{"id":44263,"date":"2015-05-08T07:00:00","date_gmt":"2015-05-08T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=44263"},"modified":"2020-05-18T17:22:47","modified_gmt":"2020-05-18T15:22:47","slug":"kein-aloha-fuer-syngenta","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/44263\/kein-aloha-fuer-syngenta\/","title":{"rendered":"Kein Aloha f\u00fcr Syngenta"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Wie der Basler Agrarkonzern versucht, den Bewohnern einer Insel die Demokratie zu rauben.<\/strong><\/p>\n\n<p><span class=\"dropcap\">B<\/span>ernard Carvalho greift sich den Zettel mit den Namen darauf, den ihm seine Stabschefin reicht, f\u00e4hrt mit seinem Finger \u00fcber die obere H\u00e4lfte der Namen und stoppt in der Mitte. \u00abDie untere H\u00e4lfte ist raus.\u00bb Ersten Ausz\u00e4hlungen nach ist die Wahl seines neuen Gemeinderates viel besser gelaufen, als der B\u00fcrgermeister es sich gew\u00fcnscht hatte. Sein Gesicht zeigt die Freude eines Kindes, das soeben mit einem Streich davongekommen ist. \u00abDas wird einige schockieren\u00bb, sagt er noch immer grinsend und bem\u00fcht sich um staatsm\u00e4nnische Haltung. Er zieht ein weisses Tuch aus seiner Tasche, wischt sich eine grosse Menge Schweiss von der Stirn, steckt das Tuch zur\u00fcck, richtet seinen R\u00fccken auf und wirft mit beiden H\u00e4nden die Glast\u00fcr zum B\u00fcrgerzentrum auf. Seine Wahlparty ist in vollem Gange. Auf der B\u00fchne greifen zwei M\u00e4nner in die Saiten und lassen spanische Gitarrenmusik erklingen. Unter einem Dach orange- und t\u00fcrkisfarbener Ballons singt eine sch\u00f6ne, alte Frau eine fr\u00f6hliche Version des Broadway-Songs <em>On A Clear Day You Can See Forever<\/em>. Auf einem Banner hinter ihr steht geschrieben: <em>Carvalho \u2014 Action with Aloha<\/em>. An langen Holztischen essen Dutzende seiner Anh\u00e4nger ein spendiertes Dinner. Ein paar K\u00f6pfe drehen sich zur T\u00fcr, wo Carvalho seinen m\u00e4chtigen K\u00f6rper in den Saal wuchtet. Kein Zweifel: Das wird sein Abend werden.<\/p>\n\n<p>Die letzten 18 Monate sind aufreibend gewesen. B\u00fcrgermeister Carvalho hat sich mit allen Mitteln gegen eine Revolte gestemmt, wie sie die Hawaii-Insel Kauai noch nie zuvor gesehen hatte. Angezogen vom idealen Klima und einer der fruchtbarsten Erden weltweit, begannen w\u00e4hrend des letzten Jahrzehnts Firmen wie Syngenta, Dow oder BASF die Pazifikinsel Kauai in das gr\u00f6sste Gen-Pflanzen-Labor der USA zu verwandeln. Auf \u00fcber 10 000 Hektar forschen sie nach neuen Sorten. An keinem andern Ort der USA f\u00fchren diese Firmen mehr Feldversuche durch. Carvalho hat sie mit offenen Armen empfangen und bisher mit allem verteidigt, was in seiner Macht stand. Das wurde n\u00f6tig, weil die Inselbewohner der verarmten Westseite rebellierten. In den Fokus der Volkswut geriet insbesondere Syngenta. Den Agro-Giganten aus Basel kennt hier jedes Kind, man ist der Meinung, dass er Tausende Kilometer von seiner Heimat entfernt r\u00fccksichtslos Pestizide spritzt und sich nicht um die Gesundheit der Bewohner schert und dass der Konzern mit Millionen an Spendengeldern die Politik zu seinen Gunsten beeinflusst. Ihre Hoffnung setzten die Biotech-Gegner in einen schillernden ehemaligen Senator aus Honolulu, Gary Hooser. Er wollte im Gemeinderat der Insel die Macht der Konzerne mit einem neuen Gesetz begrenzen, f\u00fcr das die Gemeinde von Syngenta vor Gericht gezerrt wurde. Am heutigen Wahlabend, es ist der 4. November 2014, wird sich zeigen, ob er im siebenk\u00f6pfigen Rat die Macht behalten kann.<\/p>\n\n<p>Der Abend hat erst angefangen, die Stimmen sind noch l\u00e4ngst nicht fertig ausgez\u00e4hlt. Es str\u00f6men immer mehr Unterst\u00fctzer zu Carvalho, als wir seine Wahlparty in Kauais Hauptort L\u012bhu\u02bbe durch die Hintert\u00fcr verlassen, um zur n\u00e4chsten zu gehen. Der Highway 56 ist ges\u00e4umt von Palmen und f\u00fchrt auf einer kurvigen Strasse am Meer entlang in den Norden, zur Wahlveranstaltung der leidenschaftlichsten aller Syngenta-Gegner. Noch sch\u00f6ner ist nur der Anblick aus der Luft: Fliegt man von Hawaiis Hauptinsel Oahu auf Kauai, glaubt man zuerst an eine Illusion im Pazifik. Kauai ist fast kreisrund mit dem 1598 Meter hohen Berg Wai\u02bcale\u02bcale in der Mitte. Vor sechs Millionen Jahren hat sich Kauai als erste der hawaiianischen Inseln aus dem Meer gestemmt. An manchen Tagen h\u00e4ngt ein leichter Nebel \u00fcber dem Gebirge, nur um sich in wenigen Minuten zu verziehen und den Blick auf eine tropische Idylle freizugeben. Die h\u00fcgelige Landschaft ist mit einem Teppich aus sattem Gr\u00fcn \u00fcberzogen, dann und wann unterbrochen von rostroten Flecken. Es w\u00e4chst Kaffee, Palmen \u00fcberall, Ananas, Mangos, an manchen Stellen st\u00fcrzen sich Wasserf\u00e4lle in 900 Meter tiefe Schluchten. Kein Wunder, nennen die Einheimischen ihre Heimat stolz die Garteninsel. Trotz der einen Million Besucher, die jedes Jahr auf die Insel str\u00f6men, ist sie noch nicht vom Tourismus \u00fcberlaufen.<\/p>\n\n<p>Auf dem Highway 56 hupen sich die Menschen zu, bald kommen wir ganz oben im Norden an. Klippen ragen aus dem Meer, um kurz darauf schneeweissem Sand Platz zu machen. Das Meer hier ist smaragdgr\u00fcn und wild. Surfer lieben die Gegend. Million\u00e4re auch. Ber\u00fchmtheiten aus Hollywood wie Bette Midler oder Silicon-Valley-Ikonen wie Mark Zuckerberg liessen \u00fcppige Villen in die H\u00e4nge bauen und schufen sich ihr privates Paradies.<\/p>\n\n<p>Etwa 250 Menschen haben sich zur Wahlparty der Syngenta-Gegner in einem grossen weissen Zelt versammelt, Lichterketten leuchten, aus Lautsprechern dringt stimmungsvolle Musik. Ihr Anf\u00fchrer ist Gary Hooser, ein kleiner Mann mit einem kleinen Bauch und stechenden, blauen Augen. In Honolulu stieg Hooser als Senator rasch zum Mehrheitsf\u00fchrer auf, erlitt aber beim Versuch, Gouverneur zu werden, eine Niederlage. Hooser ist ein findiger Politiker, der nach seiner R\u00fcckkehr auf die Insel im Gemeinderat viel erreicht hat und im Westen Kauais mit dem wachsenden Unmut der Bev\u00f6lkerung \u00fcber den massiven Pestizideinsatz von Syngenta eine Anti-Gentech-Protestbewegung aufbaute, die jener Europas Ende der neunziger Jahre glich. Syngenta und den anderen Biotech-Firmen wurde Hooser zunehmend gef\u00e4hrlich.