{"id":44365,"date":"2019-02-22T07:00:00","date_gmt":"2019-02-22T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=44365"},"modified":"2020-06-02T17:14:48","modified_gmt":"2020-06-02T15:14:48","slug":"der-himmel-ueber-mustang-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/44365\/der-himmel-ueber-mustang-2\/","title":{"rendered":"Der Himmel \u00fcber Mustang"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>In den n\u00e4chsten Monaten schalten wir in loser Folge die Lieblingsartikel unserer Redaktions-mitglieder<\/strong>&nbsp;<strong>nochmals auf.<\/strong><strong>&nbsp;Diese haben sie aus den meistgelesenen Online-Stories der letzten Jahre ausgesucht. Heute der Favorit unserer Bildredaktorin Man\u00f9 Hophan, der von den Bewohnern eines Dorfes im Himalaya erz\u00e4hlt, die ihre alte Heimat aufgrund des Klimawandels aufgeben mussten.&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n<p><span class=\"dropcap\">K<\/span>urz nach zehn Uhr taucht die kleine Karawane endlich auf, nimmt die letzte Biegung des Passes und n\u00e4hert sich Namashung, mit zwei Stunden Versp\u00e4tung. Es ist eine beinahe biblische Prozession; als seien K\u00f6nige unterwegs, um dem Kind in der Krippe zu huldigen. Stolz sitzen die Reiter auf ihren Pferden, gemessenen Schrittes kommen sie daher, in ihren sch\u00f6nsten Kleidern. Die M\u00e4nner tragen mit Fuchspelz verbr\u00e4mte H\u00fcte, Seidenhemden, schwarze Hosen und verzierte Lederstiefel. Die Jacke des Dorfvorstehers schm\u00fccken Bord\u00fcren aus dem Fell eines Schneeleoparden, in der Hand tr\u00e4gt er Pfeil und Bogen. Die Frauen zeigen sich in traditionellen Tchubas, dar\u00fcber an langen Winterabenden gewobene Sch\u00fcrzen in leuchtenden Farben, in den Haaren grosse T\u00fcrkise. Es ist der 19. Mai 2015. Die Bewohner des Dorfes Sam Dzong, die Sam Dzong Ngas, wie sie sich nennen, treffen ein zur Einweihung ihrer neuen Heimat namens Namashung, in der n\u00f6rdlichsten Ecke des ehemaligen K\u00f6nigreichs Mustang, das heute zu Nepal geh\u00f6rt, 3800 Meter \u00fcber Meer.<\/p>\n\n<p>Die Prozession erreicht die ersten H\u00e4user von Namashung und h\u00e4lt schliesslich vor Lama Ngawang und Manuel Bauer. Lama Ngawang, der buddhistische M\u00f6nch in roter Robe, auf dem Kopf Polocap und Sonnenbrille, wird die Einweihungszeremonie leiten. Und <a href=\"http:\/\/www.manuelbauer.ch\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Manuel Bauer, der Schweizer Fotograf<\/a> in seiner gelben Outdoorjacke, wird sie dokumentieren. Doch die beiden sind weit mehr als nur Zeremonienmeister und Fotograf. Seit Jahren arbeiten sie auf diesen Moment hin; das neue Dorf ist ihr gemeinsames Werk. Jetzt ist es endlich so weit: Namashung kann eingeweiht werden. \u00abUnglaublich!\u00bb, sagt Manuel Bauer. Mehr bringt er nicht heraus. Lama Ngawang schweigt \u2014 sehr un\u00fcblich f\u00fcr ihn, sonst ist er nie um eine treffende Bemerkung verlegen.<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/4438adb1-f4215273cda44931caea0d0b7922b124.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>M\u00f6nche in roten Roben aus Lo Manthang segnen das Dorf. (\u00a9 Manuel Bauer)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Landschaft von bizarrer Sch\u00f6nheit<\/h3>\n\n<p>Namashung ist eine zehn Hektaren grosse Ebene am Ufer eines kleinen Flusses, eine gute Pferdestunde von <a href=\"https:\/\/www.google.ch\/maps\/place\/Lo+Manthang,+Nepal\/@28.7114253,83.9011636,9z\/data=!4m2!3m1!1s0x39be5ddc2ee3e2f1:0xef6512473211de5e\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Lo Manthang <\/a>entfernt, dem Hauptort Mustangs. Sie liegt mitten in einer Landschaft, die Karl May zu weiteren Meisterwerken inspiriert h\u00e4tte. Am Horizont leuchtet der weisse R\u00fccken des Annapurna, davor F\u00fcnf- und Sechstausender, als seien sie K\u00fcken unter dem Fl\u00fcgel des Himalaya-Riesen. Die Felslandschaft ist von bizarrer Sch\u00f6nheit und abschreckender Einsamkeit, leuchtend in Schwarz, Gelb, Braun, Rot und Weiss. Vor wenigen Tagen haben heftige Erdbeben Nepal ersch\u00fcttert, fast 9000 Menschen das Leben gekostet und Teile des Landes um einen Meter seitlich verschoben, hier oben gl\u00fccklicherweise aber nur geringe Sch\u00e4den angerichtet.<\/p>\n\n<p>Es ist nicht lange her, da war Namashung nichts als eine graue Ebene, begraben unter Hunderten von Findlingen. Das Plateau sah aus, als h\u00e4tte eine Armee von Galliern ihre Hinkelsteine deponiert; entsprechend unbrauchbar war der Boden. Unm\u00f6glich, in diesem Niemandsland zu leben. Doch inzwischen sind die Findlinge verschwunden, das Plateau ist seit dem Sommer 2014 fertig terrassiert. Gerste soll hier k\u00fcnftig wachsen, das wichtigste Getreide in Mustang, auch Buchweizen und gelb bl\u00fchender Senf, dazu Kartoffeln, Rettich und Spinat. Namashung soll wieder werden, was der Flurname besagt: eine \u00abgr\u00fcne Ebene\u00bb, eine Oase in der Ein\u00f6de. Ziegen und Pferde werden auf den H\u00fcgeln weiden und am Abend, wenn es Zeit ist, von allein zu ihren Pferchen zur\u00fcckkehren.<\/p>\n\n<p>Am Rande des Plateaus, an die Flanke des n\u00e4chsten H\u00fcgels geklebt, leuchtet jetzt eine Reihe weisser H\u00e4user in der Sonne. Hier werden die 85 Sam Dzong Ngas k\u00fcnftig leben. Noch ist das Dorf nicht ganz fertig gebaut, aber das ist egal. Wichtig ist, dass die Einweihung genau heute stattfindet. Ein Aufschub w\u00e4re ungut, denn der tibetisch-astrologische Kalender besagt klar: Der 19. Mai ist der beste Tag, das Element Feuer zeigt sich gleich zweimal. Das verheisst reiche Ernten und Wohlstand. Hier oben, wo das Leben h\u00e4rter und der Tod n\u00e4her ist als anderswo, nutzt man besser die Gunst aller \u00fcberirdischen Kr\u00e4fte.