{"id":44356,"date":"2016-09-09T07:00:00","date_gmt":"2016-09-09T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=44356"},"modified":"2020-05-22T16:42:26","modified_gmt":"2020-05-22T14:42:26","slug":"bedraengte-giganten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/44356\/bedraengte-giganten\/","title":{"rendered":"Bedr\u00e4ngte Giganten"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Durch die Stra\u00dfe von Gibraltar fahren t\u00e4glich bis zu 400 Schiffe. In der Meerenge leben auch Wale und Delfine. Eine kleine Organisation in dem spanischen K\u00fcstenort Tarifa versucht sie zu sch\u00fctzen. Eine Geschichte \u00fcber Tiere und Menschen \u2013 und \u00fcber das Warten.<\/strong><\/p>\n\n<p>\u00abMan h\u00f6rte ein Pfeifen, das nach und nach sch\u00e4rfer und st\u00e4rker wurde und in ein Erdbebenget\u00f6se \u00fcberging. Dann kam der Wind. Erst in einzelnen B\u00f6en, die aber immer h\u00e4ufiger wurden, bis eine unver\u00e4ndert anhielt, ohne Pause, ohne Linderung, mit einer Intensit\u00e4t und einer Gewaltt\u00e4tigkeit, die etwas \u00dcbernat\u00fcrliches hatten.\u00bb So beschrieb Gabriel Garc\u00eda M\u00e1rquez den Landwind Tramontana an der nord\u00f6stlichsten Ecke Spaniens. Er h\u00e4tte das auch \u00fcber den Ostwind an der s\u00fcdlichsten Spitze des Landes schreiben k\u00f6nnen, am Ende des europ\u00e4ischen Festlands. Genau am \u00e4u\u00dfersten Zipfel der Costa de la Luz, der K\u00fcste des Lichts, fegt er durch den Fischerort Tarifa, als wollte er ihn niederrei\u00dfen.<\/p>\n\n<p>Wir sind hierhergekommen, um die Wale zu sehen, die \u2014 ungeachtet des menschlichen Trubels an der Wasseroberfl\u00e4che \u2014 hier leben. Aber der Wind hat entschieden, dass heute keiner den Hafen verl\u00e4sst. Er peitscht den Sand und die Gischt \u00fcber den Damm zur Isla de Las Palomas, der Mittelmeer und Atlantik voneinander trennt.<\/p>\n\n<p>Levante, Levante. Das ist die Erkl\u00e4rung, die Entschuldigung, der Grund f\u00fcr alles. Die Bewohner Tarifas sagen es, wenn der Sand auf den Untertassen knirscht, die Kitesurfer denken es, wenn sie ihre Drachen startklar machen, die Fischer seufzen es, wenn sie nicht hinausfahren k\u00f6nnen. Genau wie die Whalewatcher. \u00abEr brachte zwar die Mauren, aber er brachte auch den Duft der W\u00fcste und der verschleierten Frauen. Er brachte den Schwei\u00df und die Tr\u00e4ume von M\u00e4nnern, die eines Tages ins Unbekannte aufgebrochen waren, auf der Suche nach Gold, nach Abenteuern \u2014 und den Pyramiden\u00bb, schreibt Paulo Coelho in \u00abDer Alchimist\u00bb \u00fcber den Wind, den sie Levante nennen. Afrika ist nah. Die Landmassen Europas und Afrikas strecken sich hier einander entgegen, als wollten sie sich ber\u00fchren. Nur 14 Kilometer fehlen ihnen.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/224dc1bd-b070e1e8ab3db55a1c7365523afc8eaa.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>\u00a9 Robert Fischer<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Irgendwo da drau\u00dfen schwimmen sie, die anthrazitfarben gl\u00e4nzenden Grindwale, die riesigen Finn- und Pottwale, die Delfine und vielleicht auch die schwarzwei\u00dfen Orcas. \u00c4hnlich wie wir Menschen an Land uns jetzt in den Wind lehnen, so k\u00e4mpfen sie unter Wasser gegen die Str\u00f6mung und gegen die Wellenberge, die beim Luftholen \u00fcber ihnen zusammenschlagen. Sie werden ersch\u00f6pft sein, wenn der Wind in einigen Tagen so pl\u00f6tzlich verstummt, wie er kam. Manche von ihnen werden sich an die Wasseroberfl\u00e4che legen, mit der einen Gehirnh\u00e4lfte schlafen und mit der anderen wachen.