{"id":44011,"date":"2014-11-11T07:00:00","date_gmt":"2014-11-11T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=44011"},"modified":"2020-05-17T12:13:47","modified_gmt":"2020-05-17T10:13:47","slug":"die-wildlinge-des-waldes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/44011\/die-wildlinge-des-waldes\/","title":{"rendered":"Die Wildlinge des Waldes"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Pilze sind Wildnis in Reinkultur \u2013 sie lassen sich nicht z\u00fcchten. F\u00fcr das \u00d6kosystem Wald, ja f\u00fcr das Leben auf dem Festland \u00fcberhaupt sind sie aber unentbehrlich. Eine Hommage an den Pilz.<\/strong><\/p>\n\n<p><span class=\"dropcap\">P<\/span>ilze sind ungew\u00f6hnliche Gesch\u00f6pfe. In ihrer Sesshaftigkeit gleichen sie den Pflanzen, in ihrer Ern\u00e4hrungsweise den Tieren, in ihrer Allgegenwart den Bakterien. In Wahrheit geh\u00f6ren sie zu keiner dieser drei Gruppen, sondern bilden ein eigenes Reich.<\/p>\n\n<p>Pilze sind unberechenbare Wesen. Der Boden ist voll von ihnen \u2014 und auch die Luft: Mit jedem Atemzug atmen wir bis zu zehn Pilzsporen ein. Doch auf dem Waldboden herrscht manchmal, zum Leidwesen des Sammlers, monatelang Ebbe. Dann wieder erscheinen die Pilze pl\u00f6tzlich \u00fcber Nacht und in Scharen. Wachstumsprognosen sind unm\u00f6glich. W\u00e4rme, Regen, Sonnenflecken, Mondphasen: Jeder Pilzler schw\u00f6rt auf seine eigene Vorhersagemethode \u2014 und f\u00e4llt doch regelm\u00e4ssig auf die Nase. Darum kommen auch erfahrene Sammler manchmal mit leerem Korb zur\u00fcck.<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u00abPilzsucher sind die letzten Abenteurer der Menschheit\u00bb<\/h2>\n\n<p>Pilze sind unz\u00e4hmbare Gesellen. W\u00e4hrend der Mensch sonst l\u00e4ngst alles, was auf Erden kreucht und fleucht, f\u00fcr seine Zwecke adaptiert hat, widersetzen sie sich hartn\u00e4ckig jeglicher Domestizierung. Gewiss, es gibt die Zuchtchampignons, es gibt Austernpilze und Shiitake \u2014 aber bei den meisten anderen Arten sind Z\u00fcchtungsversuche bisher kl\u00e4glich gescheitert. Pilze lassen sich nicht b\u00e4ndigen. Wer Pilze will, muss in den Wald.<\/p>\n\n<p>Deswegen bezeichnet sie Peter Handke in seinem \u00abVersuch \u00fcber den Pilznarren\u00bb auch als \u00abletzte Wildnis\u00bb: Im Reich der Pilze sei \u00abnoch ein Zipfel Wildnis zu entdecken\u00bb, den es woanders l\u00e4ngst nicht mehr gebe, \u00abweder in Alaska noch sonst wo\u00bb, und wom\u00f6glich seien die Pilzsucher deshalb \u00abdie letzten Abenteurer der Menschheit\u00bb. Tats\u00e4chlich hat es etwas Urzeitliches, wenn sich gew\u00f6hnliche Beamte oder Bankangestellte nach Feierabend in eine Art J\u00e4ger mit K\u00f6rbchen verwandeln, sich ohne R\u00fccksicht auf Verluste durch T\u00e4nnchen und Gestr\u00fcpp schlagen, sich hurtig verstecken, wenn ein Konkurrent auftaucht, und in Jubelschreie ausbrechen, wenn sie auf einen besonders stattlichen Steinpilz stossen. Vermutlich wird das Pilzesammeln seit Jahrtausenden, ja seit Jahrzehntausenden unver\u00e4ndert so betrieben. Wo sonst in unserer zivilisierten Welt k\u00f6nnen wir uns unseren Vorfahren noch so nahe f\u00fchlen?<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der eigentliche Pilz lebt unter der Erde<\/h2>\n\n<p>Dass Pilze nur in der Wildnis spriessen, h\u00e4ngt mit ihrer besonderen Lebensweise zusammen. Etwa ein Drittel unserer Waldpilze, rund 2000 Arten, sind auf eine enge Symbiose mit B\u00e4umen angewiesen. Dazu geh\u00f6ren viele der beliebtesten Speisepilze, etwa Steinpilz und Eierschwamm, aber auch giftige Arten wie der Fliegenpilz und der Knollenbl\u00e4tterpilz. F\u00fcr Pilze ist die Kooperation \u00fcberlebenswichtig: Der Baum liefert ihnen den Zucker, den sie selber nicht herstellen k\u00f6nnen (darin \u00e4hneln sie den Tieren). Darum n\u00fctzt es nichts, bei sich im Garten ein paar Pilzsporen zu verstreuen: Es wird nichts wachsen. Wenn schon, m\u00fcsste man gleich ein St\u00fcck Wald nach Hause tragen.<\/p>\n\n<p>Die Details der Zusammenarbeit zwischen Pilz und Baum sind hochinteressant. Was wir gemeinhin als Pilz bezeichnen, ist nur der Fruchtk\u00f6rper, der dann und wann in die H\u00f6he spriesst \u2014 der eigentliche Pilz lebt unter der Erde und bildet dort ein feines Fadengeflecht. Die Pilzf\u00e4den ummanteln oder durchdringen dabei die Wurzeln der B\u00e4ume \u2014 so kommen die beiden Lebewesen in Kontakt.