{"id":44283,"date":"2015-05-22T07:00:00","date_gmt":"2015-05-22T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=44283"},"modified":"2020-05-18T17:38:26","modified_gmt":"2020-05-18T15:38:26","slug":"die-demokratischste-aller-energien-ist-solar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/44283\/die-demokratischste-aller-energien-ist-solar\/","title":{"rendered":"\u00abDie demokratischste aller Energien ist solar\u00bb"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Sonnenstaat ist der zweite Name Brasiliens. Trotzdem kommt nur knapp ein Prozent des Stroms aus Photovoltaik. V\u00e2nia Stolze (55) aus Rio de Janeiro hat sich vor einigen Jahren zum Ziel gesetzt, dies mithilfe der Jugend in den Favelas zu \u00e4ndern \u2013 und hat den Hebel offenbar am richtigen Ort angesetzt: Seit Kurzem k\u00f6nnen Brasilianer ihren Solarstrom ins Netz einspeisen.<\/strong><\/p>\n\n<p><span class=\"dropcap\">V<\/span>\u00e2nia sitzt auf dem grossz\u00fcgigen Gemeinschaftsplatz der Genossenschaft Kalkbreite, den R\u00fccken zur Sonne, dunkle Gl\u00e4ser vor ihren wachen Augen, und lacht, als ich versuche, mein Diktierger\u00e4t mit einem halbleeren Ersatzakku aufzuladen: \u00abDu solltest einen Solarakku haben.\u00bb Und schon sind wir mitten in ihrem Thema, im Gespr\u00e4ch mit der vielleicht wichtigsten Solaraktivistin Brasiliens stellt sich schnell heraus, wie sehr ihre Leidenschaft sie fesselt \u2014 und sie gleichzeitig das grosse Ganze nie aus dem Blick verliert.<\/p>\n\n<p>Aufgewachsen in einer brasilianischen Kleinstadt, wurde es ihr schnell zu eng, schon als Kind war sie vom urbanen Raum fasziniert. 10-j\u00e4hrig zog sie mit der Mutter, zwei Schwestern und einem Bruder nach Rio: \u00abHier gibt es mehr auszuprobieren, mehr verschiedene Einfl\u00fcsse, mehr Kultur, mehr Leben, ich freute mich. Ich bin eine lebensfreudige Optimistin, rumsitzen ist nicht mein Ding, da entspreche ich ganz dem brasilianischen Klischee.\u00bb<\/p>\n\n<p>Doch die Schattenseiten zogen schnell auf: In die Mittelschicht geboren, hatte sie eine solche Armut wie hier noch nie gesehen. Ganze Viertel, die Favelas, die auf sich selbst gestellt sind und sich nur mit dem N\u00f6tigsten einigermassen \u00fcber Wasser halten k\u00f6nnen \u2014 das waren pr\u00e4gende Eindr\u00fccke: \u00abIch wollte unbedingt helfen.\u00bb Und so begann sie im Alter von 16 Jahren, sich um obdachlose Kinder und Jugendliche zu k\u00fcmmern. \u00abWir waren eine lose, unabh\u00e4ngige Gruppe von Freunden, wir wollten den Leuten mit kleinen Dingen erm\u00f6glichen, sich als Teil der Gesellschaft zu f\u00fchlen.\u00bb Also lernten sie mit ihnen, organisierten Geburtstage und andere Feste, bauten gemeinsam an einer positiveren Perspektive.<\/p>\n\n<p>Die Frage trieb sie um, wie die Gesellschaft sich auf engem Raum einrichtet, wie das Zusammenleben \u2014 insbesondere in grossen St\u00e4dten wie Rio \u2014 organisiert wird. Wenig erstaunlich, dass die Wahl des Studiums also auf Architektur fiel. Mit sozialem Engagement als erstem Nebenfach auf Lebenszeit.