<\/p>\n\n<p>Gerade als er zur Feier st\u00f6sst, wirft ein Projektor die ersten Wahlresultate auf eine Leinwand. Und sie wirken, als h\u00e4tte jemand eine feuchte Decke \u00fcber ein Lagerfeuer geworfen. Die Zahlen prognostizieren einen klaren Sieg f\u00fcr Carvalho und eine ebenso klare Niederlage f\u00fcr Hooser.<\/p>\n\n<p>Dabei schien alles f\u00fcr die Gegner zu laufen. Nachdem ganze Schulen nach Pestizid-Eins\u00e4tzen der Biotech-Konzerne hatten evakuiert werden m\u00fcssen und Mediziner eine ungew\u00f6hnliche H\u00e4ufung von Geburtsfehlern festgestellt hatten, war die \u00f6ffentliche Meinung gegen die Konzerne gekippt. Obwohl sich einige der m\u00e4chtigsten Politiker und st\u00e4rksten Biotech-Unterst\u00fctzer im Staat in die Lokalpolitik einmischten, schien Hooser mit seiner Bewegung der Favorit der kleinen Tropeninsel mit ihren 65 000 Bewohnern zu sein.<\/p>\n\n<p>An einem Tag Mitte November 2006 bog Matt Snowden, seine Haare noch nass vom morgendlichen Surfen, in den Parkplatz der Waimea-Canyon-Schule im Westen der Insel ein. Snowden, ein gross gewachsener Typ mit einem feinen Gesicht, das spitzb\u00fcbisch und ernst zugleich wirkt, sollte gleich Englisch unterrichten. Er durchquerte den Campus, eine Ansammlung von kleinen, weissen Container-H\u00e4uschen mit blauen, flachen D\u00e4chern. Auf halbem Wege zum Klassenzimmer blieb Snowden kurz stehen. \u00abEs riecht merkw\u00fcrdig\u00bb, dachte er sich, wischte den Gedanken aber wieder weg, das war in den letzten Tagen \u00f6fter vorgekommen. Zwanzig Kinder str\u00f6mten in das Klassenzimmer, es war heiss und feucht. Snowden drehte sich zur Wandtafel \u2014 da erwischte es ihn. Er beschrieb das Gef\u00fchl den Ermittlern sp\u00e4ter als \u00abmentale Schw\u00e4che\u00bb, als h\u00e4tte jemand sein Hirn ausgeschaltet. \u00abIch wusste pl\u00f6tzlich nicht mehr, was ich an der Wandtafel wollte\u00bb, gab er zu Protokoll. Der Geruch war st\u00e4rker geworden. Im Klassenzimmer stank es nach Chemie, nach Benzin. \u00abHerr Snowden\u00bb, rief eine kleine Blonde und reckte ihre Hand in die Luft, ihre Augen weit aufgerissen. \u00abHerr Snowden, mir ist schlecht.\u00bb Snowden schickte sie ins Krankenzimmer, gleich darauf begannen sich weitere Sch\u00fcler zu beschweren. Sie rieben sich die Augen, putzten sich immer wieder die Nase. Die kleine Blonde schaffte es nicht bis zum Krankenzimmer und \u00fcbergab sich auf dem Weg dorthin. Auf dem Campus brach Chaos aus. In den Armen eines anderen Lehrers sackte eines der Kinder zusammen. Kinder und Lehrer rannten in die Bibliothek, den einzigen Raum auf dem Campus mit einer Klimaanlage.<\/p>\n\n<p>\u00abEs sah aus wie in einem Kriegsgebiet. Die halbe Schule dr\u00e4ngte in die Bibliothek\u00bb, beschrieb Howard Hurst, ein anderer Lehrer, die Szene. Er fl\u00fcchtete mit seinen Sch\u00fclern auf einen Grash\u00fcgel am \u00f6stlichen Ende des Campus. So weit wie m\u00f6glich weg von den Feldern hinter der Schule \u2014 den Feldern von Syngenta.<\/p>\n\n<p>Immer wieder hatten Hurst und seine Klasse in den vergangenen Tagen aus ihrem Zimmer die Traktoren gesehen, wie sie spr\u00fchten, und sie hatten sie geh\u00f6rt: Tsssssss. Tsssssss. Nun war etwas schiefgegangen, daran hatte Hurst keine Zweifel. Zwei M\u00e4nner von Syngenta eilten auf den Campus. Der eine war der Arbeiter, der kurz zuvor das Feld hinter der Schule mit einem Unkraut-Killer bespr\u00fcht hatte. W\u00fcrde man den Zusammenhang zwischen dem Unfall und dem Spr\u00fcheinsatz mit Chemikalien beweisen k\u00f6nnen, w\u00e4re er pers\u00f6nlich haftbar. Der Spr\u00fcher von Syngenta hatte ein paar Pflanzen ausgerissen und streifte nun durch den Campus, um sie Kindern und Lehrern unter die Nase zu halten: Cleome gynandra, bekannt unter dem Namen \u00abStinkkraut\u00bb. Ein Unkraut, kaum kontrollierbar, das in einigen Staaten der USA, in Indien und in Afrika w\u00e4chst. \u00abWar es das, was ihr gerochen habt?\u00bb Die Kinder und Lehrer waren sich nicht einig. Kurz darauf informierte die Schulvorsteherin die Eltern, \u00abdass ein Unkraut auf der Westseite der Schule einige Kinder krank gemacht hat. Wir rotten es aus.\u00bb Die Schule blieb f\u00fcr den Rest der Woche geschlossen.<\/p>\n\n<p>An den Tagen und Wochen danach war Waimea wie verkatert. Was war passiert? Die Lehrer glaubten keine Sekunde an die Stinkkraut-Theorie. Und sie waren nicht allein. \u00abIch glaube nicht, dass das Stinkkraut war\u00bb, sagte der Kinderarzt Jim Raelson. \u00abDie Frage \u2039Hatten Sie Kontakt mit Stinkkraut?\u203a geh\u00f6rt nicht mal zu den Top-200-Fragen, die man stellt, wenn jemand mit den Symptomen dieser Kinder in einer Praxis auftaucht.\u00bb Doch genau das stand als Grund f\u00fcr den Vorfall in einem dicken Report. Wer ihn lesen will, muss offiziell in Honolulu einen Antrag stellen, doch viele S\u00e4tze sind geschw\u00e4rzt. Daraus geht hervor, dass Syngenta am Tag vor dem Vorfall eine Menge Gift gespr\u00fcht hatte. Knapp ein Pfund Atrazin auf einem halben Hektar, deutlich mehr als beispielsweise in Iowa, dem US-Staat mit den h\u00f6chsten Pestizidgrenzwerten. An den Fenstern der Schule, so der Report, wurde zudem ein viermal h\u00f6herer Atrazin-Wert gemessen als an anderen Stellen. Einige Dutzend Kinder erkrankten und mussten nach Hause geschickt werden. Doch die Ermittler fanden \u00abnicht gen\u00fcgend Beweise, dass Syngenta Pestizide in einer Art und Weise angewendet hat, die gegen das Pestizid-Gesetz Hawaiis verstossen\u00bb.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/49d3f352-30a73f8ce9387812ee1a30397da74800.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Testfelder auf Kauai werden mit Pestiziden bespr\u00fcht \u00a9 Samuel Shaw<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Die Zeit verging, in den Klassenzimmern der Waimea-Canyon-Schule waren die Traktoren zu h\u00f6ren, wie sie spr\u00fchten. Tsssssss. Tsssssss. Und bald passierte es wieder. Am Morgen des 25. Januar 2008, \u00fcber ein Jahr nach dem ersten Vorfall, kam Matt Snowden fr\u00fcher als sonst in die Schule. \u00abIch ging in mein Klassenzimmer und riss die Fenster auf und roch wieder diesen chemischen Geruch.\u00bb W\u00e4hrend einer Sportstunde im Freien knickten Sch\u00fcler ein, einige erbrachen. Die Schule wurde evakuiert, zw\u00f6lf Kinder und ein Lehrer ins Krankenhaus gebracht. Die Ermittler identifizierten die Ursache noch am selben Tag: \u00abStinkkraut.