{"id":43927,"date":"2017-11-17T07:00:00","date_gmt":"2017-11-17T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=43927"},"modified":"2020-05-26T11:56:55","modified_gmt":"2020-05-26T09:56:55","slug":"nach-dem-wachstum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/43927\/nach-dem-wachstum\/","title":{"rendered":"Nach dem Wachstum"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Tom\u00e1\u0161 Sedl\u00e1cek ist ein Philosoph unter den \u00d6konomen. Er erl\u00f6st die Wirtschaft vom Pathos, wertfrei zu sein, und entlarvt ihre moralischen Pr\u00e4missen. Inspiration f\u00fcr seine Analysen und Vorst\u00f6sse holt er sich im Alten Testament genauso wie in \u00abMatrix\u00bb.<\/strong><\/p>\n\n<p>K\u00e4me die \u00d6konomie daher wie Tom\u00e1\u0161 Sedl\u00e1cek, sie w\u00e4re eine bunte und sinnliche Wissenschaft. Der 35-j\u00e4hrige Chef\u00f6konom der gr\u00f6ssten tschechischen Bank tr\u00e4gt zu seinem hellorangen, widerborstigen Haar einen leuchtend violetten Pullover und Jeans. Zum Espresso bestellt er eine Cola und bei Gespr\u00e4chsbeginn bietet er Zigaretten an. Sedl\u00e1cek ist ein passionierter und geduldiger Erz\u00e4hler, der sich Zeit nimmt f\u00fcr sein Gegen\u00fcber. Dies, obschon er st\u00e4ndig unterwegs ist: Gestern von Prag nach Bozen fu\u0308r einen Vortrag am Transart Festival, morgen geht&#8217;s in aller Fru\u0308he weiter nach Mu\u0308nchen zu einem Termin mit dem Hanser Verlag, bei dem dieses Jahr die deutsche \u00dcbersetzung seines ersten Buchs \u00abDie \u00d6konomie von Gut und B\u00f6se\u00bb erschien. Grundlage dafu\u0308r war seine Doktorarbeit, die von der Karls-Universit\u00e4t in Prag einst abgelehnt wurde. Die tschechische Originalfassung schaffte es 2009 als erstes Non-Fiction-Werk in die Bestsellerliste und wurde darauf ins Englische u\u0308bersetzt. Heute wird Sedl\u00e1cek an Festivals, zu Konferenzen, Fernsehshows und sogar auf Theaterbu\u0308hnen eingeladen. In seinen Vortr\u00e4gen ergru\u0308ndet er die Urspru\u0308nge und Ursachen fu\u0308r die ju\u0308ngsten Perversionen unseres Wirtschaftssystems. Dabei bedient er sich bei Texten aus dem Alten Testament, Reden von Aristoteles, Theorien von Adam Smith, Dialogen aus \u00abMatrix\u00bb und Fabeln aus \u00abLord oft the Rings\u00bb.<\/p>\n\n<p>\u00abFachidioten\u00bb &#8211; Sedl\u00e1cek wiederholt das deutsche Wort mehrmals, der Begriff gef\u00e4llt ihm. Ja, wir seien zu einer Gesellschaft von Fachidioten verkommen, meint er. \u00abStellen Sie sich einmal vor, unsere Welt wu\u0308rde von Zahn\u00e4rzten regiert: Obligatorisches dreieinhalbminu\u0308tiges Z\u00e4hneputzen fu\u0308r alle, bei Regelverstoss Bestrafung &#8211; und die Gesundheit der Z\u00e4hne w\u00e4re das Wichtigste fu\u0308r die Gesellschaft.\u00bb Bevor man u\u0308ber die Absurdit\u00e4t dieser Metapher lachen kann, holt einen Sedl\u00e1cek zuru\u0308ck auf den Boden: \u00abSee, that&#8217;s exactly what happened with the economists.\u00bb<\/p>\n\n<p><em>Herr Sedl\u00e1cek, hat die Wirtschaft den gesunden Menschenverstand verloren?<\/em><\/p>\n\n<p>Ja, und die ganze Mathematik hat wesentlich dazu beigetragen. Wenn sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort eingesetzt wird, hilft sie, Dinge zu erkl\u00e4ren. Falsch eingesetzt, vernebelt sie aber den gesunden Menschenverstand. Mathematik ist eine Parabel und darf nur im passenden Kontext angewandt werden. Doch wir haben sie u\u0308berall eingesetzt.