{"id":44334,"date":"2015-07-18T07:00:00","date_gmt":"2015-07-18T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=44334"},"modified":"2020-05-20T15:51:58","modified_gmt":"2020-05-20T13:51:58","slug":"china-auf-der-zunge-teil-i","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/44334\/china-auf-der-zunge-teil-i\/","title":{"rendered":"China auf der Zunge &#8211; Teil II"},"content":{"rendered":"\n<p>S\u00fcsssauer. So schmeckt ein Apfel. So riecht ein Apfel. Nicht wahr?<\/p>\n\n<p><span class=\"dropcap\">A<\/span>ls sie mir den Apfel hinh\u00e4lt, da riecht er genau so, wie ein richtiger Apfel eben riecht. Dennoch ist er ganz anders als diese gl\u00e4nzenden, rosa-, fast pfirsichfarbenen, zuckers\u00fcssen und d\u00fcnnh\u00e4utigen \u00c4pfel, die man sonst an Chinas Obstst\u00e4nden und in Superm\u00e4rkten findet. Er ist von einer gelblichen Sorte, matt, mit dickerer Haut, ein paar kleinen roten Sprenkeln. Vor allem ist er nicht perfekt. Die Haut ist ein bisschen weich, so wie das eben passiert nach ein paar Tagen Apfelleben. Und es gibt diese holzartigen P\u00fcnktchen auf seiner Haut. Ich bin kein Apfelexperte. Wer ist das schon? Er erinnert mich an \u00c4pfel aus meiner Kindheit. Sie sieht mich an, ihre Mandelaugen glitzern. \u00abGood Apple\u00bb, sagt sie. Ich drehe die Frucht in meinen H\u00e4nden. Wut steigt in mir hoch. Ich lege den Apfel zur\u00fcck in die Pappschachtel, verabschiede mich eilig. Schnell die mit weichem, goldbraunem Teppich belegten Stufen hinunter, raus aus dem verspiegelten schwarzen Appartementkomplex, ein Taxi von der zehnspurigen Stadtautobahn fischen. Richtung Huohai District.<\/p>\n\n<p>Stau. Ich checke meine Smog-App. Smogwarnung erfolgt in der Schweiz ab 75 \u03bcg\/m3. Die h\u00f6chste Smogstufe ist 150 \u03bcg\/m3. Offenes Feuer ist dann verboten. Der Verkehr wird strikt reguliert. Als ich vor ein paar Tagen in Peking ankam, glitt ich durch ein graues Nebelmeer, in dem die Spitzen der Wolkenkratzer versanken. Der Taxichauffeur sang mit rauer Stimme \u00abHey Jude\u00bb von den Beatles und schenkte mir eine hellblaue Atemmaske. 300 \u03bcg\/m3.<\/p>\n\n<p>\u00dcber eine Million Chinesen starben 2010 nach Angaben des Medizinjournals \u00abLancet\u00bb einen Smog-bedingten Tod. Doch Umweltzerst\u00f6rung ist ein vergleichsweise abstraktes Risiko f\u00fcr die meisten Chinesen. In Umfragen steht es an vierter oder f\u00fcnfter Stelle ihrer Sicherheitsbedenken. Smog ist schliesslich landesweit durchschnittlich nur an jedem zweiten Tag und vor allem in St\u00e4dten. Auch der Vorschlag des britischen Historikers Niall Ferguson, die Einf\u00fchrung eines westlichen Gesundheitssystems sei \u00abdie Killer-App\u00bb, um zum Westen aufzuschliessen, d\u00fcrfte nicht so schnell umgesetzt werden. Das desolate Gesundheitssystem war 2012 nur die drittgr\u00f6sste Sorge der Bev\u00f6lkerung, direkt nach der \u00f6ffentlichen Sicherheit, die lediglich knapp der H\u00e4lfte aller Chinesen Sorgen bereitet. Das Problem, das hingegen acht von zehn Personen in Chinas St\u00e4dten f\u00fcr ihr gr\u00f6sstes Risiko halten, ist viel essenzieller. Und allt\u00e4glicher.<\/p>\n\n<p>Seit Jahren h\u00f6rt man ausserhalb Chinas immer wieder von seltsamen Lebensmittelskandalen. Rattenfleisch, das als Lamm verkauft wird. Eigelb, gef\u00e4rbt mit Schwermetallen, vergiftete Babymilch. In China h\u00f6rt man so etwas beinahe t\u00e4glich. Seit \u00fcber zehn Jahren. Essen ist gef\u00e4hrlich geworden. Und das in einer Gesellschaft, in der Essen mehr als nur Verpflegung ist, sondern ebenfalls: Medizin, Kunstform, Geschichte und Gemeinschaft.