{"id":43983,"date":"2014-09-11T07:00:00","date_gmt":"2014-09-11T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=43983"},"modified":"2020-05-16T18:00:31","modified_gmt":"2020-05-16T16:00:31","slug":"homo-lupo-lupus-der-mensch-ist-dem-wolf-eine-bestie-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/43983\/homo-lupo-lupus-der-mensch-ist-dem-wolf-eine-bestie-2\/","title":{"rendered":"Homo Lupo Lupus \u2013 der Mensch ist dem Wolf eine Bestie*"},"content":{"rendered":"\n<p>Sie ist kaum noch aufzuhalten, die R\u00fcckkehr der W\u00f6lfe in unsere Welt. Ausgerottet wurden sie in der Schweiz, in Deutschland, Italien, Frankreich und in vielen anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern Ende des 19. Jahrhunderts. Doch wie steht es nun, nach einem Jahrhundert ohne sie, um unser Verh\u00e4ltnis zu diesen Wildtieren?<\/p>\n\n<p><span class=\"dropcap\">H<\/span>omo sapiens sapiens und Canis lupus verbindet eine uralte, f\u00fcr den Wolf oft unerfreuliche Geschichte. In der Mythologie, in M\u00e4rchen, Fabeln, Gleichnissen und Sprichw\u00f6rtern spielt der Wolf eine herausragende Rolle. Dabei reicht die Bandbreite seines Ansehens von Verehrung bis Verdammung. Die Gestalt(en), die er in diesen alten \u00dcberlieferungen angenommen hat, haben sich oft weit vom realen Tier entfernt.<\/p>\n\n<p>Der Wolf war f\u00fcr Viehz\u00fcchter und andere Tierhalter eine Bedrohung; es galt, ihn von den Herden fernzuhalten und zu t\u00f6ten. Zur Hatz riefen vor allem jene, f\u00fcr die er im Wald ein Konkurrent war: Burgherren, die nicht duldeten, dass ihnen jemand in die Quere kam, und seien es auch nur die Hofhunde der Bauern. Liest man in historischen Aufzeichnungen, wie bei den Gelagen des Adels geprasst wurde, wird klar, dass f\u00fcr das gemeine Volk nicht mehr viel \u00fcbrig blieb.<\/p>\n\n<p>Unter Karl dem Grossen gab es Wolfsbeauftragte. Das waren privilegierte Hofbeamte, die nicht etwa f\u00fcr den Schutz der W\u00f6lfe zust\u00e4ndig waren, sondern f\u00fcr die Hatz. Um den Wolf zu verunglimpfen, wurden tats\u00e4chliche Begebenheiten aufgebauscht und Schauergeschichten kolportiert wie jene vom Rotk\u00e4ppchen oder die vom b\u00f6sen, die kleinen Geisslein verschlingenden Ungeheuer. Der Wolf wurde in Gruben gefangen und mit Tellereisen, Wolfsangeln, Gift und andern perfiden Methoden gnadenlos zur Strecke gebracht.<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Kontroverses Bild<\/h2>\n\n<p>Der Hass auf ihn war so gross, dass er zum Urbild f\u00fcr Wildheit, Wildnis und Bedrohung wurde \u2014 ein beutegreifender Schmarotzer und Zivilisationssch\u00e4dling, Sinnbild des Hobbes\u2019schen Naturzustands, in dem \u2014 homo homini lupus * \u2014 der Mensch des Menschen Wolf ist, ein der Natur zugeschlagener Hilfsleibhaftiger, dem der Garaus gemacht werden musste, schliess-lich symbolisch in Dienst genommen von Str\u00f6mungen unterschiedlicher politischer Couleur: So liest sich sein kulturhistorischer Steckbrief.<\/p>\n\n<p>Lange Zeit hatte der Wolf keine Chance auf Rehabilitierung. Seit er wieder da ist, wird das Zerrbild zumindest teilweise korrigiert. Es dauerte, bis der Wolf, nunmehr im freien Feld und ohne Jagddruck lebend, zum Gegenstand echter Forschung wurde \u2014 mit der Folge, dass lange Zeit unbestrittene verhaltenswissenschaftliche \u00abErkenntnisse\u00bb bez\u00fcglich Rudelgr\u00f6sse, Dominanz und Beutemacherei nachgebessert werden m\u00fcssen.<\/p>\n\n<p>Auch wenn er sich nur zaghaft und unter strenger Kontrolle ausbreitet, polarisiert der Wolf fast \u00fcberall. Nach wie vor gilt er vielen als Inkarnation des B\u00f6sen und als Kinderfresser; seine Wiederansiedlung wird mit Bedenken bis hin zur totalen Ablehnung begleitet \u2014 er geh\u00f6re einfach nicht in unsere dicht besiedelte Welt, heisst es. Andere begr\u00fcssen ihn mit Wohlwollen, ja Begeisterung. F\u00fcr sie bereichert dieses \u00abTier der Superlative\u00bb die heimatliche Fauna. Die Beh\u00f6rden sorgen daf\u00fcr, dass sich das Konfliktpotenzial zwischen Nutztierhaltern und W\u00f6lfen in Grenzen h\u00e4lt, indem sie f\u00fcr die Tiere zahlen, die der Wolf gerissen hat. Man errichtet Schutzz\u00e4une und f\u00f6rdert die Haltung von Herdenschutzhunden. Erbost und entsetzt sind Tierbesitzer gleichwohl, wenn der Wolf n\u00e4chtens kommt. Und wenn er erfolgreich jagt, ruft das nicht selten Emp\u00f6rung hervor \u2014 auch wenn Teile der J\u00e4gerschaft seine Ausbreitung inzwischen gelassener sehen.