{"id":43929,"date":"2012-04-21T07:00:00","date_gmt":"2012-04-21T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=43929"},"modified":"2020-05-16T12:47:46","modified_gmt":"2020-05-16T10:47:46","slug":"wildes-kind-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/43929\/wildes-kind-2\/","title":{"rendered":"Wildes Kind"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>An wen werden wir einmal denken, wenn nach einem Schriftsteller der gr\u00fcnen Revolution gefragt wird? Der Name Thomas Coraghessan Boyle wird ganz oben stehen. Seit den 70er-Jahren und nicht erst seit Rio 92 verleiht der US-Autor der \u00d6kologie eine k\u00fcnstlerische Sprache. Greenpeace hat ihn in seiner eigenartigen Welt zwischen Zivilisation und Wildnis getroffen.<\/strong><\/p>\n\n<p><span class=\"dropcap\">K<\/span>aum ein moderner Exponent der Weltliteratur beschreibt die Natur eindringlicher und hingebungsvoller als T.C. Boyle. Sein Gott ist die Wildnis, seine Helden tr\u00e4umen davon, dorthin zur\u00fcckzukehren. Und doch: Der Klimawandel mag l\u00e4ngst \u00fcberhand genommen haben, die Erdoberfl\u00e4che mag nur vom Regen gepeitschter Morast oder Staubw\u00fcste sein (wie in Boyles literarischem Meilenstein \u00abEin Freund der Erde\u00bb): Letztlich bleibt nur die Zivilisation \u2014 Haus, Auto, Bar \u2014 als rettender Anker, wenn die Dinge ausser Kontrolle geraten.<\/p>\n\n<p>Und das tun sie in Boyles B\u00fcchern, Teufel, das tun sie.<\/p>\n\n<p>In seinem neuesten Buch geht gleich zu Beginn im schmalen Streifen Ozean, der die Channel Islands von der kalifornischen K\u00fcste trennt, ein junges Paar mit ihrem Boot unter. Nur die Frau \u00fcberlebt, aber in der Tiefe lauern hungrige Haie und ein kalter Tod. Die Rettung erfolgt dank einer zivilisatorischen Errungenschaft: einer K\u00fchlbox. Darauf paddelt die junge Frau zu einer der Inseln&#8230; \u00abWenn das Schlachten vorbei ist\u00bb spielt quasi vor Boyles T\u00fcre. Von seinem Haus im paradiesischen Montecito aus sieht man in der Ferne jene Inseln. Davor schimmert friedlich der Pazifik.<\/p>\n\n<p><em><strong>Greenpeace: <\/strong> Mr Boyle, ist dieser Streifen Ozean da vor uns wirklich so voll von Horror?<\/em><\/p>\n\n<p>T.C. Boyle: Entscheiden Sie selbst: Am Tag, als ich in dieses Haus zog, wollte ich mir den Strand ansehen. Ich nahm also Schnorchel, Brille und Flossen mit. Es wimmelte von Menschen, die schwammen und plantschten. Was nur ich sah: Unter Wasser bedeckten zahllose Rochen wie Teppiche den ganzen Meeresboden. Aber die Menschen wussten es nicht, hatten ihren Spass, und niemand wurde gestochen.<\/p>\n\n<p><em>Da ist also reale Gefahr. Aber gleichzeitig ist die Natur das, was wir uns darunter vorstellen?<\/em><\/p>\n\n<p>Nun, wir sind sterblich. Und es gibt so viele Dinge da draussen, die uns erwischen k\u00f6nnten. In \u00abEin Freund der Erde\u00bb wird jemand in seiner K\u00fcche von einem winzigen Meteor get\u00f6tet. Es ist unwahrscheinlich, aber es kommt vor. In meiner Heimatstadt zum Beispiel. Ein Mann sass vor einem Pizza-Shop. Sein Wagen machte einen H\u00fcpfer und der Mann sah, dass etwas ein Loch durch den Kofferraum und in den Asphalt darunter gebohrt hatte. Ein Meteor. Stellen Sie sich das vor.