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/63d6e202-014be0101c4734b89dd94e915ff6b22f.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>F\u00fcr diese Familie in Haikou City wird das gemeinsame Essen zur Quelle der Unsicherheit. Lebensmittelskandale ersch\u00fcttern China, die Umweltbelastung durch Landwirtschaft und Industrie ist massiv. \u00a9 Liu Feiyue \/ Greenpeace<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Die \u00abCN Air Quality\u00bb-App zeigt gr\u00fcn. 83 \u03bcg\/m3. Ich lasse mich in den Sitz zur\u00fcckfallen. Sonntag, 15. September 2013, 17 Uhr 30. Noch zw\u00f6lf Stunden bis zum Heimflug. Vor zwei Wochen war ich angereist, um in China zu kochen. Ich wollte herausfinden, wie die Menschen mit diesem Zweifel umgehen. Was es heisst, bei jedem Essen Angst zu versp\u00fcren.<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Shanghai<\/h2>\n\n<p>20. Stock, Xikang Road, Schanghai. 23 Uhr. Es ist der 11. September 2013. Ich bin bei Zhang Jun und bringe etwas Brot von ihrer Mutter. Jun hat einen kleinen Indoor-Dschungel aus Topfpflanzen vor ihrer Fensterfront. Dahinter lassen die Lichter der Stadt den feuchten Nachthimmel gelblich leuchten. Neonreklamen, Nieselregen, \u00abBlade Runner\u00bb. Zwei Stunden vorher stand ich bei ihren Eltern, die sie mir vermittelt hatte, in der K\u00fcche, weil ich mit jemandem ganz Normalem kochen wollte. \u00abWir sind eine Essenskultur\u00bb, erkl\u00e4rt Jun, w\u00e4hrend sie mir eine Tasse Gr\u00fcntee reicht, \u00abganz offiziell. Das reicht bis in unsere Sprache. Wusstest du, dass wir zur Begr\u00fcssung nicht fragen \u2039Wie geht es Dir?\u203a, sondern \u2039Hast Du schon gegessen?\u203a\u00bb<\/p>\n\n<p>Wer Social-Media-Profile junger Chinesen besucht, wird vor allem eins finden: Food-Fotos. So werden hier Einstellungen vermittelt. Du bist, was Du isst. \u00abUnsere Gerichte haben Namen, die wie W\u00fcnsche funktionieren\u00bb, f\u00e4hrt Jun fort. \u00abEin Gericht aus Mais und Pinienkernen heisst \u2039Gold und Silber f\u00fcr das Haus\u203a. Es wird quasi an jeder Hochzeit gereicht. Die Farben des Gerichts sind entscheidend. Mais und Pinienkerne sind weiss und gelb. Reichtum und Gesundheit.\u00bb Gesch\u00e4fte werden in China am Esstisch geschlossen. Gastgeber \u00fcbertrumpfen sich. Die Gelage der hohen Parteikader und der Neureichen wurden so opulent, dass sie letztes Jahr verboten wurden. Was dazu f\u00fchrt, dass sie nun in versteckten Restaurants abgehalten werden.<\/p>\n\n<p>Jun ist ein Kind des Chinabooms. Geboren zur Zeit der wirtschaftlichen \u00d6ffnung Ende der siebziger Jahre, wuchs sie im explosionsartig wachsenden Schanghai auf. Sie studierte Finanzwirtschaft, und als zu Beginn des 21. Jahrhunderts sich China zur Innovationswirtschaft bekannte, studierte Jun in den USA Kunst und verkaufte ganz ansehnlich.<\/p>\n\n<p>\u00abInsgesamt gibt es f\u00fcnf Farben, Schwarz, Weiss, Gelb, Blau und Rot. Jede Farbe steht f\u00fcr eines der f\u00fcnf Elemente, Erde, Wasser, Feuer, Holz, Metall. Die Farben stehen auch f\u00fcr die inneren Organe, Leber, Niere, Herz, Lunge, Blase. Und f\u00fcr f\u00fcnf Geschmacksrichtungen. Sauer, s\u00fcss, bitter, salzig, scharf. Und es gibt die Idee von Yin und Yang. Speisen, die k\u00fchlende oder w\u00e4rmende Effekte haben. Traditionelle Gerichte tragen zudem ihre Geschichte mit sich. Dar\u00fcber reden wir bei Tisch.\u00bb<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/1dde7281-867b6ba7e51730fe10b1a765682cd912.