<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/9742da19-f8a13d18c68dddaeb99b15bbcb92994b.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Beim \u00dcberlaufen eines Gletschersees im Jahr 1984 erstickte die gr\u00fcne Ebene unter einer Steinflut. Ein Damm wird das neue Dorf vor weiteren \u00dcberschwemmungen sch\u00fctzen. (\u00a9 Manuel Bauer)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/3fc2eca6-a9f788da33f9970e08ce382e00875751.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Dank der Grossz\u00fcgigkeit des K\u00f6nigs von Mustang haben die Klimafl\u00fcchtlinge wieder eine Heimat. Namashung \u2013 die \u00abgr\u00fcne Ebene\u00bb \u2013 erwacht zu neuem Leben. (\u00a9 Manuel Bauer)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">N\u00e4chtliche Begegnung<\/h3>\n\n<p>Als Manuel Bauer 2008 zum ersten Mal in diese abgelegene Ecke Asiens fand, hatte er gerade seine Stellung als <a href=\"http:\/\/dalailama-archives.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">offizieller Fotograf des Dalai Lama<\/a> aufgegeben. F\u00fcnf Jahre lang hatte er den obersten tibetischen W\u00fcrdentr\u00e4ger auf seinen Reisen f\u00fcr den Frieden begleitet und ihn so nahe erlebt wie wenig andere. Nun war er auf der Suche nach einem neuen Thema, das ihn nicht nur als Fotografen, sondern auch als Menschen herausforderte. Nach Mustang war er gereist, um diese einsame Gegend zu sehen. Sie ist vom 21. Jahrhundert, aber auch vom 20. noch weitgehend unber\u00fchrt. Im Norden des Himalaya liegend, f\u00fchrt nur ein Weg in das einstige K\u00f6nigreich: durch eine Schlucht mit senkrechten W\u00e4nden. Es ist das Tal des Kali Gandaki, manche bezeichnen es als das tiefste Tal der Welt. Wie ein Keil spaltet der Fluss die Kette der Achttausender und verbindet die Niederungen Nepals mit der Hochgebirgslandschaft.<\/p>\n\n<p>Kaum war Manuel Bauer angekommen, weckte ihn eines Nachts heftiges Klopfen. Vor der T\u00fcr seiner Herberge standen drei M\u00e4nner. Sie rochen nach Pferd und Ziege, trugen gef\u00e4lschte North-Face-Jacken, darunter Pullover mit der Aufschrift \u00abLondon London\u00bb oder \u00abFantastic\u00bb. Aus ihrem Hosenbund ragten lange Dolche und ihre F\u00fcsse steckten in Stiefeln mit Camouflagemustern oder Schuhen, die einmal Turnschuhe gewesen waren. Ihre Fingern\u00e4gel waren so schwarz wie ihre Augen.<\/p>\n\n<p>Auf verschlungenen Wegen war zu ihnen gedrungen, dass in Mustang ein Mann weilte, der den Dalai Lama im Unterhemd gesehen hatte. Also musste er wichtig sein und Einfluss haben, also war er f\u00fcr sie, Buddhisten tibetischer Abstammung, zweifellos der Richtige, um ihre Verzweiflung darzulegen.<\/p>\n\n<p>Sie seien aus Sam Dzong, einem kleinen Dorf, abgelegener als alle anderen D\u00f6rfer Mustangs, sagten die M\u00e4nner. Noch nie sei das Ger\u00e4usch eines Motors in ihr Tal gedrungen. Die Kinder k\u00f6nnten weder schreiben noch lesen \u2013 weshalb auch? In Sam Dzong seien solche Kenntnisse nicht gefragt, ebenso wenig, wie man mit Geld umgehe: Es gebe nichts zu kaufen. Arm seien sie, erkl\u00e4ren die M\u00e4nner, aber trotzdem ohne Grund, zu klagen. Wenn da nicht dieses Klima w\u00e4re.<\/p>\n\n<p>Bauer erf\u00e4hrt, dass sie jeden Fr\u00fchling auss\u00e4en, und wenn das Getreide reif ist, fallen die gelben Halme unter dem Schwung ihrer Sicheln. Zu ihren Arbeiten singen sie, Tag f\u00fcr Tag erhalten die G\u00f6tter etwas Reis, damit alles so weitergeht. Nur der Schneeleopard st\u00f6rt manchmal den Frieden. Er schleicht in der Dunkelheit ins Dorf, springt von Hofmauer zu Hofmauer, bis er jene junge Ziege entdeckt, die er dann zu seiner Beute macht. Das Dorf, versteckt am Fuss brauner Felsen, sei ein kleines Universum f\u00fcr sich, sagen die M\u00e4nner, ein Leben in friedlicher Bescheidenheit. Jedenfalls sei das so gewesen \u2013 bis 1983.<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/7594b5e0-5e5f698e6057cd7fdafe26cb826f5e10.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Der harte Alltag im Himalaya zeichnet die Menschen. Im Tal von Sam Dzong hat das 21. Jahrhundert noch nicht begonnen, ja nicht einmal das 20. (\u00a9 Manuel Bauer)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/fad6a82e-9479873ca0ad8ad52d9dc6514947cb8e.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Ohne Wasser kein Leben: Der Klimawandel l\u00e4sst das Land vertrocknen \u2013 und raubt damit den Menschen in Mustang die Existenz. (\u00a9 Manuel Bauer)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">W\u00fctende Natur<\/h3>\n\n<p>Tashi Tsering, einer der \u00e4ltesten Einwohner Sam Dzongs, kann sich so genau an das Jahr erinnern, weil damals seine zweite Tochter geboren wurde. \u00abEnde Winter schmolz der Schnee fr\u00fcher als sonst, so fr\u00fch, dass die Felder noch nicht bereit waren.