{"id":43962,"date":"2014-10-31T07:00:00","date_gmt":"2014-10-31T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=43962"},"modified":"2020-05-17T12:06:10","modified_gmt":"2020-05-17T10:06:10","slug":"fuer-die-natur-waren-die-300-jahre-aufklaerung-ein-hoellentripp","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/43962\/fuer-die-natur-waren-die-300-jahre-aufklaerung-ein-hoellentripp\/","title":{"rendered":"\u00abF\u00fcr die Natur waren die 300 Jahre Aufkl\u00e4rung ein H\u00f6llentripp\u00bb"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Was macht die Wildnis aus uns Menschen? Der Amazonas-Forscher Jeremy Narby stellt eine Gegenfrage: \u00abWas ist Wildnis \u00fcberhaupt?\u00bb Eigentlich gebe es sie nicht \u2013 ausser man betrachte die Welt aus einer rein menschlichen Perspektive und degradiere die anderen Lebewesen zu Objekten. Das k\u00f6nnte sich \u00e4ndern, sagt der Anthropologe.<\/strong><\/p>\n\n<p>Wer die Wildnis wirklich verstehen will, muss hinter die undurchdringlichen Kulissen der Regenwa\u0308lder Su\u0308damerikas blicken und hinter ihre gigantische, uralte Artenvielfalt. Den Pfadfinder dorthin fanden wir im jurassischen Porrentruy. Jeremy Narby, schweizerisch-kanadischer Anthropologe, hatte vor etwa fu\u0308nfzehn Jahren einiges Aufsehen erregt: Im Buch \u00abDie kosmische Schlange\u00bb verglich er Schamanismus mit moderner Molekularbiologie. Seine These: Indem sie die legenda\u0308re Urwald-Droge Ayahuasca trinken, ko\u0308nnen die Schamanen die DNS der Lebewesen sehen und verstehen und damit ihr wundersames Zusammenspiel. Fu\u0308nf Jahre spa\u0308ter publizierte der Jurassier zur \u00abIntelligenzin der Natur\u00bb, um aufzura\u0308umen mit dem Dogma, in der Natur bestimme der Zufall die Entwicklung.<\/p>\n\n<p>Derzeit schreibt er an einem Buch zum scheinbar banalen Thema \u00abWas ist eine Pflanze?\u00bb und wird auch darin eine Bru\u0308cke zwischen westlicher Wissenschaft und dem verblu\u0308ffend gescheiten Animismus der Amazonas-Wa\u0308lder schlagen.<\/p>\n\n<p>Irgendwie hatten wir Narbys Wohnung \u2014 ein gera\u0308umiges Haus voller Bu\u0308cher und Musikinstrumente \u2014 in einem weitla\u0308ufigen, verwilderten Garten in Erinnerung. Aber Jeremy Narby muss seit meinem letzten Besuch vor vier Jahren die Wiese um sein Haus geza\u0308hmt und das Buschwerk diszipliniert haben. Von Wildnis keine Spur. Dennoch gelang es dem Anthropologen, auch in diesem Gespra\u0308ch den Amazonas-Regenwald in meiner Vorstellung aufleben zu lassen.<\/p>\n\n<p>Zuerst aber hatten wir etwas zu kla\u0308ren:<\/p>\n\n<p><em>Greenpeace: Jeremy Narby, es gibt kein franzo\u0308sisches Wort fu\u0308r das englische \u00abwilderness\u00bb oder den deutschen Begriff \u00abWildnis\u00bb.<\/em><\/p>\n\n<p>Jeremy Narby: Vielleicht mu\u0308ssen wir das Wort zuerst \u00abauspacken\u00bb, um es zu verstehen: Das englische \u00abwilderness\u00bb bezeichnet den Ort, wo es \u00abwild deer\u00bb hat, also wilde Tiere.<\/p>\n\n<p><em>Wild-deer-ness?