{"id":43967,"date":"2014-09-02T07:00:00","date_gmt":"2014-09-02T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=43967"},"modified":"2020-05-16T17:44:16","modified_gmt":"2020-05-16T15:44:16","slug":"die-neue-wildnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/43967\/die-neue-wildnis\/","title":{"rendered":"Die neue Wildnis"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>\u00abPostindustrielle Natur\u00bb \u2013 unter diesem Begriff versteht man Gebiete, aus denen sich der Mensch freiwillig oder unter Zwang zur\u00fcckgezogen hat. Der US-Sciencefiction-Autor und Cyberpunk Bruce Sterling nennt sie \u00abunfreiwillige Parks\u00bb. Unsere Beispiele zeigen, wie Pflanzen und Tiere solche Landstriche zur\u00fcckerobern und wie dabei faszinierende Lebensr\u00e4ume entstehen.<\/strong><\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Verstrahlte Landschaften<\/h2>\n\n<p>Nach der Atomkatastrophe von <strong>Tschernobyl<\/strong> 1986 mussten mehr als 350 000 Menschen umgesiedelt werden. Man errichtete eine Sperrzone, fast so gross wie der Kanton Tessin. Dieses Gebiet haben Wildtiere in Beschlag genommen. Luchse, mehrere hundert W\u00f6lfe, Tausende Wildschweine, Hirsche und Elche sowie seltene Vogelarten wie der Seeadler f\u00fchlen sich hier trotz der radioaktiven Strahlung wohl.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/c5db358e-10b63827dcfe2be5d6efd37932d051a0.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Aussergew\u00f6hnlich viele Seeadler besiedeln die Sperrzone rund um Tschernobyl. In der seit \u00fcber 28 Jahren unber\u00fchrten Landschaft hat sich ein einzigartiges Biotop entwickelt. \u00a9 Sergey P. Gaschak<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Viele Arten waren vorher in der Region ausgestorben und sind nun wieder eingewandert. Zudem wurden Wildpferde und Wisente angesiedelt, die zum Schutz vor Waldbr\u00e4nden das Gras abweiden. Der \u00abunfreiwillige Naturpark\u00bb zieht inzwischen auch Abenteuertouristen an.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/68eb58f7-486e2b0db607ca8d25276d8f8a89e97f.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Apokalyptische Landschaften: Die Vegetation rund um Tschernobyl erobert sich ihren Platz zur\u00fcck. \u00a9 Ruben Solaz<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Zu einem Refugium f\u00fcr die Tier- und Pflanzenwelt ist auch die 3560 Quadratkilometer grosse <strong>Nevada National Security Site<\/strong> geworden. Hier testeten die Amerikaner bis 1992 Atombomben. Das Gebiet wird weiterhin von den Beh\u00f6rden kontrolliert und kann nur auf gef\u00fchrten Touren besucht werden.<\/p>\n\n<p>Den folgenreichsten Test f\u00fchrten die USA 1954 auf dem Bikini-Atoll im Pazifik durch: Die \u00abCastle Bravo\u00bb-Wasserstoffbombe war tausendfach st\u00e4rker als die Hiroshima-Bombe. Vorsorglich waren die Bewohner des Atolls zuvor auf andere Inseln umgesiedelt worden. Wegen der Strahlung konnten sie bis heute nicht in ihre Heimat zur\u00fcckkehren. 2010 wurde das <strong>Bikini-Atoll<\/strong> in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen. Unterdessen gilt es wegen seiner unber\u00fchrten Unterwasserwelt als Geheimtipp f\u00fcr Taucher.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/0e3fe5ac-1ddea7853cdad2e5f5387cd0d16dad56.