\u00bb Aber er schmolz auch schneller, weshalb der Fluss nicht wie \u00fcblich als schmales Band in seinem Bett m\u00e4andrierte, er wandelte sich zum reissenden Strom und schwemmte die fruchtbare Erde fort. Auch im Sommer war das Wetter anders, in diesem wie auch im n\u00e4chsten und \u00fcbern\u00e4chsten, pl\u00f6tzlich schien das die neue Regel zu sein. Hier, im Regenschatten des Himalaya, gingen pl\u00f6tzlich w\u00fctende Gewitter nieder. Hagel zerschlug die \u00c4hren. Von den Felsen \u00fcber dem Dorf schossen Sturzb\u00e4che in die Tiefe. Wenn die Menschen hinausrannten, um das wilde Wasser in Gr\u00e4ben zu leiten, wurden sie von Steinen getroffen. Sie f\u00fcrchteten um ihr Leben, weshalb der Dorfvorsteher jeweils einen Tanz begann, um die G\u00f6tter zu beschwichtigen. Umgeben von Weihrauchwolken stellte er sich in die prasselnde N\u00e4sse, betete und sang. Das half, aber nicht immer.<\/p>\n\n<p>Und wenn es nicht regnete, dann schien \u00fcber Sam Dzong die Sonne so lang und so heiss wie noch nie. \u00dcber Wochen, gnadenlos ausdauernd, bis der Fluss kein Wasser mehr f\u00fchrte und sich ein Netz h\u00e4sslicher Risse \u00fcber die Erde legte. Jedes Jahr verloren sie weitere Felder, weil sie den Boden nicht mehr gen\u00fcgend bew\u00e4ssern konnten und weil dort, wo bis anhin fruchtbare Erde gelegen hatte, nun Steine und nackter Fels gl\u00e4nzten. Im Herbst mussten die Menschen in Sam Dzong jeweils feststellen, dass der Ertrag der Felder wieder nicht reichen w\u00fcrde. So etwas hatten sie noch nie erlebt. Nachdem sie die Ver\u00e4nderungen dreissig Jahre beobachtet hatten, erkannten sie, was unweigerlich auf sie zukam: das Ende ihrer Zeit in Sam Dzong. Sie brauchten ein neues Zuhause, in einem anderen Tal mit einer sichereren Wasserversorgung. Aber sie verstanden den Grund nicht, der sie dazu zwang. Das Wort \u00abKlimawandel\u00bb fehlt in ihrem Wortschatz.<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/9439688e-e800a5280b1405c4949de0b95268fff6.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Bereits vor 3000 Jahren war das Tal in dem Sam Dzong liegt bewohnt. Doch nun ist Schluss. Den Bauern fehlt das Wasser f\u00fcr die Felder. (\u00a9 Manuel Bauer)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Neue Kochherde f\u00fcr alle<\/h3>\n\n<p>17. Mai. Noch zwei Tage bis zur Einweihung. Ein Traktor hat in einer tagelangen Reise die Kochherde f\u00fcr die neuen H\u00e4user gebracht: die Herzen der H\u00e4user. Im feuchtheissen Tiefland Nepals wurden sie aufgeladen, dann fuhr der Trekker entlang des Flussbetts des Kali Gandaki, wo Versteinerungen die Vergangenheit des Tals als Meeresboden zeigen, heute liegt der Fluss 3000 Meter h\u00f6her. Dann schraubte sich der Traktor auf einer Staubpiste entlang klaffender Abgr\u00fcnde in die H\u00f6he, um schliesslich Namashung zu erreichen.<\/p>\n\n<p>Die M\u00e4nner tragen die Herde in die K\u00fcchen, die Frauen folgen mit den Ofenrohren, und so bewegt sich eine Prozession von Herden und wippenden Rauchf\u00e4ngen die H\u00e4userfront entlang. Mit ein paar Steinen unterlegen die M\u00e4nner die F\u00fcsse der wackelnden Herde, dann stossen sie die Rohre durch die vorbereiteten Dachluken. Zack zack, fertig ist die Grundausstattung der K\u00fcche. Dolkar Thinley, das Gesicht zerfurcht, aber so strahlend wie eine gerade erbl\u00fchte Blume, steht vor jenem Haus, das w\u00e4hrend der Bauzeit als Kantine genutzt wird. Sie ist in Sam Dzong geboren und dort aufgewachsen. Schmerzt es sie, dass sie ihr Tal verlassen musste? \u00abEtwas\u00bb, sagt sie. Der Umzug habe aber auch seine Vorteile. Welche denn? Dolkar \u00fcberh\u00f6rt die Frage, ab sofort hat sie keine Zeit mehr, denn eben kommen die M\u00e4nner mit ihrem Herd um die Ecke, sich gegen die Windb\u00f6en stemmend. Welches Gl\u00fcck! Noch nie konnte sie auf einem so sch\u00f6nen Herd kochen.<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/f49a3c10-f5e44c359a6c06db1cee1f562a2397a6.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Zwei Tage vor der Einweihung Namashungs k\u00f6nnen die Frauen zum ersten Mal die neuen Kochherde einfeuern. Es ist, als w\u00fcrden die Herzen der H\u00e4user zu schlagen beginnen. (\u00a9 Manuel Bauer)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<p>Sobald das Ofenrohr aufgesetzt ist, zerhackt sie vom ewigen Sturm bizarr verdrehte Astst\u00fccke, schiebt zus\u00e4tzlich etwas Weihrauch und Wacholder in das Feuerloch und z\u00fcndet an. Ein heiliger Moment. Als w\u00fcrde das Herz des Hauses zu schlagen beginnen. Beissender Rauch steigt auf, reinigend und die G\u00f6tter gn\u00e4dig stimmend. Um mehr Hitze zu erzeugen, schiebt Dolkar eine Handvoll Ziegendung nach. Sie geht sparsam damit um, denn die kleinen Kotkugeln sind wertvoll. Wenn die Temperaturen im Winter so tief sinken, dass die Menschen sich \u00e4ngstigen, ist Ziegendung die einzige Versicherung gegen die K\u00e4lte. Und im Sommer d\u00fcngen die K\u00fcgelchen aufgrund ihres Gehalts an Mineralien besser als jeder andere tierische Kot.<\/p>\n\n<p>Aber wie ist der Mist nach Namashung gekommen? Noch ist das Dorf eine Baustelle, noch weiden die Ziegen in Sam Dzong. Dolkar versteht die Frage nicht, besser gesagt, sie versteht nicht, weshalb sie das erkl\u00e4ren muss. Ist doch klar: Jeden Morgen, wenn die Hirten in Sam Dzong mit den Tieren Richtung Weiden aufbrechen, wischen sie und die anderen Frauen die K\u00fcgelchen zusammen, lassen sie von der Sonne trocknen und legen sie als Vorrat zur Seite. Aus diesem Vorrat hat sich Dolkar bedient. Sie f\u00fcllte den Kot in einen grossen Korb und diesen Korb trug sie \u00fcber einen 4200 Meter hohen Pass nach Namashung. Auf ihrem R\u00fccken. Wie lange das dauert? \u00abDrei Stunden ein Weg, hin und zur\u00fcck also sechs Stunden.