<\/p>\n\n<p>Es gibt Leute hier, die kennen viele der Wale mit Namen. Am besten kennt sie wahrscheinlich Katharina Heyer. Wenn sie \u00fcber das verstorbene Grindwalm\u00e4nnchen Curro spricht oder \u00fcber den an der Finne verletzten Zackzack, dann klingt es, als rede sie von ihren eigenen S\u00f6hnen. Wir holen sie im B\u00fcro in der Altstadt ihrer Stiftung \u00abFoundation For Information And Research On Marine Mammals\u00bb, kurz \u00abfirmm\u00bb, ab und gehen mit ihr die sechs Stra\u00dfenbiegungen zum Hafenb\u00fcro. Wenn ihre Whalewatching-Boote nicht rausfahren k\u00f6nnen, ist es dort leer. Kein Besucher, kein Telefon, Luft zum Reden. Sie l\u00e4uft Ideallinie, schr\u00e4g \u00fcber die holprig gepflasterten Gassen und eng an br\u00f6ckelnden Hausecken entlang. Sie murmelt etwas von Zeiteffizienz und muss \u00fcber ihre schweizerische Eigenheit schmunzeln. Jetzt, mit 71 Jahren, sitzen Gewohnheiten zu tief, um sie noch abzusch\u00fctteln. Die Frau aus dem Land der Uhren wird niemals eine Frau des M\u00fc\u00dfiggangs.<\/p>\n\n<p>Vor 16 Jahren hat sie sich f\u00fcr die Wale entschieden und gegen ihr bisheriges Leben. Fr\u00fcher war sie die \u00abPuma\u201c-Frau, die als Taschendesignerin zu Spitzenzeiten achtmal im Jahr die Weltkugel umrundete. Jetzt ist sie die Walfrau, die besser mit den Tieren kann als mit den Menschen hier. \u00abIch bin die ewige <em>extranjera<\/em>, die ewige Fremde\u00bb, sagt sie.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/8aaf58ad-92e66f27e7ca94b3a5488ae58a8cf6bb.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Tarifa ist die s\u00fcdlichste Stadt auf dem europ\u00e4ischen Festland. \u00a9 Robert Fischer<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Tarifa ist kein Ort der offenen Arme. Immer wieder versuchen afrikanische Fl\u00fcchtlinge die spanische K\u00fcste \u00fcber die Meerenge zu erreichen, erleiden in der st\u00fcrmischen See Schiffbruch, werden halb ertrunken an die Str\u00e4nde angesp\u00fclt und in knisternder goldener Aluminiumfolie an unsichtbare Orte geschafft, meist nachts. Wie viele von ihnen die \u00dcberfahrt nicht \u00fcberleben, wei\u00df nur das Meer. Das wei\u00df get\u00fcnchte Tarifa ist das Abwehren gewohnt, auch das von Schweizerinnen, die etwas bewegen wollen, so empfindet sie das.<\/p>\n\n<p>Wir sitzen in dem Neubaub\u00fcro am Hafen auf kleinen wei\u00dfen Holzb\u00e4nken, an den W\u00e4nden h\u00e4ngen Reliefkarten von unterseeischen Gebirgen, Walposter und Fotos. Durch die gro\u00dfen Frontfenster sehen wir das wei\u00dfe Ausflugsboot neben den bunt bemalten Fischerbooten im Hafen schaukeln. Katharina Heyer wird drei Stunden am St\u00fcck reden, ohne einen Schluck zu trinken, ohne die Festigkeit in ihrem Blick zu verlieren. Sie sieht nicht aus wie eine 71-j\u00e4hrige Frau, die schon seit Jahren in Rente sein k\u00f6nnte und in ihrem Leben wahrscheinlich doppelt so viel gearbeitet hat wie die meisten anderen.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/218e68ae-d5971e99d49db0e5ab13ec4a25cac480.