wegtreibt. Mit jeder Welle wird das Ger\u00e4t vom Meeresboden angehoben und schwebt dann einige Meter weiter, bevor es wieder am Boden aufprallt und eine neue Sandwolke ausl\u00f6st. Infolge der Str\u00f6mung ist die Sicht immer optimal. Dann kommt der Bootsmann auf die Idee, die hochaufl\u00f6sende Unterwasserkamera dem Ger\u00e4t f\u00fcr die Bodenproben anzuh\u00e4ngen, womit sie zum Meeresboden gebracht werden kann. Wir k\u00f6nnen so endlich eine gr\u00f6ssere Strecke des Meergrundes filmen.&nbsp;Die 35-j\u00e4hrige Usnea ist ein einzigartiges Energieb\u00fcndel aus den USA. Von Beruf ist sie P\u00e4dagogin f\u00fcr Behinderte, arbeitet jedoch seit Jahren als Aktivistin f\u00fcr Greenpeace. \u00abUs\u00bb nutzt jede freie Minute f\u00fcr ihr Krafttraining, \u00abl\u00e4uft\u00bb z.B. im Handstand \u00fcber das schwankende Deck oder macht \u00dcbungen an einer an der Decke des Achterdecks montierten Stange. Sie m\u00f6chte gerne l\u00e4ngere als 3-monatige Eins\u00e4tze fahren, aber ihr Freund w\u00fcrde das nicht mitmachen&#8230;<\/span><\/p>\n<hr>\n<p><b><strong>Freitag 13.4.18<\/strong><\/b><br \/>\n<span style=\"font-weight: 400;\">Die gestrige Rettungsaktion hat Emotionen ausgel\u00f6st und Fragen aufgeworfen. Die Besprechung findet noch am selben Abend bei versammelter Crew auf dem Achterdeck statt. Jede Teilnehmerin, jeder Teilnehmer kann sich frei \u00e4ussern. Zun\u00e4chst wird kritisiert, dass zu wenig kommuniziert wurde. Auf der Esperanza wusste niemand, dass ein Boot seinen Propeller aus einem Fischernetz befreien musste, was zeitaufw\u00e4ndig gewesen war. Der Motorschaden war \u00abnur\u00bb ein Absturz des Bordcomputers, was erst viel sp\u00e4ter bemerkt wurde. Vom Abschleppen dieses schweren Schlauchbootes erfuhr man auf dem Mutterschiff erst, als das Benzin auszugehen drohte. An Land wurden die Boote nicht aufgetankt und es hatte niemand an die Str\u00f6mung und den dadurch vermehrten Treibstoffverbrauch gedacht. Es bestand kein Plan B f\u00fcr den Fall, dass Probleme auftreten. Auf den vier Booten nahm niemand eine klare F\u00fchrungsverantwortung wahr, und ein Nachteinsatz war nicht eingeplant worden. Im Gewitter wurde die Crew tropfnass und bei auffrischendem Wind fror sie \u2014 selbst in den Tropen. Die Kritikpunkte werden aufgelistet, besprochen und der erste Offizier fasst die daraus abzuleitenden Massnahmen zusammen. Die Diskussion hat sachlich stattgefunden, alle haben ihr Fett weggekriegt und die Emotionen haben sich gelegt. Der Feierabend kann nun beginnen.&nbsp;Der ganze Tag ist der Gewinnung von Bodenproben gewidmet, praktisch ausschliesslich Sand. In der einen Probe findet sich ein ausgewachsenes Zwergkrebslein von ca. 5 mm Durchmesser mit einem Ballen Eier am K\u00f6rper. Ronaldo wusste nicht, dass es so kleine Krebse \u00fcberhaupt gibt.<\/span><\/p>\n<hr>\n<p><b>Donnerstag 12.4.18<\/b><br \/>\n<span style=\"font-weight: 400;\">Funkmeldung: Eines der beiden Schlauchboote hat einen Motorschaden und wird vom anderen geschleppt, dessen Treibstoff dadurch langsam zur Neige geht! Distanz zum Mutterschiff: 18 Meilen. Das l\u00f6st eine Notfallsituation aus: Wir wassern zwei weitere Schlauchboote, best\u00fccken sie mit Proviant, Trinkwasserreserven sowie vollen Reservetanks. Vier weitere Crewmitglieder brechen auf, um unseren KollegInnen zu helfen. Die Esperanza ist soweit in ihre Richtung gefahren wie m\u00f6glich. Die Wassertiefe betr\u00e4gt hier nur noch 6.5m, weiter ist zu gef\u00e4hrlich bei einem Tiefgang von 5m.