\u00bb Nun kochte die Wut \u00fcber. Es war der Moment, in dem Gary Hooser die Chance f\u00fcr sein politisches Comeback witterte. Er koordinierte die Biotech-Opposition und entwarf ein Gesetz, welches den Pestizidgebrauch auf Kauai reduzieren sollte. Syngenta konterte mit einem Deal: Um das Gesetz zu verhindern, gab der Konzern die Felder neben der Schule auf. Ein verschmerzbarer Verlust. Schliesslich blieben Syngenta und den anderen Saatgutfirmen im Westen Kauais noch viele Tausende Hektar Land. Die Konzerne sind um die Jahrtausendwende dem Ruf der Regierung und der Grossgrundbesitzer gefolgt, als der gr\u00f6ssten Arbeitgeber der Insel, die Ananas- und Zuckerindustrie, in den neunziger Jahren untergingen. Die alte Zuckerm\u00fchle mit ihrem Turm, der \u00fcber das Dorf Kekaha ragt, erinnert an die einstige Macht dieser Industrie. Sogar die Palmen sehen in diesem Teil der Insel \u00e4rmlich aus, verblasst und gelblich statt satt und gr\u00fcn. Das Gras vor den H\u00e4usern ist nicht wie auf der anderen Inselseite perfekt manik\u00fcrt, sondern mit Erdl\u00f6chern gespickt.<\/p>\n\n<p>Syngentas unscheinbarer Hauptsitz befindet sich in ein paar weissen Containern hinter einem Stahltor am Rande des Highway 50. Abgesperrt und mit Videokameras \u00fcberwacht. NO TRESPASSING steht auf einem Schild. Das gilt auch f\u00fcr Journalisten. Doch \u00fcber einen kleinen Landweg, der sich in den H\u00e4ngen am anderen Ende der Felder verbirgt, kann man sich auf das abgesperrte Land stehlen. Die Felder lassen nicht erahnen, dass hier Hightech-Produkte wachsen. Vor dem Feld 212 steht ein rotes Schild. Eine Fratze in Schwarz h\u00e4lt darauf eine Hand hoch. Auf einem kleineren Schild steht gekritzelt, dass hier vor gut acht Stunden ein Mix aus Chemikalien gespritzt worden ist. Der Mix sch\u00fctzt den Mais vor Sch\u00e4dlingen. Drei, vier Felder weiter w\u00e4chst Babymais unter dem Schutz eines weissen Tuches. Ein winziges Feld. Es ist brennend heiss. Noch ein Schild. Dahinter totes, braunes Gew\u00e4chs. 48 Stunden lang d\u00fcrfe man dieses Feld nicht betreten, steht in Handschrift unter dem Schild.<\/p>\n\n<p>Als Forscher es geschafft hatten, die Genstruktur von Pflanzen so zu ver\u00e4ndern, dass sie neue Eigenschaften besassen, begann f\u00fcr die gr\u00f6ssten Biotech-Firmen ein goldenes Zeitalter. Pflanzen konnten nun ein Protein entwickeln, das f\u00fcr Sch\u00e4dlinge giftig war. Wenn beispielsweise der Maisz\u00fcnsler, ein brauner Schmetterling, von einem Maiskolben ass, starb er sofort. Das Bakterium <em>Bacillus thuringiensis<\/em>, von dem diese Eigenschaft kopiert wurde, gab der Pflanze ihren Namen: Bt-Mais. Auch neue Arten von Pflanzen, die gegen bestimmte Chemikalien resistent waren, kamen in der Folge auf den Markt. Bauern konnten damit ihre Saat unbesorgt mit Pestiziden bespr\u00fchen, und w\u00e4hrend die Sch\u00e4dlinge vernichtet wurden, blieben die heranwachsenden Pflanzen unbeschadet. In den USA gibt es kaum noch ein Mais-, Baumwoll- oder Sojabohnen-Feld, das nicht mit genetisch ver\u00e4nderten Samen bepflanzt ist. Auch Europa profitiert stark von diesem Boom. W\u00e4hrend genetisch ver\u00e4nderte Lebensmittel f\u00fcr den menschlichen Konsum noch weitgehend verboten sind, werden Tiere mit Millionen Tonnen von importierten, genetisch ver\u00e4nderten Lebensmitteln gef\u00fcttert. Die meisten dieser Pflanzen stammen urspr\u00fcnglich von den Feldern hinter dem st\u00e4hlernen Zaun am Highway 50.<\/p>\n\n<p>Wir wandern weiter durch die Felder. Zwischen den Pflanzungen stehen \u00fcberall gr\u00fcne Dixi-Klos, in der Ferne ist ein Traktor zu sehen. Nach einer Weile treffen wir auf ein paar M\u00e4nner, die gelangweilt auf Klappst\u00fchlen sitzen. Einer erhebt sich, er tr\u00e4gt schlecht sitzende, l\u00f6chrige Jeans und ein rotes T-Shirt. Sein R\u00fccken ist krumm. \u00abIch bin seit sechs Uhr morgens hier. Wenn es dunkel ist, gehe ich wieder\u00bb, antwortet er auf unsere Frage, was denn sein Job sei. Sein Akzent verr\u00e4t, dass er von den Philippinen stammt. \u00abIch bin ein Ernteschutzspezialist.\u00bb \u2014 \u00abDu schaust, dass V\u00f6gel den Mais nicht fressen?\u00bb Er lacht. \u00abGenau. Ich bin eine menschliche Vogelscheuche. So nennen sie uns.\u00bb<\/p>\n\n<p>Was menschliche Vogelscheuchen nicht verm\u00f6gen, erledigt der Unkrautkiller S-Metolachlor. Das Gift ist eine Schweizer Erfindung. Es wurde von Ciba-Geigy entwickelt, der Firma, aus der die heutige Syngenta hervorging. Es gibt keinen Ort in der westlichen Welt, an dem mehr S-Metolachlor gespritzt wird, als von Syngenta auf Kauai. Hier ist es Syngentas Lieblingswaffe gegen Unkraut. 1172 Pfund pro Jahr und Quadratmeile werden durchschnittlich eingesetzt, fast doppelt so viel wie auf dem US-Festland. Von keinem anderen Gift braucht Syngenta mehr. An zweiter Stelle folgt Atrazin. Ein weiteres hauseigenes Gift, verboten in Europa. 563 Pfund Atrazin pro Quadratmeile spr\u00fcht Syngenta pro Jahr. Das ist mehr als in Iowa, im Mais-Staat Nummer eins der USA, und deutlich mehr als in der Schweiz verspr\u00fcht wurde, als Atrazin dort noch legal war; das zeigt eine Studie der Universit\u00e4t Lausanne. Sie untersuchte zwei Felder im Kanton Z\u00fcrich, die f\u00fcr ihren hohen Atrazin-Gehalt bekannt waren. Vergleicht man die Zahlen aus der Lausanner Studie mit jenen von Kauai, welche durch die US-Beh\u00f6rden ermittelt und durch die Washington State University erstmals ver\u00f6ffentlicht wurden, so wird in Kauai bis zu 30 Mal mehr gespritzt.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/711a2193-37b4ed5f46f9cb9237ba3ab8212b487f.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n<p>Die amerikanischen Farmer lieben Atrazin. \u00abAtrazin ist wie eine Bombe\u00bb, erz\u00e4hlte uns eine Chemikerin, die bei Syngenta und beim deutschen Konkurrenten BASF auf Kauai gearbeitet hat, aber namentlich nicht genannt werden m\u00f6chte. \u00abEs ist ein grossartiges Werkzeug. Aber es gibt keinen guten Grund, es so stark einzusetzen, wie das Syngenta tut, ausser Faulheit\u00bb, sagte sie. \u00abAls ich bei BASF gearbeitet habe, diskutierten wir viel mehr und kritischer dar\u00fcber, welche Pestizide wir wie oft anwenden sollten.\u00bb Auch die Einsatzmengen der hochgiftigen und in der Schweiz mittlerweile ebenfalls verbotenen Insektizide Chlorpyrifos und Permethrin sind hier 10 Prozent h\u00f6her, bei letzterem sogar 16 Prozent als auf dem Festland.