{"id":44018,"date":"2019-03-01T07:00:00","date_gmt":"2019-03-01T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=44018"},"modified":"2020-06-02T17:22:08","modified_gmt":"2020-06-02T15:22:08","slug":"wie-der-klimawandel-uns-bewegt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/44018\/wie-der-klimawandel-uns-bewegt\/","title":{"rendered":"Wie der Klimawandel uns bewegt"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>In den n\u00e4chsten Monaten schalten wir in loser Folge die Lieblingsartikel unserer Redaktions-mitglieder<\/strong>&nbsp;<strong>nochmals auf.<\/strong><strong>&nbsp;Diese haben sie aus den meistgelesenen Online-Stories der letzten Jahre ausgesucht. Heute der Favorit unserer Praktikantin Danielle M\u00fcller, in dem Oscar-Preistr\u00e4gerin Emma Thompson von ihrer Reise in die Arktis erz\u00e4hlt.<\/strong><\/p>\n\n<p><em>Immer wieder begleiten Prominente Personen Greenpeace auf Exkursionen, um Zeugnis \u00fcber die Umweltzerst\u00f6rung abzulegen. Sie wirken als Geschichtenerz\u00e4hler und Multiplikator in unserem Einsatz f\u00fcr die Umwelt und erreichen mit ihrer Stimme oft Menschen, bei denen Greenpeace alleine kein Geh\u00f6r findet. Die Schauspielerin Emma Thompson nahm mit ihrer Tochter Gaia im August 2014 an einer Expedition in die Hocharktis teil und schreibt hier \u00fcber ihre Eindr\u00fccke.<\/em><\/p>\n\n<p>Erinnern Sie sich an die Szene aus dem Film <em>Marathon Man<\/em>, in der Laurence Olivier in der Rolle des fiesen Zahnarztes Dustin Hoffmann wiederholt die Frage stellt: \u00abIst das sicher?\u00bb. Dieselbe Frage stelle ich mir immer \u00f6fters und denke dabei an meine 14-j\u00e4hrige Tochter Gaia. Die Welt \u00fcberzieht sich mit einer Kruste gnadenlosen Konsumdenkens. Ein Krieg jagt den n\u00e4chsten. Die Erdtemperatur steigt an. Und ich frage mich: \u00abWas wird aus unserem Planeten \u2013 und aus meiner Tochter, deren Name Erde bedeutet?\u00bb<\/p>\n\n<p>Mein wildes M\u00e4dchen schw\u00e4rmt f\u00fcr die Punk-Rockband Blink-182, sch\u00e4tzt ihre Unabh\u00e4ngigkeit \u00fcber alles und w\u00fcnscht sich nichts sehnlicher als ein Tattoo und ein Nasenpiercing. Ob die Erde \u00fcberleben wird \u2013 diese und \u00e4hnliche Fragen geh\u00f6ren nicht unbedingt zu ihren Hauptanliegen. An einem frostigen Londoner Februartag erreicht mich nun aber der Anruf meiner Freundin Joanna Kerr, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin bei Greenpeace Kanada. Sie l\u00e4dt mich und Gaia auf eine Expedition in die Arktis ein, bei der wir die Auswirkungen des Klimawandels aus n\u00e4chster N\u00e4he beobachten k\u00f6nnen. Ich reagiere mit gemischten Gef\u00fchlen, vor allem aber beunruhigt mich der Gedanke an die Sicherheit. Ist nicht vor einigen Jahren ein junger Man von einem Eisb\u00e4ren verschlungen worden? Vielleicht nicht gerade die kl\u00fcgste Wahl f\u00fcr einen Urlaub.<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"alignleft\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/1cf6371f-gp0stohsk_pressmedia.