{"id":20932,"date":"2016-02-25T00:00:00","date_gmt":"2016-02-24T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/master.greenpeace.ch\/beitrag\/20932\/was-findet-nemo\/"},"modified":"2022-03-31T10:49:15","modified_gmt":"2022-03-31T08:49:15","slug":"was-findet-nemo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/story\/20932\/was-findet-nemo\/","title":{"rendered":"Was findet Nemo?"},"content":{"rendered":"<p><strong>25. Februar &#8211; Es ist geschafft, Nemo ist frei. Er bleibt noch einige Sekunden an der Oberfl\u00e4che, sucht nach der Richtung, die er nehmen wird, und taucht schliesslich in das Wasser des Pazifiks ab. Sein gelb-weisses Geh\u00e4use verschwindet in einem Wirbel aus Blasen und Wasser.<\/strong><\/p>\n<p>Ich befinde mich auf einem Boot vor der K\u00fcste Japans, 30 Kilometer s\u00fcdlich des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi. Es ist jenes Atomkraftwerk, das vor f\u00fcnf Jahren durch ein Erdbeben und einen Tsunami zerst\u00f6rt wurde. Greenpeace hat das Schiff Azakaze \u2013 japanisch f\u00fcr Morgenbrise \u2013 gechartert, um Untersuchungen zur Radioaktivit\u00e4t in den Meeres-Sedimenten durchzuf\u00fchren. Heute Morgen bl\u00e4st jedoch mehr als eine Morgenbrise. Das Meer ist st\u00fcrmisch, unser Schiff nicht wirklich gross, und ich muss mich konzentrieren, damit ich nicht \u00fcber Bord falle.<\/p>\n<p>Nemo ist der Spitzname des Unterwasserroboters, der uns begleitet. Durch seine Fernsteuerung erm\u00f6glicht er uns, die Tiefen des Pazifiks zu erforschen. Er f\u00fchrt ein Ger\u00e4t mit, das pr\u00e4zise die Radioaktivit\u00e4t in den Meeres-Sedimenten misst. Denn die radioaktiven Partikel setzen sich in den Untiefen des japanischen Meeres ab.<\/p>\n<p>Das radioaktive Wasser ist Ausdruck einer andauernden Krise \u2013 und dies auch f\u00fcnf Jahre nach Beginn der Katastrophe. Die besch\u00e4digten Reaktoren enthalten eine grosse Anzahl von Brennelementen. Die Brennelemente m\u00fcssen st\u00e4ndig gek\u00fchlt werden, damit sie sich nicht gef\u00e4hrlich erhitzen und ein weiteres Mal schmelzen. Daher werden t\u00e4glich 300 Tonnen Wasser in die Nuklearruine gepumpt. Durch den Kontakt mit den Brennelementen wird das Wasser radioaktiv. Und da diese Unmengen Wasser nicht gelagert werden k\u00f6nnen, wird ein Teil ins Meer geleitet.<\/p>\n<p>Nemo zeigt an, dass er auf C\u00e4sium 137 gestossen ist. Das radioaktive Element stammt ohne Zweifel aus dem Atomkraftwerk. In der Natur kommt es nicht vor. Wir bitten unseren ferngesteuerten Taucher, mit seiner Schaufel eine Probe des Meeresbodens zu entnehmen. Der gesammelte Sand wird in einem Labor genauer untersucht.<\/p>\n<p>Das C\u00e4sium im Meeresboden stammt nicht nur aus dem Atomkraftwerk, oder zumindest nicht direkt. Ein grosser Teil der Radioaktivit\u00e4t wird durch Fl\u00fcsse bef\u00f6rdert, die ins Meer f\u00fchren. Ihr Einzugsgebiet \u2013 W\u00e4lder, Reisfelder, Wiesen \u2013 wurde durch die radioaktive Wolke verseucht. Durch das nat\u00fcrliche Ph\u00e4nomen der Erosion schwemmt der Regen die Partikel in die Fl\u00fcsse und schliesslich in den Pazifik. Dieses Ph\u00e4nomen wird leider noch Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte dauern, ohne dass man etwas dagegen unternehmen kann. Darauf komme ich in einem sp\u00e4teren Eintrag nochmals zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Den Hauptschaden tragen die kleinen Fischer in der Region. Da das Risiko besteht, dass die Radioaktivit\u00e4t in die Nahrungskette gelangt, ist die Fischerei verboten. Zudem kauft niemand mehr Fische, auf deren Etikett \u00abFukushima\u00bb steht. Die Fischer haben somit einen Teil ihrer Lebensgrundlage verloren.<\/p>\n<p>Der Ozean, seine \u00d6kosysteme und die Fischergemeinschaften, die davon leben, werden noch lange unter den Folgen des japanischen Atomunfalls leiden. Gleichzeitig w\u00e4re die Lage noch schlimmer ohne die Gr\u00f6sse des Meeres, das die Radioaktivit\u00e4t verd\u00fcnnt, verbreitet und aufnimmt. Es ist tragisch, aber das Meer vermindert das Ausmass der Katastrophe. In der Schweiz h\u00e4tten die Fl\u00fcsse, die zur K\u00fchlung der Atomkraftwerke ben\u00fctzt werden \u2013 die Aare und der Rhein \u2013 nicht dieselbe Aufnahmekapazit\u00e4t. Wenn in der Schweiz ein Unfall in der Gr\u00f6ssenordnung von Fukushima passieren w\u00fcrde, so w\u00e4re das Wasserschloss von Europa nicht mehr brauchbar.<\/p>\n<p>Nemo ist wieder an der Oberfl\u00e4che aufgetaucht. Ich fasse ihn mit einer langen Stange, bevor ich ihn auf den Rand des Boots hieve. Das Meer ist zu st\u00fcrmisch geworden. Wir kehren zum Hafen zur\u00fcck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>25. Februar &#8211; Es ist geschafft, Nemo ist frei. 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