<\/em><\/p>\n\n<p>Genau. Und das deutsche Adjektiv \u00abwild\u00bb hat meiner Meinung nach dieselbe Wurzel wie \u00abWald\u00bb. Auch das franzo\u0308sische \u00absauvage\u00bb fu\u0308r \u00abwild\u00bb leitet sich vom lateinischen selva, Wald, ab. Und der Wald beginnt dort, wo die Kultur \u2014 also die Spha\u0308re des Menschen \u2014 aufho\u0308rt. Der westliche Mensch hat sich seit jeher gegen die Natur abgegrenzt. Schauen Sie im Wo\u0308rterbuch nach: Die beiden Begriffe schliessen sich aus. \u00abNatur\u00bb ist, was nicht von Menschen gemacht ist.<\/p>\n\n<p><em>Fu\u0308r die Ashaninka-Indianer, bei und mit denen Sie seit 25 Jahren arbeiten, sieht das ganz anders aus, nehme ich an?<\/em><\/p>\n\n<p>Sie ziehen diese Grenze zwischen Menschen, Tieren und Pflanzen nicht. Diese Grenze besteht nur im so genannt zivilisierten Denken.<\/p>\n\n<p><em>Was haben die Ashaninka fu\u0308r einen Begriff von \u00abWildnis\u00bb? Davon, was nicht menschlich ist?<\/em><\/p>\n\n<p>Danach gefragt, wu\u0308rden sie antworten: \u00abNo tenemos\u00bb, das haben wir nicht. Ich habe sie gefragt, ob es Orte im Wald gebe, wo Menschen nie hingehen; da haben sie lange geschwiegen.<\/p>\n\n<p><em>Was sagen sie denn?<\/em><\/p>\n\n<p>Sie sagen: \u00abPflanzen und Tiere sind Personen. Sie sind wie wir, sie sind Ashaninka wie wir, Leute wie wir.\u00bb<\/p>\n\n<p><em>Fu\u0308r die Amazonas-Indianer gibt es diese zweigetrennten Spha\u0308ren Mensch und Natur also nicht?<\/em><\/p>\n\n<p>Sie sind Animisten. Und Animismus beruht auf zwei U\u0308berzeugungen: Man anerkennt die Artenverwandtheit aller Lebewesen. Und man begreift auch nichtmenschliche Wesen als Personen. Deshalb gibt es im Amazonas keinen Begriff fu\u0308r Wildnis.<\/p>\n\n<p><em>Pflanzen und Tiere als Personen: Wie muss man das verstehen?<\/em><\/p>\n\n<p>Eine Person ist, wer kommunizieren kann, lernt und einen eigenen Blickwinkel hat. Eine Schneeflocke hat keinen eigenen Blickwinkel. Aber der Jaguar hat einen eigenen Blickwinkel oder der Catalpa-Baum da draussen vor dem Fenster: Er will wachsen und gedeihen. Sogar ein Grashalm muss, wenn er so vor sich hin grashalmt, Dinge wahrnehmen, wissen, wie sich seine Nachbarn verhalten, wo er Wasser findet, welches Licht fu\u0308r ihn das Beste ist. Diese Informationen muss er in Entscheidungen umsetzen. So handeln Personen.<\/p>\n\n<p><em>Die Wildnis steckt also voller Personen unterschiedlichster Natur?<\/em><\/p>\n\n<p>Ja. Und das bedeutet, dass die Wildnis voller Kultur ist. Pflanzen und Tiere sind Leute.<\/p>\n\n<p>Sie haben alle ihre eigenen Kulturen. Ein solches Versta\u0308ndnis von Regenwald, Wildnis und Natur wa\u0308re natu\u0308rlich ein gewaltiges Hindernis, wo immer es darum geht, natu\u0308rliche Ressourcen systematisch auszubeuten.<\/p>\n\n<p><em>Indem wir aber alles Leben, das nicht menschlich ist, entpersonifizieren, fa\u0308llt es uns leichter, es auszunutzen und zu missbrauchen?<\/em><\/p>\n\n<p>Genau.<\/p>\n\n<p><em>Und die indigenen Bewohner des Waldes enteignet man, indem man sie zu \u00abWilden\u00bb erkla\u0308rt.