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7525\"\/><figcaption>Emma Thompson und Tochter Gaia Wise vor ihrer Abreise. (\u00a9 John Cobb\/Greenpeace)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<p>Dann ist da noch etwas anderes: Zwar wiege ich mich in der Vorstellung, dass Gaia und ich uns sehr nahestehen \u2013 noch immer backen und lesen wir zusammen und schminken uns auch gegenseitig. Doch mir erscheint die Chance, dass sie mich an einen Ort begleiten will, der noch k\u00e4lter ist als das winterliche England, an dem ich rund um die Uhr Zugang zu ihr habe, sie aber keinen zum Internet, etwa so gering wie der Taillenumfang von Kate Moss. Ihre Ma aber ist eine Umweltaktivistin, die bei diesem Thema kein Pardon kennt \u2013 ganzen Festgesellschaften habe ich damit schon die Stimmung verdorben \u2013 und zudem wittere ich die Chance, mit meiner Tochter etwas absolut Einzigartiges zu teilen. Und diese Chance werde ich mir nicht entgehen lassen.<\/p>\n\n<p>\u00abHey, Gaia-Schatz\u00bb, beginne ich in einem Tonfall, der unbeschwerten Spass verspricht \u2013 so hoffe ich zumindest. \u00abWas denkst du \u00fcber die Erderw\u00e4rmung?\u00bb \u2013 \u00abIch halte sie f\u00fcr beunruhigend. Warum?\u00bb Sie mustert mich mit einem Blick, in dem ein kaum wahrnehmbares F\u00fcnkchen Argwohn aufblitzt. \u00abH\u00e4ttest du Lust, mit mir f\u00fcr Greenpeace in die Arktis zu fahren, um abzuchecken, was da abgeht?\u00bb Keine Ahnung, woher ich diese Ausdr\u00fccke nehme. Sie st\u00f6sst ein begeistertes Quietschen aus, dann f\u00e4llt sie mir um den Hals. \u00abWo ist meine W\u00e4rmew\u00e4sche?\u00bb, ruft sie aus und greift nach ihrer Reisetasche.<\/p>\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">1. August:<\/h4>\n\n<p>Wir sind unterwegs. Am Flughafen Heathrow kaufen wir ein paar Zeitschriften und Whiskey f\u00fcr die Greenpeace-Crew, die seit Monaten ohne derartigen Luxus lebt. Ich kichere leise in mich hinein, w\u00e4hrend ich das Titelblatt einer Zeitschrift \u00fcberfliege, die \u00fcber Prince Georges erstes Lebensjahr berichtet. <em>Haha, fern von zu Hause geraten die wichtigen Dinge wie von selbst in Vergessenheit<\/em>, denke ich bei mir. Mein Witz kippt aber ins Leere, als ich Georges kleines Gesichtchen genauer betrachte und mir aufgeht, dass es tats\u00e4chlich auf ihn ankommt. Er ist ein Baby. Er wird noch lange nach mir da sein und sehen, was mit unserem Planeten geschieht. Vielleicht m\u00f6chte er selber einmal Kinder. Wir sollten uns also schleunigst daran machen, die Arktis zu retten, bevor die Klimaerw\u00e4rmung den Grossteil der Erde unbewohnbar macht.<\/p>\n\n<p>Wir steigen ins Flugzeug, dann in ein zweites, weitaus kleineres, um schliesslich auf der norwegischen Inselgruppe Svalbard von Bord zu gehen. Strahlender Sonnenschein erwartet uns. Wir schirmen unsere Augen ab und reiben uns die Arme gegen die bittere K\u00e4lte. \u00abMa \u2013 es ist Mitternacht!\u00bb, bemerkt Gaia, w\u00e4hrend sie ein weiteres Paar Socken anzieht und einen Parka \u00fcber ihre Jeans und den Sweater. Wir schauen uns um. Die Landschaft erinnert an spitze schwarze Riesenz\u00e4hne, eingebettet in Backenz\u00e4hne aus Eisschollen und \u00fcberpudert mit weissem Zucker. Wir waren schon auf Borneo, am Amazonas, auf den Galapagosinseln, aber Gaia und ich sind uns einig, dass dieses Schauspiel alles \u00fcbertrifft, was wir bisher gesehen haben. Erschreckend, be\u00e4ngstigend sch\u00f6n ist es.