{"id":44346,"date":"2015-07-17T07:00:00","date_gmt":"2015-07-17T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=44346"},"modified":"2020-05-20T15:44:01","modified_gmt":"2020-05-20T13:44:01","slug":"china-auf-der-zunge-teil-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/44346\/china-auf-der-zunge-teil-ii\/","title":{"rendered":"China auf der Zunge &#8211; Teil I"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Essen ist f\u00fcr die Chinesen auch Medizin, Kunstform und Geschichte. Doch mittlerweile ist es ihre gr\u00f6sste Angst.<\/strong><\/p>\n\n<p>Wir tragen das Dongpo, eine Schale mit H\u00fchnchenfl\u00fcgeln, den Karotten-Erbsen-Paprika-Tofu, die Br\u00fche, Reis und die geschnittenen Gurken auf. Daneben der Erdnussdip. Herr Zhang schmeisst die Klimaanlage an, l\u00e4uft an einem Tower-Computer und einem Flat Screen vorbei zum kleinen Esstisch aus dunklem Holzimitat.<\/p>\n\n<p>\u00abChina auf der Zunge\u00bb ist die erfolgreichste Fernsehserie der letzten Jahre in China. Kopien finden sich an jedem Strasseneck. In satten Farben und mit vielen schl\u00fcrfenden und glibschigen T\u00f6nen unterlegt, zeigt die Serie, wie Essen in China auf den Teller kommt. Die Zuschauer reisen durch fast alle Provinzen des Landes, sehen die Felder und Fischgr\u00fcnde, die Menschen, die sie bearbeiten, sowie Dutzende regionale Kochstile. Es wird nicht nur die chinesische Kochtradition gefeiert, sondern gleichzeitig auf subtile Art der Stadt-Land-Konflikt, seit je ein heikles wirtschaftliches Problem, verhandelt. Wenn eine tibetische Pilzsammlerin an ihrem Heimatmarkt 60 \u00a5 f\u00fcr einen Matsutake-Pilz kassiert, der in der Stadt f\u00fcr 600 \u00a5 verkauft wird, dann beginnt man die Gr\u00fcnde f\u00fcr die vielen unterdr\u00fcckten Bauernrebellionen und die anhaltende Landflucht zu verstehen.<\/p>\n\n<p>Gleichzeitig bespricht die Serie die Metaphorik des chinesischen Essens. \u00abDie Szechuan-Nudelsuppe\u00bb, s\u00e4uselt eine sanfte Stimme, \u00abk\u00f6chelt seit tausenden von Jahren in allen Winkeln des Landes. Ein wunderbares Kunstwerk, das als Gericht und Wunsch gleichzeitig funktioniert. Nudeln bedeuten Langlebigkeit. Geburtstagsfeiern in Szechuan m\u00fcssen unbedingt mit dieser Nudelsuppe gefeiert werden. Die Nudeln werden begleitet von den f\u00fcnf Farben; weissgelbe Eier bedeuten Wohlstand, rote Karotten bl\u00fchendes Leben, gr\u00fcner Lauch Vitalit\u00e4t. Geschmack ist das Wichtigste auf der Welt. Erinnerungen an die Kindheit, die f\u00fcr immer bleiben.\u00bb Hungrig beginnen wir zu essen. Es ist etwa 19 Uhr.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/187302b2-819b5a29ce1bba8212ab7c0d1d45eb89.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>\u00a9 Anna Albisetti<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>\u00abEuropa war absolut unvergesslich\u00bb, die Augen von Frau Zhang dr\u00fccken sich fr\u00f6hlich zusammen. \u00abBerlin! Das Eis war so g\u00fcnstig! 1 Euro f\u00fcr eine Kugel. Und in Italien waren wir in einer traditionellen Eisdiele. Es war wunderbar!\u00bb \u2014 \u00abHier kostet Eis 30 \u00a5. Und es ist grauenhaft. Schrecklich.\u00bb Herr Zhang verzieht seinen Mund aufgeregt. \u00abEine Pest!\u00bb Speiseeis ist derzeit im Kommen in China. Der letzte Skandal ist erst wenige Monate her. F\u00e4kalspuren, Bakterien bei Mengniu, einem der landesweit gr\u00f6ssten Hersteller.<\/p>\n\n<p>\u00abIn der Schweiz erinnere ich mich an den blauen Himmel, die klare Luft und das saubere Wasser. Man konnte wirklich den Boden sehen. Wie damals, als ich Teenager war. Die Kinder fingen Fische im Wasser\u00bb, ihr Blick wird weich.<\/p>\n\n<p>Wir sch\u00fctten Gem\u00fcse \u00fcber den Reis, ich bekomme einen H\u00fchnchenschlegel. Herr Zhang schmatzt fr\u00f6hlich, spuckt immer wieder Knochen auf eine Platte. Der dickfl\u00fcssige Erdnussdip passt gut zu allem. Er ist salzig, s\u00fcss, sauer und sehr cremig.<\/p>\n\n<p>Frau Zhang bringt die Trauben. \u00abIch liebe s\u00fcsses Essen!