{"id":44187,"date":"2015-04-21T07:00:00","date_gmt":"2015-04-21T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=44187"},"modified":"2020-05-18T16:59:40","modified_gmt":"2020-05-18T14:59:40","slug":"wir-finden-kaum-mehr-schutz-interview-mit-dem-indigenenfu%cc%88hrer-benki-piya%cc%83ko","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/44187\/wir-finden-kaum-mehr-schutz-interview-mit-dem-indigenenfu%cc%88hrer-benki-piya%cc%83ko\/","title":{"rendered":"\u00abWir finden kaum mehr Schutz\u00bb"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Die Holzindustrie beutet die Regenw\u00e4lder im Amazonasgebiet von Brasilien und Peru r\u00fccksichtslos aus, Widerstandsk\u00e4mpfer werden ermordet. Derweil haben die einhei\u00admischen Ashaninka eine Million neue B\u00e4u\u00adme gepflanzt.<\/strong><\/p>\n\n<p><span class=\"dropcap\">B<\/span>ei der Begru\u0308ssung im Greenpeace\u00ad-Bu\u0308ro in Hamburg ist er schweigsam, unnahbar und ku\u0308hl: Benki Piya\u0303ko, Indigenenfu\u0308hrer des Ama\u00adzonasvolks der Ashaninka, das in Brasilien und Peru lebt. Doch als das Interview beginnt, strafft sich sein Ko\u0308rper, der Blick wird wach, denn es geht um sein Volk, seine Heimat Brasilien \u2014 und um die Misssta\u0308nde und Gefahren dort. Enga\u00adgiert berichtet er von der Ausbeutung des Re\u00adgenwalds, von korrupten Politikern und einer Holzfa\u0308llermafia, die vor nichts zuru\u0308ckschreckt. Anfang September wurde einer seiner Freunde und Mitstreiter fu\u0308r Umweltschutz und Men\u00adschenrechte nahe der brasilianischen Grenze in Peru geto\u0308tet, mit ihm starben drei weitere fu\u0308h\u00adrende Aktivisten. \u00abMan hat sie wie Tiere ge\u00adschlachtet\u00bb, sagt Piya\u0303ko erbittert.<\/p>\n\n<p><em>Greenpeace: Ihr Mitstreiter, der bekannte Umweltaktivist Edwin Chota, ist tot. Was ist dem Mord vorausgegangen?<\/em><\/p>\n\n<p>Benki Piya\u0303ko:&nbsp;Edwin, der wie ich zum Volk der Ashaninka geho\u0308rte, lebte in Peru, wo er seit Jahren gegen die illegale Rodung ka\u0308mpfte. Er war verzweifelt, denn die Holzindustrie bedroht die indigenen Vo\u0308lker und zersto\u0308rt den Regen\u00adwald. Gemeinsam haben wir versucht, Unter\u00adstu\u0308tzung zu bekommen. Ich habe mich an viele Hilfsorganisationen gewandt, unter anderem auch an Greenpeace, habe Filmaufnahmen ge\u00admacht und die Geschehnisse dokumentiert. Das Problem ist, dass der Gouverneur der Region zugleich einer der gro\u0308ssten Holzha\u0308ndler ist. Deshalb war er natu\u0308rlich nicht daran interes\u00adsiert, sich fu\u0308r unseren Schutz einzusetzen. Dazu kommt, dass die Regierung in Peru noch passi\u00adver ist als jene von Brasilien.<\/p>\n\n<p><em>Auch Sie bekommen ha\u0308ufig Todesdrohun\u00adgen. Weshalb?<\/em><\/p>\n\n<p>Die peruanische Regierung sieht in mir eine Bedrohung, weil ich die Gemeinschaft der Ashaninka u\u0308ber die peruanisch\u00adbrasilianische Grenze vernetze und mich fu\u0308r den sta\u0308ndigen Kontakt zwischen den Ashaninka\u00ad-Gemeinden einsetze. Wir mu\u0308ssen zusammenhalten, uns austauschen und uns treffen.<\/p>\n\n<p><em>Was hat der Tod der Gefa\u0308hrten bei Ihnen ausgelo\u0308st?