<\/p>\n\n<p><em>Daran habe ich bisher nie gedacht. Eine Angst mehr. Na, danke bestens.<\/em><\/p>\n\n<p>Es ist ein Wunder, dass irgendjemand von uns noch am Leben ist. Ha!<\/p>\n\n<p><em>Sind Sie zugleich angezogen und beunruhigt, wenn Sie in den Wald gehen?<\/em><\/p>\n\n<p>Nein, ich f\u00fchle mich im Wald nie bedroht. Ausser zwei Mal. Als ich Bergl\u00f6wen begegnete. Es war ungemein aufregend, denn diese Tiere k\u00f6nnen Sie umbringen. Und doch ist es wunderbar zu wissen, das es diese Tiere da draussen gibt. Davon gibt es in der Schweiz wohl nicht viele&#8230; Doch, da war ein Braunb\u00e4r, nicht?<\/p>\n\n<p><em>Er wurde abgeschossen.<\/em><\/p>\n\n<p>Richtig, ich las dar\u00fcber. Was ich sehr bedauerte. Ich stehe auf der Seite der B\u00e4ren. Es w\u00e4re nett, wenn es Platz f\u00fcr diese Gesch\u00f6pfe g\u00e4be. Ich wuchs bei New York auf. Die W\u00e4lder da waren ziemlich leer. Nicht mal Koyoten. Sehr zahm das Ganze. Als ich aber hier in den Westen zog, \u00e4nderte sich das. Ich verbringe viel Zeit in meinem Ferienhaus im Sequoia National Forest. Dort trete ich vor die T\u00fcr und stehe in der Wildnis. Und sie sind da, all diese wilden Tiere: B\u00e4ren, Bergl\u00f6wen, Wildkatzen. Ich sehe sie kaum. Aber sie sind da.<\/p>\n\n<p><em>Und das macht Ihnen keine Angst?<\/em><\/p>\n\n<p>\u00dcberhaupt nicht. \u2014 Aber wenn ich ein Bein br\u00e4che, was dann? Die erste Geschichte, die ich nach \u00abWenn das Schlachten vorbei ist\u00bb schrieb, heisst \u00abMy pain is worse than your pain.\u00bb Es ist eine lustige Geschichte: Ein Typ zieht los und bricht sein Bein. Und dann picken die Raben ihm die Augen aus, und das ist dann sein Ende. (lacht) \u2014 Also schaffte meine Frau dieses Ding an, ein GPS-Peilger\u00e4t. Und falls ich einmal in Not sein sollte, funktioniert es vielleicht.<\/p>\n\n<p>Es f\u00e4llt nicht leicht, sich T. C. Boyle allein draussen in der Wildnis vorzustellen. Er tr\u00e4gt schwarze Klamotten, umgekehrte Baseballm\u00fctzen, ist trotz sommerlicher Temperaturen eingepackt wegen einer Erk\u00e4ltung. In der \u00d6ffentlichkeit tr\u00e4gt der 63-J\u00e4hrige schrille Sakkos und T-Shirts. Ausserdem ist er lang und irgendwie steif auf den Beinen. Zum Gl\u00fcck hat er das Peilger\u00e4t, wenn er in den Felsen der Sierra Nevada unterwegs ist.<\/p>\n\n<p>Aber Boyle braucht die Natur. Jeden Nachmittag geht er hinaus. Er k\u00f6nne in seinem Garten wunderbar L\u00f6cher graben und sie wieder zusch\u00fctten. In der wilden Natur gebe es f\u00fcr ihn nur Staunen. Er k\u00f6nne immer wieder an denselben Ort gehen, der sei jedesmal anders. Boyle ist s\u00fcchtig nach Natur. So wie er s\u00fcchtig ist nach Schreiben. Ob er seine fr\u00fchere Heroinsucht gegen eine andere vertauscht habe, wurde er schon gefragt. Boyle best\u00e4tigte das.<\/p>\n\n<p>Sein Haus bei Santa Barbara ist eines der ber\u00fchmten Prairie Houses von Star-Architekt Frank Lloyd Wright. Es ist pr\u00e4chtig, aber eher eigenartig, dunkel. In dieser H\u00f6hle versetzt sich der Schriftsteller allmorgendlich in einen rauschhaften Zustand, der es ihm erlaubt, unaufh\u00f6rlich und mit einer faszinierenden sinnlichen Fantasie Roman um Roman, Erz\u00e4hlung um Erz\u00e4hlung zu schreiben. Das Haus ist dicht umwachsen: Da wird gepflanzt, aber nicht gef\u00e4llt. Boyle hat einen Teich angelegt. \u00abUm den Tieren einen Zufluchtsort zu schaffen\u00bb, sagt er. Boyle ist quasi Vegetarier, auf seiner Terrasse steht ein Grill, aber darin nistet eine Ratte. Die Nager hatten auch die W\u00e4nde des alten Hauses bev\u00f6lkert.