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Katharina Heyer will hier in Tarifa mit dem Whalewatching die Menschen f\u00fcr die bedrohten Wale in der Meeresenge sensibilisieren. \u00a9 Robert Fischer<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Sie, die Gesch\u00e4ftsfrau aus einem Land ohne K\u00fcste, wollte den Andalusiern erz\u00e4hlen, \u00abdass es hier Wale hat\u00bb, wie man auf Schweizerdeutsch sagt. Etwas, was die Fischer schon lange wussten, weil sie die Meeress\u00e4uger oft bei ihren Fangfahrten sehen, aber offenbar vers\u00e4umt hatten, ihren Mitmenschen zu erz\u00e4hlen. Katharina Heyer wusste, dass die Wale da waren, sie wollte, dass sie da waren und gleich bei ihrer ersten Ausfahrt mit einem Tauchboot entdeckte sie Grindwale, damals vor 16 Jahren. Bis zu sechs Meter gro\u00dfe und drei Tonnen schwere Tiere, eine kleine Walart. \u00abSchwarzer Kugelkopf\u00bb hei\u00dft ihr lateinischer Name \u00fcbersetzt. Es ist ebenjener Wal, der jedes Jahr vor den F\u00e4r\u00f6er-Inseln beim traditionellen Grindadr\u00e1p gejagt wird. Sie sind relativ zutraulich und neugierig, bis heute sind sie ihre Lieblingswale.<\/p>\n\n<p>Wenn sie von dem lang vergangenen Tag im Winter in der Meerenge erz\u00e4hlt, dann klingt es wie eine Sage. Sturm, Zeichen, pl\u00f6tzliche Gewissheit \u2014 das ist mein neues Leben, hier bei den Walen. Sie ist die missverstandene Heldin in der Geschichte, die sich dann entrollt. Kein Buch, kein Wissenschaftler, niemand wei\u00df, was sie und die schweigsamen Fischer wissen: In der Stra\u00dfe von Gibraltar wimmelt es von Walen. Vielleicht ist es der Neid \u00fcber ihre Entdeckung, vielleicht Missgunst gegen\u00fcber der reichen Ausl\u00e4nderin, vielleicht der Unwille, dass sich etwas \u00e4ndert, der aus den Anfeindungen, Beschuldigungen, Sabotagen und Brandanschl\u00e4gen spricht, die \u00fcber sie ergehen. Die Schweizerin bleibt, in der Stadt, die niemals die ihre wird, bei den Menschen, denen sie sich niemals nahe f\u00fchlen wird. Obwohl sie es mag, in Vergleichen zu denken, ist ihr der eine noch nicht aufgefallen: Auch die Wale bleiben an einem Ort, der laut zu schreien scheint: Das hier ist kein Ort f\u00fcr euch! Und daran ist ausnahmsweise mal nicht der Wind schuld.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/94bf6da4-5a710184a1f483f02aae90a69f0f04e0.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>An manchen Tagen weht der Wind so stark, dass nicht einmal die F\u00e4hren nach Marokko fahren k\u00f6nnen. \u00a9 Robert Fischer<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Es ist der Mensch und sein ungeheures Verlangen nach mehr G\u00fctern und Mobilit\u00e4t. In der Meerenge werden die gr\u00f6\u00dften Tiere der Welt von den gr\u00f6\u00dften Transportmitteln der Welt verdr\u00e4ngt, manche enden wie Schmei\u00dffliegen auf der Windschutzscheibe. Durch die Stra\u00dfe von Gibraltar f\u00fchrt eine der Hauptschifffahrtsrouten. \u00dcber das Mittelmeer, den Suezkanal und das Rote Meer sparen die Reedereien sich den Umweg um das Kap der Guten Hoffnung. Ein Gro\u00dfteil des G\u00fctertransports zwischen Asien und Europa verl\u00e4uft durch das Nadel\u00f6hr, hinzu kommen die \u00d6ltanker aus dem Nahen Osten. Das summiert sich zu Sto\u00dfzeiten schon mal auf 300 Schiffe am Tag. Noch nicht eingerechnet sind die F\u00e4hren zwischen Spanien und Marokko, die die Meerenge gute hundertmal am Tag kreuzen.