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>\u00a9 Anna Albisetti, petermuster.ch<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Zum Beispiel \u00abGegenleistungs-Schweinebauch\u00bb, Dongpo. Zitiert nach Chinas Food-Papst Du Fuxiang: \u00abDas Gericht stammt aus der Zeit, als Su Shi, ein bekannter Dichter der Song-Dynastie, die Menschen in Xuzhou im Kampf gegen eine Flut anf\u00fchrte. W\u00e4hrend der Regierungsperiode Shenzongs in der Song-Dynastie war Su Shi zu einem \u00f6rtlichen Beamten in Xuzhou ernannt worden. Schon nach wenigen Dienstmonaten begann der Yellow River Xuzhou zu \u00fcberfluten. Su Shi f\u00fchrte seine Soldaten und auch die B\u00fcrger zu einem mehr als einmonatigen Kampf gegen die Fluten an. Schliesslich zog sich das Wasser zur\u00fcck. Als Ausdruck ihrer Dankbarkeit schlachteten die B\u00fcrger Schweine und Schafe und brachten Wein und Fleisch zum Regierungssitz, um sie Su Shi zu \u00fcberreichen. Es w\u00e4re undankbar, die Freundlichkeit der Menschen nicht zu akzeptieren. Su Shi wies also seine K\u00f6che an, Gerichte aus dem Fleisch zuzubereiten, die er dann den B\u00fcrgern zukommen liess, die geholfen hatten, gegen die Fluten anzuk\u00e4mpfen. Daher der Name des Gerichts.\u00bb Dongpo ist ein rundherum knusprig gebratener und anschliessend 21\u20442 Stunden niedrig gegarter Schweinebauch. Gereicht wird Dongpo in einer leicht s\u00fcsslichen, halbdurchsichtigen Bratensauce, die zusammen mit dem Fleisch auf der Zunge zergeht.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/90014832-05a60abef8d5d7c045f2eb01bf4b663a.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Kochen ist in China Medizin, Kultur, Identit\u00e4t und Kunst.\u00a9 Liu Feiyue \/ Greenpeace<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Mittlerweile hat sich Jun neu orientiert, \u00abKochen ist meine Kunst geworden\u00bb, sagt sie. \u00abWarum?\u00bb \u2014 \u00abWegen des Essensproblems.\u00bb Wegen des \u00abGutter Oil\u00bb, das aus Abfl\u00fcssen abgesch\u00f6pft und als Speise\u00f6l verkauft wird; wegen des Soja\u00f6ls aus Haarabf\u00e4llen von Krankenh\u00e4usern; wegen Cadmium im Reis und Schwermetallen im Ingwer. Oder wegen der vergifteten Babymilch. \u00abDamit ging alles los\u00bb, sagt Jun.<\/p>\n\n<p>2007 auf 2008 erkrankten in China 300 000 Babys. Offiziell starben sechs der Kinder. Sanlu, damals Chinas f\u00fchrender Babynahrungshersteller, hatte Melamin eingesetzt, um die Proteinwerte der verwendeten Milch zu erh\u00f6hen. Dass Melamin t\u00f6ten konnte, nahm Sanlu in Kauf. Hunderte Babys wurden wegen Nierenproblemen eingeliefert. Sanlu ist in China ein Name wie Hipp oder Nestl\u00e9 im deutschsprachigen Raum. Das Unternehmen galt als so zuverl\u00e4ssig, dass es von Kontrollen quasi befreit war. Eine andere Lesart: Man hatte die Beh\u00f6rden im Griff. Als Ende 2007 die ersten Vorw\u00fcrfe das Unternehmen erreichten, stoppte man keineswegs den Verkauf. Ab Mitte Juli ist der Staat im Bilde. Und schweigt. Im August 2008 forderte Sanlu hinter den Kulissen die Beh\u00f6rden auf, sich um gute Presse f\u00fcr das Unternehmen zu k\u00fcmmern. Zudem bot man den Betreibern der chinesischen Suchmaschine Baidu Geld, um negative Resultate zu l\u00f6schen. Im August 2008 brachte sich der Leiter der staatlichen Lebensmittelkontrolle AQSIQ um. Als am 11. September 2008 ein Reporter die kranken Babys \u00f6ffentlich mit Sanlu in Verbindung brachte, platzte die Bombe. Das Volk kochte vor Wut. Die EU