<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Umweltbildung in den Favelas<\/h2>\n\n<p>Jahre sp\u00e4ter, 1992, hat Umweltschutz seinen Auftritt auf der grossen B\u00fchne: Die internationale Staatengemeinschaft trifft sich nach 20 Jahren erstmals wieder, um Umweltfragen in einem weltweiten Kontext zu diskutieren, Klima ist pl\u00f6tzlich mehr als nur Wetter, Greenpeace kommt nach Brasilien. Am heute auch als Erdgipfel bekannten Treffen unterzeichnen 154 Staaten die sogenannte Klimarahmenkonvention. Der Startschuss f\u00fcr die noch heute stattfindenden, j\u00e4hrlichen Klimakonferenzen ist damit abgefeuert, der Klimawandel erstmals weltweit als Bedrohung auf die Agenda gesetzt, kein einflussreicher Politiker kann mehr behaupten, nichts davon zu wissen.<\/p>\n\n<p>V\u00e2nia, mittlerweile 32, gut vernetzt in der Freiwilligen-Szene und Mutter von zwei T\u00f6chtern (4 und 2 Jahre jung), hat ihren Nachwuchs im Schlepptau: \u00abIch wollte meinen T\u00f6chtern auf den Weg geben, dass es wichtig ist, sich mit Menschen auszutauschen, sich einzumischen und aktiv an einer besseren Welt mitzubauen. Umwelt und Soziales ist untrennbar mit unserem \u00dcberleben verbunden.\u00bb V\u00e2nia unterrichtet unterdessen als Umweltlehrerin Jugendliche in den Favelas. Fehlende Infrastruktur \u2014 zum Beispiel das Fehlen einer Kehrichtentsorgung \u2014, gepaart mit sozialen Problemen, aber auch mit Unwissen, resultiert in zugem\u00fcllten Armenvierteln. In einem Masse, dass der Abfall zu einer unmittelbaren Plage wird. \u00abKeine einfache Aufgabe. Denn die Alltagsprobleme sind ganz anders gelagert. Also kombinierten wir Umweltbildung mit spielerischen Kunstinterventionen, wir produzierten aus M\u00fcll sch\u00f6ne und n\u00fctzliche Dinge.\u00bb<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/74eb03c6-2fabf8ebb3f7a4a0ee31aa7daff6b1c1.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>V\u00e2nia packt auch selbst an, hier in Trub \u00a9 Frederick Krieger<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>In einem Pilotprojekt entsteht so die erste Warmwasser-Solaranlage aus gebrauchten PET-Flaschen: \u00abDie demokratischste aller Energien ist solar. Die Sonne scheint jeden Tag, ob f\u00fcr reich oder arm.\u00bb Doch die Leute wissen nicht um ihr Potenzial, die brasilianische Regierung informiert die Bev\u00f6lkerung bewusst nicht, denn sie verdient an undemokratischen Grossprojekten mit. \u00abNur deshalb ist Solarenergie in Brasilien heute immer noch so teuer. Doch wir k\u00f6nnen uns keine weiteren Belo-Monte-Staud\u00e4mme mehr erlauben, der Widerstand ist zu gross, das Wasser zu knapp\u00bb, ihre Gesten werden eindringlicher, Freudigkeit weicht der Besorgnis, das Klischee br\u00f6ckelt.<\/p>\n\n<p>85 Prozent des brasilianischen Stroms fliessen derzeit aus Grosswasserkraftwerken. <a href=\"http:\/\/www.greenpeace.org\/international\/en\/multimedia\/slideshows\/Belo-Monte-Dam-Project-2\/\">Der gigantische Belo-Monte-Staudamm<\/a> am Amazonas-Arm Rio Xingu geht voraussichtlich 2015 in Betrieb. \u00dcber 25 Jahre hatten indigene V\u00f6lker und UmweltaktivstInnen mit internationaler Unterst\u00fctzung \u2014 unter anderem von Prominenten wie dem Musiker Sting oder dem Hollywood-Regisseur James Cameron \u2014 dagegen gek\u00e4mpft.