\u00bb, sagt ihr Mann. \u00abDie Trauben habe ich mit Filterwasser in Zahnpasta gewaschen, die k\u00f6nnen Sie ganz ungesch\u00e4lt essen\u00bb, sagt Frau Zhang freundlich. \u00abDas Gem\u00fcse \u00fcbrigens habe ich in Salzwasser gewaschen. Das neutralisiert die sauren Pestizide.\u00bb<\/p>\n\n<p>Die Schalen der Riesentrauben schmecken k\u00fcnstlich. In den letzten Monaten machten in China Berichte die Runde, dass Blei und Formaldehyd aus Packmaterialien in Lebensmittel eingedrungen sei. Giftige Verpackungen sind eine neue Variante in Chinas j\u00fcngster Geschichte fehlender Nahrungsmittelsicherheit. Ich richte mich nach ihrem Mann, der das Fruchtfleisch aus der Haut schl\u00fcrft. \u00abIch mag die Trauben nicht. Sie sind so s\u00fcss geworden in den letzten Jahren. Und so gross.\u00bb Frau Zhang verzieht das Gesicht.<\/p>\n\n<p>\u00abWo informieren Sie sich eigentlich \u00fcber Lebensmittel?\u00bb, frage ich. \u00abDas mit dem Essensproblem haben wir schon \u00f6fter im Fernsehen gesehen. In CCTV. Die meisten Leute bedr\u00fcckt das. Es ist etwas T\u00e4gliches. Man redet im Hof dr\u00fcber. Wir haben sogar unseren Computer benutzt. Dieses I&#8230; I&#8230;\u00bb, sie schaut ihren Mann an. \u00abInternet.\u00bb \u2014 \u00abGenau. Da kann man alles lesen. China ist jetzt offen, und man kann sich informieren.\u00bb Herr Zhang beginnt abzutragen. \u00abAusserdem scheint sich die Regierung drum zu k\u00fcmmern. Vielleicht ist unsere Technologie aber noch nicht so gut wie im Westen.\u00bb<\/p>\n\n<p>Herr Zhang setzt sich wieder ans Ende des kleinen Tisches. Er beugt sich vorn\u00fcber und schaut mir in die Augen: \u00abChina ist und bleibt ein Agrarland. Daher sehen Chinesen Essen als das Wichtigste an. Es geht ums \u00dcberleben.\u00bb Was kann man also tun, um sauberes Essen zu bekommen? Frau Zhang zuckt mit den Schultern. \u00abDie Leute wollen mehr Geld. Reiche Leute kaufen gesundes Essen.\u00bb Bei der Verabschiedung dr\u00fcckt Herr Zhang meine Hand im europ\u00e4ischen Stil. \u00abKennst du diese alte Redewendung? Jeder Chinese kennt sie: \u2039Essen ist der Himmel des einfachen Mannes.\u203a\u00bb Er lacht.<\/p>\n\n<p>Essen ist ein Vertrauensgut, sagt die \u00f6konomische Theorie. Ware, auf deren angebliche Qualit\u00e4t man schlicht vertrauen muss, weil es zu aufw\u00e4ndig w\u00e4re, sie zu untersuchen. Jeder m\u00fcsste ein Labor mit sich herumtragen. Daher ist es in entwickelten L\u00e4ndern eine Staatsaufgabe, via Gesetz, Kontrolle und Justiz f\u00fcr ausreichende Lebensmittelsicherheit zu sorgen. Nirgendwo wirkt sich die Qualit\u00e4t eines Staatswesens so direkt auf seine B\u00fcrger aus wie bei Lebensmitteln. Wir bestehen aus dem, was wir essen.<\/p>\n\n<p>Im September 2013 zeigen offizielle Fotos Staats- und Parteichef Xi Jinping auf einem Reisfeld. Nachdenklich betrachtet er ein paar gr\u00fcne Halme. Rundherum unterw\u00fcrfige Berater. Die Qualit\u00e4t von Lebensmitteln misst sich in harten Fakten. Und Fakten mochten Diktatoren noch nie. Es ist ein Dilemma.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/5aa2deb0-1906f3e63e468427587fc90d200f9c0c.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Staats- und Parteichef Xi Jinping auf einem Reisfeld. \u00a9 Dukas Presseagentur\/Xinhua\/Huang Jingwen<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Premier Li Keqiang hat derweil den Vorsitz einer \u00abNationalen Lebensmittelsicherheitskommission\u00bb \u00fcbernommen. Essen ist jetzt Chefsache. Chinas F\u00fchrung hat Angst vor der Wut des Volkes. \u00abEssen ist essenziell, und Sicherheit sollte h\u00f6chste Priorit\u00e4t haben\u00bb, verk\u00fcndete Li k\u00fcrzlich in ungewohnter Klarheit. Man h\u00f6rt von Food-Razzien. Tausende werden verhaftet, Tausende Richtlinien und Standards erlassen, in D\u00f6rfern und auf dem Land. Immer wieder tauchen in chinesischen Zeitungen wie dem Parteiorgan \u00abChina Daily\u00bb Berichte auf, die beweisen sollen, wie sehr