<\/p>\n\n<p>Symbiose bedeutet Geben und Nehmen. Der Pilz bekommt vom Baum sein Futter \u2014 und gibt sehr viel zur\u00fcck. Zum Beispiel N\u00e4hrstoffe wie Stickstoff oder Phosphor, die er mit seinen F\u00e4den noch in kleinsten Mengen aufst\u00f6bern und aufnehmen kann. Desgleichen Wasser, was es dem Baum erm\u00f6glicht, an Orten zu wachsen, die ihm sonst zu trocken w\u00e4ren. \u00dcberdies produzieren manche Pilze Frostschutzmittel und Antibiotika, von denen dann auch die B\u00e4ume profitieren. So haben etwa Forscher der ETH Z\u00fcrich k\u00fcrzlich in einem Wurzelpilz der Rottanne ein Gift entdeckt, das f\u00fcr Fadenw\u00fcrmer t\u00f6d-lich ist. Der Pilz sch\u00fctzt damit nicht nur sich selber vor dem Parasiten, sondern auch den Baum.<\/p>\n\n<p>Die Leibw\u00e4chterfunktion geht aber noch weiter: Der Pilz h\u00e4lt dem Baum auch giftige Schwermetalle wie Blei, Cadmium oder Quecksilber vom Leibe. Ihm selber machen diese nicht abbaubaren Stoffe erstaunlicherweise nichts aus \u2014 er reichert sie in seinen Fruchtk\u00f6rpern an, was ungesunde Folgen f\u00fcr den Sammler haben kann. Ein besonderes Problem sind die Maronenr\u00f6hrlinge, die nach Tschernobyl bevorzugt radioaktives C\u00e4sium speicherten. Vor allem im Tessin liegen die C\u00e4siumgehalte dieser Pilze (und auch der pilzliebenden Wildschweine) teilweise heute noch \u00fcber dem Grenzwert.<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Partnerschaft zwischen Baum und Pilz<\/h2>\n\n<p>Eine zweite, ebenso grosse Gruppe von Pilzen lebt nicht symbiotisch mit B\u00e4umen, sondern ern\u00e4hrt sich von organischem Material: Sie zersetzen Bl\u00e4tter, Nadeln und totes Holz und erhalten so den N\u00e4hrstoffkreislauf. Zuchtpilze wie die Champignons geh\u00f6ren zu diesem Typus, aber noch sehr viele andere: Auf einem einzigen Baumstamm hat man in Schweden 398 Pilzarten gefunden! Gleichzeitig schaffen die Pilze durch den Abbauprozess Lebensraum f\u00fcr unz\u00e4hlige spezialisierte Insekten und Kleintiere. Damit diese Vielfalt erhalten bleibt, braucht es gen\u00fcgend Totholz \u2014 ein Problem im traditionell \u00fcberaufger\u00e4umten Schweizer Wald. Immerhin hat sich der Totholzanteil pro Quadratkilometer Wald in den letzten Jahren verdoppelt. Er liegt aber immer noch f\u00fcnfmal tiefer als in einem Naturwald.<\/p>\n\n<p>Pilze k\u00f6nnen ohne den Wald nicht leben. K\u00f6nnte aber der Wald ohne Pilze existieren? Klar ist: Pilze erbringen ungemein wichtige \u00d6kosystem-Dienstleistungen. Gleichwohl ist ein Wald ohne Totholzpilze denkbar. In den fr\u00fchesten W\u00e4ldern der Erde gab es diese Pilzgattung noch nicht \u2014 mit der Folge, dass sich manche Baumst\u00e4mme nicht zersetzten, sondern zu Kohle wurden.<\/p>\n\n<p><span class=\"pull-right\">\u00abAuf einem einzigen Baumstamm hat man in Schweden 398 Pilzarten gefunden.\u00bb<\/span>Viel wichtiger f\u00fcr das \u00d6kosystem sind offenbar die Wurzelpilze. Die Spezialisten der Eidgen\u00f6ssischen Forschungsanstalt f\u00fcr Wald, Schnee und Landschaft (WSL) bezeichnen sie als \u00ablebensnotwendig\u00bb f\u00fcr die Waldb\u00e4ume. Es spricht f\u00fcr sich, dass sage und schreibe 80 Prozent der Pflanzen der Welt (und ausnahmslos alle B\u00e4ume der Schweiz) in Symbiose mit einem Pilz leben: Ohne Not w\u00fcrden sie diese Partnerschaft bestimmt nicht eingehen. Fossilienfunde belegen, dass diese Form der Kooperation seit Urzeiten existiert.<\/p>\n\n<p>Wom\u00f6glich machten die Pilze mit ihrer F\u00e4higkeit, N\u00e4hrstoffe anzuzapfen, die einst kargen Kontinente \u00fcberhaupt erst bewohnbar. Dieser Meinung ist jedenfalls der grosse Biologe Edward O. Wilson. In seinem Buch \u00abDer Wert der Vielfalt\u00bb schreibt er: \u00abOhne die Partnerschaft Pflanze-Pilz h\u00e4tte die Besiedlung des Festlandes durch h\u00f6here Pflanzen und Tiere vor 450 bis 400 Millionen Jahren wahrscheinlich gar nicht stattgefunden.\u00bb<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pilze sind Wildnis in Reinkultur \u2013 sie lassen sich nicht z\u00fcchten. F\u00fcr das \u00d6kosystem Wald, ja f\u00fcr das Leben auf dem Festland \u00fcberhaupt sind sie aber unentbehrlich. 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