{"id":44402,"date":"2015-10-09T07:00:00","date_gmt":"2015-10-09T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=44402"},"modified":"2020-05-20T17:19:21","modified_gmt":"2020-05-20T15:19:21","slug":"im-nuklearen-augiasstall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/44402\/im-nuklearen-augiasstall\/","title":{"rendered":"Im nuklearen Augiasstall"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Der Abriss eines AKWs ist eine Herkulesaufgabe: langwierig, aufw\u00e4ndig und teuer. Dies zeigt ein Augenschein im einstigen deutschen Vorzeigekraftwerk Biblis, wo die Demontage n\u00e4chstes Jahr beginnen soll.<\/strong><\/p>\n\n<p><span class=\"dropcap\">D<\/span>ie Eingangskontrolle beim Betreten des Kraftwerksgel\u00e4ndes ist routiniert. Ihren Pass bitte, ein scharfer, pr\u00fcfender Blick ins Gesicht des Besuchers, hier Ihr Besucherausweis, bitte dort hinhalten, danke, bitte zum Kollegen weitergehen, bitte den Fuss hier auf das Treppchen, es folgen die futuristisch klingenden T\u00f6ne eines Metall-Handdetektors, bitte weitergehen, danke \u2014 und dann ist man drin.<\/p>\n\n<p>\u00abDieser Betrieb ist seit 389 Tagen unfallfrei\u00bb, informiert eine kleine Anzeige. Morgen wird er auf die Zahl 390 springen, nimmt man an, hofft man, und keine Angst, f\u00fcr die Unf\u00e4lle waren nicht unsere Mitarbeiter verantwortlich, sondern diejenigen von Fremdfirmen, versichert die \u00d6ffentlichkeitsbeauftragte des AKW Biblis, Frau Craemer, gr\u00fcne, weite Kleider, die Haare rot gef\u00e4rbt.<\/p>\n\n<p>Neben dem Eingang ein Aushang, Mitarbeiterinformationen: Beachvolleyballturnier, Grillfest, Motto: Pasta-Basta, Nachruf auf einen verstorbenen Mitarbeiter. Nur ein unscheinbares Blatt in der oberen linken Ecke deutet an, dass hier eine neue Realit\u00e4t Einzug gehalten hat: der Grundriss eines Geb\u00e4udes, das als Zwischenlager dient. Radioaktive Abf\u00e4lle. Bald wird es hier eine Menge mehr davon geben.<\/p>\n\n<p>Frau Craemer hat ihre Ausf\u00fchrungen \u00fcber Arbeitsunf\u00e4lle beendet, man schlendert \u00fcbers Gel\u00e4nde, ab und zu sieht man Arbeiter, zu Fuss, zu Rad, 400 Personen sind jetzt noch hier besch\u00e4ftigt, nicht einmal mehr halb so viele wie damals, als Deutschland noch auf Atomstrom setzte, damals, als die Gefahren der Atomkraft nur eine leise, unangenehme Ahnung im Hinterkopf der Bev\u00f6lkerung waren. Seit M\u00e4rz 2011 ist das AKW Biblis abgeschaltet. Bald darauf beschloss der Bundestag das 13. Gesetz zur \u00c4nderung des Atomgesetzes: Atomausstieg, Energiewende. In Biblis hielt eine neue Realit\u00e4t Einzug.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/339ad218-2ea5bfc0abc2ba5329365a303d1d74fa.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Hier herrscht nicht mehr viel Betrieb: Das AKW Biblis hat sein Personal seit der Abschaltung um mehr als die H\u00e4lfte reduziert. \u00a9 Michael Danner \/ \u0080\u008alaif<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Im Maschinenhaus dr\u00f6hnt es. Es dr\u00f6hnt, als w\u00fcrde hier noch immer Strom produziert. \u00dcber 1000 Megawatt waren es einmal, die die beiden Reaktorbl\u00f6cke des AKW Biblis in die Stromleitung schleuderten, so viel wie noch nie ein AKW zuvor. Frau Craemer muss fast schreien, so laut dr\u00f6hnt es, und dennoch versteht man nur die H\u00e4lfte von dem, was sie fast schreit, ihre Schutzbrille l\u00e4uft mit Kondenswasser an, ihr Gesicht wird rot. Das Geb\u00e4ude ist ges\u00e4umt von Leitungen, Rohren, ab und zu einem Hebel, manchmal Warnaufklebern. Dann und wann erkl\u00e4rt Frau Craemer, wof\u00fcr diese oder jene Leitung sei, und wenn sie spricht, spricht sie oft in der Gegenwartsform, ganz so, als ob die neue Realit\u00e4t nur ein b\u00f6ser Traum w\u00e4re.