stoppte den Import chinesischer Babynahrung. Der Fall Sanlu beweise, urteilte das \u00abTime Magazine\u00bb, dass es keine unabh\u00e4ngige Kontrolle in einem Land gebe, in dem Industrie und Staat so eng verflochten seien. Dann reagierte die Regierung. Staatschef Wen Jiabao t\u00e4tschelte Babyh\u00e4nde in Krankenh\u00e4usern, es gab Schauprozesse. Drei Sanlu-Manager wurden zum Tode verurteilt, zwei hingerichtet. Schon im Jahr zuvor war der Leiter der SFDA, einer grossen staatlichen Beh\u00f6rde zur \u00dcberwachung der Lebensmittelsicherheit, wegen Korruption exekutiert worden. 2010 fand man wieder melaminverseuchte Babynahrung \u00abMade in China\u00bb. Und 2012 wurde Jiang Weisuo, der Mann der die Beh\u00f6rden \u00fcber das Sanlu-Problem informiert hatte, unter ungekl\u00e4rten Umst\u00e4nden erstochen. F\u00fcr Chinesen war gar nichts neu am Sanlu-Vorfall. Schon seit der Jahrtausendwende hatte die Zahl der Meldungen \u00fcber vergiftete, verseuchte, gef\u00e4lschte, abgelaufene Lebensmittel in China zugenommen. Stets hatte der Staat versprochen, das Problem zu l\u00f6sen; ein paar Firmen geschlossen; ein paar Gesetze versch\u00e4rft; ein paar Personen ins Gef\u00e4ngnis geworfen. Der Fall Sanlu aber wurde in Details publik. Er wurde zu einem Gradmesser daf\u00fcr, ob sich an der Ausgangssituation etwas ge\u00e4ndert hat. Und die lautet: Ein Unternehmen killt Babys f\u00fcr Cash. Und der Staat hilft dabei. Der Fall zeigt: Korruption, fehlende Gewaltenteilung, Zensur, totale Marktwirtschaft, Umweltverschmutzung \u2014 am Schluss landet alles auf dem Teller.<\/p>\n\n<p>Man muss das Wort Lebensmittelsicherheit richtig verstehen. F\u00fcr Europ\u00e4er mag es banal klingen. Aber es dreht sich darum, wie sicher die \u00abMittel zum Leben\u00bb sind.<\/p>\n<div data-render=\"planet4-blocks\/gallery\" data-attributes=\"{&quot;attributes&quot;:{&quot;multiple_image&quot;:&quot;54543,54542,54541,54540,54539&quot;,&quot;image_data&quot;:[{&quot;url&quot;:&quot;https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/07\\\/b35eef65-3e3993757c3fcd04a59c9df5f960c492.jpg&quot;,&quot;focalPoint&quot;:{&quot;x&quot;:0.5,&quot;y&quot;:0.5},&quot;id&quot;:54543},{&quot;url&quot;:&quot;https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/07\\\/531ecd74-907125e150e3934554eec17e5dda672b.jpg&quot;,&quot;focalPoint&quot;:{&quot;x&quot;:0.5,&quot;y&quot;:0.5},&quot;id&quot;:54542},{&quot;url&quot;:&quot;https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/07\\\/b3b21896-04e73fd0bfd1bd35d7af5cbf61e5acc9.jpg&quot;,&quot;focalPoint&quot;:{&quot;x&quot;:0.5,&quot;y&quot;:0.5},&quot;id&quot;:54541},{&quot;url&quot;:&quot;https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/07\\\/076866fd-a3c2d2700ddf310dfa3dc78b08df6ecf.jpg&quot;,&quot;focalPoint&quot;:{&quot;x&quot;:0.5,&quot;y&quot;:0.5},&quot;id&quot;:54540},{&quot;url&quot;:&quot;https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/07\\\/f1978495-b9026590f4385362ce0153d5befe1627.jpg&quot;,&quot;focalPoint&quot;:{&quot;x&quot;:0.5,&quot;y&quot;:0.5},&quot;id&quot;:54539}],&quot;gallery_block_style&quot;:0,&quot;gallery_block_title&quot;:&quot;&quot;,&quot;gallery_block_description&quot;:&quot;&quot;,&quot;gallery_block_focus_points&quot;:&quot;&quot;,&quot;images&quot;:[{&quot;image_src&quot;:&quot;https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/07\\\/b35eef65-3e3993757c3fcd04a59c9df5f960c492.jpg&quot;,&quot;image_srcset&quot;:&quot;https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/07\\\/b35eef65-3e3993757c3fcd04a59c9df5f960c492.jpg 