<\/p>\n\n<p><em>Wurde die \u00d6konomie durch ihren totalit\u00e4ren Erkl\u00e4rungsanspruch zu dem Monster, fu\u0308r das sie heute von vielen Menschen gehalten wird?<\/em><\/p>\n\n<p>Sie wurde zur Religion und zum Fetisch. Wir haben damit die Kirche, das Recht, Familienbeziehungen und die Politik erkl\u00e4rt. Wir nutzen die \u00abRational choice\u00bb-Theorie (rationale Entscheidungen zugunsten des gr\u00f6ssten pers\u00f6nlichen Nutzens) fu\u0308r fast alle Bereiche des Lebens. Kann man Liebe mathematisch erkl\u00e4ren? Ja, wahrscheinlich k\u00f6nnte man das. Ist es pervers? Ja, absolut, also lassen wir&#8217;s lieber sein.<\/p>\n\n<p>Sedl\u00e1cek beginnt seine Vortr\u00e4ge gerne mit dem Befund, das heutige Wirtschaftssystem sei manisch-depressiv. Ein System mit der unangenehmen Angewohnheit, sich selbst immer wieder zu u\u0308berhitzen. Eines, in dem nicht die Balance z\u00e4hlt, sondern der Kick. Er findet Vorl\u00e4ufer dafu\u0308r bereits in einem der ersten schriftlichen Zeugnisse unserer Zivilisation: Im 4000-j\u00e4hrigen Gilgamesch-Epos aus Mesopotamien wendet sich Enkidu, eine Kreatur zwischen Mensch und Tier, von seiner Herde und der Natur ab und wird in der Stadt zur \u00abzivilisierten\u00bb Person. Die Natur wird zur Ressource, Effektivit\u00e4t zum neuen Leitbild. Enkidus urspru\u0308ngliche Zufriedenheit weicht dem Drang nach Fortschritt und Spezialisierung. Von nichts sei unsere Gesellschaft dermassen besessen, ist Sedl\u00e1cek u\u0308berzeugt, wie vom Glauben an Fortschritt und Wachstum. Produktionsmengen, Ertr\u00e4ge und Konsum wurden zu Massst\u00e4ben fu\u0308r die vermeintliche Zufriedenheit.<\/p>\n\n<p><em>Ist der Kapitalismus am Ende, hat er als wirtschaftliches Modell ausgedient?<\/em><\/p>\n\n<p>Nein, wir stecken in keiner Kapitalismuskrise. Der Kapitalismus ist nicht perfekt, aber er hat viele Vorteile gegenu\u0308ber anderen Systemen. Das Problem ist vielmehr der Wachstumskapitalismus.<\/p>\n\n<p><em>Eine Marktwirtschaft ohne Wachstum w\u00e4re also m\u00f6glich?<\/em><\/p>\n\n<p>Absolut. Kein Staat geht wegen fehlenden Wachstums bankrott, sondern wegen exzessiver Schulden. Staaten k\u00f6nnen &#8211; vorausgesetzt, sie haben keine Schulden &#8211; auch ohne Wachstum u\u0308ber Jahrzehnte in einer guten Position verharren. Es braucht eine gewisse Umstrukturierung des Systems, damit auch fu\u0308r Arbeitslose und Arme gesorgt ist, aber gegen Armut und Arbeitslosigkeit gibt es wesentlich cleverere Mittel als Wachstum.<\/p>\n\n<p>Da kommt Sedl\u00e1ceks \u00abSabbat\u00f6konomie\u00bb ins Spiel, zu der er sich von der Geschichte im ersten Buch Mose inspirieren liess. Einen Tag der Zufriedenheit will er einfu\u0308hren, einen, an dem die Menschen unproduktiv sind und fu\u0308r einmal nicht versuchen, die Welt um sich zu ver\u00e4ndern. \u00abGott hat am siebten Tag nicht geruht, weil er danach ein weiteres Universum bauen musste, sondern um sich ob dem Erreichten zu freuen.\u00bb Die stimmungsvolle Zimmereinrichtung, derb ununterbrochen fliessende Strom, der aromatische Kaffee &#8211; alles Erscheinungen, u\u0308ber die wir uns von Zeit zu Zeit bewusst freuen sollten. \u00abNutzen ist eine Sache der Vergegenw\u00e4rtigung und nicht der Leistung\u00bb, sagt Sedl\u00e1cek und fordert weniger Arbeitsbelastung fu\u0308r den Einzelnen und mehr Arbeit fu\u0308r viele. Deshalb macht er sich in Tschechien fu\u0308r die Kurzarbeit stark. Zugleich k\u00e4mpft er als Regierungsberater im Nationalen Wirtschaftsrat fu\u0308r eine restriktive Fiskalpolitik. Eine