sich der Staat nun um \u00abFood Safety\u00bb &#8211; \u4e2d\u534e\u4eba\u6c11\u5171\u548c\u56fd\u7684\u98df\u54c1\u5b89\u5168 &#8211; k\u00fcmmert. Was allerdings nicht mit pl\u00f6tzlicher Meinungsfreiheit verwechselt werden darf: In China kann man f\u00fcr unverbl\u00fcmte Aussagen zu Lebensmittelfragen derzeit ins Gef\u00e4ngnis wandern. So wie im September der bekannte Unternehmer Charles Xue. Es scheint, dass der grosse chinesische Staat mit seinen 30 Millionen Angestellten alle Waffen gez\u00fcckt hat. Doch er k\u00e4mpft gegen einen unsichtbaren Gegner, gegen ein System, das er selber kreiert hat. Aus dem er selber besteht.<\/p>\n\n<p>Es ist eine Horror-Reality-Show, was sich die 500 Millionen von der Staatspresse desillusionierten Sina-Weibo-Nutzer via die twitterartige Mobiltelefon-Applikation zusenden. Die Tausenden Schweinekadaver, die letztes Jahr im Huangpu River, einem der wichtigsten Trinkwasserfl\u00fcsse Schanghais, auf die Metropole zutrieben. Ratte, als Lamm verkauft. In Ziegen-Urin mariniertes Entenfleisch, das als Rind angeboten wurde. Das Schweinefleisch, das im Dunklen leuchtet. Wassermelonen, die vor lauter D\u00fcngemittel explodieren. Joghurt aus pulverisierter Schuhsohle. Aluminium im Mehl. Die Website www.zccw.info (kurz f\u00fcr \u00abSchmeiss alles aus dem Fenster\u00bb) zeigt eine Chinakarte, wo man die Skandale nach Region und Jahr begutachten kann. Klassifiziert nach Kategorien wie Giftig, F\u00e4lschung, Abgelaufen usw. Es ist \u00fcberall. Alles. M\u00f6glich. \u00abNach einer Serie noch makabererer Lebensmittelvorf\u00e4lle l\u00f6st das Label \u2039Made in China\u203a bei Chinesen mittlerweile Todesangst aus\u00bb, kommentierte k\u00fcrzlich das \u00abWall Street Journal\u00bb.<\/p>\n<div data-render=\"planet4-blocks\/gallery\" data-attributes=\"{&quot;attributes&quot;:{&quot;multiple_image&quot;:&quot;54527,54526,54525,54524&quot;,&quot;image_data&quot;:[{&quot;url&quot;:&quot;https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/07\\\/0b4c2760-0904d41ebea9699792b0794bd9a2621c.jpg&quot;,&quot;focalPoint&quot;:{&quot;x&quot;:0.5,&quot;y&quot;:0.5},&quot;id&quot;:54527},{&quot;url&quot;:&quot;https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/07\\\/97d68c0f-b03f4b4d18b183cf83e7c2f1f2fa50b4.jpg&quot;,&quot;focalPoint&quot;:{&quot;x&quot;:0.5,&quot;y&quot;:0.5},&quot;id&quot;:54526},{&quot;url&quot;:&quot;https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/07\\\/42ab0fee-dd2dd31992ebc4769dd3c48910922bcd.jpg&quot;,&quot;focalPoint&quot;:{&quot;x&quot;:0.5,&quot;y&quot;:0.5},&quot;id&quot;:54525},{&quot;url&quot;:&quot;https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/07\\\/5742171a-888cbbe0d3534787763048452dd6eb3d.jpg&quot;,&quot;focalPoint&quot;:{&quot;x&quot;:0.5,&quot;y&quot;:0.5},&quot;id&quot;:54524}],&quot;gallery_block_style&quot;:0,&quot;gallery_block_title&quot;:&quot;&quot;,&quot;gallery_block_description&quot;:&quot;&quot;,&quot;gallery_block_focus_points&quot;:&quot;&quot;,&quot;images&quot;:[{&quot;image_src&quot;:&quot;https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/07\\\/0b4c2760-0904d41ebea9699792b0794bd9a2621c.jpg&quot;,&quot;image_srcset&quot;:&quot;https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/07\\\/0b4c2760-0904d41ebea9699792b0794bd9a2621c.jpg 1500w, https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/07\\\/0b4c2760-0904d41ebea9699792b0794bd9a2621c-300x200.jpg 300w, https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/07\\\/0b4c2760-0904d41ebea9699792b0794bd9a2621c-1024x683.jpg 1024w, https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/07\\\/0b4c2760-0904d41ebea9699792b0794bd9a2621c-768x512.jpg 768w, https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2015\\\/07\\\/0b4c2760-0904d41ebea9699792b0794bd9a2621c-510x340.jpg 510w&quot;,&quot;image_sizes&quot;:false,&quot;alt_text&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;Die Chinesen haben mit vielen Problemen zu k\\u00e4mpfen. So zum Beispiel mit dem t\\u00e4glichen Smog in den Grossst\\u00e4dten. 