<\/p>\n\n<p><em>Und was haben Sie dagegen unternommen?<\/em><\/p>\n\n<p>Tja, ich will leben und leben lassen. Aber wenn ich nichts tue, \u00fcbernehmen sie den Laden. Als meine Kinder klein waren, hatten sie eine gez\u00e4hmte Ratte. Ein weisses, putziges Tier, das in einem K\u00e4fig lebte. Einen halben Meter davon entfernt, hinter diesen W\u00e4nden, hausten ihre wilden Cousins, die von uns nicht dazu auserw\u00e4hlt worden waren, gef\u00fcttert und geliebt, sondern ausgerottet zu werden.<\/p>\n\n<p><em>Auch Ihr neues Buch beginnt mit Ratten. Mit dem Menschen sind sie auf eine der Channel Islands gekommen und zerst\u00f6ren das nat\u00fcrliche Gleichgewicht. Eine naturliebende Biologin bereitet die Massenvergiftung vor. Ein radikaler Tiersch\u00fctzer steht dagegen auf. F\u00fcr einmal bek\u00e4mpfen sich Umweltsch\u00fctzer gegenseitig.<\/em><\/p>\n\n<p>Das Buch ist voller Ironie. Dave, der m\u00e4nnliche Held, ist eine Art \u00d6koradikaler. Er hat ein Prinzip: Du sollst nicht t\u00f6ten. Und dabei gibt es keine Abstriche. Sie erinnern sich vielleicht an seine Reaktion, als er spazieren geht und am Gift krepierende Ratten im Strassengraben liegen sieht. Das ist unmenschlich, das ist grauenvoll. Ihm steht Alma gegen\u00fcber, die genau gleich empfindet. Als sie ein Eichh\u00f6rnchen \u00fcberf\u00e4hrt, bricht ihr das das Herz. Aber sie argumentiert, dass zugunsten urspr\u00fcnglicher Arten Eindringlinge eliminiert werden m\u00fcssen. Die Ironie liegt darin, dass Alma und Dave dieselben Werte teilen: Sie sind beide Vegetarier und k\u00f6nnten ein tolles B\u00fcndnis eingehen. Nur in einer Frage nicht. Sie wird zu Beginn des Buches mit dem Zitat aus der Genesis gestellt: Hat der Mensch die Herrschaft \u00fcber alle Tiere? D\u00fcrfen wir ausw\u00e4hlen, welche Arten \u00abwertvoll\u00bb sind und welche nicht?<\/p>\n\n<p><em>Nach den Ratten kn\u00f6pft sich Alma die verwilderten Schweine vor. Sind sie eine Metapher auf den Menschen?<\/em><\/p>\n\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich. In \u00abEin Freund der Erde\u00bb sagt die Hauptfigur: \u00abUm ein Freund der Erde sein zu k\u00f6nnen, muss man ein Feind des Menschen sein.\u00bb Schauen Sie mich an: Ich habe mich fortgepflanzt, ich lebe in einem grossen Haus \u2014 alles, was ich tue, ist kriminell.<\/p>\n\n<p><em>Dann geht es in \u00abWenn das Schlachten vorbei ist\u00bb jenseits aller Umweltpolitik \u2014 eigentlich um den Selbsthass des Menschen?<\/em><\/p>\n\n<p>Es geht um die Menschen, nicht um Politik. Dave ist einer jener Kerle, die immer w\u00fctend sind. Zu viel Testosteron. Am Anfang regt er sich \u00fcber die Obdachlosen in der Stadt auf. Er hat kein Mitleid mit ihnen. Gleichzeitig riskiert er Gef\u00e4ngnis und Leben, um auf den Inseln Ratten und Schweine zu retten.<\/p>\n\n<p><em>Was also ist der Platz des Menschen in der Natur? Steht er in ihrem Zentrum oder eben nicht?