<\/p>\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">2. August:<\/h4>\n\n<p>\u00abBei helllichtem Tageslicht zu schlafen, hat es in sich\u00bb, bemerkt Gaia, als wir das Schiff verlassen, um uns auf ein Festrumpfschlauchboot zu wagen, und unsere Entdeckungsreise beginnt. Gaia ist ein Pack-deine-Gummistiefel-und-lauf-M\u00e4del. In den letzten Ferien liess sie sich von ihrem Vater erkl\u00e4ren, wie man eine Kettens\u00e4ge bedient. Ich war entsetzt und verkroch mich mit einem Wodka in der K\u00fcche. Mein M\u00e4dchen verbringt ihre Sommer draussen auf den H\u00fcgeln mit den Bauernjungen, sie h\u00fcten Schafe und verrichten all die \u00fcbrigen schafsspezifischen Arbeiten. Nun lenkt sie das Schlauchboot und saust mir nichts dir nichts herum wie Sir Walter Raleigh auf dem Weg zu den Spaniern. Und ich weiss nicht, ob mein Stolz oder mein \u00dcbelkeit gr\u00f6sser ist.<\/p>\n\n<p>Kaum sind wir auf dem Schiff angekommen, das uns f\u00fcr die n\u00e4chsten acht Tage als Basis dient, es heisst<em> Esperanza<\/em> und tr\u00e4gt den Spitznamen Espy, geraten wir in eine hitzige Diskussion \u00fcber die Schlafpl\u00e4tze. Gaia: \u00abMa, wir werden f\u00fcr Ewigkeiten aufeinander hocken. Das wird ausarten, und ich will nicht auf einem Boot sein, auf dem ich dir st\u00e4ndig ausgesetzt bin. Ich m\u00f6chte die Kabine mit jemand anderem teilen.\u00bb Nach einigem Hin und Her finden wir uns in einer winzigen Viererkoje wieder, die wir uns mit zwei Crew-Mitgliedern teilen, was Gaia irgendwie beschwichtigt.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/999daa72-gp0stoi9o_pressmedia.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7503\"\/><figcaption>Emma Thompson (rechts) und ihre Tochter Gaia vor dem Schiff Esperanza. (\u00a9 Nick Cobbing\/Greenpeace)<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Kurz darauf sind wir zur\u00fcck auf dem Schlauchboot, das <em>Daisy<\/em> heisst, um die Eislandschaft zu erkunden. Wir legen an einem Ufer voller moosbedecktem Quarz und Schiefergestein an, das \u00fcber und \u00fcber mit Alpenblumen bedeckt ist. Ein Schwarm Ringellumme bev\u00f6lkert die Klippen \u00fcber uns, ihre Schreie erinnern an eine laute, hysterische Cocktail-Party. Rentiere wandern umher und werfen uns gelegentlich missbilligende Blicke zu. Gaia besteigt einen kleinen Gletscher, alleine.<\/p>\n\n<p>\u00abBleib in Sichtweite!\u00bb, kreische ich in der vollen \u00dcberzeugung, dass sich hinter jedem H\u00fcgel ein B\u00e4r verbirgt. Dann f\u00e4llt mein Blick auf einen flamingorosa leuchtenden Schneefleck. Ein Expeditionsleiter namens Jason, der alles zu wissen scheint, informiert mich, das seien Algen, die nur auf Schnee gedeihen, dies nicht zuletzt dank dem Ringellumme-Guano (Vogelkacke). Das \u00d6kosystem hier basiert auf einem subtilen Gleichgewicht, erkl\u00e4rt er. Wenn die Natur dieses Gleichgewicht ver\u00e4ndert, passen sich die Arten gew\u00f6hnlich an, greift aber der Mensch ein, dann kann dies katastrophale Folgen haben.