&nbsp;W\u00e4hrend wir den Fortschritt der Rettungsaktion am Radar verfolgen, erz\u00e4hlt mir Ronaldo Filho, der Chef der Wissenschaftler, von seiner wunderbaren Rettung. Bei einem Tauchgang in der Karibik wurde er von der Str\u00f6mung mit zwei Kameraden acht Meilen vom Begleitschiff abgetrieben. Beim Auftauchen waren sie allein auf hoher See. Um die Rettungskr\u00e4fte loszuschicken, waren viele Telefonate und gute Beziehungen auf h\u00f6chster Ebene n\u00f6tig. Dass sie vom Rettungsflugzeug aus tats\u00e4chlich lokalisiert wurden, ist ein Wunder, drei M\u00e4nner in schwarzen Neoprenanz\u00fcgen auf hoher See sind praktisch unsichtbar. Dank abgeworfenen Rauchbomben konnte das Begleitschiff die Taucher finden und an Bord nehmen. Sie waren dehydriert, halluzinierten und verbrachten die Nacht im Spital, erholten sich aber komplett. Dann best\u00e4tigt mir Ronaldo die schwierige Arbeit der Umweltsch\u00fctzer in Brasilien. Auch ihm w\u00fcrden regelm\u00e4ssig hohe Geldsummen angeboten, damit er seine Forschungsarbeiten stoppe. Morddrohungen an ihn und seine Angeh\u00f6rigen sind keine Seltenheit. Er denkt, dass er aufgrund seines universit\u00e4ren Hintergrunds mit Beziehungen zur Regierung bisher geschont wurde. In Brasilien w\u00fcrden Umweltsch\u00fctzer aber zu Hunderten ermordet.<br \/>\nUnsere vier Schlauchboote kommen wegen der Str\u00f6mung nur eine Meile pro Stunde voran und erreichen die Esperanza um Mitternacht. Wir machen Witze \u00fcber den \u00abGoldzahn\u00bb. Nahtlos trete ich meine Wache an.<\/span><\/p>\n<hr>\n<p><b>Mittwoch 11.4.18<\/b><br \/>\n<span style=\"font-weight: 400;\">Auf der Wache diskutieren wir unsere Probleme mit den stark schwankenden Str\u00f6mungen. Ideal w\u00e4ren die Kombination eines Schiffs mit dynamischem Positionierungs-System (DPS) mit aktiver Kompensation der Belastung auf dem Tauchroboterkabel (active heave compensation). Solche Spezialschiffe k\u00f6nnen ihre Position computergesteuert genau halten dank so genannten Propellergondeln. Die aktive Kompensation der Belastung auf dem Kabel ber\u00fccksichtigt den Einfluss der Wellen auf das Kabel. Wird das Schiff von einer Welle angehoben, wird das Kabel akut belastet, die Kabelrolle gibt nach und umgekehrt, sodass die Belastung ziemlich konstant bleibt. Doch sowas kostet viel Geld.<br \/>\nUnsere Schlauchboote mussten heute nochmals ausr\u00fccken. Die Zahnpatientin fuhr gestern mit an Land, kam aber nicht rechtzeitig zur R\u00fcckfahrt zur\u00fcck. Sie wird heute abgeholt. Aus Sicherheitsgr\u00fcnden fahren immer zwei Schlauchboote zusammen. Ansonsten sind wir bereit f\u00fcr weitere Taten.