<\/p>\n\n<p>\u00abDer Unterwasserl\u00e4rm ist hier extrem stark\u00bb, sagt Katharina Heyer. Bis zu 240 Dezibel habe ihr Team schon gemessen. Auch wenn Schall unter Wasser leiser erscheint als in der Luft, liegt das immer noch weit \u00fcber der menschlichen Schmerzgrenze von rund 130 Dezibel. <a href=\"http:\/\/www.greenpeace.org\/switzerland\/de\/Themen\/Meer\/probleme\/wale\/\">Der L\u00e4rm irritiert die Meeress\u00e4uger<\/a>, die selber Ger\u00e4usche zur Kommunikation und Orientierung aussenden. In einem Bereich unterhalb des Blaslochs erzeugen sie Pfiffe, Quiekt\u00f6ne und Klicklaute. \u00c4hnlich wie Flederm\u00e4use k\u00f6nnen sie sich durch das Echo ihrer ausgesandten T\u00f6ne orientieren \u2014 solange sie nicht \u00fcbert\u00f6nt werden. Jedes Jahr kollidieren Wale mit Frachtern und geraten in Schiffsschrauben. Viele von ihnen tragen Narben von solchen Unf\u00e4llen davon, einige \u00fcberleben sie nicht. Der starke Ger\u00e4uschpegel kann sogar innere Blutungen im Kopf verursachen, derart verletzte Tiere stranden orientierungslos an der K\u00fcste.<\/p>\n\n<p>Es sind solche Vorf\u00e4lle, die J\u00f6rn Selling w\u00fctend machen. Der 47-j\u00e4hrige Meeresbiologe ist ein menschgewordener Vulkan, am liebsten spuckt und wettert er gegen alles und jeden. \u00abWenn er rau ist, dann hat er gerade etwas erlebt, was ihn rau macht\u00bb, sagt Katharina Heyer \u00fcber ihren Kollegen. Das erlebt er hier h\u00e4ufig. Eines der gr\u00f6\u00dften Reizthemen des geb\u00fcrtigen Uruguayers mit deutschen Eltern ist die Whalewatching-Konkurrenz. \u00abFr\u00fcher war das ganz schlimm, da sind die manchmal auf die Pottwale zugerast und aufgefahren, weil sie nicht mehr schnell genug bremsen konnten&#187;, erz\u00e4hlt er bei einem Strandspaziergang. Das gebe es heute nicht mehr. Pause. \u00abNaja, vielleicht wird\u2019s ja besser.\u00bb Mit \u00abfirmm\u00bb erforscht er die Walpopulationen in der Meerenge und begleitet die Beobachtungsfahrten f\u00fcr Touristen. Respekt vor den Tieren ist der Organisation wichtig, den Abstand zum Boot sollen die Wale selbst bestimmen k\u00f6nnen. Nat\u00fcrlich ist das \u00abfirmm\u00bb-Boot ein weiteres Gef\u00e4hrt im Wasser, J\u00f6rn Selling macht sich deswegen Gedanken \u00fcber ein ideales Boot, das die Tiere m\u00f6glichst wenig st\u00f6rt.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/97b52c2a-deb606ae6aeedf801e878735051f63c5.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Viele der Grindwale kann J\u00f6rn Selling anhand ihrer R\u00fcckenfinnen unterscheiden. \u00a9 Robert Fischer<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Er ist hager und braungebrannt, seinen Bart hat er sich zu breiten Koteletten geschnitten, die Haare sind verfilzt vom salzigen Wind. Er streift sich seinen blauen Strickpullover \u00fcber, er muss los, die Katzen f\u00fcttern. Jeden Morgen und jeden Abend kreuzt er mit seinem rumpeligen VW-Passat durch Tarifa, um den Stra\u00dfenkatzen Futter und Wasser zu bringen, unz\u00e4hlige von ihnen hat er kastrieren und sterilisieren lassen. Neben M\u00fclltonnen, hinter Eisengittern und auf Brachfl\u00e4chen warten sie schon auf ihn. Er zischt ein paar Mal durch die Z\u00e4hne, dann kommen sie und streichen ihm um die Beine. F\u00fcr ihn ein kurzer Moment der Zufriedenheit. \u00abIch habe aufgegeben, mein Gl\u00fcck finde ich nicht mehr\u00bb, sagt er, sein Gesicht eine zynische Maske. \u00abMeine Aufgabe ist es, anderen Leuten in den Arsch zu treten.