\u00bb Sie sagt das ohne Regung, ohne sich zu br\u00fcsten, ohne die Anstrengung zu betonen. Weshalb auch, wenn das Leben keine andere Wahl l\u00e4sst.<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/7d7c64b5-2cde2527f7c304e28436a9f7c340dad5.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Ein steiler Pass trennt Sam Dzong vom Rest der Welt. Noch nie ist das Gera\u00cc\u0088usch eines Motors bis hierher gedrungen. (\u00a9 Manuel Bauer)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Handwerker aus dem Tiefland<\/h3>\n\n<p>Von draussen ist das H\u00e4mmern der Steinmetze zu h\u00f6ren, hell und scharf, gleichzeitig das Raspeln der Hobel, wenn die Schreiner das Holz f\u00fcr die Fensterrahmen bearbeiten, und irgendwo noch das Knirschen von Schaufeln, die in einen Kieshaufen gestossen werden. Es sind die einzigen Ger\u00e4usche auf der Baustelle. Kein Grollen von Betonmischern, keine Presslufth\u00e4mmer, nicht einmal das Sirren eines Bohrers \u2013 es gibt keine einzige Maschine.<\/p>\n\n<p>Als im Sommer 2014 die Bauarbeiten begannen, erkannten Lama Ngawang und Manuel Bauer schnell, dass die Sam Dzong Ngas Unterst\u00fctzung brauchten. Zwar waren sie gewiefte Handwerker und f\u00e4hig, die neuen H\u00e4user allein zu bauen, doch konnten sie jeweils nur ein Mitglied pro Familie nach Namashung schicken, galt es doch gleichzeitig das Land in Sam Dzong zu bewirtschaften. Deshalb engagierten Lama Ngawang und Manuel Bauer zus\u00e4tzliche Handwerker aus dem Tiefland.<\/p>\n\n<p>Zusammen mit den k\u00fcnftigen Bewohnern begannen sie in der Folge die Steine f\u00fcr die Mauern aus dem nahen Flussbett zu holen. Sie trugen sie auf dem R\u00fccken zur Baustelle und schlugen sie in die richtige Form, von Hand, jeden einzeln. Um die Steine zu Mauern zu verbinden, suchten sie lehmige Erde und mischten sie mit Flusssand und Wasser zu M\u00f6rtel. Alles Baumaterial stammt aus der Natur. Dass die Mauern manchmal nicht ganz gerade sind und wie kleine Wellen schwingen, st\u00f6rt niemanden. Als die Rohbauten standen, verputzten sie die W\u00e4nde von Hand, sodass die Spuren ihrer Finger f\u00fcr immer zu sehen sein werden. Danach weisselten sie die W\u00e4nde mit Pigment, das sie aus einer Felswand gekratzt hatten, und als sie damit fertig waren, waren nicht nur die W\u00e4nde weiss, sondern auch die Menschen, von Kopf bis Fuss. Ihre Haut war weisser als die der Weissen, was sie belustigte.<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/412e45e3-4a58f571df4eaf4edb7514d959232380.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Wie alle Materialien zum Bau des neuen Dorfes stammt auch die Farbe f\u00fcr die Hausw\u00e4nde aus der Natur. (\u00a9 Manuel Bauer)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<p>Seit den ersten Fr\u00fchlingstagen 2015 besch\u00fctzen sie eine grauschwarze Braunelle. Inmitten der Arbeiten hatte sich der kleine Vogel eine Mauerl\u00fccke zum Br\u00fcten ausgesucht. Eigentlich wollten sie das Loch schliessen, als das Haus fertig war. Aber der Vogel und seine Eier waren ihnen wichtiger. Sie gehen Tag f\u00fcr Tag zum Nest und schauen, wie es geht, nur leise sprechend, um nicht zu st\u00f6ren. Er h\u00e4tte Namashung gerne im Stil der anderen D\u00f6rfer hier oben gebaut, sagt Manuel Bauer: \u00abIneinander verschachtelte H\u00e4user, schmale Gassen, \u00fcber lange Jahre harmonisch gewachsen.\u00bb Wie eine Herde Yaks in einem Wintersturm sollte das Dorf aussehen, wenn sich die Tiere m\u00f6glichst nahe aneinander dr\u00e4ngen. \u00abAber leider erinnert Namashung eher an ein Motel in den USA.\u00bb Das mache ihn nicht besonders gl\u00fccklich.<\/p>\n\n<p>Tats\u00e4chlich erinnern die H\u00e4user an eine Billigschlafst\u00e4tte am Rand eines Highways, gebaut in einer langen Reihe, 18 identische W\u00fcrfel. \u00abEs fehlen nur die Parkpl\u00e4tze.\u00bb Er habe in der Schweiz sogar einen Architekturwettbewerb ausschreiben wollen: \u00abIch wollte ein Dorf, das gef\u00e4llt. Doch es gab zwingende Gr\u00fcnde, Namashung genau so zu bauen.\u00bb Um die H\u00e4user vor \u00dcberschwemmungen zu sch\u00fctzen, planten Manuel Bauer und Lama Ngawang sie in maximaler Distanz zum Flussufer, an eine H\u00fcgelflanke gedr\u00fcckt, ganz am entfernten Ende des Plateaus. F\u00fcr den Bau in einer langen Reihe sprach auch, dass so m\u00f6glichst wenig wertvolle Ackerfl\u00e4che verlorengeht. \u00abUnd\u00bb, kann sich der Fotograf rechtfertigen, \u00abden Sam Dzong Ngas gef\u00e4llt die Architektur.\u00bb In ihren Augen ist die Motelanordnung modern, und was modern ist, ist gut.<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/1c84d137-05407d4b3c9704b6347ee0631b6b3eca.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Die 18 identische H\u00e4user werden mit Mineralfarben bemalt. Zum Schutz vor D\u00e4monen: Gelb = Manjushri. Weiss = Avalokitesvara. Schwarz = Vajrapani. (\u00a9 Manuel Bauer)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Umzug als einzige L\u00f6sung<\/h3>\n\n<p>Nachdem Manuel Bauer 2008 erstmals von den Problemen der Sam Dzong Ngas geh\u00f6rt hat, bleibt er schlaflos in seiner Herberge liegen. Zu sehr w\u00fchlt ihn ihre Not auf. Am n\u00e4chsten Morgen entscheidet er sich, mehr in Erfahrung zu bringen, und trifft schon bald jenen Mann, ohne den hier oben die Welt stillstehen w\u00fcrde, ohne den es im Hauptort Mustangs kein kleines Wasserkraftwerk geben w\u00fcrde, ebenso wenig eine Schule, in der auch M\u00e4dchen zugelassen sind: Lama Ngawang. Die beiden verstehen sich und bald sind sie sich einig, dass sie den Sam Dzong Ngas beistehen wollen.