<\/p>\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">3. August:<\/h4>\n\n<p>Heute besuchen wir ein internationales Klimaforschungszentrum, in dem sich jeden Sommer bis zu 180 Wissenschaftler aus der ganzen Welt einfinden, um auszuwerten, was wir unserem Planeten angetan haben. Hier treffen wir Geir, einen Toxikologen, der seine letzten 33 Sommer hier verbracht hat. Er schneidet das Thema Plastik an. In B\u00e4ren- und Fuchskadavern hat er Giftstoffe gefunden, wie er sie nie zuvor gesehen hatte. Noch schlimmer seien die sogenannten Mikrok\u00fcgelchen, winzige Plastikpartikel, die in Gesichtsreinigern, K\u00f6rperpeelings und sogar in einigen Zahnpastas vorkommen und die jetzt in Fl\u00fcssen, Seen und Meeren nachweisbar sind. \u201eGut zehn Millionen Tonnen Plastik werden j\u00e4hrlich in unsere Ozeane gekippt\u00bb, erl\u00e4utert er. \u00abEine riesige M\u00fcllhalde treibt im Pazifik. Und wir sind der Ansicht, dass das, was an der Oberfl\u00e4che zu sehen ist, nur etwa 20 Prozent des gesamten Abfalls ausmacht. Der Rest liegt auf dem Meeresboden.\u00bb Das ist unser Dreck. Ganz allein unser Dreck.<\/p>\n\n<p>Er spricht weiter. Was er sagt, ist schwer zu verdauen, doch wir h\u00e4ngen an seinen Lippen. Gaia macht sich unerm\u00fcdlich Notizen. \u00abDie atmosph\u00e4rische CO<sub>2<\/sub>-Konzentration ist seit der industriellen Revolution um fast 40 Prozent gestiegen. Das k\u00f6nnen wir nicht r\u00fcckg\u00e4ngig machen, wir m\u00fcssen aber herausfinden, wie wir einer Verschlimmerung der Situation vorbeugen k\u00f6nnen. Die Temperatur in der Arktis ist beinahe doppelt so stark angestiegen wie durchschnittlich auf dem restlichen Planeten. Das alte, urzeitliche Eis reduziert sich in der Masse viel schneller als prognostiziert. Die Folgen f\u00fcr das \u00d6kosystem hier \u2013 und f\u00fcr die Erde als ganzes \u2013 sind verheerend.\u00bb Geir schliesst mit einer Untertreibung: \u00abDas ist eine \u00fcble Sache, das kann ich Ihnen sagen.\u00bb Gaia w\u00e4hlt eine andere Formulierung: \u00abDas ist wie ein Angriff vom Mars, nur dass wir selber die Marsianer sind.\u00bb<\/p>\n\n<p>Torklig nach dieser Informations\u00fcberdosis wanken wir aus dem Forschungszentrum und treffen auf etwas, das vergleichsweise um einiges weniger alarmierend erscheint: Abdr\u00fccke von Eisb\u00e4rentatzen. \u00abSiehst du das, Gaia? Die sind \u00fcberall!\u00bb Wenn da B\u00e4ren in der N\u00e4he sind, dann wechsle ich in den B\u00e4renmama-Modus. Wir passieren nun Eisberge, die sich vom Gletscher abgespalten haben, einige in der Gr\u00f6sse von Schulbussen. Das Schlauchboot kommt neben einem Eisberg von rund zehn Quadratmetern zu stehen, und Gaia h\u00fcpft ohne eine Sekunde zu z\u00f6gern vom Boot. Sie kann es kaum erwarten, das Eis zu erklimmen.<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"alignright\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/0af96d87-gp0stoi0b_pressmedia.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7500\"\/><figcaption>Die Schauspielerin auf dem Eis. (@ Nick Cobbing\/Greenpeace)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<p>Wie glitschig ist ein Rieseneisw\u00fcrfel? H\u00f6chst glitschig, wie sich herausstellt, als ich vorw\u00e4rts schlittere, um mit meiner furchtlosen Tochter Schritt zu halten. Das Schmelzwasser sprudelt durch Kan\u00e4le im Eis und singt uns vor, ein wunderbarer Klang, der beruhigend auf mich wirkt. Gaia und ich liegen nebeneinander auf dem Bauch und trinken aus einem daiquiri-blauen Loch das reinste Wasser, das auf der Erde zu finden ist. P\u00fcnktlich zum Abendessen sind wir zur\u00fcck auf der Espy. Sp\u00e4ter tauschen wir vier Kojengenossen im Licht der Mitternachtssonne Geschichten aus. Ich frage Gaia, wie ihr der T\u00f6rn gef\u00e4llt. \u00abEs ist der beste Ort, an dem ich jemals gewesen bin\u00bb, antwortet sie mit einem Seufzer. Sie h\u00e4lt ihre Zahnpastatube hoch. \u00abAber wie putze ich mir nun die Z\u00e4hne?