{"id":44079,"date":"2015-01-23T07:00:00","date_gmt":"2015-01-23T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=44079"},"modified":"2020-05-17T17:56:21","modified_gmt":"2020-05-17T15:56:21","slug":"gewaltloser-widerstand-ist-die-bessere-option","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/44079\/gewaltloser-widerstand-ist-die-bessere-option\/","title":{"rendered":"Gewaltloser Widerstand ist die bessere Option"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Wenn es um politischen Wandel geht, hat der gewaltfreie zivile Widerstand mehr Erfolgschancen als der bewaffnete. Zu diesem Schluss sind die US-Wissenschaftlerinnen Erica Chenoweth und Maria J. Stephan 2011 in ihrem Buch \u00abWhy Civil Resistance Works\u00bb gekommen. K\u00fcrzlich haben sie ihre Forschungsarbeit um Betrachtungen zu den anhaltenden blutigen Auseinandersetzungen im arabischen Raum erweitert und festgestellt, die Skepsis gegen\u00fcber ihrer damals aufgestellten These sei verst\u00e4ndlich, aber falsch.<\/strong><\/p>\n\n<p><span class=\"dropcap\">I<\/span>n verschiedenen Beitr\u00e4gen zum Thema gewaltfreier Widerstand schreiben die beiden Autorinnen, vordergr\u00fcndig mache es den Anschein, als ob sich im arabischen Raum die Hoffnungen zerschlagen h\u00e4tten, dass \u00abdie Macht des Volkes\u00bb diktatorische Regimes erfolgreich herausfordern und durch neue, bessere Regierungssysteme ersetzen k\u00f6nne. Das anhaltende Blutbad in Syrien, die permanente Instabilit\u00e4t in Libyen, die blutige Konterrevolution in \u00c4gypten, aber auch die gewaltsame Niederwerfung der Proteste in der Ukraine stimmten skeptisch, was die Aussichten gewaltfreien Widerstands gegen\u00fcber repressiven Regimes angehe. Diese Skepsis sei \u00abangesichts der Ereignisse verst\u00e4ndlich\u00bb, schreiben die Autorinnen, \u00ababer fehl am Platz\u00bb.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/176ee32f-46881547cf7f8557730da16550908129.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die beste Antwort auf Unterdr\u00fcckung<\/h2>\n\n<p>F\u00fcr Chenoweth und Stephan beh\u00e4lt die 2011 aufgestellte historische Bilanz G\u00fcltigkeit, wonach ziviler Widerstand nach wie vor die beste Antwort auf Unterdr\u00fcckung und die \u00fcberlegene Strategie f\u00fcr sozialen und politischen Wandel sei. Denn die dramatischen Ereignisse der j\u00fcngsten Zeit belegten vor allem eines: dass Bewegungen, die auf Gewalt setzen, \u00aboft schreckliche Zerst\u00f6rungen und Blutb\u00e4der ausl\u00f6sen, ohne dass die angestrebten Ziele auch wirklich erreicht werden\u00bb. Es sei eine l\u00e4ngerfristige Betrachtungsweise n\u00f6tig, um das tats\u00e4chliche Potenzial des gewaltfreien Widerstands zu bewerten.<\/p>\n\n<p><a title=\"Publikation Chenoweth und Stephan\" href=\"http:\/\/cup.columbia.edu\/book\/why-civil-resistance-works\/9780231156820\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">In ihrer Forschungsarbeit<\/a> hatten die beiden Amerikanerinnen historische Daten von 105 gewaltfreien und 218 bewaffneten Kampagenen des Widerstands zusammengetragen. Sie untersuchten alle weltweit bekannten Auseinandersetzungen f\u00fcr das Recht auf Selbstbestimmung, die Amtsenthebung politischer F\u00fchrer oder die Vertreibung milit\u00e4rischer Besatzungsm\u00e4chte zwischen 1900 und 2006. Dabei werteten sie Tausende von Quellen \u00fcber Proteste und zivilen Ungehorsam aus, sichteten