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Da-Ka \u2014 die Grosse \u2014 ist der K\u00fcnstlername der 29-J\u00e4hrigen. In der 15-Millionen- Metropole Guangzhou (Kanton), im S\u00fcden Chinas nahe Hongkong, ist Chen eine beliebte Foodkritikerin mit Zehntausenden Followern auf Weibo und diversen \u00abFoodie Apps\u00bb. Auf solchen Plattformen nehmen viele Enth\u00fcllungen ihren Ursprung. Hier tauscht man sich via Mobiltelefon \u00fcber Restaurants aus. Vor allem die anspruchsvollen J\u00fcngeren aus der Ein-Kind-Epoche. Sie haben keine Zeit zu kochen. Der Wettbewerb in den Unis und am Arbeitsmarkt ist zeitraubend.<\/p>\n\n<p>F\u00fcr sie ist mittlerweile jedes Restaurant verd\u00e4chtig. Vor Restaurants, die als \u00absauber\u00bb gelten, bilden sich schnell lange Schlangen. Die langen Schlangen gelten wiederum als gutes Zeichen f\u00fcr Passanten. Die Menschen warten ein, zwei Stunden. Daneben leere Gastst\u00e4tten. Umso wichtiger werden Restaurant-Beurteilungen auf Mobiltelefonen. Es gibt eigene Food-Safety-Apps. Chen ist bekannt geworden als listige Stimme jener, die kein Gift mehr wollen. K\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichte sie ihr erstes Kochbuch. \u00abDie Art, wie wir mit Lebensmitteln umgehen, zeigt, wie wir mit unserem Leben umgehen\u00bb, steht auf der R\u00fcckseite. Die ersten 10000 Exemplare des Essaybandes \u00abEine Tonschale voll Rauch und Feuer\u00bb waren innert Monaten ausverkauft. \u00abKeine Bilder, weil ich nicht will, dass dumme Leute es lesen\u00bb, sagt Chen und schaut unschuldig. Mit ihren riesigen Augen, der hellen Haut, dem spitzen Kinn ist die zarte Chen eine auff\u00e4llige Sch\u00f6nheit. Sie tr\u00e4gt ein t\u00fcrkises 50er-Jahre-Kleid, dazu ein breites rotes Haarband. Sie mag Vintage. \u00abIch will was Besseres\u00bb, sagt Chen. \u00abMir schmeckt das Essen nicht mehr.\u00bb Nichts schmecke mehr wie fr\u00fcher.<\/p>\n\n<p>Chen hat mich ins \u00abVlife\u00bb in Guangzhou geladen. Das Restaurant liegt in einem belebten Viertel, nahe einer Universit\u00e4t und eines grossen internationalen Hotels, gleich neben einem bekannten Luxusrestaurant. 155 \u03bcg\/m3. Noch vor zwei oder drei Jahren waren derartige Restaurants in chinesischen Metropolen selten und wurden fast nur von gesundheitsbewussten Ausl\u00e4ndern besucht. Seit kurzem werden sie geflutet von Chinesen auf der Suche nach gesunder Nahrung. Die Front ist komplett verglast. \u00abThe Green Resolution\u00bb steht in grossen Buchstaben auf den Scheiben. Hinter den Fenstern Oliven\u00f6lflaschen, Holzkisten und eine B\u00fccherwand. Auf der ersten Seite des Menus steht: \u00abWer du bist, zeigt sich daran, was du isst.\u00bb Es gibt Fusion-Food. Die Wirtin, eine Freundin von Chen, empfiehlt gebratenen Reis mit Freilandeiern. Die Schale \u00e0 6o \u00a5.<\/p>\n\n<p>\u00abIch schmecke das, wenn es nicht biologisch ist. Es ist wie bei Tomaten. Ich erinnere mich an meine Kindheit. Und da haben Tomaten anders geschmeckt\u00bb, sagt Chen. Seit 2009 kursieren in China Ger\u00fcchte, es seien gef\u00e4lschte Eier im Umlauf. Hergestellt aus Gelatine, Lebensmittelfarbe und Gipspulver. Gar nichts scheint mehr sicher. \u00abHier kann ich essen, weil ich genau weiss, woher das Essen kommt.\u00bb<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"alignleft\"><a href=\"http:\/\/reportagen.com\/content\/reportagen-13\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/8e60e113-c8d965baf3b3746719da632d2af1e96d.jpg\" alt=\"\"\/><\/a><figcaption>Dieser Text erschien urspr\u00fcnglich im REPORTAGEN vom November 2013<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<p>Auf der Karte des Restaurants werden die Produzenten der Zutaten namentlich aufgef\u00fchrt. Es ist eine Soziale-Netzwerk-Philosophie, Selbstversorgung im Bekanntenkreis. Autarkie. Zwei Jahre, sagt die Wirtin, eine fr\u00fchere Texterin der Werbeagentur