<\/p>\n\n<p>Bis zu 40&#8217;000 Menschen verdr\u00e4ngt der Riesenstausee und bedroht damit die Lebensgrundlage von Ureinwohnern aus 18 verschiedenen ethnischen Gruppen. Diverse ortsspezifische und unerforschte Fischarten werden diesen Eingriff langfristig nicht \u00fcberleben. Auch Greenpeace Brasilien protestiert immer und immer wieder mit verschiedenen Mitteln gegen den Staudamm, ohne jedoch eine langfristige Alternative zu bieten, wie V\u00e2nia feststellt: \u00abSolange die Leute meinen, es g\u00e4be keinen Gegenentwurf, wie sollen sie sich dann f\u00fcr das Bessere entscheiden? Wenn sie nicht wissen, dass es eine demokratische Energieform gibt, mit der wir alle zu Mikroproduzenten werden k\u00f6nnen, wie soll dann der Wandel stattfinden?\u00bb<\/p>\n\n<p>Die \u00dcberzeugung w\u00e4chst in ihr, dass man die Dinge nicht nur selbst anpacken, sondern dass man sie gleichzeitig auf breitem Terrain bekannt machen muss. Sie \u00fcberzeugt Greenpeace Brasilien, <a href=\"http:\/\/www.greenpeace.org\/brasil\/pt\/O-que-fazemos\/Clima-e-Energia\/juventude-solar\/\">eine nationale Solar-Kampagne<\/a> zu starten \u2014 bei der sie die Umsetzung gleich selbst in die Hand nimmt. Strom aus Photovoltaik kommt im Sonnenstaat Brasilien auf weniger als ein Prozent des gesamten Strommixes.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-embed-youtube wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<lite-youtube style=\"background-image: url('https:\/\/i.ytimg.com\/vi\/t0LP8b2uoEI\/hqdefault.jpg');\" videoid=\"t0LP8b2uoEI\" params=\"rel=0&#038;enablejsapi=1&#038;origin=https%3A%2F%2Fwww.greenpeace.ch&#038;cc_load_policy=1\"><\/lite-youtube>\n<\/div><\/figure>\n\n<p>Bis k\u00fcrzlich war es unm\u00f6glich, als kleiner Produzent seinen eigenen Strom ins Netz einzuspeisen: \u00abTag f\u00fcr Tag standen wir auf der Strasse, haben mit Solark\u00fcchen Pancakes und Popcorn gebrutzelt \u2014 Brazileiros lieben Popcorn \u2014 und mit den Menschen geredet, viel geredet, das ist das Wichtigste.\u00bb In der Zeit, um 2010, erf\u00e4hrt V\u00e2nia grosse Unterst\u00fctzung vom <a href=\"http:\/\/www.greenpeace.org\/switzerland\/de\/Themen\/solarenergie-global\/\">Youth Support Centre in Bern<\/a>, das f\u00fcr die internationale Solar-Kampagne von Greenpeace Solar-Aktivisten aus aller Welt mit Infomaterial, Kontakten und Schulungswerkzeugen versorgt: \u00abOhne die immense Erfahrung und die Hilfe aus der Schweiz h\u00e4tten wir niemals so schnell loslegen k\u00f6nnen.\u00bb<\/p>\n\n<p>Das Timing stimmt, auch andere Umwelt-Organisationen machen Druck auf die Regierung, und schon wenig sp\u00e4ter, 2012, verabschiedet die brasilianische Regierung ein Gesetz, das es erstmals erm\u00f6glicht, kleine, private Photovoltaikanlagen ans Stromnetz anzuh\u00e4ngen. \u00abJetzt m\u00fcssen wir die Gelegenheit packen und bauen, was wir k\u00f6nnen\u00bb, sagt V\u00e2nia und sorgt gleich selbst f\u00fcr ein prestigetr\u00e4chtiges Projekt: Greenpeace-Freiwillige bauen mit Bewohnern die erste Photovoltaik-Anlage in einer Favela.<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Liebe auf einem Greenpeace-Schiff kennengelernt<\/h2>\n\n<p>Von der Anlage in Morro dos Macacos profitiert die ganze Gemeinde, eingesparte Stromkosten kommen Gemeinschaftsprojekten zugute. Und das Wichtigste, so V\u00e2nia, sind die ausgebildeten Leute: \u00abWir haben zahlreiche junge Leute ausgebildet, sie werden meine Arbeit weiterf\u00fchren und noch mehr Leute ausbilden. Denn die Sonne in Brasilien hat eine wahnsinnige Kraft, wir brauchen eine Bewegung, die sie nutzt.