{"id":43952,"date":"2014-09-18T07:00:00","date_gmt":"2014-09-18T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=43952"},"modified":"2020-05-16T18:03:49","modified_gmt":"2020-05-16T16:03:49","slug":"die-insel-des-rebellen-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/43952\/die-insel-des-rebellen-2\/","title":{"rendered":"Die Insel des Rebellen"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Frank D\u00e4hling (70) ist Besitzer und Bewohner der Raussm\u00fchle, eines mittelalterlich anmutenden Hofs in der N\u00e4he des Kraichgaus in Deutschland. D\u00e4hling ist eine Art Robin Hood im Kampf gegen die profitorientierte industrialisierte Landwirtschaft. Er lebt in einer wilden Anderswelt, in einem Paradies an Artenvielfalt \u2013 einem Gesamtkunstwerk, das<\/strong> <strong>mit seinem Museum als europ\u00e4isches Kulturdenkmal gilt.<\/strong><\/p>\n\n<p>\u00abTreten Sie ein durch die Zeitschleuse!\u00bb, la\u0308dt Frank Da\u0308hling ein und o\u0308ffnet das schwere, schmiedeeiserne Tor unterm steinernen Eintrittsbogen in sein jahrhundertealtes Mu\u0308hlegeho\u0308ft. Mit einer Handbewegung bittet er herein in sein Reich. \u00abHier beginnt ein anderes Leben!\u00bb<\/p>\n\n<p>Die fast 700 Jahre alte Raussmu\u0308hle liegt versteckt in einem dichten Weiden-, Eschen- und Pappel-Urwald. Von der Strasse aus ist das Juwel kaum sichtbar. Doch kaum tritt man durchs Bogentor in den grossen, U-fo\u0308rmigen Hof der Anlage mit ihren Stallungen, dem Mu\u0308hlengeba\u0308ude, dem Wohnhaus und der grossen Scheune, wa\u0308hnt man sich im Mittelalter. Kein Wunder, der Mu\u0308hlebetrieb wurde 1334 erstmals urkundlich erwa\u0308hnt. U\u0308ber den Lehm- und Pflasterboden watscheln schnatternde Ga\u0308nse, Bienen summen um die Bastko\u0308rbe unterm Dach, Ziegen strecken neugierigihre Ko\u0308pfe durch die Holzluken im Stalltor, der Hund kommt freudig herbeigewedelt und in der Baumkrone der Linde pfeifen Vo\u0308gel ihr fro\u0308hliches Konzert. An die fu\u0308nfzig Vogelarten haben sich in diesem Biotop angesiedelt und eingenistet: von der Eule und dem Turmfalken u\u0308ber den Pirol, das Rotkehlchen, die Nachtigall, den Specht, den Baumla\u0308ufer und den Zaunko\u0308nig bis hin zu Zilpzalp und Zeisig.<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der Tausendsassa<\/h2>\n\n<p>Mittendrin wirkt und werkt der Hausherr, der hier zusammen mit seiner Lebenspartnerin sein Glu\u0308ck gefunden hat. In Jeans, gru\u0308nem Hemd und schwarzer Lederweste sieht er aus wie eine Mischung aus Althippie, Che Guevara und Don Quichotte. Sein sanftes, kantiges Gesicht mit den hellblauen Augen ist umrahmt von langen, weissen Haaren und einem Zaubererbart. Engagiert erza\u0308hlt er aus seinem aufru\u0308hrerischen Leben mit Wurzelnin der 68er Bewegung und Studien in Philosophie, Ethnologie und Pala\u0308ontologie in Mainz, an der Pariser Sorbonne und in Heidelberg. Schon als Student habe er gega\u0308rtnert und Radieschen nach dem Vorbild des maoistischen Plakats angepflanzt, auf dem Hunderte chinesischer Zwerglein ein grosses Radieschen aus dem Erdboden zerrten: die Frucht der gemeinsamen Revolution von unten. Denn der Umsturz war auch sein politisches Programm.<\/p>\n\n<p>\u00abSiri!\u00bb, weist er die weisse Katze zurecht, als sie die Pfote durchs Gatter streckt und ein Hu\u0308hnchen fangen will. Siri gehorcht und macht einen Ru\u0308ckzieher. So wie Da\u0308hling damals, als er merkte, dass die herbeigesehnte Revolution nun doch nicht stattfand. Er nahm Lenins Konterfei von der Wand und beschloss, ein Stu\u0308ck Land zufinden, um mit ein paar Tieren ein freies, selbstbestimmtes Leben zufu\u0308hren.