\u00bb<\/p>\n\n<p>Den Walen wird er nicht so leicht helfen k\u00f6nnen wie den Katzen. Erstere finden in der Stra\u00dfe von Gibraltar n\u00e4mlich, abgesehen vom menschlichen Chaos, perfekte Bedingungen. Weil das Mittelmeer circa anderthalb Meter tiefer liegt als der Atlantik, flie\u00dft an der Oberfl\u00e4che der Meerenge best\u00e4ndig Wasser Richtung Osten. Eine Tiefenstr\u00f6mung am Meeresgrund bringt schweres salzhaltiges Wasser zur\u00fcck in den Atlantik und st\u00fcrzt \u00fcber eine Schwelle mehrere hundert Meter in die Tiefe. Diese Wasserbewegungen und das Sonnenlicht bringen die perfekten Lebensbedingungen f\u00fcr Plankton und Krill \u2014 die Nahrung der Bartenwale. Die Zahnwale fressen die Fische, die die kleinen Fische gefressen haben, die Krill und Plankton gefressen haben. Diese Nahrungskette scheint den Meeress\u00e4ugern wichtiger zu sein als Ruhe vor dem L\u00e4rm.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/c211b339-ff5e15b90b163d17cbc22a4b0eab4c1c.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>\u00a9 Robert Fischer<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>2007 sah es danach aus, als habe \u00abRettet die Wale\u00bb \u00fcber \u00abZeit ist Geld\u00bb gesiegt. Die spanische Regierung erlie\u00df f\u00fcr die Stra\u00dfe von Gibraltar ein Tempolimit von 13 Knoten (24 Kilometer pro Stunde). Die kleine Organisation \u00abfirmm\u00bb schwelgte in Euphorie \u2014 \u00abAber es handelte sich dabei blo\u00df um eine Empfehlung\u00bb, sagt Katharina Heyer. Und die h\u00e4lt nat\u00fcrlich niemand ein, solange Zeit eben doch Geld ist. Immerhin einen Erfolg k\u00f6nnen sie feiern: Die F\u00e4hren nach Marokko haben sie dazu bewegen k\u00f6nnen, ihre Routen aus den Walgebieten zu verlegen.<\/p>\n\n<p>Viele von ihnen steuern den 2008 er\u00f6ffneten Tiefwasserhafen Tanger Med an \u2014 den gr\u00f6\u00dften seiner Art in Afrika. Er ist das marokkanische Prestigeprojekt und soll kr\u00e4ftig wachsen, um Tanger zum Tor Afrikas zu machen. Spanien auf der gegen\u00fcberliegenden Seite versucht mit seinem Hafen in Algeciras Kundschaft anzuziehen, in der gleichen Bucht lockt die britische Enklave Gibraltar mit g\u00fcnstigem Schwer\u00f6l. In den Gew\u00e4ssern des Steuerparadieses lassen sich viele Frachtschiffe per Tankschiff volllaufen. Gerissene Tankschl\u00e4uche und Lecks sind keine Seltenheit, manche sprechen sogar von einer schleichenden \u00d6lpest an der andalusischen K\u00fcste.<\/p>\n\n<p>Weil die Bucht von Algeciras windgesch\u00fctzter ist als die offene Meerenge, k\u00f6nnen wir dem Levante dort eine Bootsfahrt abtrotzen. Die Wellen spritzen an die Seiten, der Motor surrt, Kapit\u00e4n Pedro und sein Gehilfe Diego singen mit tiefen Stimmen in der Fahrerkabine. Wir passieren tankende Frachter und schaukeln in den Wellen einer F\u00e4hre. Gew\u00f6hnliche Delfine n\u00e4hern sich und schwimmen in der Bugwelle \u2014 f\u00fcr sie kein Problem, sie geh\u00f6ren zu den schnellsten Waltieren \u00fcberhaupt und k\u00f6nnen bis zu 65 Kilometer pro Stunde schwimmen. Eine Schule Gestreifter Delfine taucht springend aus dem Wasser auf, sie leben oft gemeinsam mit den Gew\u00f6hnlichen Delfinen. Beide lassen sich nicht dressieren, im Gegensatz zum Gro\u00dfen T\u00fcmmler, der zu seinem Leidwesen in Delfinarien und Filmen Kunstst\u00fccke zur Schau stellen muss.<\/p>\n\n<p>Das beste Auge auf der Suche nach Tieren hat Eduardo Montano, er begleitet Katharina Heyer auf jeder Ausfahrt. An Tagen des Levante hat er Zeit zum Reden. Wir treffen uns im Caf\u00e9 eines Freundes in einer kleinen Seitenstra\u00dfe der Altstadt, wir sind die einzigen G\u00e4ste. Er bestellt einen Tee, den er nicht austrinken wird.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/7937fdc2-1fc09ab983dc1f4c2103b27d750340f4.