{"id":44013,"date":"2014-11-27T07:00:00","date_gmt":"2014-11-27T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=44013"},"modified":"2020-05-17T12:16:41","modified_gmt":"2020-05-17T10:16:41","slug":"adrenalinschuebe-auf-dem-kanapee","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/44013\/adrenalinschuebe-auf-dem-kanapee\/","title":{"rendered":"Adrenalinsch\u00fcbe auf dem Kanapee"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Dschungel in HD: Unser Kolumnist auf Safari durch die TV-Kan\u00e4le.<\/strong><\/p>\n\n<p><span class=\"dropcap\">D<\/span>rastik jeder Pr\u00e4gung dr\u00fcckte man mir aufs Auge, ein Sammelsurium des Abwegigsten, und in alles war die gleiche unterschwellige Botschaft verpackt: Pass auf, Mensch, die Welt ist t\u00fcckisch, brutal und vernichtend in den paar Gegenden, die noch naturbelassen sind. Zwei Wochen lang sah ich mich auf Feldforschung vor der Glotze mit beissw\u00fctigen Schlangen, t\u00fcckischen Haien und gigantischen Schw\u00e4rmen von Killerbienen konfrontiert, einem Bestiarium des Schreckens, zu dem mir Kommentatoren jeden Negativ-Superlativ lieferten. Programmiert war unter anderem auch Semiwissenschaftliches \u00fcber \u00abFluss-Monster\u00bb, \u00fcber Riesenwelse \u00abmit m\u00f6rderischem Ruf\u00bb, in der eine Liste verdeutlichte, wie viele Leichenteile man durch die Jahrhunderte in den \u00aboft als Menschenfresser dargestellten\u00bb Tieren gefunden haben will. Im Gruseldrama \u00abThey Nest\u00bb futterten Myriaden von afrikanischen Kakerlaken ganze Dorfbev\u00f6lkerungen und im nur leicht seri\u00f6seren Dokfilm \u00abHorror auf acht Beinen\u00bb erfuhr ich nicht viel mehr als dass die australische Sydney-Trichternetzspinne einem in 15 Minuten den Garaus macht. Eltern, die ihre Kinder nur schon wegen Fuchsbandw\u00fcrmern und Zecken nicht mehr ins Freie lassen, w\u00fcrden nach dieser geballten Ladung Tod und Verderbnis zusammenbrechen.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/d68cae88-375c09b3c70167d8515b110bba407a15.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>\u00a9 Manu Hophan<\/figcaption><\/figure>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Inszenierte Gefahren<\/h2>\n\n<p>Der urbanisierte Mensch redet zwar von seinem \u00abStadtdschungel\u00bb, aber wie die Natur wirklich sein kann, \u00abdavon hat er immer weniger Ahnung\u00bb, sagt der deutsche Natursoziologe Rainer Br\u00e4mer. Eine Mitschuld daran tr\u00e4gt f\u00fcr ihn durchaus das Fernsehen, welches \u00abdie Realit\u00e4t versimpelt und die Wahrnehmungsf\u00e4higkeit verk\u00fcmmern l\u00e4sst\u00bb. Lange Zeit habe auf vielen Sendern das \u00abBambi-Syndrom\u00bb grassiert, das zu niedlichen bis kitschigen Betrachtungen von Pflanzen, Tieren und Landschaften f\u00fchrte, und heute setze man eben auf den schnellen Kick, auf brachiale Dramatik. \u00abEine differenzierte Wahrnehmung der Umwelt scheint es kaum mehr zu geben.\u00bb Nicht zuletzt deshalb, weil die Lust auf eigene Streifz\u00fcge abnimmt. \u00abIm Convenience-Zeitalter muss alles bequem erfahrbar sein. Und mittlerweile l\u00e4sst sich ja fast jedes Bed\u00fcrfnis elektronisch abdecken.\u00bb<\/p>\n\n<p>Die Frage ist bloss: Sind inszenierte Gefahren ein Bed\u00fcrfnis? Ein Marginalsender wie DMax, der sich grossspurig \u00abFactual Entertainment Channel for Men\u00bb nennt, scheint davon \u00fcberzeugt zu sein. Die Macher lassen Bear Grylls, einst Mitglied einer britischen milit\u00e4rischen Spezialeinheit, wie irr und \u00abAusgesetzt in der Wildnis\u00bb in Alaska herumhecheln, wo er sich nach einer Lawine, m\u00e4chtig Eisregen und einem Schneesturm mit Zitaten wie \u00abDrei t\u00f6dliche Gefahren habe ich schon \u00fcberlebt\u00bb br\u00fcsten darf. Mitunter h\u00e4lt er sein blutig geschundenes Gesicht vor die Kamera und liefert den Merksatz: \u00abIn der Natur hat man nie alles unter Kontrolle.