<\/em><\/p>\n\n<p>Hat nicht Bruce Chatwin geschrieben, dass man jemanden erst entmenschlichen muss, bevor man ihn umbringen kann?<\/p>\n\n<p><em>Das Konzept \u00abWildnis\u00bb kommt also jenen gelegen, die sie plu\u0308ndern wollen?<\/em><\/p>\n\n<p>Auf jeden Fall passt \u00abWildnis\u00bb zu einer sogenannt \u00abhumanistischen\u00bb Gesellschaft, die das Menschliche ins Zentrum stellt und alles andere zu Objekten degradiert.<\/p>\n\n<p><em>Kann man sagen, Kultur sei dort, wo der Mensch seine eigenen Regeln macht?<\/em><\/p>\n\n<p>So ko\u0308nnte man menschliche Kultur wohl definieren.<\/p>\n\n<p><em>Dann wa\u0308re die Wildnis ein Ort, wo diese Regeln nicht gelten. Was fu\u0308r gewisse \u00abzivilisierte\u00bb Leute natu\u0308rlich attraktiv ist. Sie lassen de Gesetze hinter sich und werden unter Umsta\u0308nden zu Bestien.<\/em><\/p>\n\n<p>Da muss ich Ihnen widersprechen. Sie werden keine Tiere finden, die sich verhalten wie die spanischen Eroberer im 16. Jahrhundert. In massivem Ausmass zu morden \u2014 das ist nichts, was Tiere tun. Tiere sind eben gerade keine \u00abBestien\u00bb.<\/p>\n\n<p><em>Wie aber vera\u0308ndert der \u00abDschungel\u00bb den Europa\u0308er?<\/em><\/p>\n\n<p>Es geht wirklich eher darum, was der Europa\u0308er aus der Natur und seinen indigenen Bewohnern macht. Tiere und Pflanzen macht er zu seelenlosen Objekten und die Indianer des Regenwaldes entmenschlicht er, um ihnen ihre Lebensgrundlagen wegnehmen zu ko\u0308nnen.<\/p>\n\n<p><em>Er beraubt sie so ihrer moralischen Rechte und kann mit ihnen machen, was er will.<\/em><\/p>\n\n<p>Fu\u0308r die Moral hatten die Conquistadores die Missionare, in der einen Hand die Bibel, in der anderen das Schwert. Wobei, machen wir uns nichts vor: Wer den Regenwald ausbeutet und Indianer umbringt, weiss sehr genau, worum es ihm geht. Um Reichtum, Gold, Macht und Dominanz. Um nichts anderes. Wenn die Spanier gefragt wurden, ob es eine moralische Rechtfertigung fu\u0308r das Morden gebe, sagten sie: \u00abFrag den Kerl mit der Bibel. Der wird\u2019s dir erkla\u0308ren.\u00bb<\/p>\n\n<p><em>Und heute? Ko\u0308nnen sich jene, die den Regenwald abholzen, auf irgendeine Moral berufen?<\/em><\/p>\n\n<p>Die heute weltweit vorherrschende. Nehmen Sie zum Beispiel China. Dort hat die Kommunistische Partei vor ein paar Jahren ein neues Motto ausgerufen: \u00abEs ist glorios, sich zu bereichern.\u00bb Indviduen, die reich werden, seien gut fu\u0308r China, hiess es. Die Ironie dabei: Wenn reinste kapitalistische Lehre aus dem Mund der Kommunistischen Partei kommt, dann wissen wir, die Welt ist in Schwierigkeiten &#8230; Ich bin kein Spezialist in der Sache, aber ich habe das Gefu\u0308hl, so la\u0308sst sich die Philosophie unserer Zeit zusammenfassen: Reich werden ist glorios. Dem ha\u0308lt kein Regenwald stand.<\/p>\n\n<p><em>\u00abFu\u0308r das gro\u0308ssere Wohl\u00bb heisst es bei Harry Potter. Dafu\u0308r wollen schwarzen Magier die ganze Welt unterwerfen.