<\/p>\n\n<p>Konfrontiert mit den Zahlen aus Washington, besteht Syngenta darauf, dass die Firma die \u00absichere und verantwortungsvolle\u00bb Nutzung von Chemikalien als zentral ansieht. \u00abWeil wir in Hawaii drei oder vier Ernten pro Jahr pflanzen k\u00f6nnen, setzen wir sogar weniger Produkte ein als Farmer auf dem Festland\u00bb, schrieb Syngenta-Sprecherin Savina LaScalea.<\/p>\n\n<p>Bei Kauais Bev\u00f6lkerung h\u00e4ufen sich Berichte \u00fcber merkw\u00fcrdige Krankheiten. Viele vermuten dahinter den massiven Pestizideinsatz der Biotechfirmen. M\u00fctter erz\u00e4hlen von Kindern, die mit blutenden Nasen aus dem Schlaf aufwachen, junge Frauen von ungew\u00f6hnlichen Menstruationsbeschwerden, M\u00e4nner von pl\u00f6tzlichen Anf\u00e4llen von Erbrechen und Durchfall. Am schwersten aber wiegen die vielen Berichte \u00fcber schlimme Geburtsfehler. Weil das entsprechende Register seit 2005 nicht mehr gef\u00fchrt wird, verabreden wir uns mit Jim Raelson, fr\u00fcher Kinderarzt im Spital gleich gegen\u00fcber der Waimea-Canyon-Schule, heute f\u00fchrt er seine eigene Praxis. Auf dem Rasen vor dem Spital stolziert ein besonders sch\u00f6ner Gockel mit gl\u00e4nzenden, schwarzen Federn. Frei herumlaufende H\u00fchner sind auf Kauai \u00fcberall anzutreffen, sie sind wie andere Wildv\u00f6gel gesetzlich gesch\u00fctzt.<\/p>\n\n<p>Jim Raelson hatte sofort Syngenta und Co. im Verdacht, als er feststellte, dass etwas nicht stimmte. Er spricht mit einem Bass, sein dicker Bart ist weiss, und seine H\u00e4nde sind im Schoss gefaltet. \u00abBesonders besorgniserregend ist die hohe Anzahl von sehr komplexen, sehr seltenen Herzdefekten bei der Geburt, die eine Notfalloperation in Los Angeles oder San Diego erfordert.\u00bb Eine dieser Krankheiten: eine Vertauschung der Lungen- mit der Hauptschlagader. Diese und drei weitere seltene und schwerwiegende Herzdefekte sind ohne Operation t\u00f6dlich. \u00abAls Kinderarzt in einer kleinen, l\u00e4ndlichen Region sollte ich nicht mehr als einen solcher Defekte alle zehn Jahre sehen. Aber ich hatte bereits drei F\u00e4lle, dann vier. Jedes Mal dachte ich: Was, schon wieder einer?\u00bb Alleine in den letzten drei Jahren z\u00e4hlte Raelson zehnmal mehr F\u00e4lle der vier t\u00f6dlichen Herzdefekte bei Neugeborenen, als sie im landesweiten Durchschnitt vorkommen.<\/p>\n\n<p>Im Krankenhaus war Streit ausgebrochen, als ein ehemaliger Anwalt eines Syngenta-Konkurrenten die F\u00fchrung \u00fcbernahm. Dieser ehemalige Anwalt ist nun der Chef der Kinder\u00e4rztin Mika Snyder und zugleich der Grund, wieso sie ihren wahren Namen nicht nennen will. Sie bef\u00fcrchtet Strafmassnahmen, wenn sie sich \u00f6ffentlich \u00e4ussert, doch sie teilt Jim Raelsons Sorgen. Sie begann, eine Liste mit \u00fcberdurchschnittlich oft auftretenden Geburtsfehlern zu f\u00fchren: \u00abAnomalien an den Ohren, Fr\u00fchgeburten, Asthma, Nasenbluten, ADD, Autismus, Hufeisennieren, Klumpf\u00fcsse, Gastroschisis.\u00bb Bevor die Saatgut-Experimente starteten, waren diese Krankheiten auf Kauai unbekannt, heute kenne sie jeder, erz\u00e4hlt uns Alana, eine junge Mutter. Als die heute 29-J\u00e4hrige vor f\u00fcnf Jahren schwanger wurde, kam zuerst die gute Nachricht \u2014 ein M\u00e4dchen \u2014 dann die schlechte: Gastroschisis. Alana erkl\u00e4rt: \u00abDie Bauchwand des Embryos war kaputt. Die Innereien befanden sich ausserhalb des K\u00f6rpers in meinem Bauch.\u00bb Alana entschuldigt sich f\u00fcr ihre Tr\u00e4nen. \u00abWenn ich die Ultraschallbilder anschaute, sah es fast so aus, als w\u00fcrden Korallen um mein Baby schwimmen. Die Bauchwand des M\u00e4dchens war offen, und als es in mir heranwuchs, schl\u00fcpften immer mehr Dinge raus.\u00bb<\/p>\n\n<p>Sidney Johnson ist ein Chirurg, der solche F\u00e4lle auf Oahu, der Hauptinsel des Archipels, behandelt. Hier, in Hawaiis gr\u00f6sstem Kinderspital, werden \u00fcber die H\u00e4lfte der Geburten abgewickelt und alle komplexen F\u00e4lle wie Gastroschisis behandelt. Die Krankheitsursachen sind nicht vollst\u00e4ndig erforscht. \u00abWir sind uns ziemlich sicher, dass Gastroschisis durch Umwelteinfl\u00fcsse verursacht wird. Das k\u00f6nnen F\u00e4lle sein, in denen die Mutter raucht oder trinkt oder anderen Giften ausgesetzt ist. Mittlerweile werden aber auch andere Umweltgifte als m\u00f6gliche Ursache f\u00fcr die Krankheit anerkannt.\u00bb Alana hatte nie geraucht, nie w\u00e4hrend der Schwangerschaft getrunken, sogar biologisch gegessen, sagt sie. Verschiedene Studien, die eine direkte Verbindung von Atrazin mit Gastroschisis herstellen, stiessen in Kauai nat\u00fcrlich auf besonderes Interesse; denn w\u00e4hrend Alanas Tochter mittlerweile f\u00fcnf Jahre alt und gesund ist, liegen viele andere Neugeborene mit derselben Krankheit im Krankenhaus. Auch Johnson besitzt zwar keine genauen Zahlen, sagt aber, die Anzahl von Gastroschisis-F\u00e4llen sei im Vergleich zu seinem fr\u00fcheren Arbeitsort Boston \u00abunerwartet hoch\u00bb; sie sei unter anderem verursacht durch Umweltgifte wie Pestizide, glaubt Johnson. Er wagt eine Sch\u00e4tzung: f\u00fcnfzig F\u00e4lle pro 10 000 Geburten. Das sind \u00fcber zehnmal mehr als im Rest der USA: Die Statistik der zust\u00e4ndigen US-Beh\u00f6rde weist bloss 4,5 F\u00e4lle auf 10 000 Geburten aus.<\/p>\n\n<p>Diese und \u00e4hnliche Berichte verbreiteten sich auf der Insel rasch und verliehen Gary Hoosers Bewegung Aufschwung. Er erlangte eine knappe Mehrheit im Gemeinderat f\u00fcr ein neues Gesetz mit dem Namen \u00abDas Recht zu wissen\u00bb. Dieses sah vor, Syngenta und die anderen Saat-Konzerne zur detaillierten Bekanntgabe aller Spr\u00fchaktivit\u00e4ten zu zwingen und sie zu verpflichten, bei ihren Spr\u00fchaktivit\u00e4ten mindestens 150 Meter Abstand zu Schulen, Strassen und Residenzen zu halten. Die Reaktionen auf die Vorlage waren gewaltig. Bei \u00f6ffentlichen Anh\u00f6rungen im Sommer 2013 stellten sich Hunderte vor dem Gemeinderatsgeb\u00e4ude in Kauais Hauptstadt an. Jeder wollte seine Meinung kundtun. Irgendwann mussten die Anh\u00f6rungen in einen gr\u00f6sseren Raum verlegt, die Polizei f\u00fcr Eingangskontrollen und Taschendurchsuchungen eingesetzt werden. Es erschienen Anw\u00e4lte der Saatgutfirmen, auch deren lokale Mitarbeiter, doch die Unterst\u00fctzer des neuen Gesetzes schienen die Oberhand zu behalten.