{"id":44400,"date":"2015-08-21T07:00:00","date_gmt":"2015-08-21T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=44400"},"modified":"2020-05-20T16:49:56","modified_gmt":"2020-05-20T14:49:56","slug":"umweltparteien-sollten-ihre-kernanliegen-wieder-aktiver-bewirtschaften","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/44400\/umweltparteien-sollten-ihre-kernanliegen-wieder-aktiver-bewirtschaften\/","title":{"rendered":"\u00abUmweltparteien sollten ihre Kernanliegen wieder aktiver bewirtschaften\u00bb"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>\u00abDas Interesse an der \u00d6kologie ist keine Altersfrage\u00bb, sagt der Politologe Simon Lanz. Statt auf scheinbar umweltbewusste Jungw\u00e4hler zu schielen, sei es wichtiger, die eigene Klientel gezielt f\u00fcr den Gang zur Urne zu mobilisieren. Weil derzeit eher b\u00fcrgerliche Themen die Gem\u00fcter bewegen, gelte es, Klimawandel und Atomausstieg wieder ins Gespr\u00e4ch zu bringen.<\/strong><\/p>\n\n<p><em>Greenpeace: Herr Lanz, Sie besch\u00e4ftigen sich beruflich mit politischen Prozessen. Wollen Sie mit Ihren Einsch\u00e4tzungen auch inhaltlich etwas bewegen?<\/em><\/p>\n\n<p>Lanz: Eine politische Agenda habe ich nicht. Aber es ist mir ein grosses Anliegen, dass die wissenschaftliche Forschung in die Praxis ausstrahlt. Deshalb habe ich schon als Student zusammen mit einer Kollegin einen Blog lanciert. Unser Ziel war, politische Ereignisse anhand von Erkenntnissen aus der Forschung zu verorten.<\/p>\n\n<p><em>\u00d6ffentlich wahrgenommen wurde vor allem, dass Sie und Ihre Kollegen im Nachgang zur Masseneinwanderungsinitiative gewisse Zahlen anzweifelten. Damals hiess es von offizieller Seite, bloss 17 Prozent der unter 30-J\u00e4hrigen h\u00e4tten an der Abstimmung teilgenommen. Warum stellten Sie das in Frage?<\/em><\/p>\n\n<p>Ich arbeite in Genf und bin deshalb mit den Eigenheiten des Kantons vertraut. Genf ist punkto Abstimmungen ein Unikum, weil die politische Partizipation nach sozio-demografischen Indikatoren ausgewiesen wird. Deshalb war ersichtlich, dass in Genf \u00fcber 40 Prozent der Jungen an besagter Abstimmung teilgenommen hatten. Nach weiteren Abkl\u00e4rungen kamen wir zum Schluss, dass die Vox-Zahlen bei der Teilnahme der Jungen schweizweit zu tief lagen.<\/p>\n\n<p><em>Ganz so stimmfaul sind die Jungen also nicht. Aber eine durchschnittliche Wahlbeteiligung von 30 Prozent bei besagter Abstimmung ist immer noch&nbsp;bescheiden. Ist den Jungen die Politik zu&nbsp;kompliziert geworden?<\/em><\/p>\n\n<p>Eine solche Entwicklung l\u00e4sst sich kaumbelegen. Wie die Zeitreihen aus Genf zeigen, liegt die Differenz der Stimmbeteiligung der Jungen zum Durchschnitt seit Ende der Neunzigerjahre stabil bei minus 20 Prozent.<\/p>\n\n<p><em>Warum dieser Unterschied?<\/em><\/p>\n\n<p>In der Wissenschaft wird dies oft mit der Lebenszyklus-These erkl\u00e4rt. Sie besagt, dass das Interesse an politischen Themen mit der beruflichen, sozialen und famili\u00e4ren Integration steigt. Beispielsweise gehen Verheiratete deutlich h\u00e4ufiger w\u00e4hlen als Singles.