\u00bb Auf Pro7 zeigt man die Maschinen der \u00abIce Pilots\u00bb vorzugsweise in Blizzards und mit dem Hinweis: \u00abDer schlimmste Alptraum wird fast zur Realit\u00e4t.\u00bb Und der Sender N24 versucht mit reisserischen Drehs wie \u00abSOS! Todesangst auf hoher See\u00bb Wellen von archaischen \u00c4ngsten zu bewirken. Beim normalerweise dezenten Anbieter Arte schliesslich bringt ein Vulkan wie der Masaya in Nicaragua \u00abimmer Tod und Verw\u00fcstung\u00bb, weil er \u00abeine ungeheure Zerst\u00f6rungskraft hat\u00bb.<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Den Kindern die Natur n\u00e4herbringen<\/h2>\n\n<p>\u00dcberdrehte Action, als Naturkunde ausgegeben \u2014 das kennt man seit dem tolldreisten Australier Steve Irvin, der in der Dok-Reihe \u00abThe Crocodile Hunter\u00bb mit giftigen Ottern spielte, mit seinem Kind auf dem Arm absichtlich Krokodile in Rage brachte und schliesslich vom Stachel eines Mantas t\u00f6dlich ins Herz getroffen wurde. Jedermann weiss seither, was einen umbringt in exotischer Natur, aber kaum ein Kind weiss umfassend, was in seiner N\u00e4he kreucht und fleucht. Eine Organisation wie SchuB (Schule auf dem Bauernhof) muss Knirpsen deshalb beibringen, dass H\u00fchner kein Fell, sondern Federn haben, und der Natursoziologe Br\u00e4mer stellt fest, dass Sch\u00fcler die Frage nach einer typischen Entenfarbe erschreckend oft mit \u00abGelb\u00bb beantworten.<\/p>\n\n<p>Mitunter, weiss der Z\u00fcrcher Ethnologe und Psychoanalytiker Mario Erdheim, haben selbst kluge K\u00f6pfe ein krudes Naturverst\u00e4ndnis: \u00abDer deutsche Philosoph Theodor W. Adorno etwa dachte, Volksst\u00e4mme in der Wildnis m\u00fcssten in st\u00e4ndiger Angst leben. Ich vermute aber, dass sein Bammel, in Frankfurt eine Strasse zu \u00fcberqueren, viel gr\u00f6sser war.\u00bb<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dschungel in HD: Unser Kolumnist auf Safari durch die TV-Kan\u00e4le.<\/p>\n","protected":false},"author":49,"featured_media":44015,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_planet4_optimize_post_is_variant":false,"_planet4_optimize_experiment_name":"","_planet4_optimize_variant_name":"","ep_exclude_from_search":false,"p4_og_title":"","p4_og_description":"","p4_og_image":"","p4_og_image_id":"","p4_seo_canonical_url":"","p4_campaign_name":"not set","p4_local_project":"not set","p4_basket_name":"not set","p4_department":"","footnotes":""},"categories":[47],"tags":[],"p4-page-type":[194],"gpch-article-type":[],"class_list":["post-44013","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-greenpeace","p4-page-type-hintergrund"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44013","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/49"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=44013"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44013\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/44015"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=44013"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=44013"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=44013"},{"taxonomy":"p4-page-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/p4-page-type?post=44013"},{"taxonomy":"gpch-article-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/gpch-article-type?post=44013"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}