\u00bb Es ist so kalt, dass die Zahnpasta eingefroren ist. Wir kuscheln uns aneinander. Diese Rund-um-die-Uhr-Angelegenheit scheint sich ganz gut zu entwickeln.<\/p>\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">4. August:<\/h4>\n\n<p>Jeden Morgen m\u00fcssen Gaia und ich die Aufenthaltsr\u00e4ume der Crew putzen. Zuerst bef\u00fcrchte ich, dass wir mehr schaden als n\u00fctzen \u2013 denn wir hetzen in der Gegend herum und schreien S\u00e4tze wie \u00abIch brauche einen Wischlappen!\u00bb oder auch \u00abWas mache ich mit all dem Staub?\u00bb Aber schliesslich finden wir unseren Rhythmus, und siehe da, welch sch\u00f6nes Bild wir abgeben, meine Tochter und ich, wie wir in trauter Harmonie gemeinsam den Hausputz machen.<\/p>\n\n<p>Sp\u00e4ter am Tag f\u00e4hrt das Schiff in eine gigantische Eis-Szenerie ein. Mindestens zehn Eisberge umgeben uns. Sie erinnern an die Finger von Riesen, die mit ihren Eish\u00e4nden die Erde besch\u00fctzen. Nebel h\u00fcllt uns ein, was Vlad, unseren Kapit\u00e4n, etwas nerv\u00f6s macht. Es ist schwierig, durch diese Gew\u00e4sser zu navigieren, und es werden Dinge gesagt wie \u00abKapit\u00e4n, von Backbord n\u00e4hert sich eine Eisscholle.\u00bb Und da kommt uns ein riesiger Eisbrocken entgegen. Wir erfassen ihn und heben vorsichtig \u00fcber ihm an. Nach einem kurzen Moment bricht er auf. Die Bresche verbreitert sich und wir k\u00f6nnen durchfahren.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/e4387697-gp0stoi9j_pressmedia.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7502\"\/><figcaption>Die Sicht in der Arktis ist teilweise stark neblig. (\u00a9 Nick Cobbing\/Greenpeace)<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Gaia rennt ins Freie, um vom Bug aus zu beobachten. Ich bleibe drinnen, wo es ein wenig w\u00e4rmer ist. Als sie nach zwei Stunden zur\u00fcckkommt, sind ihre Stirnfransen gefroren. \u00abIch sp\u00fcre meine Beine nicht\u00bb, strahlt sie. Ich verkneife mir den m\u00fctterlichen Ratschlag sie h\u00e4tte doch fr\u00fcher reinkommen k\u00f6nnen. Als Vlad ihr r\u00e4t, sich aufzuw\u00e4rmen, damit sie nicht krank wird, k\u00f6nnte ich ihn umarmen. Doch Gaia bringt es auf den Punkt, \u00abEs ist unm\u00f6glich, nicht draussen zu sein. Ich muss es mir jetzt ansehen. Was ist, wenn das alles verschwindet?\u00bb<\/p>\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">5. August:<\/h4>\n\n<p>Heute machen Gaia und ich Abendessen: Auberginen und gebratene Peperoni mit Knoblauch, Sardellen und Kartoffeln. Das Schiff bewegt sich langsam vorw\u00e4rts.