<\/em><\/p>\n\n<p>Er macht mich sehr traurig, besta\u0308rkt mich aber darin, weiter ohne Waffen gegen die Holzin\u00addustrie und fu\u0308r die Rechte meines Volkes zu ka\u0308mpfen \u2014 im Wissen, dass wir von den brasiliani\u00adschen Beho\u0308rden keinen Schutz erwarten ko\u0308nnen.<\/p>\n\n<p><em>Wer sind die Ashaninka?<\/em><\/p>\n\n<p>In Brasilien leben 1300 Angeho\u0308rige unseres Volkes. Sie verteilen sich im westlichen Bundes\u00adstaat Acre auf vier Gebiete. Meine Gemein\u00adschaft besteht aus etwa 600 Menschen, unser Land erstreckt sich u\u0308ber insgesamt 87 200 Hek\u00adtaren. Das Gebiet wurde 1992 von der brasiliani\u00adschen Regierung als Schutzzone fu\u0308r mein Volk anerkannt. Im benachbarten Peru hingegen, wo zwischen 60 000 und 100 000 Ashaninka le\u00adben, will die Regierung nichts von Schutzgebie\u00adten wissen. Das fu\u0308hrt immer wieder zu Eigen\u00adtumskonflikten.<\/p>\n\n<p><em>Wie a\u0308ussern sich diese Konflikte?<\/em><\/p>\n\n<p>Seit den 1980er Jahren dringen in Brasilien und auch in Peru immer mehr Holzhandelsun\u00adternehmen in unsere Gebiete vor, um illegal Ba\u0308ume zu roden. Wenn wir uns wehren, bedro\u00adhen uns die Holzfa\u0308ller ha\u0308ufig. Aus Angst haben sich viele Ashaninka in entlegenere Regionen zuru\u0308ckgezogen. Doch mittlerweile gibt es kaum mehr Orte, wo wir Schutz finden.<\/p>\n\n<p><em>Bekommen Sie denn von niemandem Hilfe oder Unterstu\u0308tzung?<\/em><\/p>\n\n<p>Es gibt einige gro\u0308ssere Nichtregierungsor\u00adganisationen, die sich fu\u0308r den Schutz unseres Volkes einsetzen und mit der brasilianischen Regierung in Kontakt stehen. Allerdings kennen sie die Probleme in unserer Region nicht sehr genau und bislang konnten sie nur wenig errei\u00adchen. Kleine Gemeinschaften wie wir werden meist u\u0308berho\u0308rt.<\/p>\n\n<p><em>Haben Sie selbst schon mit Regierungsver\u00adtretern gesprochen?<\/em><\/p>\n\n<p>Wir haben in Gespra\u0308chen auf die Illegalita\u0308t der Abholzungen in unseren Gebieten hinge\u00adwiesen. In Peru haben Delegierte meines Volkes Dokumente vorgelegt, laut denen uns die Holzunternehmen als Ausgleich fu\u0308r die Rodungen Ausbildungs\u00ad und Gesundheitszentren bauen sollten. Doch die Versprechen sind nicht einmal das Papier wert, auf dem sie stehen. Weder die Regierung noch die Industrie setzen diese Pla\u0308ne um.<\/p>\n\n<p><em>Sie selbst haben zwei Ausbildungsprojekte ins Leben gerufen.<\/em><\/p>\n\n<p>Ja, denn Bildung und Vernetzung sind die wichtigsten Pfeiler unserer Gemeinschaft. Seit 2007 vermitteln wir im Ausbildungszentrum Yorenka Atame in der Ortschaft Marechal Thaumaturgo im Bundesstaat Acre Umweltmanage\u00adment-\u00ad und Naturschutzmodelle. Diese haben das u\u0308berlieferte Wissen indigener Vo\u0308lker als Grundlage. Parallel dazu arbeiten wir im Projekt \u00abBeija Flor\u00bb mit indigenen und nichtindigenen Kindern und Jugendlichen aus Marechal Thaumaturgo, damit sie die Mo\u0308glichkeiten zum Schutz des einzigartigen O\u0308kosystems Regen\u00adwald so fru\u0308h wie mo\u0308glich kennenlernen, anwen\u00adden und weitertragen. Im Zentrum lernen sie, nachhaltig mit natu\u0308rlichen Ressourcen umzuge\u00adhen und die heimische Biodiversita\u0308t auszubau\u00aden und nutzbar zu machen. Auf dem Lehrplan stehen unter anderem auch Techniken zur Wie\u00adderaufforstung gerodeter Fla\u0308chen.<\/p>\n\n<p><em>Wie treiben Sie die Wiederaufforstung voran?