<\/em><\/p>\n\n<p>Ich halte nichts vom Konzept der Superbo\u0308sen, welche die Strippen ziehen. Ob bei der Ankurbelung der chinesischen Wirtschaft oder der Zersto\u0308rung des Urwalds im Amazonas \u2014 beidenorts geht es nicht um das Bo\u0308se, sondern um Gier und Dummheit. Ich glaube, die Menschen wissen u\u0308ber diese Mechanismen noch nicht genug. Deshalb schreibe ich Bu\u0308cher. Ich hoffe auf Einsicht. Darauf arbeite ich hin.<\/p>\n\n<p><em>Glauben Sie ernsthaft, dass der Animismus der heutigen rationalen Weltordnung etwas entgegenzustellen hat?<\/em><\/p>\n\n<p>Wenn wir davon ausgehen, dass die Natur bloss eine Ansammlung von Objekten ist, fehlt es uns auf grausame Weise an Lebenssinn. Wenn wir mit der Natur wieder in Verbindung treten wollen, bieten Schamanismus und Animismus gute Mo\u0308glichkeiten. Immerhin fangen wir allma\u0308hlich an zu verstehen, dass wir uns von der Natur abgekoppelt haben und dass das eines unserer gro\u0308ssten Probleme ist. Auch die westlichen Naturwissenschaften zeigen uns auf, wie eng das Schicksal aller Lebensformen \u2014 Menschen, Pflanzen, Tiere \u2014 miteinander verknu\u0308pft ist. Wir mu\u0308ssen uns der Natur wieder anna\u0308hern. Aber ein Humanismus, der nur die menschliche Perspektive ins Zentrum der Welt stellt, wird das nicht hinkriegen.<\/p>\n\n<p><em>Warum nicht?<\/em><\/p>\n\n<p>Ich bin als Humanist im Sinne von Aufkla\u0308rung und Vernunft erzogen und ausgebildet worden. Als mir die Ashaninka zum ersten Mal erza\u0308hlten, dass fu\u0308r sie auch Pflanzen Personen sind, empfand ich Mitleid mit ihnen. Mittlerweile denke ich anders: Wir verdanken dem Humanismus viele spektakula\u0308re Errungenschaften, doch fu\u0308r die Natur waren die 300 Jahre Aufkla\u0308rung und Vernunft ein Ho\u0308llentrip.<\/p>\n\n<p><em>Wir werden Leute wohl bald nicht mehr auslachen, die Ba\u0308ume umarmen. Schliesslich anerkennen sie die Ba\u0308ume als Geschwister.<\/em><\/p>\n\n<p>Das ist gut mo\u0308glich. Nur: Ba\u0308ume zu umarmen hat seine Grenzen. Es mu\u0308sste darum gehen, dass wir die Ba\u0308umein unserem Bewusstsein umarmen und ein ganz neues Versta\u0308ndnisfu\u0308r die Natur entwickeln. Trotz immer gro\u0308sserem Wissen hat es die moderne Gesellschaft bisher nicht geschafft, diese Denkweise zu integrieren.<\/p>\n\n<p><em>Das ko\u0308nnte sich aber bald a\u0308ndern?<\/em><\/p>\n\n<p>Unsere Kultur ist heute so fortgeschritten, dass wir erkennen ko\u0308nnen, dass diese zersto\u0308rerische Denkweise ihre Grenzen hat. Das konnte keine andere Kultur vor uns. Das ist eine Chance. Da ero\u0308ffnet sich unerschlossenes Territorium. Fru\u0308her war es fast undenkbar, dass wir auch nur ein Gespra\u0308ch zu diesem Thema fu\u0308hren. Heute reden wir davon, dass es durchaus sinnvoll ist, Ba\u0308ume zu umarmen. Und vielleicht sogar Grashalme!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was macht die Wildnis aus uns Menschen? 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