Saatchi, habe sie gebraucht, um alle n\u00f6tigen Bauern zu finden. Stolz zeigt sie K\u00fchltheken voll eingeschweisstem Gem\u00fcse mit Herkunftsangaben. Das sei ihr eigenes System. Sie hole die Lebensmittel von den Bauern selber. Denn es gebe f\u00fcr Bauern und Zwischenh\u00e4ndler stets den Anreiz, billig produzierte, pestizidverseuchte Ware unterzuschieben. Mit weniger als einem Zehntel des globalen Farmlands muss China ein F\u00fcnftel der Weltbev\u00f6lkerung ern\u00e4hren. \u00dcber die H\u00e4lfte der Gew\u00e4sser und zehn Prozent des Landes sind verseucht mit Schwermetallen oder Pestiziden. Nur wenn sie selber die Lebensmittel hole, k\u00f6nne sie garantieren, dass \u2039Vlife\u203a bio sei. Oder es zumindest versuchen. \u00abVlife tries its best to watch the sources and quality of your food\u00bb steht in der Karte.<\/p>\n\n<p>\u00abOrganic bei uns heisst etwas ganz anderes als bei euch\u00bb, erkl\u00e4rt Chen. \u00abDen staatlichen Biolabels vertraue ich nicht. Ich vertraue niemandem. Niemand vertraut in diesem Land mehr irgendjemandem. Ich vertraue dem, was ich selber gesehen habe. Oder meinen Freunden. Alles m\u00fcssen wir selber machen. Das heisst organic.\u00bb Und das sei aufwendig, erkl\u00e4rt die Wirtin. Ihre Profite seien leider recht gering. Wegen der hohen Kosten der vertrauensw\u00fcrdigen Zutaten.<\/p>\n\n<p>Mein Bio-Gem\u00fcse-W\u00fcrstchen-Reis ist mit etwas K\u00e4seartigem \u00fcberbacken. Das Lieblingsgericht der Wirtin schmeckt nach Kindergarten. Da-Ka muss auf ganz sch\u00f6n viel verzichten, um an ihr gesundes Essen ranzukommen, denke ich.<\/p>\n\n<p>\u00abSie haben also lieber eine gute Moral als satte Gewinne?\u00bb, frage ich. Die Wirtin z\u00f6gert. Chen antwortet: \u00abGl\u00e4ubig? Religi\u00f6s? Nein. Wir sind noch b\u00f6ser\u00bb, sie funkelt. \u00abIch will die Vuitton-Tasche und das gesunde Essen. Ich will von allem das Beste.\u00bb<\/p>\n\n<p>Wir bestellen uns einen Fruchtsalat. Chens Mann setzt sich zu uns an den Tisch. Ein junger Journalist mit buntem Shirt, \u00abMad Men\u00bb-Brille und Dal\u00ed-Bart. Er hat eine Schachtel gebracht. \u00abIch habe ein Geschenk\u00bb, sagt Chen und reicht mir die Schachtel. \u00abDas sind Kiwis. Unsere Kiwis.\u00bb Chen richtet sich auf. \u00abSchau, wie h\u00e4sslich sie sind! Das ist der Beweis! Sie sind echt.\u00bb Ihre Schwiegereltern h\u00e4tten angefangen, Kiwis zu z\u00fcchten. Chen begann die Ernte \u00fcber die Internetplattform taobao zu vermarkten.<\/p>\n\n<p>Der Internet-Direktverkauf gesunder Lebensmittel boomt in China. Der bekannte Online-Supermarkt Yihaodian.com konnte seinen Lebensmittelumsatz 2012 verf\u00fcnffachen. Ein besonderer Renner: Import-Babymilch. Denn chinesische Babymilch liegt seit dem Sanlu- Skandal wie Blei im Regal. Heute kaufen Chinesen bei Auslandsreisen statt Schweizer Uhren Babymilch. Und zwar so massiv, dass Hongkong Ausfuhrbeschr\u00e4nkungen einf\u00fchrte und Superm\u00e4rkte in England Limits setzten. Resultat: Babymilch-Schmuggel. Und Importe. Neuseel\u00e4ndische Anbieter exportieren derart grosse Mengen, dass im Juni 2013 gar Neuseelands W\u00e4hrung wackelte, als es kurzzeitig Schwierigkeiten beim Babymilch-Export nach China gab.<\/p>\n\n<p>Chen ist schwanger. Weiterhin gilt die Ein-Kind-Politik. Dass Schwangere sogar Strahlenschutzwesten gegen Mobiltelefone tragen, ist in China nicht ungew\u00f6hnlich. Ein Interesse an gesunder Nahrung liegt da nahe. \u00abAber wie k\u00f6nnte man mehr gesundes Essen bereitstellen?\u00bb, frage ich. \u00abDas ist ein Problem\u00bb, meint die Wirtin. \u00abMein Modell l\u00e4sst sich kaum ausweiten. Dann g\u00e4be es wieder Mittelsm\u00e4nner. Wahrscheinlich hilft nur der Import.\u00bb \u2014 \u00abWir sollten neue Kolonien gr\u00fcnden. In Brasilien, Afrika und Australien\u00bb, scherzt Chens Mann. Alle lachen.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/6718fc89-7bb2457143e1f8690bb3daf64edd4dc3.