<\/p>\n\n<p>Worin gr\u00fcndet das neu erwachte Interesse am Wolf? Was bringt Menschen dazu, sich Tattoos von Wolfsk\u00f6pfen und -pfoten in die Haut ritzen zu lassen und Shirts mit Wolfsbildern zu tragen? Ger\u00e4t der Wolf erneut in eine Falle, indem man ihn zu einem \u00fcberfrachteten Symbol f\u00fcr Freiheit und Abenteuer sowie Naturverbundenheit macht? Wird er einmal mehr, wenn auch mit guten Absichten, mythologisiert und vereinnahmt?<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/0aee0902-270d4746b4ac590773c6644aeeb0e4c3.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Wolf (Canis Lupus). \u00a9 Biosphoto \/ Egon Boemsch \/ Imagebroker<\/figcaption><\/figure>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Auf den F\u00e4hrten des Wolfes<\/h2>\n\n<p>Die Art und Weise, wie der Mensch neuerdings auf den Wolf zugeht, kann interpretiert werden als Versuch zur Vers\u00f6hnung von Natur und Zivilisation \u2014 oder als Abbitte des Menschen gegen\u00fcber der jahrhundertelang verfolgten und gequ\u00e4lten Kreatur. In beiden F\u00e4llen geht es um \u00f6kologische und politische Korrektheit, um die Arbeit am Mythos, um die Wahrheit und um die Vollendung der Aufkl\u00e4rung. Ist es paradoxe Ironie, dass erst unter den Bedingungen der fortgeschrittenen Zivilisation die Menschen allm\u00e4hlich den Zugang zu diesen Tieren finden, der ihnen fr\u00fcher stets verwehrt war?<\/p>\n\n<p>Im Zuge dieses Hypes gen\u00fcgt es manchen nicht, bei \u00abHeulexkursionen\u00bb oder \u00abVollmond-Wolfsn\u00e4chten\u00bb in Wildparks zu W\u00f6lfen gef\u00fchrt zu werden, die man von klein auf an Menschen gew\u00f6hnt hat. Sie wollen in der echten Wildnis ihren F\u00e4hrten folgen und sie sozusagen im Urzustand erleben. M\u00f6glichkeiten dazu gibt es auf organisierten Reisen, auf Wanderungen und Spurensuchen in Wolfsrevieren, etwa im Yellowstone-Nationalpark, in den italienischen Abruzzen, in den tschechischen, slowakischen und polnischen Karpaten und sogar im wolfsarmen, elchreichen Schweden.<\/p>\n\n<p>Wie nah man ihm auch kommt: Zum Kuscheltier wird der Wolf noch lange nicht. Es handelt sich bei ihm immer noch um ein Naturwesen und nicht um einen zivilisierten Gesellen, auch wenn sich in Teilen Europas Anpassungsprozesse vollziehen, die dazu f\u00fchren, dass der Wolf beginnt, sich urbane Gebiete zu erschliessen, beispielsweise in Rum\u00e4nien. Aber selbst dort, wo der Wolf unter Schutz gestellt wurde \u2014 das ist in fast allen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern mit Einschr\u00e4nkungen der Fall \u2014 scheinen sich die Best\u00e4nde nur unmerklich zu erholen. In der Schweiz leben weiterhin etwa 25 Tiere, in Deutschland gibt es etwa 24 Rudel oder Paare, ebenso in Polen. Auf der Iberischen Halbinsel geht man von einer Population von mehr als 2400 W\u00f6lfen aus. Aus s\u00fcdost- und osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern liegen kaum gesicherte Daten vor; in Slowenien sollen es 40, in Mazedonien 260, in Kroatien 200, in Serbien 800 Tiere sein.<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Jagd auf den Wolf boomt<\/h2>\n\n<p>Wie sieht die Zukunft des Wolfs aus? Eher d\u00fcster. Die sowieso schon kleinen Rudel sind bedroht durch Inzucht, die genetische Vermischung mit dem allgegenw\u00e4rtigen Haushund, t\u00f6dliche Zusammenst\u00f6sse mit Autos sowie Krankheiten, von denen vor allem Welpen betroffen sind. In wolfsreiche Gebiete lassen sich nicht nur Beobachtungs-, sondern auch Jagdreisen buchen. In Mazedonien kann ein Wolf f\u00fcr 3000 Euro erlegt werden, wobei \u00abKrankschiessen\u00bb \u2014 das Tier mit einem Schuss nur verwunden \u2014 als Abschuss gilt. In manchen Gegenden wird mehr oder weniger offen zur illegalen Jagd aufgerufen.<\/p>\n\n<p>Die Tiere haben also immer noch gute Gr\u00fcnde, sich zu verstecken. Mag f\u00fcr viele Menschen das Aufsp\u00fcren eines Wolfs ein grosses Erlebnis sein, so gilt f\u00fcr das Tier sinngem\u00e4ss, was Georg Christoph Lichtenberg \u00fcber Amerikas Ureinwohner anmerkte, als Kolumbus landete: \u00abDer Wolf, der die Spur des Menschen entdeckt, macht eine furchtbare Entdeckung.\u00bb<\/p>\n\n<p>* <strong>Der Mensch ist dem Wolf eine Bestie<\/strong>. Eigentlich Homo homini lupus \u00abDer Mensch ist dem Menschen ein Wolf\u00bb des r\u00f6mischen Dichters Plautus. Der Spruch hat es dank des Philosophen Thomas Hobbes in unser politisches Vokabular geschafft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie ist kaum noch aufzuhalten, die R\u00fcckkehr der W\u00f6lfe in unsere Welt. Ausgerottet wurden sie in der Schweiz, in Deutschland, Italien, Frankreich und in vielen anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern Ende des 19. 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