1000w, https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/07\\\/b35eef65-3e3993757c3fcd04a59c9df5f960c492-300x182.jpg 300w, https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/07\\\/b35eef65-3e3993757c3fcd04a59c9df5f960c492-768x467.jpg 768w, https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/07\\\/b35eef65-3e3993757c3fcd04a59c9df5f960c492-510x310.jpg 510w&quot;,&quot;image_sizes&quot;:false,&quot;alt_text&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;Am Schluss landet alles auf dem Teller. 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Diese Medizin hat eine jahrtausendealte Tradition. Heutzutage sind die Kr\\u00e4uter hochgradig mit zum Teil illegalen Pestiziden verseucht. \\u00a9 Simon Lim \\\/ Greenpeace\\n&quot;,&quot;focus_image&quot;:&quot;&quot;,&quot;credits&quot;:&quot;&quot;},{&quot;image_src&quot;:&quot;https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/07\\\/076866fd-a3c2d2700ddf310dfa3dc78b08df6ecf.jpg&quot;,&quot;image_srcset&quot;:&quot;https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/07\\\/076866fd-a3c2d2700ddf310dfa3dc78b08df6ecf.jpg 1000w, https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/07\\\/076866fd-a3c2d2700ddf310dfa3dc78b08df6ecf-300x199.jpg 300w, https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/07\\\/076866fd-a3c2d2700ddf310dfa3dc78b08df6ecf-768x508.jpg 768w, https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/07\\\/076866fd-a3c2d2700ddf310dfa3dc78b08df6ecf-510x338.jpg 510w&quot;,&quot;image_sizes&quot;:false,&quot;alt_text&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;focus_image&quot;:&quot;&quot;,&quot;credits&quot;:&quot;&quot;},{&quot;image_src&quot;:&quot;https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/07\\\/f1978495-b9026590f4385362ce0153d5befe1627.jpg&quot;,&quot;image_srcset&quot;:&quot;https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/07\\\/f1978495-b9026590f4385362ce0153d5befe1627.jpg 1000w, https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/07\\\/f1978495-b9026590f4385362ce0153d5befe1627-300x207.jpg 300w, https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/07\\\/f1978495-b9026590f4385362ce0153d5befe1627-768x531.jpg 768w, https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/07\\\/f1978495-b9026590f4385362ce0153d5befe1627-492x340.jpg 492w&quot;,&quot;image_sizes&quot;:false,&quot;alt_text&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;Greenpeace hat das Wasser und das Gem\\u00fcse in und um Guangzhou getestet und hohe Dosen von gesundheitssch\\u00e4digenden Pestiziden gefunden. \\u00a9 Greenpeace \\\/ Alex Hofford\\n&quot;,&quot;focus_image&quot;:&quot;&quot;,&quot;credits&quot;:&quot;&quot;}]}}\"><\/div>\n<p>Ich verlasse Jun nach Mitternacht. Unten eine Prostituierte, der die Taxifahrer sch\u00fcchtern hinterherpfeifen. An einer roten Ampel wartet ein Polizist mit seinem Motoroller. Zwei Jugendliche auf Elektro-Scootern rauschen lachend an ihm vorbei. 92 \u03bcg\/m3.<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Kochen<\/h2>\n\n<p>Am Nachmittag hatte ich die Mutter von Jun getroffen. Eine pensionierte Englischlehrerin, die mit ihrem Mann in der Schanghaier Innenstadt lebt. Wir hatten uns zum Kochen verabredet. F\u00fcr Frau Zhang eine Chance, ihr Englisch aufzufrischen. Sie ist so aufgeregt, dass sie viermal anruft auf meinem zehnmin\u00fctigen Weg von der Metro zu ihr. Vorbei an einer Mall, davor ein halbes Dutzend Handkarren, auf denen chinesische W\u00fcrstchen brutzeln.