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Bikini-Atoll: Eine einzigartige Unterwasserwelt hat sich auf dem zur\u00fcckgelassenen Milit\u00e4rschrott entwickelt und lockt nicht nur Fische, sondern auch Taucher an. \u00a9 Reinhard Dirscherl\/SeaPics.com<\/figcaption><\/figure>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Entmilitarisierte Gebiete<\/h2>\n\n<p>Die <strong>Demilitarisierte Zone<\/strong> (DMZ) zwischen Nord- und S\u00fcdkorea ist etwa vier Kilometer breit und zieht sich entlang des 38. Breitengrades \u00fcber 250 Kilometer durch die gesamte Halbinsel. Seit dem Waffenstillstandsabkommen, das 1953 den Koreakrieg beendete, wird die Zone auf beiden Seiten milit\u00e4risch bewacht. In diesem Niemandsland voller Minen und Blindg\u00e4nger k\u00f6nnen seltene Zugv\u00f6gel wie der Mandschurenkranich oder der Weissnackenkranich ungest\u00f6rt \u00fcberwintern. Hier leben auch Amurleoparden, Kragenb\u00e4ren und zahlreiche weitere gef\u00e4hrdete Arten. Der Plan, die Zone in ein Unesco-Reservat zu verwandeln, ist bisher am Widerstand von Nordkorea gescheitert. Solange die Spannungen zwischen den beiden Nachbarn anhalten, braucht die Natur in der DMZ aber keinen besonderen Schutz. Erst der Frieden mit Begleiterscheinungen wie Strassenbau und wirtschaftlicher Entwicklung w\u00fcrde f\u00fcr diese neue Wildnis zum Problem.<\/p>\n\n<p>In Europa hat sich der ehemalige <strong>eiserne Vorhang<\/strong> aus dem kalten Krieg in ein gr\u00fcnes Band verwandelt. Es schl\u00e4ngelt sich \u00fcber 12 500 Kilometer von der Barentsee \u00fcber die baltische K\u00fcste, durch Deutschland und den Balkan bis ans Schwarze Meer. Wo fr\u00fcher auf Fl\u00fcchtlinge geschossen wurde, haben seltene Tier- und Pflanzenarten einen R\u00fcckzugsort gefunden. Seit dem Mauerfall sind mit Hilfe der europ\u00e4ischen Greenbelt-Initiative in verschiedenen Abschnitten Schutzgebiete errichtet worden.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/d761c627-6099586f52d636e87508043e520a9b0b.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Weissnackenkraniche bei der Futtersuche in der demilitarisierten Zone auf s\u00fcdkoreanischem Boden. \u00a9 BY RYU SEUNG- IL \/ Polaris\u2009\/ DUKAS<\/figcaption><\/figure>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ruhrgebiet und Lausitz<\/h2>\n\n<p>Der Niedergang der Schwerindustrie hat im <strong>Ruhrgebiet<\/strong> rund 10 000 Hektaren Brachland hinterlassen. Ein Teil wird f\u00fcr neue Zwecke verwendet, doch viele ehemalige Fabriken und Kohleminen sind inzwischen von Pflanzen \u00fcberwuchert und bieten Raum f\u00fcr gef\u00e4hrdete Arten. Die neue Wildnis erklimmt Schlackenberge und rostende Industrieanlagen mitten in einer der am dichtesten besiedelten Regionen Europas. Das Forstamt hat einige Flecken unter dem Label \u00abIndustriewald Ruhrgebiet\u00bb f\u00fcr Schulen und andere Interessierte erschlossen.<\/p>\n\n<p>\u00c4hnliches spielt sich seit dem Fall der Mauer auch im Osten Deutschlands ab. Eine \u00abMondlandschaft\u00bb aus 32 stillgelegten Braunkohle-Tagebauminen auf fast 1000 Quadratkilometern Fl\u00e4che wurde renaturiert. Dazu kommen weitfl\u00e4chige Industrieanlagen und Truppen\u00fcbungspl\u00e4tze, die nicht mehr ben\u00f6tigt werden. In die <strong>Lausitz<\/strong>, ein Zentrum der Schwerindustrie der ehemaligen DDR, sind W\u00f6lfe aus Polen eingewandert und dort heimisch geworden. Es ist kein Zufall, dass etliche der aktuell 15 Kernsiedlungsgebiete f\u00fcr W\u00f6lfe in Deutschland Namen wie Tagebau Seese, Welzower Tagebau oder Truppen\u00fcbungsplatz Oberlausitz tragen.<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">K\u00fcnstliches Land<\/h2>\n\n<p>Vor der K\u00fcste von <strong>Buenos Aires <\/strong>wurde ab 1978 nach holl\u00e4ndischem Vorbild Bauschutt ins Meer gekippt, um Land zu gewinnen. Eigentlich h\u00e4tte dieses Land \u00fcberbaut werden sollen, doch die Pl\u00e4ne wurden aus Spargr\u00fcnden sistiert und die aufgesch\u00fcttete Fl\u00e4che verwilderte. 1986 zum Naturschutzgebiet erkl\u00e4rt, ist die Costanera Sur heute ein Paradies f\u00fcr seltene Vogelarten und die wichtigste gr\u00fcne Lunge der Millionenstadt.