<\/p>\n<div data-render=\"planet4-blocks\/gallery\" data-attributes=\"{&quot;attributes&quot;:{&quot;multiple_image&quot;:&quot;54306,54305,54304,54303,54302&quot;,&quot;image_data&quot;:[{&quot;url&quot;:&quot;https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/05\\\/1c9cb2fc-b3a278bcb94d38590b00560279032bf5.jpg&quot;,&quot;focalPoint&quot;:{&quot;x&quot;:0.5,&quot;y&quot;:0.5},&quot;id&quot;:54306},{&quot;url&quot;:&quot;https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/05\\\/7ae6a863-ddabf9b5477a8958afca72e24eb98121.jpg&quot;,&quot;focalPoint&quot;:{&quot;x&quot;:0.5,&quot;y&quot;:0.5},&quot;id&quot;:54305},{&quot;url&quot;:&quot;https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/05\\\/6a287bc0-1e912cb83707096c1b2398b5532fcd66.jpg&quot;,&quot;focalPoint&quot;:{&quot;x&quot;:0.5,&quot;y&quot;:0.5},&quot;id&quot;:54304},{&quot;url&quot;:&quot;https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/05\\\/789a0d00-81574f4ecc39c3b62cf7e0959afbdd31.jpg&quot;,&quot;focalPoint&quot;:{&quot;x&quot;:0.5,&quot;y&quot;:0.5},&quot;id&quot;:54303},{&quot;url&quot;:&quot;https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/05\\\/206547bf-409f1017dc6088281e81bb50af921210.jpg&quot;,&quot;focalPoint&quot;:{&quot;x&quot;:0.5,&quot;y&quot;:0.5},&quot;id&quot;:54302}],&quot;gallery_block_style&quot;:0,&quot;gallery_block_title&quot;:&quot;&quot;,&quot;gallery_block_description&quot;:&quot;&quot;,&quot;gallery_block_focus_points&quot;:&quot;&quot;,&quot;images&quot;:[{&quot;image_src&quot;:&quot;https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/05\\\/1c9cb2fc-b3a278bcb94d38590b00560279032bf5.jpg&quot;,&quot;image_srcset&quot;:&quot;https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/05\\\/1c9cb2fc-b3a278bcb94d38590b00560279032bf5.jpg 640w, https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/05\\\/1c9cb2fc-b3a278bcb94d38590b00560279032bf5-300x200.jpg 300w, https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/05\\\/1c9cb2fc-b3a278bcb94d38590b00560279032bf5-510x340.jpg 510w&quot;,&quot;image_sizes&quot;:false,&quot;alt_text&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;\\u00abNehmt dieses Gesetz an\\u00bb fordert die Bev\\u00f6lkerung: Syngenta und andere Bio-Tech-Konzerne sollen zu Transparenz \\u00fcber ihre Spr\\u00fcht\\u00e4tigkeiten und Sicherheitsabst\\u00e4nde zu Schulen, Strassen und Residenzen verpflichtet werden. Mit Erfolg!\\n&quot;,&quot;focus_image&quot;:&quot;&quot;,&quot;credits&quot;:&quot;&quot;},{&quot;image_src&quot;:&quot;https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/05\\\/7ae6a863-ddabf9b5477a8958afca72e24eb98121.jpg&quot;,&quot;image_srcset&quot;:&quot;https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/05\\\/7ae6a863-ddabf9b5477a8958afca72e24eb98121.jpg 480w, https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/05\\\/7ae6a863-ddabf9b5477a8958afca72e24eb98121-245x300.jpg 245w, https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/05\\\/7ae6a863-ddabf9b5477a8958afca72e24eb98121-278x340.jpg 278w&quot;,&quot;image_sizes&quot;:false,&quot;alt_text&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;Atrazin ist das zweith\\u00e4ufigste gebrauchte Gift von Syngenta. Es ist eine Erfindung von Syngenta selbst und in Europa verboten. Dank dem Einsatz der Einwohner von Kauai wurde ein Gesetz zum Schutz der Bev\\u00f6lkerung anfangs verabschiedet. \\u00a9 gmosecrets.com\\n&quot;,&quot;focus_image&quot;:&quot;&quot;,&quot;credits&quot;:&quot;&quot;},{&quot;image_src&quot;:&quot;https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/05\\\/6a287bc0-1e912cb83707096c1b2398b5532fcd66.jpg&quot;,&quot;image_srcset&quot;:&quot;https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/05\\\/6a287bc0-1e912cb83707096c1b2398b5532fcd66.jpg 1160w, https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/05\\\/6a287bc0-1e912cb83707096c1b2398b5532fcd66-300x200.jpg 300w, https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/05\\\/6a287bc0-1e912cb83707096c1b2398b5532fcd66-1024x682.jpg 1024w, https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/05\\\/6a287bc0-1e912cb83707096c1b2398b5532fcd66-768x512.jpg 768w, https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/05\\\/6a287bc0-1e912cb83707096c1b2398b5532fcd66-510x340.jpg 510w&quot;,&quot;image_sizes&quot;:false,&quot;alt_text&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;Wird gespr\\u00fcht, heisst es Fenster zu: Zahlreiche Biotechfirmen haben ihre mit Pestiziden bespr\\u00fchten Testfelder auf Kauai in unmittelbarer N\\u00e4he zu Wohnsiedlungen. Waimea Town neben Testfeldern von Dupont\\\/Pioneer. \\u00a9 Samuel Shaw\\n&quot;,&quot;focus_image&quot;:&quot;&quot;,&quot;credits&quot;:&quot;&quot;},{&quot;image_src&quot;:&quot;https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/05\\\/789a0d00-81574f4ecc39c3b62cf7e0959afbdd31.jpg&quot;,&quot;image_srcset&quot;:&quot;https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/05\\\/789a0d00-81574f4ecc39c3b62cf7e0959afbdd31.jpg 520w, https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/05\\\/789a0d00-81574f4ecc39c3b62cf7e0959afbdd31-300x200.jpg 300w, https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/05\\\/789a0d00-81574f4ecc39c3b62cf7e0959afbdd31-510x340.jpg 510w&quot;,&quot;image_sizes&quot;:false,&quot;alt_text&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;Bernard Carvalho ist B\\u00fcrgermeister von Kauai und wird von den Bio-Tech Konzernen unterst\\u00fctzt. \\u00a9 Ed Morita\\n&quot;,&quot;focus_image&quot;:&quot;&quot;,&quot;credits&quot;:&quot;&quot;},{&quot;image_src&quot;:&quot;https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/05\\\/206547bf-409f1017dc6088281e81bb50af921210.jpg&quot;,&quot;image_srcset&quot;:&quot;https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/05\\\/206547bf-409f1017dc6088281e81bb50af921210.jpg 1920w, https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/05\\\/206547bf-409f1017dc6088281e81bb50af921210-300x169.jpg 300w, https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/05\\\/206547bf-409f1017dc6088281e81bb50af921210-1024x576.jpg 1024w, https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/05\\\/206547bf-409f1017dc6088281e81bb50af921210-768x432.jpg 768w, https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/05\\\/206547bf-409f1017dc6088281e81bb50af921210-1536x864.jpg 1536w, https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/05\\\/206547bf-409f1017dc6088281e81bb50af921210-510x287.jpg 510w&quot;,&quot;image_sizes&quot;:false,&quot;alt_text&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;Gary Hooser koordiniert die Bio-Tech Opposition. Er erlangte eine knappe Mehrheit im Gemeinderat f\\u00fcr ein neues Gesetz zum Schutz vor dem giftigen Spr\\u00fchnebel der Bio-Tech Firmen. \\u00a9 www.stoppoisoningparadise.org\\n&quot;,&quot;focus_image&quot;:&quot;&quot;,&quot;credits&quot;:&quot;&quot;}]}}\"><\/div>\n<p>An einem <a href=\"http:\/\/www.stoppoisoningparadise.