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>In Beijing geh\u00f6rt Smog zum Alltag. In Peking hat jeder, der es sich leisten kann, nicht nur Wasserfilter, sondern auch Luftfilter im Appartement. \u00a9 Greenpeace \/ Natalie Behring<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Peking, 14. September, im Hutong nahe Beixinqiao Metro Station, 167 \u03bcg\/m3. Michael, Eddy und ich klettern auf das Dach. Dort steht er, sein Aquaponic. Ein Tank, darauf Gr\u00fcnzeug. Das hat sich der kanadische K\u00fcnstler nach ein paar Jahren China geg\u00f6nnt. Als ich es in Schanghai das erste Mal h\u00f6rte, dachte ich, es sei ein Ger\u00fccht, dass mittlerweile in immer mehr Hochhaus-Appartements Chinas diese Tanks blubberten, in denen Gr\u00fcnzeug und Fische gez\u00fcchtet werden. \u00abEs ist ein Kreislauf\u00bb, sagt Eddy. \u00abWir m\u00fcssen nur die Fische f\u00fcttern. Ihre Ausscheidungen f\u00fcttern den Salat. Und der wiederum s\u00e4ubert das Wasser.\u00bb Komplette Autarkie ist der konsequente letzte Schritt. Der individuelle Exit aus einem System, das seinen Teilnehmern nichts mehr zu bieten hat.<\/p>\n\n<p>Eddys japanische Frau Emi Uemura h\u00e4lt das Baby. Bald wollen die beiden wegziehen. R\u00fcber nach Kanada. Wo die Luft gut ist, man das Wasser trinken kann. Sich wieder um die Arbeit k\u00fcmmern kann. Das Kind schreit. Uemura kann mit dem Kind nur an guten Tagen nach draussen. In Peking hat jeder, der es sich leisten kann, nicht nur Wasserfilter, sondern auch Luftfilter im Appartement.<\/p>\n\n<p>Vor drei Jahren zog Uemura wegen Eddy nach Peking. Es war ein Schock. F\u00fcr die essensversessenen Japaner z\u00e4hlt vor allem die Qualit\u00e4t der Zutaten. 200 km n\u00f6rdlich des Stadtzentrums fand die Endzwanzigerin endlich Kleinbauern, die ohne Gift arbeiteten. Sie erz\u00e4hlte das Freunden, die nach gesundem Essen suchten. Man brachte die Bauern in die Stadt und startete so, fast ohne es zu verstehen, eine Art politische Lebensmittel-Bewegung, die sich mittlerweile in ganz China ausbreitet. W\u00e4hrend Autarkie ein individueller Schritt aus der Politik ist, startet Politik erst in der Gemeinschaft. Und die begann als Biomarkt.<\/p>\n\n<p>2010 begr\u00fcndete Uemura den \u00abBeijing Farmer\u2019s Market\u00bb: \u00abIch wollte gesundes Essen\u00bb, erinnert sich Uemura. Zwei St\u00e4nde gab es. Am Anfang kamen Freunde. Fast nur Ausl\u00e4nder. Man begann Diskussionen zu Lebensmittelsicherheit zu veranstalten. Ein Farmer&#8217;s Market nach amerikanischen Modell ist eine demokratische Kooperative, bei der jeder Marktstand \u00fcber Entscheidungen mit abstimmen kann. Dann habe man einen Weibo-Account eingerichtet und es sei explodiert. Hunderte, Tausende kamen, alles Chinesen. Rund 80 000 Follower hat der Sina-Weibo-Account des Bauernmarkts mittlerweile. W\u00e4hrend des arabischen Fr\u00fchlings begann die Polizei zu patrouillieren. Einmal wurde der Markt geschlossen: Versammlungsverbot. Man muss sich fortan mit den Beh\u00f6rden arrangieren. Uemura wurde das alles zu viel, eine Chinesin f\u00fchrt nun die Gesch\u00e4fte.<\/p>\n\n<p>Seit einiger Zeit unterhalte \u00fcbrigens die Renmin University, Pekings Kaderschmiede, die landesweit wichtigste Biofarm, die Donkeyfarm. \u00abInteressanterweise startete das die Wirtschaftsfakult\u00e4t\u00bb, sagt Eddy. Vielleicht ist es ein Testlauf, wie so oft in Chinas F\u00fchrungsstrategie. Denn es gibt etwas, was Chinas B\u00fcrger \u00e4usserst w\u00fctend macht. Allerorten wird dar\u00fcber getuschelt. W\u00e4hrend das Volk am Essen leidet, isst die Regierung \u2014 Bio.<\/p>\n\n<p>Denn es gibt ein Biosystem in China, das vielleicht sogar \u00e4lter ist als jenes im Westen. Ein Netzwerk geheimer staatlicher Farmen und Restaurants. Separate Versorgung der F\u00fchrungskr\u00e4fte mit sicherer Nahrung \u2014 ein System, das Mao aus der Sowjetunion \u00fcbernahm. Chinas Topsportler erhalten diese Nahrung \u2014 um bei Dopingtests nicht wegen leistungssteigernder Hormone disqualifiziert zu werden. Das Staatsgem\u00fcse sei so rein gewesen, erz\u00e4hlt ein Bauer im Monatsmagazin \u00abAtlantic\u00bb, dass er es direkt vom Feld habe essen k\u00f6nnen. Vielleicht testet man also derzeit aus, dieses System zu erweitern oder gar \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich zu machen.