<\/p>\n\n<p>Zur\u00fcck in der Schweiz ber\u00e4t sich Manuel Bauer mit einer kleinen Gruppe engagierter Geologen und Klimaexperten. Schliesslich reist er mit ihnen ein weiteres Mal nach Mustang. Gemeinsam analysieren sie die Lage, sie reiten zu den Quellen \u00fcber Sam Dzong, pr\u00fcfen ihre Ergiebigkeit und ob sie sich besser fassen lassen. Sie diskutieren, ob sich die Wassernot des Dorfes mit einem Reservoir beheben liesse: Eine 15 Kilometer lange Pipeline k\u00f6nnte die Quelle des Flusses mit den Feldern in Sam Dzong verbinden. Auch der Einsatz einer Grundwasserpumpe wird gepr\u00fcft. Doch schliesslich zeigt sich, dass gegen den Klimawandel kein Kraut gewachsen ist. Die Pipeline k\u00f6nnte der Wucht der Unwetter nicht standhalten. Eine Probebohrung in die Tiefe bleibt ohne Erfolg.<\/p>\n\n<p>Die Menschen in Sam Dzong m\u00fcssen erkennen, dass sie in ihrem Dorf nicht l\u00e4nger bleiben k\u00f6nnen, wissen aber keinen Ausweg. In ihrer Not schicken sie eine Delegation zu <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jigme_Palbar_Bista\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">K\u00f6nig Jigme Palbar Bista<\/a>. Obwohl von der Regierung Nepals entmachtet, ist der Monarch immer noch Grossgrundbesitzer und eine der wichtigsten Personen im R\u00fccken des Himalayas. Sie wollen ihn um Hilfe bitten; vielleicht verf\u00fcgt er \u00fcber Land in einem anderen Tal, dessen Fluss nicht wie in Sam Dzong nur von Niederschl\u00e4gen, sondern auch von Gletscherwasser gen\u00e4hrt wird.<\/p>\n\n<p>Also machen sich die Abgesandten auf, reiten \u00fcber den 4200 Meter hohen Pass nach Lo Manthang und gehen durch das Stadttor, unver\u00e4ndert seit dem 15. Jahrhundert, begehren Einlass am Palast mit seinem uneinnehmbar scheinenden Holztor, dr\u00fccken sich vorbei an z\u00e4hnefletschenden Hunden und stehen schliesslich im Empfangsraum. So etwas Sch\u00f6nes haben sie noch nie gesehen: Reich verzierte M\u00f6bel stehen auf kunstvoll gekn\u00fcpften Teppichen, darunter edles Parkett. Als der Regent hereinkommt, ein alter Mann mit Wollm\u00fctze anstelle der Krone, legen sie ihre Handfl\u00e4chen zusammen und tragen ihr Anliegen vor: Sie m\u00fcssten Sam Dzong verlassen, aus einem Grund, den sie nicht verst\u00fcnden, der ihnen aber das Wasser gestohlen habe. Sie brauchten eine neue Heimat und nur der K\u00f6nig in seiner G\u00fcte k\u00f6nne sie retten.<\/p>\n\n<p>Der K\u00f6nig weiss bereits um ihre Not. Lama Ngawang, aus der gleichen Familie wie er, hat ihn auf den Besuch vorbereitet. Und so hat er sich jene L\u00f6sung ausgedacht, die er ihnen nun darlegt: Namashung. Die Steinw\u00fcste. Seit dem Ausbruch eines Gletschersees im Jahre 1984 ist das Plateau Brachland. Die Wucht der Wasserwalze hatte damals Findlinge so gross wie Kleinwagen \u00fcber zwanzig Kilometer talabw\u00e4rts geschwemmt und die Felder unter einer dicken Schicht Sand begraben. Zehn Hektaren bl\u00fchende Natur erstickten. Eine andere M\u00f6glichkeit als dieses St\u00fcck W\u00fcste gebe es nicht, macht der K\u00f6nig klar. Alles Ackerland ist vergeben, keines der D\u00f6rfer ist bereit, es mit den Klimafl\u00fcchtlingen zu teilen. Fruchtbar ist Mustang nur, wo Wasser fliesst, wo sich die Felder als d\u00fcnner Saum an den Ufern der wenigen Fl\u00fcsse ansaugen. Als w\u00e4ren sie Parasiten.<\/p>\n\n<p>Als der K\u00f6nig seinen Vorschlag ausgef\u00fchrt hat, m\u00fcssen die Sam Dzong Ngas nicht \u00fcberlegen. Sie willigen sofort ein, dankbar f\u00fcr den Ausweg aus ihrer Not. Sie wissen zwar nicht, wie sie dieses Land wieder urbar machen sollen, sie wissen nicht, wie sie hier ein neues Dorf bauen und sich vor der n\u00e4chsten \u00dcberschwemmung sch\u00fctzen k\u00f6nnen, aber sie sind es gewohnt, auch f\u00fcr unm\u00f6gliche Probleme eine L\u00f6sung zu finden.<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/bede9664-cf696dd5084134378821658ec4be2216.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Obwohl 2008 entmachtet, ist der K\u00f6nig immer noch Grossgrundbesitzer. Anstelle einer Krone tr\u00e4gt er eine Wollm\u00fctze. Links: Lama Ngawang Kunga Bista. (\u00a9 Manuel Bauer)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Tr\u00e4nen am Rednerpult<\/h3>\n\n<p>Ihre L\u00f6sung heisst Manuel Bauer. Als klar wird, dass Sam Dzong keine Zukunft hat und ein neues Dorf an einem anderen Ort gebaut werden muss, \u00fcberlegt er nicht lange. Um f\u00fcr das Projekt Geld zu sammeln, publiziert er die Geschichte der Sam Dzong Ngas in Magazinen und verbindet sie mit Spendenaufrufen, er h\u00e4lt Vortr\u00e4ge und sch\u00e4mt sich nicht, am Rednerpult zu weinen aus Verzweiflung \u00fcber die Zerst\u00f6rung dieses Planeten. Gleichzeitig stellt er fest, dass es in seinem Leben ab sofort ein neues Problem gibt: Der Fotograf ist nun pl\u00f6tzlich Bauunternehmer \u2013 ein Gewerbe, von dem er keine Ahnung hat. Und seine Baustelle liegt erst noch 9620 Kilometer von seinem Wohnort entfernt. Anstatt zu fotografieren, besch\u00e4ftigt er sich nun mit Fragen zum Landrecht, er recherchiert \u00d6fen mit geringem Holzverbrauch und wenig CO<sub>2<\/sub>-Ausstoss und lernt, wie man Hunderte von Spenden administrativ verarbeitet \u2013 ein Job, der ihn Tag und Nacht besch\u00e4ftigt.