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Protestmarsch mit 4000 Teilnehmern<\/a> im September desselben Jahres erschien einer als Teufel verkleidet, mit einer schwarzen Robe und einer feuerroten Maske mit der Aufschrift <em>GMO<\/em> (<em>genetically modified organism<\/em>). Die Demonstranten trugen fast alle rote T-Shirts mit der Aufschrift <em>Pass the Bill<\/em> (\u00abVerabschiedet das Gesetz\u00bb). Es waren die gr\u00f6ssten Proteste, die auf der Insel je stattgefunden haben. Einen Monat sp\u00e4ter gab es die letzte und l\u00e4ngste Anh\u00f6rung, sie dauerte \u00fcber 18 Stunden. Um 3 Uhr 30 in der Nacht verabschiedete der Rat das Gesetz.<\/p>\n\n<p>Es ist stockdunkel, und wir \u00fcberqueren eine kleine Br\u00fccke, fahren durch einen dichten Wald und biegen schliesslich zur letzten Wahlparty des heutigen Abends ab. Der Syngenta-Angestellte Arthur Brun kandidiert ebenfalls f\u00fcr den Gemeinderat. Den Ort kann man leicht \u00fcbersehen: eine einfache Holzh\u00fctte mit einem heruntergekommenen Par\u00adtyraum. Hier gibt es f\u00fcr Arthur Bruns rund 30 Anh\u00e4nger Bier aus der K\u00fchlbox und chinesische Fertiggerichte aus Alu-Containern. Es ist ein Fest f\u00fcr die Westseite der Insel, die vor der Ankunft der Saatgutfirmen v\u00f6llig verarmt war und nicht nur optisch meilenweit entfernt ist von den Million\u00e4rsvillen im Norden und den Touristenanlagen im S\u00fcden der Insel. Auf der Holzterrasse und dem Kiesplatz wird geraucht, drinnen rauscht ein altes Radio, in dem jetzt der Sprecher die neuesten Wahlresultate verk\u00fcndet. Der aktuelle Stand f\u00fcr den 7-k\u00f6pfigen Gemeinderat: \u00abAuf Platz sechs: Arthur Brun.\u00bb Carmelita, eine Arbeitskollegin und Wahlhelferin Bruns, springt aus dem Stuhl und klatscht. Brun verdr\u00fcckt ein paar Freudentr\u00e4nen. Er ist ein grosser Mann mit einem dicken, dunklen Bart. Es sieht gut aus f\u00fcr ihn. Viel besser als erwartet. Nur noch eine einzige Ausz\u00e4hlung steht an. Seinen Bossen d\u00fcrfte es mehr als recht sein, wenn er es in den Gemeinderat schafft.<\/p>\n\n<p>Es war auch Mark Phillipson zu verdanken, dass Brun auf die Liste von Syngentas Wahlempfehlungen gesetzt wurde. Mark Phillipson ist Top-Manager bei Syngenta und in Kauai das Gesicht der Industrie. Unter seiner F\u00fchrung war erstmals eine solche Liste entstanden. Er f\u00e4hrt uns an einem Tag nach der Wahl durch Oahu, Hawaiis Hauptinsel, zum Verteilzentrum von Syngenta. Eigentlich wollte der ehemalige Pharma-Manager in Rente gehen, als ihm Syngenta einen Job anbot. Die Welt hat Hunger. Die Nachfrage nach genetisch optimiertem Saatgut w\u00e4chst und mit ihm Syngentas Pr\u00e4senz auf der Pazifikinsel. Rund 12 500 Pfund Saat werden jedes Jahr aufs US-Festland und in die Welt geschifft. Viermal mehr als noch vor wenigen Jahren. Der Marktwert der Industrie in Hawaii ist seit dem Jahr 2000 um 550 Prozent gewachsen. Auch Phillipson stieg schnell auf. Er war bald nicht mehr bloss einer der wichtigsten Manager Syngentas, sondern auch Pr\u00e4sident der Lobby-Gruppierung der Industrie, der Hawaiian Crop Improvement Association. Mitglieder sind neben Syngenta Monsanto, Dow, Pioneer und BASF.<\/p>\n\n<p>Wir biegen vom Highway ab, der schwarze SUV holpert \u00fcber eine Landstrasse, vorbei an brachliegenden braunen Feldern, am Horizont gr\u00fcne H\u00fcgel. Phillipson l\u00e4sst die Fenster runter. \u00abDa oben siehst du die rote Vulkanerde im Kontrast mit den frischen, gr\u00fcnen Guinea-Gr\u00e4sern. Dazwischen siehst du die Farmen. Die gelben Blumenwiesen sind Sonnenhanf.\u00bb Phillipson parkt den SUV vor einem weissen Container, \u00abunsere brandneue Station, hier kopieren wir die Produkte, sobald sie f\u00fcr den Markt zugelassen werden.\u00bb Phillipson sieht aus wie der j\u00fcngere Bruder von Papst Ratzinger. Seine Augen liegen in tiefen H\u00f6hlen, seine Haut ist gr\u00e4ulich, seine Haare weiss. Eine markante, tiefe und rundlich geschwungene Denkfalte zieht sich von seiner Nase auf die rechte H\u00e4lfte seiner Stirn. Er tr\u00e4gt gerne Hawaii-Hemden und Jeans. Die Vorf\u00e4lle von Waimea sind f\u00fcr ihn nicht der Rede wert, schliesslich entlaste der offizielle Bericht Syngenta. Bez\u00fcglich der \u00abschrecklichen\u00bb Geburtskrankheiten weist er die Verantwortung von sich. \u00abIch bin ein datengetriebener Mensch. Wir haben 7000 Studien, die zeigen, dass Atrazin sicher ist. Ich muss mich auf diese Daten verlassen k\u00f6nnen!\u00bb Phillipson wird fast trotzig, wenn er \u00fcber seine Gegner spricht. \u00abIch kann doch keine Debatte mit Menschen f\u00fchren, die Wissenschaft nicht verstehen.\u00bb Wie die Gentech-Gegner glaubt er sich auf einer Mission von globaler Wichtigkeit \u2014 und zitiert Zahlen der Uno. Wie die Bev\u00f6lkerung bis 2050 auf neun Milliarden anwachsen werde, sich der Nahrungsbedarf bis dahin verdoppeln d\u00fcrfte. Er spricht von den Unruhen in Nahost. Er h\u00e4lt sie f\u00fcr \u00abNahrungskriege\u00bb.<\/p>\n\n<p>\u00abWir k\u00f6nnen in Kauai drei-, manchmal viermal im Jahr ernten. In Iowa pflanzen wir im Mai, ernten im September und warten ein Jahr lang.\u00bb Wenn Forscher auf dem Festland eine neue Sorte entwickelt haben, wird sie hier getestet. \u00abDie pflanzen sie einmal in einem Treibhaus und schicken uns anschliessend die Samen hierher auf die Insel\u00bb, sagt Phillipson.<\/p>\n\n<p>Das hat die Erforschung neuer Pflanzen um fast die H\u00e4lfte der Zeit verk\u00fcrzt: Statt rund zw\u00f6lf Jahre dauert es dank der vielen Ernteperioden in Hawaii nur sechs Jahre, bis ein Produkt Marktreife erlangt. \u00abEs kostet etwa 140 Millionen Dollar, eine neue Sorte auf den Markt zu bringen\u00bb, sagt Phillipson. Wie gross die Ersparnisse genau sind, verraten die Firmen nicht. Ersparnisse, die von Gary Hooser und seinem Gesetz bedroht wurden. \u00abZwei Mitglieder des Gemeinderates kamen auf mich zu und sagten mir, dass diese Bewegung abhebt\u00bb, erinnert sich Mark Phillipson. Er rief die Syngenta-Mitarbeiter zu monatlichen Treffen in <em>Town Halls<\/em> zusammen. \u00abDas war der Start unserer <em>Grassroots<\/em>-Kampagne.