minimale Staatsverschuldung soll die neue Richtgr\u00f6sse sein und nicht mehr wie heute das maximale BIP-Wachstum. Dafu\u0308r hat Sedl\u00e1cek die \u00abJosef-Regel\u00bb formuliert: Wachstum und Haushaltsdefizit eines Staates du\u0308rfen zusammen drei Prozent des BIP nicht u\u0308bertreffen. Regierungen wu\u0308rden daru\u0308ber hinaus verpflichtet, in guten Zeiten Ru\u0308cklagen zu bilden, und k\u00f6nnten sich zum Ankurbeln der Wirtschaft nur noch in Defizitjahren zugunsten eines ausbalancierten Staatshaushalts moderat verschulden. \u00c4hnliches riet schon Josef dem \u00e4gyptischen Pharao im altem Testament, als dieser sieben Jahre der Fu\u0308lle und sieben der Verzweiflung vorhersah.<\/p>\n\n<p><em>Ihre Vorschl\u00e4ge h\u00f6ren sich einfach an angesichts der Misere, in welche die globale Wirtschaftskrise viele Staaten und Menschen gebracht hat.<\/em><\/p>\n\n<p>Wir haben in den vergangenen Jahren ku\u0308nstliches Wachstum geschaffen mit Geld, das wir nicht hatten. Das muss aufh\u00f6ren. Um das zu verstehen, braucht es keine Mathematik, keine \u00d6konometrie oder Theorien des Homo oeconomicus.<\/p>\n\n<p><em>Kann eine Systemreform allein die Exzesse eind\u00e4mmen?<\/em><\/p>\n\n<p>Sie wollen wissen, ob Evolution oder Revolution? Ich habe den Kommunismus in der Tschechoslowakei noch erlebt. Dort brauchte es die Revolution, um sich vom alten System zu trennen. Trotzdem geh\u00f6re ich heute zu den Reformkapitalisten.<\/p>\n\n<p><em>Gibt es keine Alternative?<\/em><\/p>\n\n<p>Natu\u0308rlich gibt es Selbstversorgungsinitiativen und Gemeinschaften mit eigenen sozialen W\u00e4hrungen, aber das funktioniert nur im kleinen Massstab. Sie und ich, wir k\u00f6nnen uns solchen Gemeinschaften jederzeit anschliessen. Da sehe ich den fundamentalen Unterschied zwischen Kommunismus und Kapitalismus: Letzterer erlaubt kommunistische Blasen, im Kommunismus ist das Umgekehrte nicht m\u00f6glich.<\/p>\n\n<p><em>Inwiefern wu\u0308rde eine Abkehr von der Gier nach Wachstum auch unsere Umweltprobleme l\u00f6sen?<\/em><\/p>\n\n<p>Wachstumsverzicht wird uns helfen, von einer Schwergewichts\u00f6konomie zu einer leichteren, wissensbasierten und umweltvertr\u00e4glicheren zu gelangen. Erinnern Sie sich an das fiktive Land Mordor und die Siedlung Rivendell im Film \u00abLord of the Rings\u00bb?<\/p>\n\n<p><em>Nein, weshalb?<\/em><\/p>\n\n<p>In Rivendell wird praktisch nichts produziert, alles wird irgendwie vererbt, den Menschen und der Natur geht es gut. In Mordor hingegen gibt es eine Schwerindustrie mit Eisen\u00f6fen, B\u00e4ume werden gef\u00e4llt und grosse Armeen unterhalten. Das BIP von Mordor muss um einiges h\u00f6her sein als dasjenige von Rivendell. Doch in welcher der beiden Welten m\u00f6chten Sie leben?<\/p>\n\n<p><i>Dieses Interview wurde im Jahr 2012 im Kontext unseres Themenschwepunktes Danach produziert und in der Printversion des Greenpeace Mitgliedermagazins publiziert.<\/i><\/p>\n\n<p><strong>Tom\u00e1\u0161 Sedl\u00e1cek<\/strong> ist Wirtschaftsberater und philosophierender Querdenker aus Prag. Bekannt wurde er unter anderem mit seinem Buch:\u00a0<strong>\u00ab<\/strong>Die \u00d6konomie von Gut und B\u00f6se<strong>\u00bb<\/strong>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tom\u00e1\u0161 Sedl\u00e1cek ist ein Philosoph unter den \u00d6konomen. Er erl\u00f6st die Wirtschaft vom Pathos, wertfrei zu sein, und entlarvt ihre moralischen Pr\u00e4missen. 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