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>\u00a9 Robert Fischer<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Er wurde zum <em>marinero<\/em> geboren, zum Seemann, schon sein Vater war Fischer. \u00abAls ich klein war, war die Meerenge voll von Tieren\u00bb, erinnert sich der 42-J\u00e4hrige, dessen Haut schon im Fr\u00fchling nach Hochsommer aussieht. Kabeljau, Sardinen, Makrelen, Gro\u00dfe Rote Drachenk\u00f6pfe, \u00abes ist traurig, dass man die hier nicht mehr sieht\u00bb. Anfangs fuhr er mit dem Fischerboot raus, dann fing er bei der Almadraba an \u2014 einer traditionellen Form des Thunfischfangs, bei der sich die Fische in einem Netzlabyrinth verirren. Sie werden mit Booten eingekesselt, bis das Wasser vor zappelnden Thunfischen kocht. Die Fischer ziehen einen nach dem anderen der bis zu dreihundert Kilo schweren Kolosse aus dem Wasser, ein Job f\u00fcr harte M\u00e4nner. \u00abDas ist wie ein Stierkampf, nur nicht mit einem Stier, sondern mit zweihundert Thunfischen.\u00bb<\/p>\n\n<p>Der Wechsel zu \u00abfirmm\u00bb war f\u00fcr ihn \u00abein Wechsel von Nacht zu Tag\u00bb, sagt er. Seine heutige Nachdenklichkeit kann er mit den meisten Kollegen von fr\u00fcher nicht teilen, \u00abich habe ja damals auch wie ein Fischer gedacht.\u00bb Jetzt glaubt er nicht mehr, dass die Tiere der Meerenge noch zu retten sind, einzig die wachsende Grindwalpopulation gibt ihm Hoffnung. \u00abWir Fischer wussten schon damals, dass es einmal aufh\u00f6ren w\u00fcrde.\u00bb<\/p>\n\n<p>Inzwischen hat jedes Fischerboot eine Fangquote, tausend Kilogramm Thunfisch im Jahr. Das sind gerade einmal drei bis vier Tiere. Ungef\u00e4hr zehn Euro bekomme er f\u00fcr ein Kilogramm Thunfischfleisch, erz\u00e4hlt uns Manolo Mesa, 40, geborener Fischer wie so viele hier. Er zeigt uns seine Werkstatt in einer Garage im Westen Tarifas, die K\u00f6der, das selbstgebastelte Werkzeug, die unterschiedlich dicken Schn\u00fcre. Auch er geh\u00f6rt zu den Leuten, die bei Levante viel Zeit haben. Er l\u00e4dt uns in seinen Van ein, Passbilder von Mutter und Vater auf dem Armaturenbrett, und f\u00e4hrt uns zum Hafen. Wir laufen durch die Reihen der bunten Holzboote und bleiben vor einem t\u00fcrkisfarbenen stehen. Ein brauner zotteliger Hund springt davor aufgeregt auf und ab. Es ist der Hund seines sechs Jahre \u00e4lteren Bruders, der hinten auf dem Boot sitzt.<\/p>\n\n<p>Die Fischer haben wahrscheinlich schon mehr Orcas gesehen als jeder Whalewatcher, denn sie haben, was die Wale wollen: Thunfisch. \u00abIm Juni kommen sie\u201c, erz\u00e4hlt Manolo Mesa. \u00abSie warten, bis wir den Thunfisch an der Leine erm\u00fcdet haben.\u00bb Dann bei\u00dfen sie zu. Die Fischer ziehen nur noch den Kopf ihrer Beute aus dem Wasser, den lassen die Orcas dran, weil sie gelernt haben, dass da der Haken ist. Die Schwertwale sind langsamer als die Thunfische, warum sich also unn\u00f6tig M\u00fche machen, wenn das Essen doch schon so h\u00fcbsch aufgef\u00e4delt ist? Manolo und sein Bruder Rafael Mesa versuchen, die schwarz-wei\u00dfen Wale mit Klopfen am Boot zu vertreiben, erz\u00e4hlen sie, \u00ababer du darfst ihnen nichts tun\u00bb, sagt Manolo. \u00abDer alte Mann und das Meer\u00bb von Ernest Hemingway ist ihre Geschichte, nur dass dessen Hauptfigur Santiago die Haie ersticht, die seinen Fisch klauen.<\/p>\n\n<p>Andere Fischer, wie der 57-j\u00e4hrige Rafa\u00e9l Gamero Diaz, den wir zuf\u00e4llig auf dem Weg treffen, werfen mit Steinen nach den R\u00e4ubern. \u00abDer Orca ist verr\u00fcckt und gef\u00e4hrlich\u00bb, sagt er mit eindringlichem Blick. \u00abDer Orca hat immer Hunger.