<\/em><\/p>\n\n<p>(Denkt lange nach) Ich liebe die Tiefen\u00f6kologie. Ich liebe die Vorstellung, dass sogar ein Stein seinen Wert hat, von belebten Wesen ganz zu schweigen. Dass nicht alles auf Erden einfach eine \u00abRessource\u00bb ist, mit dem wir unsere Gier f\u00fcttern und den Kapitalismus am Laufen halten k\u00f6nnen, damit wir jeden Abend Fleisch auf dem Tisch haben. Wir sind eine Tierart und werden uns nehmen, was wir wollen. Sobald es der Wirtschaft schlecht geht, werden die Umweltgesetze in Frage gestellt. Weil es jemanden den Millionenbonus kosten k\u00f6nnte. Aber das Problem wird sich leider von selbst l\u00f6sen, und zwar in einer sehr negativen Weise durch die rasante \u00dcberbev\u00f6lkerung.<\/p>\n\n<p><em>Seit Sie mit Schreiben angefangen haben, hat sich die Weltbev\u00f6lkerung verdoppelt.<\/em><\/p>\n\n<p>Und die Entwicklungsl\u00e4nder werden immer mehr Ressourcen brauchen. Die Chinesen zwingen ihre Leute, nur noch ein Kind zu haben. Wir Amerikaner m\u00f6gen solche Kontrolle nicht. Aber vielleicht ist es der einzige Weg.<\/p>\n\n<p><em>Jemand, der immer wieder bei Ihnen vorkommt, ist Henry David Thoreau, der Wegbereiter von Umweltschutz und zivilem Ungehorsam. Was verbindet Sie mit ihm?<\/em><\/p>\n\n<p>Er bleibt eines meiner Idole. Ich habe sein Buch \u00abWalden\u00bb viele Male gelesen, erst neulich wieder. Ich liebe seine genaue Naturbeobachtung und seine wundersch\u00f6ne Prosa und wie er f\u00e4hig war, in die Tiefe zu denken. Und ich liebe es, wie er eine Sehnsucht beschreibt, die alle von uns, ausser Hardcore-St\u00e4dter vielleicht, hegen: sich von allem wegstehlen und selbstversorgend an einem wundersch\u00f6nen Natursee leben. Mir gef\u00e4llt aber auch, dass er vom St\u00e4dtchen gar nicht so weit entfernt war und jeden Tag ins Kaffeehaus kam und debattierte. Grossartig!<\/p>\n\n<p><em>Wie einer Ihrer Helden brannte er einen Wald nieder, allerdings versehentlich.<\/em><\/p>\n\n<p>Ich mag diese Parallele. Aber ich dachte beim Schreiben eher an die \u00d6koradikalen der Achtziger, die mit allen Mitteln gegen die Forstindustrie antraten. Fr\u00fcher wurden sogar in meinem geliebten Sequoia National Forest besonders wertvolle Redwoods gef\u00e4llt. Tja, die Leute brauchen Holz. Um H\u00e4user zu bauen.<\/p>\n\n<p><em>Wie dieses hier.<\/em><\/p>\n\n<p>Es besteht g\u00e4nzlich aus Redwood. Es wurde 1909 gebaut. Damals gab es reichlich davon, heute gibt es keines mehr.<\/p>\n\n<p><em>Damals herrschte so etwas wie Unschuld, was nat\u00fcrliche Ressourcen angeht. Sie sind 1948 geboren und haben die Umweltbewegung von Beginn weg erlebt. Wenn Sie an Rio+20 denken, was hat sich seit 1992 oder seit 1968 ver\u00e4ndert?<\/em><\/p>\n\n<p>Das Bewusstsein. Ich habe gelesen, dass die gr\u00f6sste Sorge der Amerikaner, noch vor Jobs und Wohnungsnot, der Umweltschutz ist. Leider wird wenig daf\u00fcr unternommen, denn die Politiker werden von den Lobbyisten der Konzerne gekauft. Wenn es nach mir ginge, w\u00e4re jedes Lobbying verboten. Ich w\u00fcrde alle Lobbyisten in \u00d6l kochen, denn sie korrumpieren die Demokratie.