<\/p>\n\n<p>Anfang 2014 ist es so weit: Der Kontostand ist hoch genug. L\u00e4ngst sind die H\u00e4user auf dem Papier entworfen. Jedes wird vier Zimmer haben: Altarraum, Vorratsraum, Sommer- und Winterk\u00fcche. Schlafen werden die Menschen dort, wo gerade Platz ist. Tibetische Teppiche gen\u00fcgen ihnen als Unterlage, dar\u00fcber einige Decken; am Morgen rollen sie alles zusammen. Die H\u00e4user werden gr\u00f6sser sein als in Sam Dzong, aber weiterhin ohne Strom, ohne Wasser, ohne Bad \u2013 genau so, wie die Menschen sich zu leben gewohnt sind. Als Manuel Bauer mit Lama Ngawang diskutiert, weshalb nicht wenigstens Toiletten eingeplant werden, antwortet der M\u00f6nch: \u00abWeil die Sam Dzong Ngas die gr\u00f6sste Toilette der Welt vor der Nase haben \u2013 die Natur.\u00bb<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der Deal mit den Nachbarn<\/h3>\n\n<p>18. Mai. Noch ein Tag bis zur Einweihung. Die Spannung steigt, vor allem weil die Arbeiten an den H\u00e4usern stocken. Um ihren Familien beizustehen, sind die nepalesischen Bauarbeiter nach den Erdbeben in ihre D\u00f6rfer auf der anderen Seite des Himalaya gereist. Nun fehlen sie. Am meisten \u00e4rgern die Verz\u00f6gerungen Lama Ngawangs Assistenten Tsewang Gurung, einen jungen Mann aus dem unteren Teil Mustangs mit indischer Top-Ausbildung. Stets ist er in Eile und findet nicht einmal Zeit, seine Brille von der dicken Staubschicht zu befreien. Als der M\u00f6nch am fr\u00fchen Morgen in Namashung eintrifft, empf\u00e4ngt ihn der Assistent schlecht gelaunt. Die Sam Dzong Ngas sollten bereits an der Arbeit sein, sind es aber nicht. \u00abSie sind so unp\u00fcnktlich\u00bb, schimpft er. Manchmal kehren sie ohne Ank\u00fcndigung in ihr altes Dorf zur\u00fcck, doch dabei geht jeweils ein ganzer Arbeitstag verloren. \u00abNie sind sie dort, wo sie sein sollten.\u00bb Bei einem der H\u00e4user fehlt immer noch das Dach, bei anderen sind die Umgebungsmauern nicht fertig, also bitte. \u00abBis heute Abend ist das alles weg hier!\u00bb, herrscht er einige M\u00e4nner an, die zwar bereits Schaufeln in den H\u00e4nden halten, aber unt\u00e4tig plaudern. Er zeigt mit ausgestrecktem Finger auf einen Erdhaufen. Dann klopft ihm Lama Ngawang auf die Schulter und beruhigt ihn. Er hat eine gute Nachricht.<\/p>\n\n<p><span class=\"pull-right\">Nyima, 18, ist froh, dass die Zeit in Sam Dzong vorbei ist. Zu abgelegen, zu einsam.<\/span>Seit gestern Abend ist klar, wie die Felder in Namashung bew\u00e4ssert werden k\u00f6nnen. \u00abEin Wunder ist passiert!\u00bb Streitigkeiten mit dem Nachbardorf hatten bislang eine L\u00f6sung verhindert. Lama Ngawangs Bruder, Besitzer des einzigen Bulldozers hier oben, hatte im vergangenen Jahr etwas vorschnell einen Wasserkanal ausgehoben, mitten durch das Land der Nachbargemeinde. Das gab b\u00f6ses Blut. Doch Lama Ngawang wartete geduldig, bis sich der gr\u00f6bste \u00c4rger gelegt hatte, und er wartete noch geduldiger auf eine Gelegenheit, um das urspr\u00fcngliche Ziel trotzdem zu erreichen.<\/p>\n\n<p>Mit den Erdbeben kam die L\u00f6sung. Die St\u00f6sse hatten im Nachbardorf zwar nur zu einigen Mauerrissen und angeknacksten Balken gef\u00fchrt, aber dennoch trauten sich die Menschen nicht mehr in ihre H\u00e4user. F\u00fcr Reparaturen fehlten die Mittel. Das brachte Lama Ngawang und Manuel Bauer auf die Idee, in der Schweiz zus\u00e4tzliches Geld zu sammeln. Damit k\u00f6nnten die Erdbeben- und andere Sch\u00e4den repariert werden. Diese Idee schlug der M\u00f6nch dem Vorsteher des Nachbardorfs vor; als Gegenleistung w\u00fcrden die Sam Dzong Ngas die Erlaubnis erhalten, den begonnenen Wasserkanal fertigzustellen. \u00abDas hat funktioniert.\u00bb Lama Ngawang schmunzelt.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">N\u00e4her bei den Boys<\/h3>\n\n<p>In einem der H\u00e4user ist eine Gruppe von Frauen inzwischen daran, den Boden f\u00fcr den Einzug vorzubereiten. Zu ihnen geh\u00f6rt Nyima Thinley. Sie ist 18, tr\u00e4gt Jeans mit den Initialen CK in glitzerndem Strass, in ihrer Hosentasche steckt ein Skyphone mit so abgewetzten Tasten, dass die Nummern kaum noch lesbar sind. Nyima ist froh, dass die Zeit in Sam Dzong vorbei ist. Zu abgelegen, zu einsam. Von Namashung aus ist der Hauptort Mustangs viel schneller zu erreichen, in einer guten Stunde Fussmarsch. Die N\u00e4he zur lokalen Metropole \u2013 immerhin 569 Einwohner und ein Lokal mit Coca-Cola und Illy-Kaffee \u2013 ist ein grosser Vorteil. Hier kann sie andere Teenager treffen, auch Boys\u2009\u2026<\/p>\n\n<p>Nyima lacht und macht sich an die Arbeit. Um den Lehmboden erst einmal grob auszuebnen, greift sie sich einen Pickel und rammt ihn so heftig in den Boden, als wolle sie den Planeten spalten. Derweil beginnen die anderen Frauen den Boden zu w\u00e4ssern, legen leere Reiss\u00e4cke unter die F\u00fcsse und stampfen anschliessend den Untergrund mit schnellen Schritten im Takt: ein Stepptanz am Ende der Welt. Dazu singen sie: \u00abAuf dem Pass aus Gold und Kupfer\u2009\/\u2009weht eine goldene Fahne\u2009\/\u2009Ihr Leuchten ist von weiter Ferne zu sehen\u2009\/\u2009Das macht die Menschen sehr gl\u00fccklich.\u00bb Sie singen mit Inbrunst und Hingabe, was Nyima aber nicht daran hindert, gleichzeitig Kaugummiblasen knallen zu lassen. Grosse Blasen, die sich \u00fcber ihre Nase legen. Als die pinkfarbene Masse beim Singen dann doch zu fest st\u00f6rt, klebt sie sie zur Zwischenlagerung an ihren Ohrschmuck.<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/cb3c9e46-ded81032c64c0201fd837dddc65ebb40.