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-embed-youtube wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<lite-youtube style=\"background-image: url('https:\/\/i.ytimg.com\/vi\/OaM6cPDxtcw\/hqdefault.jpg');\" videoid=\"OaM6cPDxtcw\" params=\"rel=0&#038;enablejsapi=1&#038;origin=https%3A%2F%2Fwww.greenpeace.ch&#038;cc_load_policy=1\"><\/lite-youtube>\n<\/div><\/figure>\n\n<p>Sp\u00e4ter begebe ich mich auf den Beobachtungsposten der Crew. Wir segeln Eisschollen entgegen, die zu massig zum Durchbrechen sind, drehen also ab, um sie zu umschiffen. Mir wird klar, wieso Bohrungen hier so problematisch sind. Wenn etwas daneben geht, dann ist es so gut wie unm\u00f6glich, den Schaden zu beheben, bevor die Stelle mitsamt dem \u00d6l zufriert. Das arktische \u00d6kosystem w\u00fcrde unweigerlich dezimiert.<\/p>\n\n<p>Ich steige wieder nach unten und finde meine Eisprinzessin in eine Decke geh\u00fcllt auf dem Bug vor, die Augen weit offen. \u00abWann kann ich als Volont\u00e4rin anheuern?\u00bb, fragt sie Josh, ein Crew-Mitglied. \u00abDaf\u00fcr musst du mindestens 18 sein\u00bb, ist seine Antwort. Den Deal besiegelt er mit einer dieser Fauststoss-Gesten. Ich weiss nicht, was ich davon halten soll. Nat\u00fcrlich bin ich unglaublich stolz, wie sich Gaia all das zu Herzen nimmt. Aber k\u00f6nnte ich nicht bitte ein paar Jahre mehr haben, bevor ich an meine Tochter denken muss, wie sie alleine in der Arktis weilt, ohne ihre Ma, die sie vor Eisb\u00e4ren und d\u00fcnnem Eis warnt? Andererseits denke ich: Gott sei Dank \u2013 so wird sie wenigstens nicht Schauspielerin!<\/p>\n\n<p>Ein Expeditionsleiter fragt uns, ob wir uns denn aufs Meereis wagen m\u00f6chten? Mein Magen krampft sich zusammen. Aber jetzt kann ich mein M\u00e4dchen ja noch besch\u00fctzen. \u00abIch glaube nicht\u00bb, entgegne ich. \u00abMa\u00bb, wirft Gaia ein, \u00abvergiss nicht, was Grosspapa immer sagte: \u2039Am Ende bereust du nur, was du nicht getan hast.\u203a\u00bb&nbsp;<em>Ich bringe ihn um,<\/em> denke ich, und vergesse dabei ganz, dass er vor \u00fcber 30 Jahren gestorben ist.<\/p>\n\n<p>\u00abWir m\u00fcssen da hin\u00bb, insistiert Gaia sanft. \u00abVielleicht kommen wir nie mehr hierher zur\u00fcck.\u00bb Seit wann ist sie so weise? Ich beobachte mein starkes, abenteuerlustiges Kind, das eigentlich fast schon eine junge Frau ist, wie es vor mir \u00fcber das arktische Eis geht \u2013 etwas so Solides und doch so Verg\u00e4ngliches \u2013 und reiner, gl\u00fccklicher Stolz bl\u00fcht in meiner Brust auf. Wir werden es nicht bereuen. Niemals.<\/p>\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">7. August:<\/h4>\n\n<p>Den Grossteil des Tages verbringen wir auf einem kleinen Fjord, der mit uralten Eisbergen besprenkelt ist. Nicht weit von uns entfernt ersp\u00e4hen wir auf einer kiesbedeckten Insel das Hinterteil eines Eisb\u00e4ren. Wir geben uns M\u00fche, nicht vor Aufregung zu sterben, und n\u00e4hern uns so weit wie m\u00f6glich. Aus einer Entfernung von etwa 30 Metern beobachten wir ihn, merkw\u00fcrdigerweise ohne die geringste Angst zu sp\u00fcren. Es ist ein junger Eisb\u00e4r \u2013 gut gen\u00e4hrt, entspannt. Er ist so entspannt, dass er den Kopf auf seine Tatzen legt und einschl\u00e4ft. Um uns herum leuchtet das Gletschereis blau wie russig-ge\u00e4derter Quartz. Wir h\u00f6ren ihn knistern, singen. In Angesicht des B\u00e4ren und des Eises verbleiben wir in Stille, von Ehrfurcht ergriffen.