<\/p>\n\n<p>Die zierliche Endsechzigerin mit den halblangen, noch fast vollst\u00e4ndig schwarzen Haaren tr\u00e4gt ein blaues Kleid mit Blumenmuster. In der Hand h\u00e4lt sie eine gr\u00fcne Stofft\u00fcte und ihr kleines Nokia-Imitat. Mobiles Internet und Mikroblogs voller Foodskandale sind wahrscheinlich nicht Bestandteil ihres Lebens. Donner grollt. Der Himmel ist braun. Tag und Nacht \u00e4hneln sich in Schanghai.<\/p>\n\n<p>Ich sage ihr, dass ich lernen wolle, wie man Hausmannskost zubereite. Und wie man gesunde Nahrung erkenne. \u00abDas hat meine Tochter erz\u00e4hlt! Kommen sie mit.\u00bb Sie trippelt durch das Wohngebiet. \u00abFast alle Gem\u00fcse sind gesund. Seit zwei Jahren kaufe ich Gem\u00fcse immer frisch von diesem Kooperativenvertreter, der hier jeden zweiten Morgen seinen Stand aufbaut. Aber um diese Zeit m\u00fcssen wir in den Supermarkt.\u00bb Als wir die Strasse \u00fcberqueren, reicht sie mir sch\u00fctzend ihre Hand.<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"alignleft\"><a href=\"http:\/\/reportagen.com\/content\/reportagen-13\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/8e60e113-c8d965baf3b3746719da632d2af1e96d.jpg\" alt=\"\"\/><\/a><figcaption>Dieser Text erschien urspr\u00fcnglich im REPORTAGEN vom November 2013<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<p>Die kleine Linhua-Filiale ist im Erdgeschoss eines etwa 30-st\u00f6ckigen Wohnhauses. Es sieht aus wie in einem Dorf-Supermarkt. Fast alles Gem\u00fcse ist in Folie eingewickelt, die Preise sind aufgedruckt, Herkunftsangaben nicht. Gelbe Maiskolben, rote K\u00fcrbisse, Brokkoli und gr\u00fcne Peperoni. Eine Kiste mit schlaffem gr\u00fcnem Salat steht am Boden. Salat ist etwas Neues in China. Beim Obsth\u00e4ndler ist eine ganze Wand staffiert mit gleichf\u00f6rmig-makellosen \u00c4pfeln, deren sanftes Ros\u00e9 den Paradiesvorstellungen eines nordkoreanischen Illustrators entsprungen sein k\u00f6nnte. Wir kaufen Trauben.<\/p>\n\n<p>Sie koche etwa f\u00fcnf Stunden t\u00e4glich. Eine Stunde f\u00fcr das Fr\u00fchst\u00fcck. Mittags und abends je zwei Stunden. \u00abAber ich bin leider eine bescheidene K\u00f6chin.\u00bb 1947 in der n\u00f6rdlichen Provinz Shaanxi geboren, sei sie w\u00e4hrend der Schulzeit eben immer in der Schulkantine verpflegt worden. Nur am Wochenende habe sie von ihrer Grossmutter kochen lernen k\u00f6nnen. Ende der f\u00fcnfziger Jahre habe der Hunger angefangen. Die Lebensmittelkarten. Die Rationierung.<\/p>\n\n<p>Anl\u00e4sslich des zweiten F\u00fcnfjahresplanes 1958 hatte Staatschef Mao Zedong zum Grossen Sprung Nach Vorne aufgerufen. Das b\u00e4uerliche China sollte den Schritt in die Industriegesellschaft machen. Es wurde propagiert, die Agrarphase sei \u00fcberwunden, es sei gen\u00fcgend Essen f\u00fcr alle vorhanden. Nach regelrechten Fressorgien 1958 und 1959 leerten sich die Nahrungsmittellager. Dann kamen aus der Parteizentrale in Peking Anweisungen an die Farmer, wie sie fortan anzubauen h\u00e4tten. Politische Konzepte wurden als Pflanzanweisungen ausgegeben. Gleichzeitig wurde das ganze Volk dazu aufgefordert, die Stahlproduktionszahlen zu steigern. Bauern schmolzen in improvisierten Hoch\u00f6fen aus Lehm ihre Mistgabeln ein. Das Resultat waren riesige Ernteausf\u00e4lle, verst\u00e4rkt durch eine Serie von Naturkatastrophen. Zwischen 1960 und 1962 starben in China 20 bis 45 Millionen Menschen an den Folgen der Nahrungsmittelknappheit. Genauere Zahlen gibt es nicht.