<\/p>\n\n<p>Ja, die Leute haben ein neues Bewusstsein. Nehmen wir zum Beispiel effizientere Autos. Wenn ein Gesetz in f\u00fcnf Jahren nur noch solche Autos auf amerikanischen Strassen zuliesse, f\u00e4nde die Industrie rasch eine L\u00f6sung. Leider kontrolliert Big Money die Politik. Die letzten beiden Rezessionen entstanden durch die Gier kapitalistischer Banker. Diese Menschen scheren sich einen Dreck. Sie vergewaltigen alles, um alles zu kriegen.<\/p>\n\n<p><em>Zur\u00fcck zu Thoreau, der ja auch wichtig war f\u00fcr jenen zivilen Ungehorsam, den auch Greenpeace anwendet. Gibt es daf\u00fcr noch einen Platz?<\/em><\/p>\n\n<p>Nat\u00fcrlich. Ich liebe, was Greenpeace macht. Noch mehr als direkte Aktionen liebe ich die Art, wie Dinge angeprangert werden. Bei meinen Buchrecherchen war ich unf\u00e4hig, ein Schlachthaus zu besuchen. Aber PETA machte einen Film und stellte ihn ins Internet. Ich konnte keine Minute zuschauen, aber das war alles, was ich brauchte f\u00fcr die Erkenntnis, was wirklich los war.<\/p>\n\n<p><em>K\u00f6nnte es sein, dass der Begriff der Natur zum Leitprinzip unserer Gesellschaft wird, statt Vernunft und Rationalit\u00e4t?<\/em><\/p>\n\n<p>Ich weiss nicht genau, was Sie damit meinen. Ich denke, dass die Natur in unserer verweltlichten Gesellschaft eine Art Gott geworden ist. Andererseits ist Naturverehrung harmlos, oder? Wenn ich wandern gehe, bin ich an Gel\u00e4ndewagen und rauchenden Motorschlitten nicht interessiert. Ich will nur der Erde nahe sein, auf einem Felsen in der Sonne sitzen, ein Buch lesen oder dem Wasser zuh\u00f6ren. Ich will mich als Teil von etwas Gr\u00f6sserem f\u00fchlen, zusammen mit der ganzen Sch\u00f6pfung, allen Tieren und allem anderen. Dann ist die Vernunft ausgeschaltet. Ich kenne zwar die Namen der Tiere und Pflanzen und ich verstehe die Probleme, sehe die Holzschneisen, die Borkenk\u00e4fer dank meiner Vernunft. Aber da draussen bin ich, weil ich sie ausschalten will. Um wie ein Kind zu leben, wie ein kleiner Junge, wie Thoreau. Viele Menschen erkennen den Wert von wilder Natur nicht.<\/p>\n\n<p><em>Der Mensch ist ein Wilder mit Erfahrung, sagte Thoreau. Sie sagen, Naturverehrung sei harmlos.<\/em><\/p>\n\n<p>Vielleicht sollte die Natur in unserer weltlichen Gesellschaft die Religion ersetzen. Das ist harmlos. Wir w\u00fcrden keine religi\u00f6sen Gesetze machen und den Leuten sagen, was sie zu tun h\u00e4tten und was nicht. Wir w\u00fcrden den Leuten einfach sagen: Geht hinaus und verehrt, was da draussen ist.<\/p>\n\n<p><em>Aber auf einer politischen Ebene w\u00fcrde das vielleicht heissen, nur ein Kind haben zu d\u00fcrfen. Das ist nicht harmlos.<\/em><\/p>\n\n<p>Tats\u00e4chlich, das ist nur in einer diktatorischen Gesellschaft m\u00f6glich.<\/p>\n\n<p><em>Tausende von Schweinen abschlachten wie in ihrem Buch ist nicht harmlos.<\/em><\/p>\n\n<p>Nat\u00fcrlich nicht. Die Natur umarmen ist harmlos. Nationalparks anlegen und die verbleibenden Tiere beobachten oder sogar mit ihnen in Kontakt treten, das ist harmlos. Aber nochmals: Was lassen wir am Leben und was nicht?<\/p>\n\n<p><em>Darauf gibt es keine Antwort.<\/em><\/p>\n\n<p>Das muss jeder f\u00fcr sich individuell entscheiden.<\/p>\n\n<p><em>Aber wir m\u00fcssen kollektiv handeln. Es muss eine Autorit\u00e4t geben.<\/em><\/p>\n\n<p>Ich lanciere nur die Debatte. Ich bin nicht die Autorit\u00e4t.