<\/span><\/p>\n<hr>\n<p><b>Dienstag 10.4.18<\/b><br \/>\n<span style=\"font-weight: 400;\">Unsere Schlauchboot-Teams bringen fr\u00fchmorgens drei Journalisten an Land und nehmen einen weiteren mit zur\u00fcck auf die Esperanza, ebenso wie nachtr\u00e4glich bestelltes Forschungsmaterial. Das nimmt den Grossteil des Arbeitstages in Anspruch. Ich kann heute erstmals voll beim Bergen der Boote mitmachen, was Spass macht. Das Roboterkabel wurde nach genauer Inspektion weniger besch\u00e4digt, als angenommen. Man hat sich darauf geeinigt, weitere Tauchg\u00e4nge zu unternehmen, wenn die Str\u00f6mung nicht mehr als zwei Knoten betr\u00e4gt. Fabio, der gertenschlanke und braungebrannte Filmer (gut zu erkennen an seiner blauen Wasserflasche am G\u00fcrtel und der Videokamera),&nbsp;konnte aus dem Filmmaterial einige scharfe Fotos herauskristallisieren. Die Forscher sind begeistert. Der 32-J\u00e4hrige&nbsp;hat in Brasilien Journalistik studiert und in Paris einen Bachelor of Arts in Film gemacht und einen Master in Dokumentarfilm. Neben Greenpeace arbeitet er unter anderem f\u00fcr das National Geographic, f\u00fcr M\u00e9decins sans fronti\u00e8res, die Unesco und die New York Times. Seine Filme wurden mehrfach preisgekr\u00f6nt. Regie, Schnitt und Vertonung macht er selber. Er spricht Portugiesisch, fliessend franz\u00f6sisch und englisch. Dieser bescheidene und unkomplizierte junge Mann und sein grosses Engagement f\u00fcr die Umwelt und f\u00fcr sozial benachteiligte Menschen beeindrucken mich enorm.<\/span><\/p>\n<hr>\n<p><b>Montag 9.4.18<\/b><br \/>\n<span style=\"font-weight: 400;\">Nachts lesen wir einen Untersuchungsbericht zum Totalverlust eines grossen Containerschiffs 2015 vor Puerto Rico. Aufgrund der aufgezeichneten Gespr\u00e4che der \u00abBlack Box\u00bb hatte der Kapit\u00e4n nicht gemerkt, dass er zw\u00f6lf Stunden alte Wetterdaten als Grundlage f\u00fcr seinen Kursentscheid zu Rate zog. Er steuerte sein Schiff direkt ins Auge des Wirbelsturms. Wirbelst\u00fcrme entstehen erst bei Wassertemperaturen \u00fcber 27 C\u00b0. Die Klimaerhitzung f\u00fchrt daher zu h\u00e4ufigeren und schwereren Wirbelst\u00fcrmen. Der heutige Einsatz des Tauchroboters endet unerfreulich rasch. Die Str\u00f6mung ist so stark, dass sie das mit Technik vollgepfropfte tonnenschwere Unget\u00fcm sogleich Richtung Heck transportiert, wo das Kabel vom Propeller erfasst wird. Der Roboter schl\u00e4gt brutal gegen den Rumpf. Das gut daumendicke Kabel ist besch\u00e4digt. Soweit erkennbar sind die fiberoptischen, elektronischen und mechanischen Kabel im Kabelinneren jedoch intakt geblieben. Wie immer in solchen F\u00e4llen kommt die Information tr\u00f6pfchenweise, die Stimmung ist bedr\u00fcckt. Um 17 Uhr dann eine Krisensitzung vor versammelter Crew: Die bisher gewonnenen Bilder sind von m\u00e4ssiger Qualit\u00e4t, sie zeigen das Riff mit gut erkennbaren Schw\u00e4mmen und einigen Fischen. Der Untergrund ist kalkhart, es handelt sich tats\u00e4chlich um ein Riff. Das Resultat der Wasserproben muss noch abgewartet werden. Die Str\u00f6mung ist extrem stark und verunm\u00f6glicht weitere Untersuchungen mit dem Tauchroboter.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\n<p><strong>Weitere Tagebucheintr\u00e4ge:<\/strong><\/p>\n<p>[display-posts category=&#187;Bordtagebuch&#187; posts_per_page=&#187;-1&#8243; include_date=&#187;false&#187; order=&#187;ASC&#187; orderby=&#187;title&#187;]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Forschungsarbeit beginnt. 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