<\/em><\/p>\n\n<p>Weil sich von offizieller Seite niemand dar\u00adum ku\u0308mmert, haben wir diese Aufgabe selbst an die Hand genommen und seit dem Jahr 2000 u\u0308ber eine Million neue Ba\u0308ume gepflanzt. Bei der Aufforstung der riesigen abgeholzten Fla\u0308chen beno\u0308tigen wir eine Artenvielfalt, die das Fortbe\u00adstehen des Regenwaldes garantiert. Inzwischen arbeiten wir auch mit der Agrarwirtschaft zu\u00adsammen. Wir mo\u0308chten einheimisches Obst an\u00ad bauen und so die lokale Wirtschaft sta\u0308rken.<\/p>\n\n<p><em>Erhalten Sie wenigstens finanzielle Hilfe?<\/em><\/p>\n\n<p>Von unserer Regierung bekommen wir kei\u00adnen einzigen Real. Sie baut stattdessen immer mehr Stauda\u0308mme, welche die Natur zersto\u0308ren. In diese Bauvorhaben fliessen auch europa\u0308ische Gelder. Doch die wahren Kosten tragen die Na\u00adtur und die indigenen Vo\u0308lker. Immerhin gibt es internationale Fo\u0308rderprojekte zur Wiederauf\u00adforstung der Regenwa\u0308lder in Peru und Brasilien, zum Beispiel von der deutschen Regierung. Die muss jedoch genau kontrollieren, wie ihre Gel\u00adder verwendet werden: Kommt die Fo\u0308rderung tatsa\u0308chlich in den entsprechenden Projekten an, und kommt sie dem Umweltschutz zugute?<\/p>\n\n<p><em>Wie ko\u0308nnen die Menschen hier in Europa Sie unterstu\u0308tzen?<\/em><\/p>\n\n<p>Das Wichtigste ist, dass unsere Projekte und unsere Geschichte weitergetragen werden. Denn dadurch erho\u0308ht sich der Druck auf unsere Regierung und jene von Peru \u2014 vielleicht veranlasst sie das irgendwann zum Handeln.<\/p>\n\n<p><em>Was wu\u0308nschen Sie sich fu\u0308r die Zukunft?<\/em><\/p>\n\n<p>Die grossen Holzfirmen und Wirtschafts\u00adma\u0308chte verschliessen die Augen vor unseren Problemen \u2014 Menschenleben und Umwelt sind ihnen egal. Die Politiker wiederum handeln meist nur im Interesse der Industrie. Ich wu\u0308n\u00adsche mir eine Politik, die nicht nur Stauda\u0308mme finanziert, sondern auch nachhaltige Projekte. Eine, die den Regenwald respektiert und schu\u0308tzt.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-embed-youtube wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<lite-youtube style=\"background-image: url('https:\/\/i.ytimg.com\/vi\/ILtg4X-b4sc\/hqdefault.jpg');\" videoid=\"ILtg4X-b4sc\" params=\"rel=0&#038;enablejsapi=1&#038;origin=https%3A%2F%2Fwww.greenpeace.ch&#038;cc_load_policy=1\"><\/lite-youtube>\n<\/div><\/figure>\n\n<p><em>Dieses Interview schliesst an jenes mit dem Amazo\u00adnasforscher Jeremy Narby \u00fcber die Ashaninka\u00ad-India\u00adner und ihr Verh\u00e4ltnis zur Wildnis an, das wir im Okto\u00adber 2014 unter dem Titel \u00abF\u00fcr die Natur waren die 300 Jahre Aufkl\u00e4rung ein H\u00f6llentrip\u00bb publiziert haben. Da\u00admals haben wir auch den Artikel \u00abDie Wildnis existiert nicht\u00bb mit Bildern des Fotografen Michael Goldwater ver\u00f6ffentlicht. Ihm war es gelungen, die harmonische Beziehung der Ashaninka mit der Natur einzufangen. Beide Beitr\u00e4ge k\u00f6nnen nachgelesen werden.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Holzindustrie beutet die Regenwa\u0308lder im Amazonasgebiet von Brasilien und Peru ru\u0308cksichtslos aus, Widerstandska\u0308mpfer werden ermordet. 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