Expertenberichte und Umfragen sowie Aufzeichnungen \u00fcber gewaltsame und gewaltfreie Aufst\u00e4nde, darunter Mahatma Gandhis Bewegung f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit Indiens von der britischen Kolonialherrschaft oder die Protestbewegung in Thailand, die zum Sturz von Regierungschef Thaksin Shinawatra f\u00fchrte. Chenoweth und Stephan kamen zum Schluss, dass der gewaltfreie Widerstand historisch \u00f6fter zur Entwicklung nachhaltiger Regierungssysteme und friedlicher Gesellschaften gef\u00fchrt habe. Die Erfolgsquote gewaltfreier Kampagnen sei doppelt so hoch gewesen und die Wahrscheinlichkeit des R\u00fcckfalls in einen B\u00fcrgerkrieg deutlich kleiner. Eine Ausnahme bildeten lediglich die Sezessionsbewegungen, also der Kampf um die Unabh\u00e4ngigkeit eines Landesteils. Dieses Ziel sei kaum je erreicht worden, weder mit gewaltloser noch mit kriegerischer Strategie.<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Erfolgsfaktoren sind weltweit dieselben<\/h2>\n\n<p>Die Regel, wonach ziviler Widerstand mehr Erfolg verspreche, gelte selbst f\u00fcr Regimes, die auf brutale Unterdr\u00fcckung setzten. Auch dort h\u00e4tten Proteste, Boykotte, ziviler Ungehorsam und andere Formen gewaltfreier Aktionen dazu beigetragen, die Loyalit\u00e4t wichtiger Unterst\u00fctzungsquellen gegen\u00fcber der Regierung zu untergraben und diese zu schw\u00e4chen. Dies habe sich sogar in L\u00e4ndern wie dem Iran, Burma oder den Philippinen gezeigt. \u00abEntgegen der landl\u00e4ufigen Meinung haben keine sozialen, wirtschaftlichen oder politischen Strukturen gewaltfreie Kampagnen systematisch daran gehindert, zu entstehen oder Erfolg zu haben\u00bb, schreiben die Autorinnen. Von Streiks und Protesten \u00fcber Sitins und Boykotte bleibe ziviler Widerstand angesichts von Unterdr\u00fcckung \u00abdie beste Strategie f\u00fcr sozialen und politischen Wandel\u00bb. Ein wichtiger Aspekt f\u00fcr den Erfolg einer Bewegung sei in jedem Fall die breite Unterst\u00fctzung durch das Volk.<\/p>\n\n<p>Obschon Tumult und Angst von Kairo bis Kiew bis heute anhielten, gebe es nach wie vor viele Gr\u00fcnde, \u00fcber die Aussichten zivilen Widerstands in den kommenden Jahren vorsichtig optimistisch zu bleiben. Ziviler Widerstand habe vor allem deshalb Erfolg, weil die Wahrscheinlichkeit h\u00f6her sei, dass er eine gr\u00f6ssere und breiter gef\u00e4cherte Basis von Teilnehmerinnen und Teilnehmern anziehen k\u00f6nne als der bewaffnete Kampf. F\u00fcr ein Regime sei der zivile Ungehorsam bedrohlicher, weil er auf lange Zeit untragbare Kosten verursachen k\u00f6nne. Wirksame zivile Widerstandskampagnen h\u00e4tten drei Dinge gemeinsam: eine massive Beteiligung des Volkes, eine flexible Taktik sowie das Potenzial, aus regimetreuen Exponenten \u00dcberl\u00e4ufer zu machen. Diese Erfolgsfaktoren seien weltweit dieselben. Chenoweth sagt, sie habe diesen Aspekt mit ihrer Partnerin intensiv in verschiedenen Teilen der Welt abgekl\u00e4rt: \u00abEs gibt keine Belege f\u00fcr systematische Unterschiede zwischen erfolgreichen zivilen Widerstandsbewegungen in der s\u00fcdlichen und der n\u00f6rdlichen Hemisph\u00e4re.