<\/p>\n\n<p>Wir laufen durch den Innenhof. Ein Trinkwasserspender mit M\u00fcnzschlitz versorgt die vier Blocks mit je 22 Stockwerken. Im zweiten Stock \u00f6ffnet Frau Zhang eine Gittert\u00fcr, dahinter eine Holzt\u00fcr, die in ihre 60 m2 grosse Drei-Zimmer-Wohnung f\u00fchrt. Links in der K\u00fcche legen wir das Gem\u00fcse ab. Alles ist voll chinesischer Technik. \u00dcber dem Herd h\u00e4ngt ein Luftabzug, daneben steht eine Mikrowelle, ein kleiner Elektro-Ofen, ein elektrischer Reiskocher \u2014 und eine Brotbackmaschine. Der mannshohe K\u00fchlschrank steht nebenan im Wohnzimmer. Frau Zhang zeigt mir ein chinesisches Kochbuch mit deutschen Brotrezepten. Ich probiere ein St\u00fcck \u00abbayrisches Weizenbrot\u00bb, das an einen Weihnachtskuchen erinnert. \u00abIch liebe Brot\u00bb, sagt sie. \u00abDas m\u00fcssen Sie nachher meiner Tochter mitbringen.\u00bb Frau Zhang nimmt eine Plastikkanne mit Filter und giesst Wasser in eines der zwei Metallbecken. \u00abZuerst den Reis waschen. Aber nur mit Filterwasser!\u00bb Sie hebt warnend den Finger. \u00abDas Wasser ist verschmutzt von Medizin und Landwirtschaft.\u00bb<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/fd1d7535-c7fd66920447b525846c523ab1dd5fc5.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Wer es sich leisten kann, filtert sein Wasser oder kauft es in Flaschen. Sogar zum Gem\u00fcsewaschen. Diese Frau aus Yangling hat keine Wahl, sie ist auf das verschmutzte Wasser aus dem Yangtze Fluss angewiesen. \u00a9 Lu Guang \/ Greenpeace<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Wir beginnen das Abendessen vorzubereiten. Ihr Mann kommt herein. Zu dritt schneiden wir Gem\u00fcse. Chinesisches Kochen funktioniert modular, Vorbereitung ist alles. F\u00fcr die anschliessende Braterei reicht der typische Zweiflammen-Herd. \u00dcber allem liegt in der K\u00fcche ein leichter Fettfilm. Ihr hochgewachsener, schlanker Mann tr\u00e4gt halblange offene graue Haare und \u00fcbernimmt die Arbeit am Herd. \u00abDas Filtern haben wir vor etwas \u00fcber zehn Jahren angefangen. Damals haben die Leute im Hof begonnen, \u00fcber Krebs zu sprechen. Bald fingen wir auch an, alles Obst zu waschen. Fr\u00fcher haben wir die direkt vom H\u00e4ndler gegessen. Heutzutage sch\u00e4len wir fast alles.\u00bb Magenkrebs ist eine immer h\u00e4ufigere Todesursache im Schanghai des dritten Jahrtausends.<\/p>\n\n<p>Ihr Mann stellt eine Reihe kleiner Schalen neben dem Herd auf, w\u00e4ssert Mu-Err-Pilze, legt den Tofu bereit, zaubert ein St\u00fcck Schweineschwarte hervor. Er setzt einen Wassertopf auf, um ein paar H\u00fchnerfl\u00fcgel aufzukochen. Zu jedem chinesischen Mahl geh\u00f6rt eine Suppe. Meist eine w\u00e4ssrige Br\u00fche. Fr\u00fcher wurde in China die Kompetenz einer Hausfrau an ihrer F\u00e4higkeit gemessen, eine besonders schmackhafte Br\u00fche zuzubereiten.<\/p>\n\n<p>China produziert etwa die H\u00e4lfte allen Schweinefleisches weltweit. Und es kauft noch weiteres dazu. Schweinefleisch ist das Symbol des Fortschritts f\u00fcr die sogenannte Bittere Generation, zu der die Jahrg\u00e4nge der Babyboomer in China gez\u00e4hlt werden. W\u00e4hrend die zwischen 1945 und 1960 Geborenen im Westen vom Wirtschaftsaufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg profitierten, durchlitten ihre Altersgenossen in China Anfang der 1960er die gr\u00f6sste Hungersnot der Weltgeschichte, anschliessend den Terror und die mageren Jahre der Kulturrevolution.