{"id":44412,"date":"2015-11-20T07:00:00","date_gmt":"2015-11-20T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=44412"},"modified":"2020-05-21T10:30:23","modified_gmt":"2020-05-21T08:30:23","slug":"das-wesentliche-ist-fuer-die-augen-unsichtbar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/44412\/das-wesentliche-ist-fuer-die-augen-unsichtbar\/","title":{"rendered":"Das Wesentliche ist f\u00fcr die Augen unsichtbar"},"content":{"rendered":"\n<p><span class=\"dropcap\">D<\/span>er erste Computer in unserer Familie war ein 8086-IBM-kompatibler PC mit Monochrom-Monitor, MS-DOS, vermutlich einem 8-Mhz-Prozessor und einem 5\u00bc-Zoll-Floppy-Disk-Laufwerk. Das war um 1987 herum. Um eine Stunde spielen zu d\u00fcrfen, musste ich eine halbe Stunde Zehnfingersystem \u00fcben. Die ersten Aufs\u00e4tze auf dem Computer folgten wenig sp\u00e4ter, in der dritten Klasse. Die \u00e4lteste Datei, die noch heute auf meiner Harddisk lagert, datiert vom 28. Juni 1992: eine Sch\u00fclerzeitung als Abschiedsgeschenk f\u00fcr den Mittelstufenlehrer.<\/p>\n\n<p>Die erste E-Mail-Adresse, die ich hatte, war keine, wie wir sie heute kennen. Es war eine Nummer, gefolgt von @compuserve.com. Die ganze Familie hat sie sich geteilt, besser gesagt mein Vater und ich, die anderen interessierten sich nicht so sehr daf\u00fcr. Damals gab es noch keine Browser, jedenfalls nicht bei Compuserve, sondern Foren, wo man sich austauschen konnte. Ich war oft im Musik-Forum unterwegs, habe eigene Musik und Konzertrezensionen hochgeladen und daf\u00fcr Feedback erhalten. Das war um 1995\u200a\/\u200a1996 herum.<\/p>\n\n<p>Die erste Website, die ich gegen harte W\u00e4hrung gestaltete und programmierte, war 1997 oder 1998 die eines Veloladens im Dorf. Es folgten das Sportgesch\u00e4ft und der Musikladen \u2014 noch vor Jecklin und Musik Hug. F\u00fcr 500 Franken plus eine Veloreparatur. Oder 500 Franken plus einen Gaskocher. Inzwischen sind wir l\u00e4ngst \u00fcber HTML hinaus. Alles ist interaktiv geworden \u2014 und ich muss nur noch Bausteine zusammensetzen. 1999, auf Druck meines Vaters, folgte mein erstes Natel: ein Nokia, weinrot.<\/p>\n\n<p>Das erste Smartphone, das ich mein Eigen nannte, war \u2014 nun, ich besitze immer noch kein Smartphone. W\u00e4hrend meine Mutter eifrig Fotos und Videos mit meiner Tante und meinem Onkel in Nordnorwegen austauscht, kriege ich diese nur beim Familienznacht zu sehen. Aber das ist schon in Ordnung. Ich traue den Dingern sowieso nicht \u00fcber den Weg. Und ich verstehe immer noch nicht, weshalb Programme und Software nun pl\u00f6tzlich Apps heissen.<\/p>\n\n<p>Mein erster Artikel, der \u00fcber eine App verf\u00fcgbar war, erschien in der letzten Ausgabe des Greenpeace-Magazins. Ich hatte mich darauf gefreut, das Heft in der Hand zu halten, die Druckfarbe zu riechen, das Papier abzutasten, es mit ins Bett zu nehmen, durchzulesen und anschliessend zu meinen Belegexemplaren zu legen. Weit gefehlt! Man spare Papier, hiess es. Es sei ein Bed\u00fcrfnis von vielen Leserinnen und Lesern. Schon wieder eine App, die mich ausgrenzt.<\/p>\n\n<p>Bin ich nostalgisch? Altbacken? Verbittert? Technologiefeindlich? Ich k\u00f6nnte hier zu einem Loblied auf die Taktilit\u00e4t von Druckerzeugnissen ansetzen, auf ihre hohe Aufl\u00f6sung, darauf, dass sie nicht aufgeladen werden m\u00fcssen und im B\u00fccherregal aufgereiht schmuck aussehen sowie Bildung und Intellekt vermitteln. Doch ich will auf etwas anderes hinaus.<\/p>\n\n<p>Wenn Greenpeace schreibt, man w\u00fcrde Papier sparen, stimmt das wohl. Jedes Mal, wenn von Digitalisierung die Rede ist, so scheint mir, ist eine gewisse Immaterialit\u00e4t mitgedacht. Daten sind in den Wolken, E-Mails bestehen aus Nullen und Einsen, genauso wie Musikalben, Hollywoodfilme und B\u00fccher. Meine ganze DVD-, CD- und E-Book-Sammlung hat auf einer Harddisk Platz \u2014 und sie ist keineswegs voll. Das sind viele, viele Kubikmeter Material. Doch bei der Rede von der Digitalisierung, dem Sparen von Papier, der Verf\u00fcgbarkeit per Knopf- oder Fingerdruck geht vergessen, dass dies alles keineswegs immateriell ist.