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/f7663d4a-1e99c5a49faf471717c109fd36ec8994.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Der Beijing Farmers Market \u00a9 Nathan Grey<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Heute ist der \u00abBeijing Farmer\u2019s Market\u00bb im New World Department Store III. Mein letzter Tag im Land. Der verdammte Stau. Ich bin fast zu sp\u00e4t. Ich renne vorbei an Textilien und Kosmetik. Eine Middleclass-Mall. Da! Etwa 40 St\u00e4nde. Es gibt frische, unbehandelte Milch. Ein Stand verkauft Rosenbl\u00fctenmarmelade. Da ist Gem\u00fcse und sogar K\u00e4se. Vielleicht zum ersten Mal seit Beginn meiner Suche vor zwei Wochen sehe ich richtige Lebensmittel. Allerdings sind sie teurer als in der Schweiz. Sogar teurer als Importprodukte. Es muss in China sehr aufw\u00e4ndig sein, so zu produzieren. Und die Kunden sind bereit, jeden Preis zu zahlen.<\/p>\n\n<p>Eine Kundin ist Michelle Garnault, Inhaberin der edlen Restaurantgruppe \u00abM\u00bb. Bei ihr essen Diplomaten, Parteikader und Wirtschaftsspitzen. Ein paar Tage zuvor hat sie in Schanghai ein kleines Business-Dinner veranstaltet, bei der ein Chiquita-Vertreter dar\u00fcber referiert hatte, dass das weltgr\u00f6sste Bananenunternehmen zwei Jahre lang ganz China abgesucht habe, nur um f\u00fcnf Anbauorte zu finden, die sauber genug f\u00fcr die Aufzucht ganz normaler Bananen waren. Garnault stellt mir Chang Tianle vor. Sie tr\u00e4gt einen grossen Jutesack. Darauf steht: \u00abI own it\u00bb. Chang ist die neue Leiterin des \u00abBeijing Farmer\u2019s Market\u00bb. Eine Frau mit kr\u00e4ftigen Wangenknochen und selbstbewusstem Auftreten. \u00abIch muss los. Auf ein Essen. Aber komm doch mit\u00bb, sagt sie freundlich, \u00abzu einem richtigen Fest!\u00bb Sie reicht mir eine Schachtel. \u00ab\u00d6ffentlichkeit ist sowieso Teil von unserer Agenda.\u00bb<\/p>\n\n<p>Draussen f\u00e4hrt ein nagelneuer schwarzer Volkswagen vor. Am Steuer sitzt ein junger Mann, der einladen hilft. \u00abStop the CO2\u00bb steht auf seinem T-Shirt. Ich hebe meine Pappschachtel in den Kofferraum. Sie eine T\u00fcte mit Gem\u00fcse. \u00abEin Freiwilliger\u00bb, sagt Chang, die sich im amerikanischen Stil duzen l\u00e4sst, \u00aber hilft dem Farmer\u2019s Market\u00bb. Wir sinken in die R\u00fccksitze. Tianle ist 34. Fr\u00fcher habe sie f\u00fcr eine Genfer Nichtregierungsorganisation Freihandelsabkommen mit China \u00fcberwacht. Der Farmer\u2019s Market sei ein riesiger Erfolg. Man habe die Kapazit\u00e4t verdoppelt. Er finde jetzt dreimal pro Woche statt. Man rechne mit mehreren Hunderttausend Besuchern im Jahr. Wir fahren zwischen Hutongs und Hochh\u00e4usern vorbei. Entlang eines Kanals zieht sich ein Slum, Bretterbuden voll Graffiti. Sie \u00fcberlege die Ausweitung des Handels. So etwas wie ein chinesisches Whole Foods. \u00abDer Bauernmarkt ist unser Versuch, in diesem Horror eine Insel zu bauen.\u00bb Nur mit der Demokratie habe es noch nicht geklappt. \u00abDie Bauern sind noch nicht bereit daf\u00fcr.\u00bb<\/p>\n\n<p>Wir landen in einem schwarzen Appartementkomplex mit verspiegelten Scheiben. Am Empfang vorbei ein paar teppichbelegte Stufen hoch. Ein luxuri\u00f6s mit Teppichen und Sofas ausgekleideter Dinner-Room. Ein ausgelassenes Dutzend an einem runden Dinnertisch. Eine Flasche Mo\u00ebt &amp; Chandon. Ein offizielles Restaurant ist das nicht. Ich stelle den Pappkarton ab. Livrierte Kellner tragen immer neue Schalen mit Bergen von Hummern und Wollkrebsen auf. \u00abOrganic Farmer haben uns die Krebse geschenkt. Aus Dankbarkeit. Weil sie bei uns auf dem Markt verkaufen k\u00f6nnen. Wir sollen sie testen\u00bb, sagt Tianle. Im ganzen Raum knistert und knackt es zufrieden.