\u00bb Vor sechs Monaten habe einer sein Boot angegriffen, immer wieder habe er es gerammt. Das sei das einzige Mal gewesen, dass er Angst vor dem Wal gehabt habe. Er schmunzelt vergn\u00fcgt. T\u00f6ten w\u00fcrde er einen Orca aber nie. Nur Thunfische, das sei nun mal sein Job.<\/p>\n\n<p>Nach f\u00fcnf Tagen Sturm ist es \u00fcber Nacht still geworden in Tarifas Stra\u00dfen. Der Hafen ist leer, die Fischer sind ausgefahren. Und wir steigen nun auch endlich auf unser Boot. Lange fahren wir durch die noch immer aufgew\u00fchlte See, ohne ein Tier zu erblicken. Dann n\u00e4hern sich Gestreifte Delfine, und w\u00e4hrend wir ihnen noch beim Springen zusehen, sind sie auf einmal da: Grindwale. Schwarz gl\u00e4nzend heben sich ihre Finnen aus dem Wasser, die J\u00fcngeren heben neugierig ihre K\u00f6pfe aus den Wellen. Sogar eine Paarung k\u00f6nnen wir beobachten. Dann pl\u00f6tzlich hebt sich eines der Tiere senkrecht weit aus dem Wasser und pfeift.<\/p>\n\n<p>Ob die Wale das Boot in den Tagen des Windes vermisst haben? Ob sie froh sind, dass der Sturm vorbei ist? Ob sie sich \u00fcber den L\u00e4rm unter Wasser beschweren? Das bleibt ihr Geheimnis, denn zum Gl\u00fcck kann der Mensch nicht alles verstehen.<\/p>\n\n<p><em>Mehr zum Thema finden Sie hier:<\/em><\/p>\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li><a href=\"http:\/\/www.firmm.org\/de\/\">Firmm<\/a> (Foundation For Information And Research On Marine Mammals)<\/li><\/ul>\n\n<p><em>Der Artikel \u00abBedr\u00e4ngte Giganten\u00bb erschien urspr\u00fcnglich im deutschen Greenpeace Magazin, Ausgabe 4.14.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Durch die Stra\u00dfe von Gibraltar fahren t\u00e4glich bis zu 400 Schiffe. In der Meerenge leben auch Wale und Delfine. Eine kleine Organisation in dem spanischen K\u00fcstenort Tarifa versucht sie zu sch\u00fctzen. Eine Geschichte \u00fcber Tiere und Menschen \u2013 und u\u0308ber das Warten.<\/p>\n","protected":false},"author":49,"featured_media":44364,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_planet4_optimize_post_is_variant":false,"_planet4_optimize_experiment_name":"","_planet4_optimize_variant_name":"","ep_exclude_from_search":false,"p4_og_title":"","p4_og_description":"","p4_og_image":"","p4_og_image_id":"","p4_seo_canonical_url":"","p4_campaign_name":"not set","p4_local_project":"not set","p4_basket_name":"not set","p4_department":"","footnotes":""},"categories":[47],"tags":[41],"p4-page-type":[194],"gpch-article-type":[],"class_list":["post-44356","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-greenpeace","tag-meer","p4-page-type-hintergrund"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44356","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/49"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=44356"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44356\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/44364"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=44356"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=44356"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=44356"},{"taxonomy":"p4-page-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/p4-page-type?post=44356"},{"taxonomy":"gpch-article-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/gpch-article-type?post=44356"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}