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>\u00dcber Nacht sind die Sam Dzong Ngas in ihr altes Dorf zur\u00fcckgekehrt, um ihre sch\u00f6nsten Kleider zu holen. Jetzt bereiten sie sich f\u00fcr die Einweihung vor. (\u00a9 Manuel Bauer)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die&nbsp;neuen H\u00e4user werden verlost<\/h3>\n\n<p>19. Mai. Die Einweihung. Der Wind hat bereits zu seinem Spektakel angesetzt, wie jeden Tag gegen elf Uhr, als die Karawane vor der langen H\u00e4userreihe h\u00e4lt, die festlich gekleideten Menschen von ihren Pferden steigen und sich vor dem ersten Geb\u00e4ude versammeln, im Halbkreis, ehrf\u00fcrchtig wie in der Kirche, in den H\u00e4nden Gl\u00fccksschleifen. Niemand beschwert sich wegen der zwei Stunden Versp\u00e4tung. Um acht Uhr waren sie erwartet worden, so hatte es Lama Ngawangs Assistent mit ihnen abgesprochen, aber wahrscheinlich hatten sie sich unterwegs zu lange am Sitz der Dorfgottheit Phoyawha aufgehalten; sie gilt als leicht reizbar und Lama Ngawang hatte den Sam Dzong Ngas geraten, zur Beruhigung der G\u00f6ttin einige zus\u00e4tzliche Gebetsfahnen aufzuh\u00e4ngen.<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/1f0c1173-159ffb8f17e937bcca47728652670447.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Zur Einweihung geh\u00f6rt auch ein Pferderennen. Wie lange die Menschen hier bleiben k\u00f6nnen, ist ungewiss: Der Klimawandel l\u00e4sst auch die Gletscher \u00fcber Namashung schmelzen. (\u00a9 Manuel Bauer)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<p>Nun kann die Zeremonie beginnen. Das heisst: Lama Ngawang \u00fcbergibt die H\u00e4user den einzelnen Familien. Dass die Zuteilung erst jetzt erfolgt, und zwar per Los-Entscheid, haben die Sam Dzong Ngas selbst so gew\u00fcnscht. Sie wollten warten, bis alle H\u00e4user fertig gebaut sind. So liess sich verhindern, dass jemand nur am eigenen Haus baut. Und mit dem Ziehen von Losen k\u00f6nnen sie sicherstellen, dass sich keine der 18 Familien \u00fcbervorteilt f\u00fchlt, denn nicht alle 18 H\u00e4user sind genau gleich gross. Es seien nur ein paar Zentimeter Unterschied, weiss Assistent Tsewang, er hat sie gemessen. Aber ihr von den t\u00e4glichen N\u00f6ten auf 3800 Metern gut entwickelter Gerechtigkeitssinn bewog die Sam Dzong Ngas, jeglichen Anlass f\u00fcr Neid auszumerzen.<\/p>\n\n<p>Assistent Tsewang Gurung hat die Besitzurkunden vorbereitet, in einer Nachtschicht. Er hat aus einem 700 Jahre alten Buch 18 Gedichte ausgew\u00e4hlt, sie zur Feier des heutigen Tages etwas umgeschrieben und unter jedes Gedicht den Namen einer Familie gesetzt. Dann hat er die Urkunden zusammengebunden, mit B\u00e4ndern, deren Farben den f\u00fcnf Elementen der tibetischen Lehre entsprechen. Nun tr\u00e4gt er die Rollen vor sich auf einem silbernen Tablett, alle Sam Dzong Ngas starren darauf: Hier liegt ihre Zukunft. Jetzt wird sich kl\u00e4ren, wer wen als Nachbarn erh\u00e4lt, wer eher in der Mitte oder an einem der Enden der langen H\u00e4userreihe wohnen wird. Ein Moment, der auf die kommenden Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte ausstrahlen wird.<\/p>\n\n<p>Vor der Verteilung will Lama Ngawang aber noch die G\u00f6tter gn\u00e4dig stimmen, weshalb er die Rollen segnet und Reisk\u00f6rner dar\u00fcber streut, als Symbol f\u00fcr Fruchtbarkeit und Gelingen. Weihrauch steigt in den Himmel, dann Stille. Kein einziges Ger\u00e4usch, nichts. Lama Ngawang bestimmt zwei Kinder als Gl\u00fccksfeen; sie ziehen das erste Los aus dem Stapel. Der M\u00f6nch entrollt die Urkunde und liest das Gedicht: \u00abBlitze erhellen die Wolken am Himmel\u2009\/\u2009auf der Erde tanzen freudig Pfauen\u2009\/M\u00f6ge nun sanfter Regen fallen\u2009\/\u2009und alle lebenden Wesen erfreuen.\u00bb Dann der entscheidende Moment: Welcher Name steht darunter?<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/c88ff5d0-b1f947dc1e2fe2e664b65e0ac4658690.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Ein Moment voller Spannung: Die Verlosung der neuen H\u00e4user. (\u00a9 Manuel Bauer)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<p>\u00abTsewang und Dolkar Rigzin!\u00bb Wie ein Herold im Mittelalter ruft Lama Ngawang die neuen Besitzer aus. Tsewang Rigzin zuckt unter seinem m\u00e4chtigen Fellhut zusammen, dann tritt er gesenkten Hauptes vor und nimmt die Urkunde entgegen. Er z\u00f6gert, wie soll er sich nun verhalten, feierlich oder erfreut? Er entscheidet sich zu lachen. Und ruft: \u00abLha gyal lo!\u00bb \u2013 \u00abSieg den G\u00f6ttern!\u00bb Dann betritt er, was ab sofort sein Haus ist, Dolkar folgt in geb\u00fchrendem Abstand. Tsewang bindet eine Gl\u00fccksschleife um den St\u00fctzbalken in der K\u00fcche, h\u00e4lt einen Moment inne und faltet die H\u00e4nde, seine Frau tut es ihm gleich. Jetzt lacht er erneut.<\/p>\n\n<p>Nach zwei Stunden sind alle H\u00e4user verteilt. Aus 18 gesichtslosen W\u00fcrfeln ist das Zuhause von 18 Familien geworden, die neue Heimat der Sam Dzong Ngas. Namashung ist Realit\u00e4t \u2013 ein grosser Moment. Alles ist gut gegangen. Ausser dass zwei der frisch erkorenen Hausbesitzer beim ersten Gang \u00fcber die eigene Schwelle stolperten. Doch niemand erkennt darin ein schlechtes Omen. Das ist erstaunlich, denn hier oben, wo sich die vielen D\u00e4monen stets mit den guten Wesen in den Haaren liegen, gilt es auf solche Zeichen zu achten. Die Strauchelnden ernteten einzig Gel\u00e4chter \u2013 und lachten mit.