<\/p>\n\n<p>Nach Wanderjahren durch die Provence, die Abruzzen, die Pyrena\u0308en und das Baskenland stiess er 1974 auf die Raussmu\u0308hle im Kraichgau. Die einsturzgefa\u0308hrdete Ruine war von einem Nato-Stacheldrahtzaun umgeben. Im Innenhof stapelten sich mehrsto\u0308ckig Schrottautos und versperrten die Sicht aufs Dahinter. Doch es war Liebe auf den ersten Blick. Der Weltenbummler sah das verfallene Gema\u0308uer vor seinem geistigen Auge schon in neuem Glanz erstrahlen.<\/p>\n\n<p>Er pachtete den Schrottplatz und kaufte ihn zwei Jahre spa\u0308ter. Von da an steckte er sein ganzes Herzblut mitsamt aller Ersparnisse und sa\u0308mtlicher Einku\u0308nfte in die sanfte Renovation des Gutsbetriebs, den er mit Fleiss und zahlreichen Gesellengehilfen in eine o\u0308kologische Insel inmitten des Kapitalismus verwandelte.<\/p>\n\n<p>Inzwischen hat das Kleinod solch eine Ausstrahlung, dass es zum europa\u0308ischen Kulturdenkmal geadelt wurde.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/d2e3b7e1-fc3f9b085d32ffe01716a79c2c7d394f.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Die Zeitschleuse zum Geh\u00f6ft<\/figcaption><\/figure>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Menschheit ist wahnsinnig geworden<\/h2>\n\n<p>U\u0308ber 600 Ba\u0308ume hat der Gutsherr mit dem gru\u0308nen Daumen bisher gepflanzt, darunter setene Arten wie den Speierling oder die Elsbeere. In seinem Garten Eden wachsen Heilkra\u0308uter wie das Herzgespann oder der Beinwell sowie seltene Pflanzen wie das Herkuleskraut, die wollige Klette, das falsche Salomonsiegel, Wildrosen und mancherlei Lilien. Daneben wuchern der kommune Efeu und ein struppiger Brennnesselwald. \u00abAlles in der Natur hat seinen Sinn. Selbst ein ungeniessbarer Holzapfel ist gut fu\u0308r den Boden\u00bb, verteidigt Da\u0308hling seine Schu\u0308tzlinge. Bei ihm darf alles wachsen und wuchern, ohne in Schach gehalten zu werden von Pestiziden, Fungiziden oder Insektiziden. Der profitorientierten, ausbeuterischen Agrarindustrie ausserhalb seines Inselreichs kann er nichts abgewinnen. Selbst Ra\u0308uber wie der Fuchs, der Dachs oder der Marder haben freien Zugang zu seinem Geho\u0308ft. \u00abIch bin bereit, im Interesse einer intakten Wildnis einen Teil meiner Tiere zu opfern\u00bb, schmunzelt er.<\/p>\n\n<p><span class=\"pull-right\">\u00abWenn die W\u00e4lder mal weg sind, fehlt den nachfolgenden Generationen nichts, weil sie gar nicht mehr wissen, was ein Wald ist.\u00bb<\/span>Da\u0308hling fu\u0308hrt seine Besucher zur Mu\u0308hle, wo sich am Elsenz-Bach ein wildes Biotop mit einer wunderbaren Auenlandschaft gebildet hat. Auf der Weide dahinter galoppieren vierzig Schafe freudig herbei, als sie den Lockruf ho\u0308ren: \u00abHooobelei, hooobelei!\u00bb Gierig schnappen sie nach dem trockenen Biobrot, das ihnen der Meister u\u0308ber den Zaun zuwirft. \u00abSie sind eben Feinschmecker\u00bb, witzelt er, \u00abnur das Beste ist ihnen gut genug.\u00bb Das Brot entreisst er jeden Abend den Superma\u0308rkten in Eppingen \u2014 zusammen mit Kisten voller Obst und Gemu\u0308se, das er so vor der Mu\u0308lltonne rettet.