{"id":20941,"date":"2016-02-27T00:00:00","date_gmt":"2016-02-26T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/master.greenpeace.ch\/beitrag\/20941\/sisyphus-auf-der-insel-des-gluecks\/"},"modified":"2022-03-31T10:49:39","modified_gmt":"2022-03-31T08:49:39","slug":"sisyphus-auf-der-insel-des-gluecks","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/story\/20941\/sisyphus-auf-der-insel-des-gluecks\/","title":{"rendered":"Sisyphus auf der Insel des Gl\u00fccks"},"content":{"rendered":"<p><strong>27. Februar &#8211; Unser Auto schl\u00e4ngelt sich durch die kleinen T\u00e4ler rund um das Dorf Iitate, 35 Kilometer nordwestlich des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi. Die Landschaft wirkt einladend \u2013\u00a0bewaldete H\u00fcgel, Reisfelder und grossz\u00fcgige H\u00e4user. Ich verstehe, weshalb die Region so heisst: Fukushima bedeutet auf Japanisch \u00abInsel des Gl\u00fccks\u00bb.<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin nun zum vierten Mal in dieser Region. Seit der Katastrophe von 2011 durchk\u00e4mmen die Strahlenschutzteams von Greenpeace diese Gebiete, ausger\u00fcstet mit Instrumenten zur Messung der abgelagerten Radioaktivit\u00e4t, die von den Winden und den Regenschauern nach dem Unfall verbreitet worden ist. Ich bin 2012 zum ersten Mal hierhergekommen. Damals mutete die Landschaft ziemlich gespenstisch an: nicht eine Katze, nicht ein Ger\u00e4usch. Iitate wurde einen Monat nach den Explosionen im Atomkraftwerk evakuiert, nachdem die Beh\u00f6rden schliesslich zugegeben hatten, dass die Strahlenbelastung unertr\u00e4glich war.<\/p>\n<p>Seither hat sich vieles ver\u00e4ndert hier. Die Landschaft ist \u00fcbers\u00e4t mit grossen Ballen aus schwarzem Plastik. Als ich sie zum ersten Mal sah, dachte ich, es seien Futterballen, wie man sie in der Schweiz oft rund um Bauernh\u00f6fe sieht. Nur handelt es sich beim Inhalt hier um atomare Abf\u00e4lle. Die schwarzen Taschen enthalten in Wirklichkeit die verseuchte Landschaft von Iitate.<\/p>\n<p>Die Beh\u00f6rden haben n\u00e4mlich beschlossen, die Region zu \u00abdekontaminieren\u00bb, das heisst, ihr die Radioaktivit\u00e4t zu entziehen, die sich abgelagert hat. In der Praxis ist das eher kompliziert \u2013 die giftigen Partikel haben sich \u00fcberall festgesetzt: im Boden, in der Vegetation, auf den Geb\u00e4uden. Der einzige Weg, die Radioaktivit\u00e4t zu senken, ist, sie zu entfernen \u2013 oder besser gesagt, sie zu verlagern \u2013 eben in diese Berge von schwarzen Taschen.<\/p>\n<p>Ganze Schw\u00e4rme von Arbeitern kratzen nun also mit Baggern, Rechen und B\u00fcrsten unerm\u00fcdlich die oberste Schicht der Landschaft weg und verpacken sie in diesen Taschen. Alles kommt hinein: Humus, Gras, Gestr\u00fcpp, manchmal sogar ganze B\u00e4ume. Eine Riesenarbeit. Gegenw\u00e4rtig sind es nicht weniger als neun Millionen schwarze Taschen, die sich in der Region anh\u00e4ufen. Die schwarzen Taschen von Iitate sind ein eindr\u00fcckliches Mahnmal f\u00fcr die unsichtbare Radioaktivit\u00e4t von Fukushima.<\/p>\n<p>Dennoch zeigt der Geigerz\u00e4hler in meiner Hand, dass der Kampf gegen die Strahlung absurd ist. Wenn die Dekontamination auch eine Senkung des Strahlungspegels herbeif\u00fchrt, so wird dennoch kein normaler Pegel erreicht, der es den Menschen erlauben w\u00fcrde, dort zu leben \u2013\u00a0bei Weitem nicht. Zudem f\u00fchren die Topografie der Region und ihre grossen W\u00e4lder, die nicht dekontaminiert werden k\u00f6nnen, zu einer erneuten Kontamination der \u00abges\u00e4uberten\u00bb Gebiete. Was tun gegen das nat\u00fcrliche Rinnen des Wassers und gegen die Winde, die radioaktives C\u00e4sium herbeitragen? Und was tun mit diesen Abf\u00e4llen, die w\u00e4hrend Jahrzehnten, ja sogar Jahrhunderten gef\u00e4hrlich bleiben werden? Wo sollen sie gelagert werden? Diese Riesenarbeit ist in Tat und Wahrheit die eines verzweifelten Sisyphus.<\/p>\n<p>Der Verbissenheit, die B\u00f6den zu dekontaminieren, liegt vielleicht eine gute Absicht zugrunde: den Opfern der Katastrophe ihr Land zur\u00fcckzugeben, damit sie dort wieder in guter Gesundheit leben k\u00f6nnen. Es steckt jedoch auch eine sch\u00e4ndliche finanzielle Logik dahinter: Indem versucht wird, die Strahlenbelastung zu senken, wollen die Beh\u00f6rden die finanziellen Entsch\u00e4digungen minimieren, die den evakuierten Familien zugesprochen worden sind. Die japanische Regierung hat bereits angek\u00fcndigt, dass die Menschen in zwei Jahren kein Anrecht mehr auf finanzielle Hilfe jeglicher Art haben werden. Nach dem Motto: Kehrt auf euer verseuchtes Land zur\u00fcck oder schlagt euch so durch.<\/p>\n<p>Ich hoffe, dass es nicht so kommen wird. Sondern dass die Regierung ihre Meinung \u00e4ndern wird und den aus Fukushima vertriebenen Menschen die Wahl l\u00e4sst, dorthin zur\u00fcckzukehren, wenn sie dies w\u00fcnschen, oder eine Entsch\u00e4digung zu erhalten, um das Gl\u00fcck anderswo wiederfinden zu k\u00f6nnen \u2013 in einem anderen Gebiet der japanischen Insel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>27. Februar &#8211; Unser Auto schl\u00e4ngelt sich durch die kleinen T\u00e4ler rund um das Dorf Iitate, 35 Kilometer nordwestlich des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi. 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