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/b56706ab-gp0stoiab_pressmedia.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7521\"\/><figcaption>Emma Thompson setzt sich gemeinsam mit ihrer Tochter f\u00fcr den Schutz der Arktis ein. (\u00a9 Nick Cobbing\/Greenpeace)<\/figcaption><\/figure>\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">9. August:<\/h4>\n\n<p>Es ist unser zweitletzter Tag, und nach alter Greenpeace-Tradition entwerfen und malen wir Parolen auf gelbe T\u00fccher. Unser Text heisst <a href=\"https:\/\/www.peoplevsoil.org\/de-CH\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Act for Arctic<\/a>. Wir h\u00e4ngen die Flaggen auf dem Schiff auf und schiessen Fotos, die rund um die Welt gehen werden. Unser Ziel ist es, ein arktisches Dauerschutzgebiet zu schaffen. Die Tiere und das \u00d6kosystem der Hocharktis sollen vor Erd\u00f6lbohrung und kommerziellem Fischfang bewahrt werden.<\/p>\n\n<figure><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/ABNuZrmTYXs\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/figure>\n\n<p>Ich schaue meiner Tochter bei der Arbeit zu. Sie weint. \u00abMa\u00bb, schluchzt sie unter Tr\u00e4nen. \u00abK\u00f6nnen wir nicht bitte bleiben? Ich m\u00f6chte meine Leute nicht verlassen.\u00bb Mir wird bewusst, dass sie hier in dieser berauschenden Kombination von Landschaft und Mission etwas Gr\u00f6sseres gefunden hat als die Bindung zwischen uns beiden \u2014 etwas, das gr\u00f6sser ist als sie selbst. Sie hat ihren moralischen Kompass gefunden, eine \u00dcberzeugung, die sie vielleicht bis an ihr Lebensende geleiten wird.<\/p>\n\n<p>Ist es sicher? Ja, das denke ich. Ja, das ist es. Gaia und ihresgleichen werden daf\u00fcr einstehen.<\/p>\n\n<p><em>Nirgendwo sind die Folgen der globalen Erw\u00e4rmung so sp\u00fcrbar wie in der Arktis. Klimaforscher bef\u00fcrchten, dass die arktische See schon im Jahr 2030 das erste Mal komplett eisfrei sein k\u00f6nnte. Gleichzeitig sind diverse Anrainerstaaten darauf aus, in der Arktis \u00d6l zu f\u00f6rdern, und die industrielle Fischerei hat es auf die arktischen Fischbest\u00e4nde abgesehen. <a rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/themen\/arktis\/\" target=\"_blank\">Hier<\/a> kannst du uns helfen, die Arktis zu sch\u00fctzen.<\/em><\/p>\n\n<p><em>Schauspielerin Emma Thompson setzt sich seit Jahren an der Seite von Greenpeace f\u00fcr die Umwelt ein. Auch der Schutz des Regenwaldes und der darin lebenden Orang-Utans liegt der Engl\u00e4nderin am Herzen. Aus diesem Grund synchronisierte sie 2018 ein Video von Greenpeace International, welches zusammen mit einer <a href=\"https:\/\/act.greenpeace.org\/page\/28678\/petition\/1?utm_campaign=palm_oil\">Petition<\/a> grosse Konzerne dazu aufruft, damit aufzuh\u00f6ren, den Wald f\u00fcr Palm\u00f6l abzuholzen:<\/em><\/p>\n\n<figure><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/TQQXstNh45g\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den n\u00e4chsten Monaten schalten wir in loser Folge die Lieblingsartikel unserer Redaktions-mitglieder\u00a0nochmals auf.\u00a0Diese haben sie aus den meistgelesenen Online-Stories der letzten Jahre ausgesucht. 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