<\/p>\n\n<p>Als er auf die u\u0308bersa\u0308ttigte Gesellschaft zu sprechen kommt, welche die Ha\u0308lfte ihrer Nahrungsmittel einfach wegwirft, schiesst dem Gutsherrn die Zornesro\u0308te ins Gesicht. Seine Stimme schwillt an, der Zeigefinger streckt sich steil in die Luft und er wettert los u\u0308ber die \u00abwahnsinnig gewordene Menschheit\u00bb, welche die Bo\u0308den verseuche, die Luft verpeste, die Wa\u0308lder rode und die Meere mit Plastik zumu\u0308lle. \u00abWenn die Wa\u0308lder mal weg sind, fehlt den nachfolgenden Generationen nichts, weil sie gar nicht mehr wissen, was ein Wald ist\u00bb, frotzelt er ironisch. So weit habe sich der zivilisierte Mensch inzwischen von seinen natu\u0308rlichen Wurzeln entfernt.<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Nach uns die Sintflut<\/h2>\n\n<p>Ein besonderes Reizthema ist fu\u0308r ihn das hausgemachte Bienensterben, eine Folge der Honigmaximierungsindustrie. Oder die Gentechnologie, die sich geba\u0308rde wie Goethes Zauberlehrling, der die Geister rief und sie nicht mehr loswurde. Oder die Atomenergie, die den ku\u0308nftigen Generationen mit dem unentsorgbaren hochradioaktiven Material eine furchtbare Bu\u0308rde auflade \u2014 nach uns die Sintflut! \u00abDiese Ignoranz!\u00bb, poltert Da\u0308hling, der sein Haus mit Brennholz aus dem eigenen Wald heizt: \u00abDie Atomkraft wird sich als teuerste Energiequelle aller Zeiten herausstellen!\u00bb Sein ernu\u0308chtertes Fazit: \u00abDer Mensch ist nicht in der Lage, das Paradies zu erhalten, in das er hineingeboren wurde.\u00bb Eines Tages werde der Homo sapiens Bedingungen geschaffen haben, unter denen menschliches Leben nicht mehr mo\u0308glich sei. \u00abEr hat sich die Erde unterworfen und ist ein aus der Balance geratener Raubsauger\u00bb, sagt Da\u0308hling nu\u0308chtern.<\/p>\n\n<p>Nach diesem Ausbruch senkt er die Stimme, dreht sich um und geht zuru\u0308ck zur Mu\u0308hle, um sich Erfreulicherem zuzuwenden, hin zur Stelle an der Elsenz, wo sich bis Mitte des letzten Jahrhunderts das Mu\u0308hlrad drehte und Korn zu Mehl mahlte oder Hanf zu O\u0308l. Dieses Mu\u0308hlrad wieder in Schwung zu bringen, darauf arbeitet Da\u0308hlingin seinem kleinen Paradies hin. Das wa\u0308re die Kro\u0308nung seiner Gutsherrschaft und vielleicht sogar seines Lebens. Einen Fo\u0308rderverein, der sein Werk vielleicht dereinst u\u0308bernehmen wird, hat er bereits gegru\u0308ndet. Der Boden ist bereitet.<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Natur ist die Basis des Menschen<\/h2>\n\n<p>Bis sich das Mu\u0308hlrad wieder dreht, fu\u0308hrt der Hausherr weiterhin Besucher durch sein Reich. Er zeigt ihnen das Museum unterm grossen Scheunendach, wo er Abertausende von Exponaten aufbewahrt, insbesondere mittelalterliche Gegensta\u0308nde \u2014 etwa von Wagnern, Schuhmachern, Drechslern oder Hausmetzgern. Da\u0308hling fu\u0308hlt sich der damaligen ba\u0308uerlichen Kultur leidenschaftlich verbunden: \u00abDie Welt der Bauern, das ist unsere Basis, da kommen wir her.\u00bb<\/p>\n\n<p>Nach einem fu\u0308nfstu\u0308ndigen flammenden Pla\u0308doyer entla\u0308sst der Gutsherr seine Besucher durchs hintere Tor in die ausbeuterische, kapitalistische Welt, der er sich als Rebell auf seiner o\u0308kologischen Insel kraftvoll entgegenstemmt. Fu\u0308r ihn ist die Raussmu\u0308hle das Ausrufezeichen hinter der Botschaft: \u00abGebt Acht auf die Natur. Sie ist eure Basis!\u00bb<\/p>\n\n<p><em>Fotos auf <a title=\"Zu den Fotos\" href=\"http:\/\/www.raussmuehle.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.raussmuehle.de<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frank Da\u0308hling (70) ist Besitzer und Bewohner der Raussmu\u0308hle, eines mittelalterlich anmutenden Hofs in der Na\u0308he des Kraichgaus in Deutschland. 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