\u00bb<\/p>\n\n<p>Carmelita, Mitarbeiterin bei Syngenta und Kollegin von Gemeinderatskandidat Arthur Brun, eine kleine, st\u00e4mmige Frau mit lederner, dunkler Haut, sass an diesen Anl\u00e4ssen in der vordersten Reihe und erinnert sich: \u00abWir werden k\u00e4mpfen\u00bb, sagte Mark Phillipson auf der B\u00fchne der <em>Town Halls<\/em>. Kritiker warfen Syngenta sp\u00e4ter vor, dass die Firma ihren Mitarbeitern zu diesen Anl\u00e4ssen Angst eingejagt habe, um sie f\u00fcr den politischen Kampf zu gewinnen. Mark Phillipson bestreitet das. Doch ob gewollt oder nicht \u2014 die Arbeiter seien v\u00f6llig eingesch\u00fcchtert gewesen und sicher, dass sie ihre Jobs verl\u00f6ren, wenn das Gesetz angenommen w\u00fcrde, erz\u00e4hlt Carmelita. \u00abIch habe die blanke Angst in ihren Augen gesehen.\u00bb An den <em>Town Halls<\/em> sprachen laut Carmelita Experten, aber auch Politiker hielten Reden, sogar B\u00fcrgermeister Carvalho sei gekommen, behauptet Carmelita, was dieser wiederum bestreitet. Nach den ersten dieser <em>Town Hall Meetings<\/em> tauchten in der Hauptstadt L\u012bhu\u02bce auch Bef\u00fcrworter der Biotech-Firmen auf, viele von ihnen Syngenta-Mitarbeiter wie Carmelita. Syngenta liess sie in firmeneigenen Trucks in die Stadt fahren, gab ihnen blaue T-Shirts und kreierte damit eine Gegenbewegung zu Gary Hoosers rot gekleideten Aktivisten. Carmelita versteht die Bef\u00fcrworter des Gesetzes noch heute nicht. Es werde doch niemand krank hier! \u00abWir haben ja M\u00fctter, die bei uns arbeiten, und die haben Kinder. Die Kinder sind v\u00f6llig normal, die sind alle gesund.\u00bb Sie selbst seien es auch. Dann \u00fcberlegt sie kurz und sagt, dass sie auf den Feldern manchmal Kopfschmerzen bekomme, rasende Kopfschmerzen. Manchmal m\u00fcsse sie erbrechen. \u00abDas ist eben das Stinkkraut. Es ist f\u00fcrchterlich.\u00bb<\/p>\n\n<p>Wir verlassen Bruns Party kurz vor der Bekanntgabe der letzten Resultate. Der Wahlabend neigt sich dem Finale zu, es fehlen lediglich noch die Stimmen aus dem Norden, der Bastion der Gegner der Saatgutfirmen. Diese k\u00f6nnten Arthur Brun gef\u00e4hrlich werden. Der Einzige, der jetzt schon zu den Gewinnern geh\u00f6rt, ist Carvalho. Kein anderer Politiker wird in Kauai von den Saatgutfirmen mehr umgarnt. Syngenta vertraute nicht alleine auf die <em>Grassroots<\/em>-Kampagne. Vor Gericht f\u00fchrte Syngenta eine Klage im Namen aller Biotech-Firmen auf Kauai an und gewann \u2014 es sei nicht Sache der Gemeinde, derartige Entscheidungen zu treffen, sondern Sache des Bundesstaates. Dieses Urteil wird derzeit angefochten. Im Kampf um die \u00f6ffentliche Meinung startete Syngenta zudem eine Werbekampagne unter dem Titel <em>Rettet Kauais Farmen<\/em> und erh\u00f6hte die Lobbyausgaben um mehr als das Doppelte. Dazu kamen Wahlspenden an Politiker: Insgesamt 530 000 Dollar verteilten Syngenta und Co., deren Lobbyisten und den Firmen nahestehende Landbesitzer in Hawaii gem\u00e4ss Statistiken des Wahlamtes in den letzten vier Jahren. Die Spenden stammen von Organisationen wie der Lobbygruppe CropLife, dem Council for Biotechnology Information, dem Hawaii Science &amp; Technology Council \u2014 alles Organisationen, bei denen Syngenta und die anderen Saatgutfirmen Hawaiis Mitglied sind. Das Unternehmen gibt dies offen zu: Syngenta spende an Kandidaten, die ihre Ansichten teilen, schrieb Syngenta-Sprecherin LaScalea in einer Stellungnahme. Einer der neuen Wahlkampffonds, ein sogenannter SuperPAC, wurde mit rund acht Millionen Dollar gef\u00f6rdert, um Vorlagen wie die in Kauai in anderen Gemeinden Hawaiis zu bek\u00e4mpfen. Die Profiteure waren oft dieselben: die Mitglieder des Parlaments und Neil Abercrombie, der Gouverneur Hawaiis.<\/p>\n\n<p>Beim Streit um Hoosers Gesetz war nebenbei herausgekommen, dass die Saatgutfirmen offenbar vers\u00e4umt hatten, Steuern f\u00fcr Pachtland an die Gemeinde zu bezahlen. Eine erste Untersuchung deckte Vers\u00e4umnisse von \u00fcber einer Million Dollar auf. Wohl nur die Spitze des Eisberges, waren doch bloss wenige kleine Fl\u00e4chen des von den Firmen gepachteten Landes untersucht worden. Ein bedauerlicher Fehler sei das, sagten uns Clarence Nishihara, Senator und damals Vorsitzender des Agrikultur- Komitees, Jimmy Nakatani, Chef der Agribusiness Development Corporation und Syngenta-Manager Mark Phillipson, ohne jedoch konkrete Pl\u00e4ne vorzulegen, wie der Fehler behoben werden soll. Sp\u00e4ter lehnte Syngenta eine Stellungnahme dazu g\u00e4nzlich ab. Auch im Kampf gegen das neue Gesetz selbst schlug sich der Staat zusammen mit Carvalho auf die Seite der Saatgutfirmen und torpedierte es mit hastig eingef\u00fchrten neuen Initiativen. Clarence Nishihara, Vorsitzender des Agrikultur- Komitees im Staat Hawaii, forderte so eine Regelung, wonach den Gemeinden Hawaiis jegliche Macht zur Regulierung von Farmern \u2014 und damit der der Saatgutfirmen \u2014 genommen werden sollte. Doch zu diesem Zeitpunkt war die \u00d6ffentlichkeit bereits aufmerksam, die Vorlagen scheiterten. Also rief Carvalho den Gouverneur Abercrombie zu Hilfe, der daraufhin daf\u00fcr sorgte, dass dem neuen Gesetz in Kauai die Schlagkraft genommen wurde: Abercrombie pr\u00e4sentierte das \u00abGood Neighbor Program\u00bb, in dem in Partnerschaft mit den Saatgutfirmen Zahlen zur Nutzung von Pestiziden ver\u00f6ffentlicht werden sollten \u2014 freiwillig. Hoosers Gesetz h\u00e4tte die Firmen dazu verpflichtet.<\/p>\n\n<p>Kurz darauf gab Carvalho zwei Lobbyisten den Job, auf Bundesstaatsebene f\u00fcr die Interessen der Gemeinde zu k\u00e4mpfen. Zuvor hatten beide f\u00fcr Syngenta gearbeitet: Der Job war der gleiche. Die Aktivisten tobten. Doch f\u00fcr Carvalho war der Weg geebnet, um das Gesetz mit einem seiner st\u00e4rksten Mittel anzugreifen: dem ersten Veto seiner Karriere. Jetzt stellten die Aktivisten den B\u00fcrgermeister zur Rede.<\/p>\n\n<p>Nur einen Katzensprung vom Ort seiner heutigen Wahlparty entfernt schritt Carvalho vor Jahresfrist die Treppe von seinem B\u00fcro in den runden Innenhof des majest\u00e4tischen Regierungssitzes hinunter. \u00abSie haben es wieder getan!\u00bb, schrie ein w\u00fctender B\u00fcrger. Wieder hatte sich die Politik auf die Seite der Saatgutfirmen geschlagen. Eine Menge hatte sich versammelt. Buh-Rufe erf\u00fcllten den Innenhof. Auch der Teufel in der schwarzen Robe und der GMO-Maske war gekommen. \u00abLasst uns reden\u00bb, rief der B\u00fcrgermeister. \u00abMir tut es wirklich leid\u00bb, versuchte Carvalho zu sagen. \u00abNein, tut es dir nicht\u00bb, unterbrach ihn einer der aufgebrachten B\u00fcrger. Carvalho streckte beide Arme von sich und bat um Ruhe. \u00abLasst uns reden!