<\/p>\n\n<p>Als alles vorbei ist, tritt Dolkar Thinley vor und geht zu Manuel Bauer, beobachtet von allen. Sie ber\u00fchrt mit ihrer Stirn seine Stirn, faltet ihre H\u00e4nde und beginnt zu weinen, laut und heftig. Und als sie nicht aufh\u00f6rt, setzen auch andere in das Lamento ein, es ist ein grosses Schniefen und Schn\u00e4uzen unter einem tiefblauen Himmel, der ihnen zum Feind geworden war, ohne dass sie es verstehen, ohne dass sie daf\u00fcr verantwortlich sind.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Das&nbsp;Werk ist vollbracht<\/h3>\n\n<p>Am Tag nach der Einweihung gehen die Arbeiten weiter. Nichts hat sich ver\u00e4ndert und doch ist alles anders: Die Sam Dzong Ngas sind nun Namashung Ngas. An einen verbliebenen Findling gelehnt, schauen Lama Ngawang und Manuel Bauer auf die H\u00e4userreihe. Beide sind entspannt; das Werk ist vollbracht. Sie besprechen, was noch zu tun ist, es ist einiges, doch endlich sind die Pendenzen \u00fcberschaubar. Dringend sind die Brunnen, drei sind geplant. Sie fehlen nicht nur als Wasserquellen, sondern auch als Treffpunkte, denn wie \u00fcberall in Mustang spielt sich hier das Leben ab. Im ersten Morgenlicht kommen die Menschen, um Wasser zu holen und Z\u00e4hne zu putzen. Hier waschen sie Kleider und Geschirr, hier erz\u00e4hlen sie sich das Neuste. Und ja, ganz wichtig: die Gebetsfahnen. In zwei Tagen bereits sollen die Masten stehen, zehn Meter hoch. Lama Ngawang hat es angek\u00fcndigt. Von ihren Spitzen aus werden die Namashung Ngas Leinen mit Tausenden von F\u00e4hnchen spannen, in den Farben der Elemente. Lungta, das Windpferd, wird ihre Botschaften in den Himmel tragen. Was fehlt noch? \u00abMehr B\u00e4ume\u00bb, schl\u00e4gt Manuel Bauer vor. Bereits sind 150 Pappeln gesetzt, in einer langen Reihe entlang der H\u00e4user. Sollen sie noch mehr pflanzen? \u00abJa, viele, aber erst sp\u00e4ter.\u00bb<\/p>\n\n<p>Dann drehen sich der M\u00f6nch und der Fotograf um und schauen hinaus auf das Plateau, wo der Boden bald einmal gepfl\u00fcgt werden soll, zuerst mit dem Traktor, weil sich weiterhin gr\u00f6ssere Steine im Untergrund verstecken, dann mit den Ochsen, wie schon immer. Die Frauen werden weiteren Ziegenmist nach Namashung tragen und als D\u00fcnger ausbringen und im Fr\u00fchjahr 2016 soll zum ersten Mal anges\u00e4t werden.<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/3c92887e-bf63c3a95b7923c970e9568da51b71e8.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>150 B\u00e4ume werden gepflanzt. Sp\u00e4ter werden es noch viel mehr. (\u00a9 Manuel Bauer)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Noch fehlt der Schutzdamm<\/h3>\n\n<p>Bis die Felder tragen, wird Namashung auch vor m\u00f6glichen weiteren \u00dcberschwemmungen gesch\u00fctzt sein. Manuel Bauer hat einen Schweizer Ingenieur mit dieser Aufgabe betraut. Der Experte f\u00fcr Flussverbauungen hat die Situation an Ort und Stelle analysiert, gerechnet und plant nun einen \u00fcber hundert Meter langen Damm, so massiv und sicher, dass er auch einer Jahrhundertflut standzuhalten vermag.<\/p>\n\n<p>Es ist viel Aufwand, der Hochwasserschutz ist teuer und wird das Budget so belasten, dass Manuel Bauer noch mehr Geld sammeln muss. Dass unklar ist, wie lange die Namashung Ngas am neuen Ort \u00fcberhaupt bleiben k\u00f6nnen, muss er hinnehmen. Denn auch dieses Tal wird eines Tages zu wenig Wasser haben \u2013 sofern die Menschen im Tiefland nicht bald verstehen, welche Folgen der Klimawandel hat. Die Gletscher im Kranz der Sechstausender werden schwinden wie alle anderen und ihr Eis wird irgendwann ganz geschmolzen sein im Verlauf der n\u00e4chsten f\u00fcnfzig, hundert oder noch mehr Jahre, niemand weiss das so genau. Dann wird nicht nur Namashung unbewohnbar sein, sondern ganz Mustang: Alle D\u00f6rfer in dieser Ein\u00f6de werden kein Wasser mehr haben. Es wird kein Leben mehr m\u00f6glich sein im R\u00fccken des Himalaya, dreitausend Jahre nach der ersten Besiedelung, wie Sch\u00e4delfunde belegen.<\/p>\n\n<p>Doch so weit denken, auch sie sind entspannt. Die Frauen machen sich \u00fcber einen Karton Fruchts\u00e4fte her \u2013 ein Luxus aus der Metropole Lo Manthang, auch wenn das Verfallsdatum ein halbes Jahr zur\u00fcckliegt. Nyima sitzt allein mit dem Skyphone auf der Treppe ihres Hauses und starrt es an; soeben ist ihr der Kredit ausgegangen. Die M\u00e4nner lehnen an einer Hausmauer und trinken selbstgebrautes Bier, aufbewahrt in alterstr\u00fcben Colaflaschen. Wie ging f\u00fcr sie die Verlosung aus? H\u00e4tten sie sich ein anderes Haus gew\u00fcnscht? \u00abNein.\u00bb \u2013 \u00abGenau dieses.\u00bb \u2013 \u00abIch habe den Wunschnachbarn.\u00bb Sind sie zufrieden? \u00abJa.\u00bb \u2014 \u00abSehr.\u00bb Wieder einmal haben die G\u00f6tter alles richtig entschieden.<\/p>\n\n<p>Ein Adler zieht derweil seine Kreise am Himmel.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/b764115d-4b50d8950c4f9784af5568498d1dd974.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>An diesem einen Tag arbeiten die Namashung Ngas etwas weniger gesch\u00e4ftig als sonst. (\u00a9 Manuel Bauer)<\/figcaption><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den n\u00e4chsten Monaten schalten wir in loser Folge die Lieblingsartikel unserer Redaktions-mitglieder\u00a0nochmals auf.\u00a0Diese haben sie aus den meistgelesenen Online-Stories der letzten Jahre ausgesucht. 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