<\/p>\n\n<p>\u00abDie Intellektuellen\u00bb, also mehr oder minder die gesamte gebildete Schicht des Landes, litten unter den Strassengangs, die Mao aktiviert hatte, um das \u00dcbel der \u00abkonterrevolution\u00e4ren Lebenshaltung\u00bb an der Wurzel zu packen. Studenten wurden aufs Land geschickt, um von den Bauern ein bescheidenes Leben zu lernen und die landwirtschaftliche Produktivit\u00e4t anzukurbeln. Historiker wie der deutsche Kai Vogelsang vermuten, es sei darum gegangen, die geburtenstarken Jahrg\u00e4nge, f\u00fcr die es keine Arbeit gab, loszuwerden und durch einen Kampf verschiedener Gesellschaftsschichten gegeneinander die Notwendigkeit einer starken Partei aufrechtzuerhalten.<\/p>\n\n<p>Viele starben auf dem Land an den Folgen harter Bedingungen, andere vereinsamten, zogen sich zur\u00fcck, wieder andere gew\u00f6hnten sich an das neue Leben, wie der in Schanghai geborene Herr Zhang, der in Xi\u2019an seine Frau kennenlernte und heiratete. Ende der 1970er konnte die junge Familie nach Schanghai ziehen. Als es in dieser Zeit begann, bergauf zu gehen, wurde die schlecht ausgebildete Bittere Generation bereits von den J\u00fcngeren am Arbeitsmarkt verdr\u00e4ngt.<\/p>\n\n<p>Doch Familie Zhang hatte stets halbwegs Gl\u00fcck, die Eltern von Frau Zhang waren Parteikader. Und in Schanghai sei man gerade so durchgekommen mit den Rationierungsscheinen. Es habe keine Wahl gegeben. Nur Reis und Mehl. Damals habe er wie so viele diese aufgedunsene Haut gehabt. \u00abMan konnte hineindr\u00fccken, und das Loch blieb\u00bb, erinnert sich Herr Zhang. Als das Essen wieder kam, sei er fast gestorben. Er habe es nicht mehr vertragen. Wochenlang lag er im Krankenhaus, sp\u00e4ter p\u00e4ppelte ihn die Mutter mit dem wenigen Fleisch auf, das die Familie hatte. Er schneidet die zwei gesch\u00e4lten Gurken und zeigt mir, dass ich sie salzen muss, um sie f\u00fcr etwa zehn Minuten zu dehydrieren. \u00abMein Mann kann besser kochen als ich\u00bb, kichert Frau Zhang.<\/p>\n\n<p>Stolz zeigt er mir, wie man das Salat-Dressing zubereitet. Zwei L\u00f6ffel Erdnussbutter, aus einer Schublade holt er duftende Szechuan-Pfefferk\u00f6rner, Salz, einen Essl\u00f6ffel Glutamat, einen Essl\u00f6ffel milden Zhenjiang-Essig, ebenso viel Sesam\u00f6l. Wir hacken acht Knoblauchzehen, werfen sie ins Dressing. Es riecht nach Reis. Der Ehemann bindet sich eine Sch\u00fcrze um und d\u00fcnstet Erbsen an. \u00abDie kaufen wir saisonal! Genau wie die Aprikosensamen hier.\u00bb Karottenscheiben und Paprika kommen dazu, sp\u00e4ter Tofu.<\/p>\n\n<p>Mittlerweile ist es fast unertr\u00e4glich schw\u00fcl in der K\u00fcche. Links d\u00fcnstet das angebratene Schweinefleisch in einem Lauchsud. Es gibt Dongpo. Rechts brutzelt es in der grossen runden Pfanne. Hinten dampft der Reiskocher. Stolz zeigt Herr Zhang italienisches Oliven\u00f6l. Die Flasche ist unge\u00f6ffnet. \u00abWir m\u00f6gen Kochen, D\u00fcnsten und Braten. Frittieren ist ungesund\u00bb, sagt er. Der Preissticker zeigt beinahe den gleichen Preis wie in der Schweiz. Die beiden leben von monatlichen Renten rund um die 3000 \u00a5 (300 \u20ac). Dazu kommt Geld von der Tochter. Dennoch leistete sich die Familie letztes Jahr einen einmonatigen Europa-Trip.<\/p>\n\n<p><em>Der nach der Entdeckung von unsauberen Machenschaften im Bio-Handel Journalist gewordene Hannes Grassegger ist fester Reporter bei\u00a0Reportagen\u00a0und spezialisiert sich auf Artikel zum Thema Wirtschaft.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Essen ist f\u00fcr die Chinesen auch Medizin, Kunstform und Geschichte. 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