<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Das letzte Kapitel<\/h2>\n\n<p>Die neue Realit\u00e4t im AKW Biblis ist jene des Nachbetriebs, Fachjargon f\u00fcr die Zeitperiodezwischen der Abschaltung eines AKWs und dem Beginn des R\u00fcckbaus, Fachjargon f\u00fcr den Abriss. 250 Personen werden dann noch hier arbeiten.<\/p>\n\n<p>Nachbetrieb \u2014 das letzte Kapitel im Leben eines AKWs. Strom wird jetzt keiner mehr produziert, die Turbine ist bereits ausgebaut, steht nutzlos im Maschinenhaus herum, ein runder Stahlkoloss mit scharfen Lamellen. Was noch dr\u00f6hnt, ist der Generator, er l\u00e4uft leer vor sich hin und dient nur noch dazu, Spannungsunterschiede im Stromnetz auszugleichen. Einige Pumpen pumpen auch noch. Nachbetrieb heisst auch, dass ein Grossteil der Apparaturen dennoch weiterlaufen muss, die Brennelemente m\u00fcssen abk\u00fchlen, liegen im Abklingbecken, so nutzlos wie die gigantische Turbine, die sie einst mit Dampf angetrieben haben.<\/p>\n\n<p>W\u00e4hrend der Generator dr\u00f6hnt, die Pumpen pumpen und die St\u00e4be abklingen, wartet man in Biblis auf den definitiven Anfang vom Ende. N\u00e4chstes Jahr sollen die Beh\u00f6rden gr\u00fcnes Licht geben f\u00fcr den Abriss des Kolosses aus Beton und Stahl. Was dann folgt, ist eine Aufgabe, der gegen\u00fcber das Ausmisten des Augiasstalls wie das Abstauben eines Billy-Regals wirkt.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/0a508415-2c1adb86e2d8d084c6c9effdf7db87b9.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Der Generator dreht nur noch im Leerlauf: Maschinenhaus des AKW Biblis. \u00a9 Michael Danner \/ \u0080\u008alaif<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Vergleichsweise einfach ist der erste Schritt: Die hochradioaktiven Brennelemente m\u00fcssen raus. Am Reaktorgeb\u00e4ude, dieser riesigen Kugel aus Beton, ist ein Kran angebaut, vielleicht zehn Meter hoch, der die strahlende St\u00e4be raushieven wird, in Sicherheitsbeh\u00e4lter verpackt. Gleich unter dem Kran f\u00fchrt eine Schiene in einen Betonquader, dessen Ecke man in etwa hundert Metern Entfernung sehen kann: das kraftwerkseigene Zwischenlager, dessen gezeichnete Umrisse im Aushang neben Beachvolleyballturnier und Pasta basta stumm vom nahenden Ende des AKW zeugen.<\/p>\n\n<p>Bis alle Brennelemente die beiden Reaktorgeb\u00e4ude verlassen haben, dauert es ein Jahr \u2014 pro Reaktorblock. Dann, verk\u00fcndet Frau Craemer, seien 99 Prozent der Radioaktivit\u00e4t aus dem AKW draussen. Dann fangen die Probleme f\u00fcr das letzte eine Prozent allerdings erst richtig an.<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Manolo soll es richten<\/h2>\n\n<p>Szenenwechsel ins Karlsruher Institut f\u00fcr Technologie KIT, eine Autostunde s\u00fcdlich von Biblis. In einer Werkhalle pr\u00e4sentiert Herr Kern, Diplomingenieur, ein junger Mann, kurzes braunes Haar und Hornbrille, seinen Prototypen. Manolo heisst das Ger\u00e4t, das seinen Sch\u00f6pfer um rund eine halbe K\u00f6rperl\u00e4nge \u00fcberragt. Der Roboter soll dereinst mit seinen Saugn\u00e4pfen die glatten AKW-W\u00e4nde hochsteigen, mit einem Laser die Oberfl\u00e4chen abfr\u00e4sen und danach messen, ob sie auch tats\u00e4chlich nicht mehr gef\u00e4hrlich strahlen.<\/p>\n\n<p>Seine Forschung stecke noch in den Kinderschuhen, gibt Kern zu. Bis sein Spiderman-Roboter tats\u00e4chlich so funktioniert, wie sich der Ingenieur das vorstellt, werden wohl noch Jahre vergehen. Deshalb braucht es, bis ein AKW strahlenfrei ist, heute vor allem eines: Handarbeit. Arbeiter reinigen strahlenschutzbewehrt mit Sandstrahler, Fr\u00e4se oder Hochdruckreiniger die nuklear verseuchten R\u00e4ume.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/19563474-4ac083d3ab168c60153ef77eb6d34371.