<\/p>\n\n<p>Bald t\u00fcrmen sich vor uns Berge von Schalen. Die Tiere sind eines der h\u00f6chsten Statussysmbole im gegenw\u00e4rtigen China. Sie wachsen nur in sauberem Wasser. Ein Krebs in bester Qualit\u00e4t kostet in Restaurants 500 \u00a5. Den Monatslohn eines Farmers. Was f\u00fcr ein Fest ist das genau, frage ich mich. Eine bescheidene Bio-Party? Ein etwa vierzigj\u00e4hriger Mann mit rasierter Glatze und Brooks-Brothers-Shirt zeigt mir stolz eine ausgegessene Krabbe, die er adrett wieder zurechtgelegt hat. Ein altes Spielchen des reichen Adels. \u00abDas kann ich in acht Minuten!\u00bb, lacht er. Eine \u00e4ltere Dame n\u00e4hert sich Tianle und fl\u00fcstert ihr hinter vorgehaltener Hand etwas ins Ohr. Irgendwie hat die neue Leiterin des Farmer\u2019s Market etwas Staatstragendes, denke ich. Dabei war das doch als Gegenmodell gedacht.<\/p>\n\n<p>Tianle stellt mir eine gedresste Freundin Ende zwanzig vor. \u00abSchau\u00bb, sagt sie und nimmt das weisse iPhone der Freundin, \u00abihr Mann war fr\u00fcher Anwalt f\u00fcr geistiges Eigentum. Er ist jetzt Farmer geworden. Wo ist das Bild? Ah, da.\u00bb Ein Schnappschuss, die h\u00fcbsche Freundin posiert mit einem Salat vor einem Bio-Marktstand. \u00abSie hilft ihrem Mann zu verkaufen! Toll, nicht?\u00bb Die Freundin \u00f6ffnet die Pappschachtel, ein paar der G\u00e4ste z\u00fccken ihre Handtaschen. \u00abSonst ist sie Musikerin &#8230;\u00bb Ein Schnappschuss. Die junge Frau in einer gr\u00fcnen Armeeuniform. Vor sich ein Cello. \u00ab&#8230; im Orchester der Volksbefreiungsarmee.\u00bb<\/p>\n\n<p>Mir wird klar, wo ich hier bin. Mit dem Orchester trat auch Peng Liyuan auf. Eine Erinnerung, wie die bekannte S\u00e4ngerin Peng 1989 am Tiananmen-Platz direkt nach dem Massaker an Oppositionellen den Soldaten Autogramme auf ihre Helme gibt. Die Gattin von Xi Jinping, dem Pr\u00e4sidenten von China.<\/p>\n\n<p>\u00abIch war fr\u00fcher \u00fcbrigens auch Journalistin\u00bb, sagt Tianle. \u00abBei \u2039China Daily\u203a.\u00bb\u2028Ich schlucke. Die Parteizeitung.\u2028\u00abHast du noch Freunde da?\u00bb, frage ich.<\/p>\n\n<p>\u00abOh ja!\u00bb, l\u00e4chelt mich Tianle an.<\/p>\n\n<p>Vor mir liegt die ge\u00f6ffnete Pappkiste. In Reih und Glied liegen darin, getrennt durch Kartonstreifen, einzeln umwickelt mit Plastikfolie, aussenherum noch sch\u00fctzendes Styropor, \u00c4pfel. Die Cellistin greift hinein. Schnell packt sie sich drei \u00c4pfel in ihre Tasche. Schau, sagt sie. \u00abBio\u00e4pfel.\u00bb Sie nimmt einen heraus, l\u00e4chelt mich an, h\u00e4lt ihn mir hin.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-embed-youtube wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<lite-youtube style=\"background-image: url('https:\/\/i.ytimg.com\/vi\/oNJo1Nn21VI\/hqdefault.jpg');\" videoid=\"oNJo1Nn21VI\" params=\"rel=0&#038;enablejsapi=1&#038;origin=https%3A%2F%2Fwww.greenpeace.ch&#038;cc_load_policy=1\"><\/lite-youtube>\n<\/div><figcaption><br><\/figcaption><\/figure>\n\n<p><em>Der nach der Entdeckung von unsauberen Machenschaften im Bio-Handel Journalist gewordene Hannes Grassegger ist fester Reporter bei\u00a0Reportagen\u00a0und spezialisiert sich auf Artikel zum Thema Wirtschaft.<\/em><\/p>\n\n<p><em>Giftige Chemikalien in der Landwirtschaft, vergiftete, modifizierte Lebensmittel, verseuchtes Wasser und der Schutz der Bienen sind nur einige der Themen, mit denen sich Greenpeace Ostasien besch\u00e4ftigt, um die Lebensqualit\u00e4t und Umweltgesundheit Chinas zu erh\u00f6hen. Beispielsweise werden Lebensmitteltests durchgef\u00fchrt und die Vertreiber dieser Produkte mit den Resultaten konfrontiert. Oder es werden Wasserproben genommen und aufgrund dieser gezielt Lobbyismus f\u00fcr sauberes Wasser betrieben.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Essen ist f\u00fcr die Chinesen auch Medizin, Kunstform und Geschichte. 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