<\/p>\n\n<p>Nicht weit von Amsterdam entfernt liegt <strong>Oostvaardersplassen<\/strong>, mit 60 Quadratkilometern Fl\u00e4che eines der bedeutendsten gesch\u00fctzten Feuchtgebiete Europas. Bis in die sechziger Jahre lag der Landstrich unter dem Meeresspiegel. Erst der Bau eines grossen Deichs und die Trockenlegung des dahinter liegenden Bodens erm\u00f6glichten die schrittweise Ansiedlung von Wildtieren. Menschen ist der Zutritt strengstens verboten. In der Oostvaardersplassen leben heute 1200 wilde Konikpferde, Hirsche und eine Vielzahl von Zugv\u00f6geln.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/579505fc-67f16358a76fccf16c02da8a1206ea3a.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Oostvaardersplassen gilt als eine der unber\u00fchrtesten Naturlandschaften Europas. \u00a9 Martijn de Jonge<\/figcaption><\/figure>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Detroit<\/h2>\n\n<p>In der weltweit f\u00fchrenden Industriestadt, lebten in den 50er Jahren noch fast zwei Millionen Menschen. Heute ist die Bev\u00f6lkerung auf die H\u00e4lfte geschrumpft. Mehr als 90 000 Grundst\u00fccke sollen ungenutzt sein. Das ist eine Chance f\u00fcr die Natur, denn nun will ein \u00f6sterreichischer Landwirt mit Feldern und Parks eine Fl\u00e4che in der Gr\u00f6sse Wiens begr\u00fcnen. Wo heute urbanes \u00d6dland ist, k\u00f6nnten in ein paar Jahren Obstb\u00e4ume bl\u00fchen und Gem\u00fcsefelder stehen.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/134e3ba5-d51e7935e975fc5594ee7a666e4c2f24.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Was von der Autostadt Detroit \u00fcbrig geblieben ist: Industriebrachen und Ruinen. \u00a9 DETROITURBEX.COM<\/figcaption><\/figure>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Klimaverw\u00fcstungen<\/h2>\n\n<p>Wie sich der globale Klimawandel auswirken wird, l\u00e4sst sich erst erahnen. Unbestritten steigt das Risiko von Naturkatastrophen, \u00dcberschwemmungen, Felsst\u00fcrzen und Erdrutschen. Mit baulichen Massnahmen lassen sich solche Gefahren zwar einigermassen in den Griff bekommen, doch kostet dies sehr viel Geld. Gewisse Risikoregionen zu sperren, ist oft g\u00fcnstiger, als an ihrer Nutzung festzuhalten. So plant etwa die holl\u00e4ndische Regierung, gr\u00f6ssere \u00dcberschwemmungsgebiete ganz der Natur zu \u00fcberlassen.<\/p>\n\n<p>Der pazifische Inselstaat <strong>Kiribati<\/strong> mit seinen 100 000 Einwohnern auf 21 Inseln k\u00f6nnte schon bald unbewohnbar werden. Einige Inseln wurden bereits ger\u00e4umt. Der h\u00f6chste Punkt von Kiribati liegt nur drei Meter \u00fcber dem Meeresspiegel. Das Land hat zu wenig Geld, um die heftiger werdenden Sturmfluten mit neuen D\u00e4mmen aufzuhalten. Und der futuristische Plan, schwimmende Inseln zu bauen, k\u00e4me nur einem kleinen Teil der Bev\u00f6lkerung zugute. Pr\u00e4sident Anote Tong verhandelt derzeit mit Fidschi, Neuseeland und Australien \u00fcber m\u00f6gliche Umsiedlungen.<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein untersch\u00e4tztes Ph\u00e4nomen<\/h2>\n\n<p>Eine klare Definition, ab wann ein der Natur \u00fcberlassenes Gebiet als \u00abneue Wildnis\u00bb gilt, gibt es nicht. Auch finden sich kaum Daten \u00fcber die Verbreitung und die \u00f6kologische Qualit\u00e4t solcher Landstriche. Umweltorganisationen k\u00fcmmern sich mehr um den Schutz intakter \u00d6kosysteme als um verlassene Industriebrachen mit Naturpark-Potenzial. Die Bedeutung des Ph\u00e4nomens \u00abNeue Wildnis\u00bb d\u00fcrfte in den n\u00e4chsten Jahren im Hinblick auf die Folgen des Klimawandels aber zunehmen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00abPostindustrielle Natur\u00bb \u2013 unter diesem Begriff versteht man Gebiete, aus denen sich der Mensch freiwillig oder unter Zwang zur\u00fcckgezogen hat. 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