<\/p>\n\n<p><em>Ich zitiere Sie: \u00abIch bin ein Bilderst\u00fcrmer und Punk, der nie wirklich erwachsen wurde. Ich ertrage den Gedanken an eine Autorit\u00e4t nicht.\u00bb<\/em><\/p>\n\n<p>Wir leben in einer Demokratie. Wir haben heute Umweltgesetze, die dreissig Jahre fr\u00fcher nicht existierten. Da ist ein Bewusstsein. Meine Werke. Das Gespr\u00e4ch, das wir hier f\u00fchren. Der Artikel, den Sie schreiben werden. Meine Auftritte im Fernsehen. All die Fragen und Antworten. Das macht Leute bewusst und l\u00e4sst sie nachdenken. Aber ich bin nicht die Autorit\u00e4t, die ihnen sagt, was sie zu tun haben. Daran glaube ich nicht. Daf\u00fcr habe ich die Zeit nicht!<\/p>\n\n<p><em>Aber Sie haben der Wildnis eine Sprache gegeben.<\/em><\/p>\n\n<p>Eines meiner letzten B\u00fccher war \u00abWild Child\u00bb. Es spielt im Frankreich des 18. Jahrhunderts und basiert auf der wahren Geschichte eines Wolfsjungen. Er ist frei von jeder Kultur und lernt nie das Sprechen. Er lebte als Tier in der Natur, wie es urspr\u00fcnglich auch uns zugedacht war, so, wie wir angefangen hatten. Und ich schrieb die Geschichte, um herauszufinden, was das heisst.<\/p>\n\n<p><em>Sind Sie dieses Kind? M\u00f6chten Sie ganz zur Natur zur\u00fcckkehren?<\/em><\/p>\n\n<p>Wir alle haben diese mystischen Vorstellungen von einer Vergangenheit und einer Natur, die niemals existierten. Wir werden angezogen von einem Leben, das wir selbst kontrollieren, statt von der Massengesellschaft ausgequetscht zu werden.<\/p>\n\n<p><strong>Zur Person:<\/strong> Seit seinem ersten Buch Descent of Man (1979) ist die Natur in T.C. Boyles Werk omnipr\u00e4sent, sei es in \u00abWassermusik\u00bb oder \u00abAm\u00e9rica\u00bb, in \u00abGr\u00fcn ist die Hoffnung\u00bb oder in \u00abDrop City\u00bb. Selbst in Bio-Fictions \u00fcber Corn-Flakes-Erfinder Kellogg, Architekt Frank Lloyd Wright und \u00abDr. Sex\u00bb Alfred Kinsey geht es letztlich um unseren animalischen Anteil, den keine Zivilisation restlos beseitigen kann. Neben 15 Romanen &#8211; der letzte heisst \u00abSan Miguel\u00bb und wird im n\u00e4chsten Sommer erscheinen &#8211; hat Boyle (geboren 1948 bei New York) unz\u00e4hlige Erz\u00e4hlungen geschrieben.<\/p>\n\n<p>Seit vielen Jahren geniesst der Autor vor allem auch in Europa Kultstatus. Diesen pflegt er gen\u00fcsslich in seinen Interviews und Auftritten. Gleichzeitig bleibt er ein manischer, disziplinierter Schreiber, der seit seiner Ausbildung bei Lehrern wie John Irving und Raymond Carver t\u00e4glich an seinen unglaublichen Charakteren und fantastischen Handlungen schreibt. Er arbeitet immer nur an einer Sache. Er l\u00e4sst die Geschichten sich organisch entwickeln und \u00fcberrascht wohl dabei nicht nur uns, sondern auch sich selber.<\/p>\n\n<p>So bissig, schonungslos und d\u00fcster seine B\u00fccher sein m\u00f6gen, Boyle bewahrt sich immer den liebevollen Blick auf den Menschen, selbst wenn er ihn oft widerspr\u00fcchlich und unberechenbar darstellt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An wen werden wir einmal denken, wenn nach einem Schriftsteller der gr\u00fcnen Revolution gefragt wird? 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