\u00bb Die Energie, die eine Solarzelle in der Produktion ben\u00f6tigt, kann im Sonnenstaat in nur einem Monat wieder eingefahren werden. Zum Vergleich: Mit Schweizer Sonneneinstrahlung dauert dasselbe auf dem aktuellen Stand der Technik bis zu zwei Jahre.<\/p>\n\n<p>Nun ist V\u00e2nia also wieder einmal in der Schweiz. In Kandersteg wird sie an einem Jugendsolarprojekt mit Pfadfindern teilnehmen. Doch der wahre Grund f\u00fcr ihren Besuch ist ein romantischer: Vor drei Jahren bereiste Retze Koen, der Mitbegr\u00fcnder der <a href=\"http:\/\/www.greenpeace.org\/switzerland\/de\/Themen\/Jugendsolar\/\">Schweizer Jugendsolarprojekte<\/a>, Brasilien. <a href=\"http:\/\/www.greenpeace.org\/switzerland\/de\/Themen\/Jugendsolar\/Old-Pages\/Retze-unterwegs-nach-Rio\/\">Bei einem Stopp auf dem Greenpeace-Schiff Rainbow Warrior III<\/a>, wo V\u00e2nia mit Verve f\u00fcr Solarenergie warb, nahm eine Liebesgeschichte ihren Anfang. Diesen Herbst geht Retze in Rente, und V\u00e2nia folgt dem ehemaligen Handelsschiffkapit\u00e4n in seine Heimat \u2014 die Niederlande. Sich zur Ruhe setzen ist jedoch f\u00fcr beide keine Option: \u00abEs ist f\u00fcr mich nicht einfach, Brasilien zu verlassen. Aber wenn die Liebe ruft, soll man ihr folgen\u00bb, so V\u00e2nia. Ihre Zukunft wird sonnig sein, vermutlich werden sie sich als Coaches bet\u00e4tigen. Da lacht sie wieder: \u00abSolar is best, forget the rest\u00bb, sagt sie, legt endlich die dunklen Gl\u00e4ser ab und strahlt \u00fcber beide Ohren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sonnenstaat ist der zweite Name Brasiliens. Trotzdem kommt nur knapp ein Prozent des Stroms aus Photovoltaik. V\u00e2nia Stolze (55) aus Rio de Janeiro hat sich vor einigen Jahren zum Ziel gesetzt, dies mithilfe der Jugend in den Favelas zu \u00e4ndern \u2013 und hat den Hebel offenbar am richtigen Ort angesetzt: Seit Kurzem k\u00f6nnen Brasilianer ihren Solarstrom ins Netz einspeisen.<\/p>\n","protected":false},"author":49,"featured_media":44285,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_planet4_optimize_post_is_variant":false,"_planet4_optimize_experiment_name":"","_planet4_optimize_variant_name":"","ep_exclude_from_search":false,"p4_og_title":"","p4_og_description":"","p4_og_image":"","p4_og_image_id":"","p4_seo_canonical_url":"","p4_campaign_name":"not set","p4_local_project":"not set","p4_basket_name":"not set","p4_department":"","footnotes":""},"categories":[47],"tags":[42],"p4-page-type":[194],"gpch-article-type":[],"class_list":["post-44283","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-greenpeace","tag-energie","p4-page-type-hintergrund"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44283","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/49"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=44283"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44283\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/44285"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=44283"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=44283"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=44283"},{"taxonomy":"p4-page-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/p4-page-type?post=44283"},{"taxonomy":"gpch-article-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/gpch-article-type?post=44283"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}