\u00bb<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Widerstand ist eine komplexe Konflikttechnik<\/h2>\n\n<p>Tatsache ist, dass die Menschen unter autorit\u00e4ren Regimes viel eher in den Bereich der Illegalit\u00e4t geraten als in Demokratien, wo Proteste legal sind. In Demokratien sind mit den Wahlprozessen ausserdem Sicherheitsventile eingebaut, \u00fcber die sich die Unzufriedenheit eines Volkes entladen kann. Somit entwickelt sich weniger politischer Druck von unten als in L\u00e4ndern mit autorit\u00e4ren Regimes. Der N\u00e4hrboden f\u00fcr breitere Widerstandskampagnen ist dort besser.<\/p>\n\n<p>Generell ist Chenoweth der Meinung, es gebe weltweit grosse Unterschiede in Bezug auf die St\u00e4rke und das Durchhalteverm\u00f6gen von Zivilgesellschaften. Dass es heute global gesehen deutlich mehr zivilen Widerstand gebe als fr\u00fcher, bedeute aber nicht, dass die Zivilgesellschaft insgesamt st\u00e4rker geworden sei. Ziviler Widerstand sei nach wie vor eine komplexe Konflikttechnik. Wer diesen Weg beschreite, habe gr\u00f6ssere Chancen, nachhaltige Erfolge zu erzielen, als mit gewaltt\u00e4tigen Aktionen. Eine der wichtigsten Voraussetzungen f\u00fcr den Erfolg sei die Geduld: \u00abEs dauert oft sehr lange, bis sich dr\u00e4ngende Probleme l\u00f6sen lassen.\u00bb Wer zum Mittel des zivilen Widerstands greife, m\u00fcsse deshalb sicherstellen, \u00abdass jenen, die diesen Weg verfolgen wollen, die Realit\u00e4ten eines langen Kampfes f\u00fcr die Gerechtigkeit klar sind\u00bb.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/822ca317-617dbbb0b15bc91e6b4f05f66f77c0b8.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>\u00abWhy Civil Resistance Works\u00bb (Columbia University Press, 2011)<\/figcaption><\/figure>\n\n<p><em>Erica Chenoweth ist Professorin an der\u00a0<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.du.edu\/korbel\/faculty\/chenoweth.html\" target=\"_blank\">University of Denver<\/a>\u00a0und Forscherin am Peace Research Institute of Oslo. Sie besch\u00e4ftigt sich haupts\u00e4chlich mit politischer Gewalt und m\u00f6glichen Alternativen. Maria J. Stephan ist Senior Partnerin des\u00a0<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.usip.org\/experts\/maria-j-stephan\" target=\"_blank\">United States Insitute of Peace<\/a>\u00a0und Professorin an der\u00a0<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.american.edu\/sis\/faculty\/stephan.cfm\" target=\"_blank\">American University<\/a>. Sie hegt ein Interesse f\u00fcr zivilen Widerstand und demokratische Entwicklung. Zusammen haben sie das Buch\u00a0<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.books.ch\/shop\/home\/suchartikel\/why_civil_resistance_works\/maria_j_stephan\/ISBN0-231-15682-0\/ID26990425.html?fftrk=3%3A3%3A10%3A10%3A1&amp;jumpId=397538\" target=\"_blank\">\u00abCivil Resistance Works\u00bb<\/a>\u00a0herausgegeben, wof\u00fcr sie den\u00a0<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/grawemeyer.org\/news-updates\/pair-win-world-order-prize-for-civil-resistance-study\" target=\"_blank\">Grawemeyer Award<\/a>\u00a0und den\u00a0<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/woodrow.org\/\" target=\"_blank\">Woodrow Wilson Foundation Award<\/a>\u00a0erhalten haben.<\/em><\/p>\n\n<p><em>Hier finden Sie\u00a0<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.ericachenoweth.com\/\" target=\"_blank\">Erica Chenoweths pers\u00f6nliche Website<\/a>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn es um politischen Wandel geht, hat der gewaltfreie zivile Widerstand mehr Erfolgschancen als der bewaffnete. 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