\u00bb, rief er immer wieder. \u00abDu bist im Sack der Konzerne!\u00bb \u2014 \u00abIhr k\u00f6nnt euch lustig machen, ihr k\u00f6nnt mich nennen, wie immer ihr wollt. Ich bin mit euch marschiert. Ich habe stundenlangen Diskussionen zugeh\u00f6rt. Ich habe mit der Wissenschaftsseite geredet, ich \u2026\u00bb Die Masse wurde unruhiger, rief immer wieder dazwischen. Einige hielten ihre Smartphones in die H\u00f6he wie Waffen, bis heute dokumentiert ein Youtube-Video die Szene: \u00abIch habe mit den \u00c4rzten gesprochen\u00bb, sagte Carvalho. Einer der Zuh\u00f6rer lachte. \u00abIch habe es vor allem mit meinem Herzen und meiner Seele angeschaut.\u00bb Jetzt prustete einer, direkt neben dem B\u00fcrgermeister, worauf sich dieser wutentbrannt umdrehte: \u00abIch bin ein Bewohner dieser Insel!\u00bb Und schreiend: \u00abGeboren und aufgewachsen hier!\u00bb Carvalho verlor nur kurz die Fassung. Er betonte, dass er mit dem Gesetz einverstanden sei, aber dass es doch rechtliche Schw\u00e4chen aufweise und f\u00fcr die Gemeinde zu gross sei. Dass er aber dasselbe wolle wie sie. \u00ab<em>Shibai<\/em>\u00bb, sagte eine leise Stimme. Hawaiianisch f\u00fcr einen, der doppelz\u00fcngig redet, etwas vorspielt. \u00ab<em>Shibai<\/em>!\u00bb, riefen andere nun lauter. \u00abDas Gesetz war unsere einzige Hoffnung. Und du hast alles zerst\u00f6rt!\u00bb, rief jemand. Es wurde augenblicklich still. Hina, eine Mutter aus Waimea, eine junge, kleine Frau, lange schwarze Haare, runde Figur, trat n\u00e4her an den B\u00fcrgermeister heran. \u00abWie lange noch m\u00fcssen meine Kinder leiden? Meine Neffen und Nichten wachen nachts mit Blut auf ihren Kissen auf. Mein Sohn hat Anf\u00e4lle. Wir haben ein kleines M\u00e4dchen auf der Westseite, dem gerade Krebs diagnostiziert wurde.\u00bb Sie zitterte und wischte sich mit ihrem Hemd die Tr\u00e4nen aus dem Gesicht. \u00abWie lange noch?\u00bb<\/p>\n\n<p>Das alles ist nun fast genau ein Jahr her. Die <em>Shibai<\/em>-Rufe sind nur noch eine weit entfernte Erinnerung. Heute Abend schwingt Carvalho seine H\u00fcften zu <em>Twisting the Night Away<\/em> und feiert seinen Wahlsieg: Er ist mit riesigem Vorsprung wiedergew\u00e4hlt worden. Doch der wahre Sieger heisst Syngenta. Die letzten, aus dem Norden eintreffenden Stimmen haben am Endresultat nicht mehr viel ge\u00e4ndert. Gary Hooser hat es zwar noch in den Rat geschafft, im Gegensatz zu Syngenta-Mann Arthur Brun. Carvalho steht jetzt ein Gemeinderat zur Seite, in dem die Unterst\u00fctzer der Saatgutfirmen die neue Mehrheit bilden. 4:3 zugunsten der Biotech-Industrie. Der Fotograf schiesst die ersten Bilder. Carvalho hat auch als B\u00fcrgermeister noch die Figur des Football-Spielers, der er in der Schule war. Gross, breite Schultern, jetzt bloss mit ein paar zus\u00e4tzlichen Kilos auf den H\u00fcften. Vor lauter Aufregung wirkt er wie ein Kind. Carvalho, im feinen, t\u00fcrkisfarbenen Hemd und mit einem \u00fcbergrossen Kranz gelber Blumen um den Hals, b\u00fcckt sich zu seinem Vater, der verlegen l\u00e4chelt. Das Bild wird am n\u00e4chsten Tag auf der <a href=\"http:\/\/thegardenisland.com\/news\/local\/govt-and-politics\/carvalho-wins\/article_4d9054e0-64ca-11e4-8c93-6b21dff6a051.html\">Frontseite der lokalen Zeitung<\/a> unter den Worten \u00abCarvalho gewinnt\u00bb zu sehen sein. \u00abDie wollten den Topf aufmischen. Und ich mag das nicht\u00bb, diktiert Carvalho mit durchgestrecktem R\u00fccken einem Journalisten ins Aufnahmeger\u00e4t. \u00abDas darf nicht sein auf Hawaii. Der Geist von Aloha erfreut sich bester Gesundheit!\u00bb<\/p>\n\n<p><em>Die Schweizer Reporter Micha\u00ebl Jarjour (Jahrgang 1984) und Julie Zaugg (1979) interessieren sich f\u00fcr Wirtschaft, Politik und seltsame Menschen. Beide leben und arbeiten in den USA.<\/em><\/p>\n\n<p><em>Mehr zum Thema Landwirtschaft finden Sie in\u00a0<a href=\"http:\/\/reportagen.com\/content\/reportagen-5\">Reportagen #5<\/a>,\u00a0<a href=\"http:\/\/reportagen.com\/content\/aml230849-012-g\">AML. 230849-012-G<\/a>,\u00a0<a href=\"http:\/\/reportagen.com\/content\/afrika-kaufen\">Afrika kaufen<\/a>\u00a0oder\u00a0<a href=\"http:\/\/reportagen.com\/content\/200-bio\">200% Bio<\/a>\u00a0<a href=\"http:\/\/reportagen.com\/content\/reportagen-14\">(#14)<\/a>.<\/em><\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/b4f3741d-4e0647de385c41f95f89fab31d3821d4-scaled.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>\u00a9 Moire\u00cc\u0081 und Claudia Blum<\/figcaption><\/figure>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/4fdd8df1-ece347ccf8e3aac9ba3363673456395e-scaled.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>\u00a9 Moire\u00cc\u0081 und Claudia Blum<\/figcaption><\/figure>\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie der Basler Agrarkonzern versucht, den Bewohnern einer Insel die Demokratie zu rauben.<\/p>\n","protected":false},"author":49,"featured_media":44273,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_planet4_optimize_post_is_variant":false,"_planet4_optimize_experiment_name":"","_planet4_optimize_variant_name":"","ep_exclude_from_search":false,"p4_og_title":"","p4_og_description":"","p4_og_image":"","p4_og_image_id":"","p4_seo_canonical_url":"","p4_campaign_name":"not set","p4_local_project":"not set","p4_basket_name":"not set","p4_department":"","footnotes":""},"categories":[47],"tags":[72],"p4-page-type":[194],"gpch-article-type":[],"class_list":["post-44263","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-greenpeace","tag-konzernverantwortung","p4-page-type-hintergrund"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44263","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/49"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=44263"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44263\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/44273"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=44263"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=44263"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=44263"},{"taxonomy":"p4-page-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/p4-page-type?post=44263"},{"taxonomy":"gpch-article-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/gpch-article-type?post=44263"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}