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>\u00abDie Forschung steckt noch in den Kinderschuhen\u00bb: Diplomingenieur Kern pr\u00e4sentiert seinen Fr\u00e4s-Roboter f\u00fcr verstrahlte Oberfl\u00e4chen. \u00a9 Andreas Nidecker<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Auch der letzte Arbeitsschritt, den Manolo irgendwann ganz allein ausf\u00fchren soll, ist aufw\u00e4ndig. Von den 63\u200a000 Tonnen Abfall, in die sich das AKW Biblis bis in etwa 15 Jahren verwandeln wird, kommt etwa ein Zehntel ins noch zu bauende Endlager. Die abgespritzten, abgefr\u00e4sten und sandgestrahlten Elemente sollen konventionell entsorgt oder gar wiederverwertet werden. Doch bevor ein solches Element das AKW verlassen kann, muss sichergestellt sein, dass es nicht mehr gef\u00e4hrlich strahlt. Fachjargon f\u00fcr diesen Vorgang: Freimessen. Weil Manolo noch nicht einsatzf\u00e4hig ist, muss Maggie ran. So nennen die Biblis-Mitarbeiter das Ger\u00e4t, das an die Handgep\u00e4ck-Scanner am Flughafen erinnert. Hier muss jedes einzelne St\u00fcck Abfall durch, und erst wenn die zust\u00e4ndige Beh\u00f6rde die von Maggie gemessene Restradioaktivit\u00e4t f\u00fcr nicht mehr gef\u00e4hrlich befunden hat, darf das St\u00fcck tats\u00e4chlich raus. Die festgelegten Grenzwerte stehen bereits in der Kritik, die Bedenken in der Bev\u00f6lkerung sind gross.<\/p>\n\n<p>Etwa 2030 soll die aufw\u00e4ndige Prozedur fertig sein, das letzte strahlende Teil im Zwischenlager liegen und das letzte entstrahlte Teil von der zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rde f\u00fcr nicht radioaktiv erkl\u00e4rt worden sein. Kosten: 1,5 Milliarden Euro. Muss man mit Verz\u00f6gerungen rechnen, mit Kosten\u00fcberschreitungen? Frau Craemer beantwortet die Frage nicht \u2014 dies aber wortreich.<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Unsicherheit \u00fcberall<\/h2>\n\n<p>Der Nachbetrieb, so wird klar, ist auch eine Zeit der Unsicherheit. Unsicherheit bei den Mitarbeitern \u00fcber die berufliche Zukunft, Unsicherheit beim Betreiber \u00fcber den genauen Start des Abrisses, Unsicherheit bei der Bev\u00f6lkerung \u00fcber die Verl\u00e4sslichkeit beh\u00f6rdlich definierter Grenzwerte und Unsicherheit bei allen Beteiligten, ob das Geld reichen wird, um den nuklearen Augiasstall auszumisten.<\/p>\n\n<p>Dann verabschiedet man sich von Frau Craemer, vom Klima der Unsicherheit im AKW Biblis und f\u00e4hrt zur\u00fcck in die Schweiz. Dort ist die Unsicherheit, wenn man es sich recht \u00fcberlegt, noch viel gr\u00f6sser, dort ist erst bei einem von f\u00fcnf AKWs klar, wann es vom Netz geht, dort bedrohen die verbleibenden Reaktoren mit ihrem immensen Schadenpotenzial wohl noch Jahrzehnte Mensch und Umwelt \u2014 und dort hoffen die Betreiber noch immer, die neue Realit\u00e4t am Horizont sei bloss ein b\u00f6ser Albtraum.<\/p>\n\n<p>Man kann Deutschland und Biblis fast beneiden um ihre Unsicherheit.<\/p>\n\n<p><em>In der Schweiz wird das AKW M\u00fchleberg als erstes stillgelegt. Die Betreiberin BKW will es 2019 vom Netz nehmen, 2034 soll der R\u00fcckbau abgeschlossen sein. Die Kosten f\u00fcr die Stilllegung werden mit rund 800 Millionen Schweizer Franken, diejenigen f\u00fcr die Entsorgung mit etwa 1,3 Milliarden veranschlagt. Wie in Biblis soll auch in M\u00fchleberg das AKW nach einer etwa f\u00fcnfj\u00e4hrigen Nachbetriebsphase r\u00fcckgebaut werden. Die Alternative \u2014 eine 50-j\u00e4hrige Versiegelung der Anlage, bevor der Abriss beginnt \u2014 wurde verworfen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Abriss eines AKWs ist eine Herkulesaufgabe: langwierig, aufw\u00e4ndig und teuer. 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