<\/p>\n\n<p><em>Eine andere Erkl\u00e4rung f\u00fcr das Desinteresse k\u00f6nnte sein, dass den Jungen angesichts der vielen belanglosen Online-Votings in den&nbsp;<\/em><em>sozialen Medien die handfeste Teilnahme&nbsp;an politischen Entscheiden zu m\u00fchsam ist.<\/em><\/p>\n\n<p>Da bin ich gegenteiliger Meinung. Zentral f\u00fcr das politische Engagement ist das einschl\u00e4gige Wissen. Wer sich nicht kompetent f\u00fchlt, geht oft nicht an die Urne. Die sozialen Medien sind eine Chance, Wissen weiterzugeben und so die Bev\u00f6lkerung zu mobilisieren.<\/p>\n\n<p><em>Also braucht es keine speziellen Massnahmen, um Junge f\u00fcr Wahlen und Abstimmungen zu motivieren?<\/em><\/p>\n\n<p>Doch! Denn die Tatsache, dass Jugendliche weniger am politischen Geschehen teilnehmen als der Durchschnitt, ist unserer Demokratie abtr\u00e4glich. Ein wichtiger Hebel ist etwa die politische Bildung: W\u00e4re Politik in der Schule h\u00e4ufiger ein Thema, stiege das Wissen der Jugendlichen \u2014 und damit ihre Partizipation an der Urne.<\/p>\n\n<p><em>Seit einiger Zeit gibt es Instrumente, die mehr Objektivit\u00e4t in die pers\u00f6nliche Stimmabgabe bringen sollen. Helfen hier Tools wie Smartvote oder Ratings von NGOs weiter?<\/em><\/p>\n\n<p>Smartvote ist ein cleveres Instrument \u2014 man erlebt oft \u00dcberraschungen, wenn Kandidatinnen und Kandidaten angezeigt werden, die ganz \u00e4hnlich denken wie man selbst, auf die man aber nicht gekommen w\u00e4re. Auf Ratings von Verb\u00e4nden d\u00fcrften vor allem Menschen reagieren, die sich ohnehin stark mit der Politik besch\u00e4ftigen.<\/p>\n\n<p><em>W\u00e4hlen Junge anders als Alte?<\/em><\/p>\n\n<p>Die Unterschiede sind geringer als oft vermutet. Ein Beispiel: Bei den 18- bis 24-J\u00e4hrigen haben bei den Nationalratswahlen 2011 28 Prozent die SVP gew\u00e4hlt. Damit liegen die Jungen 2 Prozent \u00fcber dem Durchschnitt. Jung gleich progressiv, das gilt hier also mitnichten.<\/p>\n\n<p><em>Hat die Umwelt f\u00fcr die Jungen einen h\u00f6heren Stellenwert als f\u00fcr \u00c4ltere?<\/em><\/p>\n\n<p>Auch daf\u00fcr gibt es keine Indizien. 2011 war die Umwelt f\u00fcr 12 Prozent der W\u00e4hlenden das Topthema. Die bis 30-J\u00e4hrigen favorisierten es zu 15 Prozent, also nur geringf\u00fcgig st\u00e4rker als der Durchschnitt. Betrachtet man die Gesamtbev\u00f6lkerung, sind die Unterschiede sogar noch kleiner. Interessant ist, dass Umweltbewusste \u00fcberproportional oft an die Urne gehen.<\/p>\n\n<p><em>Gr\u00fcne und Gr\u00fcnliberale geraten politisch immer mehr ins Hintertreffen, gleichzeitig&nbsp;<\/em><em>legen Umweltorganisationen punkto&nbsp;<\/em><em>Spenden und Mitgliedern zu. Wie erkl\u00e4ren Sie sich diese Diskrepanz?