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/700f4f0e-6708856c9d4485e684c6db91d9ada9c3.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein schmutziges Gesch\u00e4ft<\/h2>\n\n<p>Die Daten in den Wolken sind auf riesigen Serverfarmen gelagert, die grosse Mengen Energie zur Stromversorgung und zur K\u00fchlung brauchen. Um Prozessoren, Speichermedien, Geh\u00e4use oder Kameras herzustellen, braucht es Rohmaterialien: Erd\u00f6l, Silikon, seltene Erden, Metalle, Quarze. Es ist nicht nur harte und gef\u00e4hrliche Arbeit, diese zu f\u00f6rdern, sondern auch ein knallhartes Gesch\u00e4ft, an dem sich zweifelhafte Unternehmen ohne Sinn f\u00fcr soziale und \u00f6kologische Nachhaltigkeit die Finger schmutzig machen.<\/p>\n\n<p>Um die Computer zu vernetzen, werden Gr\u00e4ben aufgerissen, Kupferkabel und Glasfasern verlegt, die Gr\u00e4ben wieder zugesch\u00fcttet und asphaltiert. Es werden Satelliten in Umlaufbahnen geschossen und Mobilfunkantennen auf Kircht\u00fcrmen errichtet. Riesige Fabriken produzieren Ger\u00e4te, die in zwei Jahren veraltet sind und zur R\u00fcckgewinnung der Stoffe sorgf\u00e4ltig zerteilt werden \u2014 wenn sie denn nicht in Ghana auf der M\u00fcllhalde landen. Die Kosten f\u00fcr die Fantasie der Cloud, der Nullen und Einsen, ist eine Materialschlacht, die wenigVergleichbares kennt. Das Wesentliche ist f\u00fcr die Augen unsichtbar \u2014 auch vor dem Bildschirm. Der Weg von der Kupfermine bis zu unseren Fingerspitzen und zur\u00fcck in die Einzelteile ist ges\u00e4umt von Toten und Gesch\u00e4digten, von Kinderarbeit, Ausbeutung, \u00dcberschuldung und schamloser Bereicherung. Es gibt keine Fairtrade- und Biolabels f\u00fcr Unterhaltungselektronik.<\/p>\n\n<p>Und was geschieht mit den Daten, mit den Kabelnetzwerken und den kabellosen Verbindungen? Inzwischen wissen wir, dass die \u00e4rgsten Bef\u00fcrchtungen der schlimmsten Paranoiker wahr geworden sind. Wir werden \u00fcberwacht, entschl\u00fcsselt, auf Vorrat gelagert. Aus Webcam-Bildern werden 3-D-Modelle von R\u00e4umen und Benutzern zusammengesetzt. Videokamera-Software erkennt Menschen an ihren Gesichtern oder an ihrem Gang. Satelliten messen Vibrationen von Fensterscheiben und \u00fcbersetzen sie in nat\u00fcrliche Sprache. Selbstlernende Algorithmenscannen gewaltige Datenmengen auf Schl\u00fcsselw\u00f6rter. Konten von sozialen Medien werden miteinander abgeglichen, um ein vollst\u00e4ndiges Bild zu erhalten, und Benutzerinformationen werden vergoldet oder verscherbelt. In dieser Perspektive wird das spurlose Verschwinden einer Boeing 777 perverserweise zu einem Hoffnungsschimmer.<\/p>\n\n<p>Aber auch ohne Smartphone, auch ohne Apps von Greenpeace, Tinder und Youtube hat mich die Technologie fest im Griff. Ein Tag ohne Internet oder ohne Computer ist kaum denkbar. St\u00e4ndig schaue ich, ob mich jemand angeschrieben hat oder was die Tageszeitungen zu berichten wissen. Letztes Jahr habe ich mich in die Blockh\u00fctte meiner Grossmutter in Norwegen zur\u00fcckgezogen. Ein See, ein paar Ferienh\u00e4user, zwei Bauernh\u00f6fe, kein fliessendes Wasser, kein Telefon, kein Internet. Kein Internet? Ein schwaches Signal kam \u00fcber den See, kaum genug, um etwas zu versenden, aber gerade ausreichend, um ab und zu E-Mails abzurufen. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen. Einmal bin ich sogar \u00fcber den See gerudert, um einen besseren Empfang zu haben.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/02392ea2-8dcd1831b6a13fdb9922c7d7a3f7dcbf.