<\/em><\/p>\n\n<p>\u00dcber den Aufschwung bei den Verb\u00e4nden weiss ich zu wenig Bescheid. Es stimmt aber, dass die Landung der Gr\u00fcnen in den kantonalen Wahlg\u00e4ngen in Basel-Landschaft, Luzern und Z\u00fcrich unsanft war. Die Krux ist, dass Fukushima vor vier Jahren f\u00fcr einen H\u00f6henflug der gr\u00fcnen Themen gesorgt hat und die schon damals drohenden Verluste der Gr\u00fcnen in ein Plus verkehrte. Heute sind Themen wie die Frankenaufwertung und die Fl\u00fcchtlingskrise in den K\u00f6pfen vieler Menschen pr\u00e4senter als die \u00d6kologie.<\/p>\n\n<p><em>Also m\u00fcssten gr\u00fcne Parteien vermehrt auch aktuelle Themen aus den Bereichen Migration und Wirtschaft aufgreifen?<\/em><\/p>\n\n<p>Wahltaktisch bringt das wenig. Denn wenn eine Partei die Themenf\u00fchrerschaft hat, kann die Konkurrenz diese Bastion kaum knacken. Etwas verk\u00fcrzt kann man sagen: Wer Kompetenz im Bereich Wirtschaft will, w\u00e4hlt FDP. Sorgt man sich um die Migration, kommt die SVP in die Kr\u00e4nze. Umweltparteien sollten also daf\u00fcr sorgen, dass die Umweltthemen wieder auf die Traktandenliste kommen \u2014 und gleichzeitig ihre Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4nger mobilisieren.<\/p>\n\n<p><em>Im internationalen Vergleich liegt die Wahlbeteiligung in der Schweiz notorisch tief \u2014 warum?<\/em><\/p>\n\n<p>In der Schweiz spricht man oft von \u00abLow Salience\u00bb-Wahlen: Die Wahlen haben hierzulande weniger Bedeutung als anderswo. Einer der Gr\u00fcnde ist, dass das Parlament zwar neue Gesetze beschliesst, dass man aber oft die M\u00f6glichkeit hat, sp\u00e4ter in einer Sachabstimmung nochmals dar\u00fcber zu befinden. Man weiss also, dass das Parlament nicht das letzte Wort hat, sondern eben das Volk.<\/p>\n\n<p><em>Die Schweiz ist \u2014 international gesehen \u2014 eine Insel der Gl\u00fcckseligen. Macht uns das selbstzufrieden und unpolitisch?<\/em><\/p>\n\n<p>Nein. Es gibt keine Hinweise darauf, dass Wohlstand die politische Partizipation hemmt. Im Gegenteil: Menschen mit hohem Einkommen nehmen h\u00e4ufiger an Abstimmungen und Wahlen teil als Personen mit einem geringen Einkommen.<\/p>\n\n<p><em>In den Medien dominieren heute Themen wie der Krieg in Syrien und Irak, die Fl\u00fcchtlingstrag\u00f6die auf dem Mittelmeer, Griechenlands Schuldenkrise oder der Konflikt in der Ukraine. Wirkt die Besch\u00e4ftigung mit eidgen\u00f6ssischer Politik da nicht etwas popelig?<\/em><\/p>\n\n<p>Keineswegs. Auf viele dieser internationalen Konflikte muss die Schweizer Politik reagieren, etwa bez\u00fcglich der Migration. Auch die Schweizer Wirtschaftspolitik greift durchaus internationale Fragen auf \u2014 denken Sie etwa an die Konzernverantwortungsinitiative. Und dass Schweizer Waffenexporte eine internationale Dimension haben, leuchtet ohnehin ein.<\/p>\n\n<p><em>Woran liegt es, dass Themen wie der Klimawandel mehr oder weniger vom Radar verschwunden sind?<\/em><\/p>\n\n<p>In den Medien dominieren aktuell zwar internationale Hotspots, doch gr\u00fcne Themen werden weniger vom Krieg in Syrien konkurrenziert als vom starken Franken oder von der Migrationsproblematik. Ein F\u00fcnftel der Schweizer Bev\u00f6lkerung erachtet die Migration als das Topthema \u2014 damit liegen wir europaweit an der Spitze. F\u00fcr die Gr\u00fcnen bedeutet das, dass sie ihre Kernanliegen aktiv bewirtschaften m\u00fcssen: die Umweltthemen. Da werden sie als kompetent angesehen.<\/p>\n\n<p><em>Das klingt nach Lehrbuch. Aber die Energiewende wurde nicht durch politische Arbeit&nbsp;und Abstimmungen, sondern durch die&nbsp;Atomkatastrophe von Fukushima lanciert \u2014 eigentlich frustrierend\u2009\u2026<\/em><\/p>\n\n<p>Tatsache ist, dass die Schweiz eines der wenigen L\u00e4nder ist, die nach Fukushima tats\u00e4chlich eine Wende eingeleitet haben. Entscheidend war, dass die CVP ihre Position zur Atomkraft revidierte und so dem Atomausstieg zu einer Mehrheit verhalf.<\/p>\n\n<p><em>Der Anti-AKW-Kampf dauert nun schon Jahrzehnte. Ist das nicht zu gem\u00e4chlich&nbsp;f\u00fcr einen radikalen und raschen Umbau, wie ihn die Umweltbewegung will?<\/em><\/p>\n\n<p>Tats\u00e4chlich sind in der Schweiz mutige Schritte normalerweise nur sehr schwierig umzusetzen. Ein Grund sind unsere sehr konsensorientierten politischen Prozesse. Die Sitzverschiebungen im Parlament sind nach den Wahlen jeweils bescheiden und auch der Bundesrat ist auf Konsens bedacht. Ein zus\u00e4tzlicher D\u00e4mpfer kommt von der direkten Demokratie, die manchen grossen Wurf redimensioniert. F\u00fcr Verb\u00e4nde, die rasch etwas bewegen wollen, ist das nat\u00fcrlich \u00e4rgerlich. Gleichzeitig bietet gerade die direkte Demokratie auch eine Chance, weil zuweilen kleine Verb\u00e4nde grosse Erfolge erzielen k\u00f6nnen, in j\u00fcngster Zeit etwa mit der Zweitwohnungs- oder der P\u00e4dophileninitiative.<\/p>\n\n<p><em>Feilschen wir zuweilen bis zum Stillstand?<\/em><\/p>\n\n<p>Nicht zwingend, denn unser System umschifft durch dieses Aushandeln auch gewisse Leerl\u00e4ufe, wie ein Blick ins Ausland zeigt. So ist etwa ein pr\u00e4sidiales System wie in Frankreich mit grossen Unw\u00e4gbarkeiten verbunden. Dort kann ein Pr\u00e4sidentenwechsel zum Beispiel die Sozial- oder die Umweltpolitik komplett \u00fcber den Haufen werfen.<\/p>\n\n<p><em>Simon Lanz, 1986, studierte an den Universit\u00e4ten Z\u00fcrich und Genf Politikwissenschaften. Aktuell arbeitet er im Departement f\u00fcr Politikwissenschaften und internationale Beziehungen an der Universit\u00e4t Genf und schreibt eine Dissertation \u00fcber den Einfluss von Themenpr\u00e4ferenzen auf den Wahlentscheid. Lanz ist unter anderem Mitgr\u00fcnder des Blogs\u00a0<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/polithink.ch\/\" target=\"_blank\">polithink.ch<\/a>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00abDas Interesse an der \u00d6kologie ist keine Altersfrage\u00bb, sagt der Politologe Simon Lanz. Statt auf scheinbar umweltbewusste Jungw\u00e4hler zu schielen, sei es wichtiger, die eigene Klientel gezielt f\u00fcr den Gang zur Urne zu mobilisieren. 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