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Gnadenlose Durchdringung<\/h2>\n\n<p>Das Problem der Digitalisierung ist die gnadenlose Durchdringung aller Aspekte der Gesellschaft, der Wirtschaft und der Bildung sowie die Normalisierung, das Nicht-mehr-anders-K\u00f6nnen. Hier folgt die Digitalisierung dem Kapitalismus. Es gibt allerdings auch Erfolgsgeschichten wie die Vernetzung von Aktivistinnen und Protestbewegungen. Die Zusammenarbeit \u00fcber nationale Grenzen hinweg. Medizinische Fortschritte. Die Aufrechterhaltung von fernen Freundschaften. Die Steuerung des Bahnverkehrs. Der Komfort. Doch dies ist alles nicht gratis. Es geht nicht ohne Materialverschleiss. Es geht nicht ohne Verlust der Privatsph\u00e4re. Es geht nicht ohne die Entwicklung von Abh\u00e4ngigkeiten.<\/p>\n\n<p>Der deutsche Philosoph Martin Heidegger hat sinngem\u00e4ss geschrieben, dass das Rettende der Technologie ihre gr\u00f6sste Gefahr f\u00fcr die Menschheit darstelle. Das kann man auch in die andere Richtung lesen, wie es Friedrich H\u00f6lderlin tut: \u00abWo aber Gefahr ist, w\u00e4chst\/Das Rettende auch.\u00bb Die Technologie hat beide Seiten. Es besteht Hoffnung, aber Misstrauen, Aufkl\u00e4rung, Vorsicht und Widerstand sind angebracht, denn es ist keine unbelastete Option mehr, Digital Native zu sein.<\/p>\n\n<p><em>Zur Person: Christian H\u00e4nggi \u2014\u00a0Der Medien\u00f6kologe und freiberufliche Texter unterrichtet gelegentlich Medien- und Kommunikationsf\u00e4cher an der Ramkhamhaeng University in Bangkok sowie zeitgen\u00f6ssische amerikanische Literatur an der Universtit\u00e4t Basel. Er ist Autor des Buchs Gastfreundschaft im Zeitalter der medialen Repr\u00e4sentation. Zuvor hat er regem\u00e4ssig auf blog.persoenlich.com gebloggt und ab 1997 zahllose Websites konzipiert, programmiert und betextet.<\/em><\/p>\n\n<p><em>Auf unsere\u00a0<strong>Textanfrage an Philip Meier<\/strong>, ehemaliger Clubkurator und Kodirektor des Cabaret Voltaire und gem\u00e4ss Klout \/ Kuble unangefochtener Social-Milieu-K\u00f6nig und Digital Nerd, schrieb er uns:\u00a0Im Prinzip reicht ein Satz:\u00a0<strong>\u00abWas nicht online ist, existiert nicht.\u00bb<\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der erste Computer in unserer Familie war ein 8086-IBM-kompatibler PC mit Monochrom-Monitor, MS-DOS, vermutlich einem 8-Mhz-Prozessor und einem 5\u00bc-Zoll-Floppy-Disk-Laufwerk. <\/p>\n","protected":false},"author":49,"featured_media":44416,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_planet4_optimize_post_is_variant":false,"_planet4_optimize_experiment_name":"","_planet4_optimize_variant_name":"","ep_exclude_from_search":false,"p4_og_title":"","p4_og_description":"","p4_og_image":"","p4_og_image_id":"","p4_seo_canonical_url":"","p4_campaign_name":"not set","p4_local_project":"not set","p4_basket_name":"not set","p4_department":"","footnotes":""},"categories":[47],"tags":[],"p4-page-type":[194],"gpch-article-type":[],"class_list":["post-44412","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-greenpeace","p4-page-type-hintergrund"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44412","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/49"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=44412"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44412\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/44416"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=44412"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=44412"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=44412"},{"taxonomy":"p4-page-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/p4-page-type?post=44412"},{"taxonomy":"gpch-article-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/gpch-article-type?post=44412"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}