{"id":44496,"date":"2015-12-18T07:00:00","date_gmt":"2015-12-18T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=44496"},"modified":"2020-05-21T13:33:26","modified_gmt":"2020-05-21T11:33:26","slug":"die-gastro-friedensstifter-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/44496\/die-gastro-friedensstifter-2\/","title":{"rendered":"Die Gastro-Friedensstifter"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Essen ist weit mehr als sich ern\u00e4hren. Essen ist vor allem ein sozialer Kitt. Beginnt dieser zu br\u00f6ckeln, fallen Familien, D\u00f6rfer, ja ganze L\u00e4nder auseinander. Sozialarbeiter, Diplomaten und Entwicklungshelfer erkennen: Friede und sozialer Aufbau gehen durch den Magen. Initiativen weltweit machen sich diese Erkenntnis zunutze; darunter auch die Cuisine sans fronti\u00e8res aus der Schweiz.<\/strong><\/p>\n\n<p><span class=\"dropcap\">D<\/span>avid H\u00f6ner ist kein normaler Koch, sondern einer mit einer Mission: Er will mit dem Kochl\u00f6ffel die Welt ver\u00e4ndern. Nachdem er lange Jahre als Beizer, Tangot\u00e4nzer, Choreograf, Journalist und Schriftsteller durch die Welt gezogen war, gr\u00fcndete er 2005 die Cuisine sans fronti\u00e8res (CSF). Seither hat seine Organisation eine Handvoll Restaurants in aller Welt er\u00f6ffnet: In San Jos\u00e9, Kolumbien, mitten im Territorium von FARC-Rebellen und Paramilit\u00e4rs, wo die Dorfbewohner nun wieder zusammen Karten spielen, sich mit IKRK- und Oxfam-Entwicklungshelfern austauschen und tags\u00fcber f\u00fcr die Schulkinder kochen. In Orwo, im Nord\u00adwesten Kenias, wo die Stammesf\u00fchrer der traditionell verfeindeten Pokot und Turkana sich bereits mehrmals gemeinsam an H\u00f6ners Ziegeneintopf erfreuten (auch wenn es immer wieder zu Viehdiebst\u00e4hlen und Schiessereien kommt). Oder in einer Favela im brasilianischen Salvador da Bahia, wo mit dem Restaurant ein lange Zeit fehlender Raum f\u00fcr kulturelle Veranstaltungen entstand. \u00abWir wollen an ungastlichen Orten Gastgeber sein\u00bb, sagt H\u00f6ner w\u00e4hrend unseres Gespr\u00e4chs.<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Begegnung im gastronomischen Niemandsland<\/h2>\n\n<p>Ich hatte David H\u00f6ner gebeten, f\u00fcr unser Treffen ein Restaurant vorzuschlagen, das seinem Ideal einer Beiz im Sinne der CSF so nahe kommt wie m\u00f6glich. Wir treffen uns im \u00abTransit\u00bb, einem kleinen Lokal in einer Baracke im Niemandsland von Z\u00fcrich Altstetten, direkt an der Aargauerstrasse, vis-\u00e0-vis des Lastwagen-Umschlagplatzes der Z\u00fcrcher Markthalle, eingepfercht zwischen den Fl\u00fcchtlingswohncontainern der Asylorganisation Z\u00fcrich (AOZ) und dem Swisscom-Rechenzentrum. Hier w\u00fcrde niemand eine Beiz erwarten. Ich \u00f6ffne die T\u00fcr, es ist angenehm warm, Kerzen verbreiten ein heimeliges Licht, in der Ecke steht eine Jukebox, an einer Wand h\u00e4ngen Postkarten, das Mobiliar ist bunt zusammengew\u00fcrfelt. Alle Tische sind besetzt, der Raum ist erf\u00fcllt von einer Polyfonie aus Fetzen angeregter Gespr\u00e4che und schepperndem Geschirr. Lange B\u00e4rte in Wollpullovern sitzen neben glattrasierten Backen in weissen Hemden. Bedient werden sie von Kellnern aus Eritrea. \u00abEin bisschen wie fr\u00fcher die Genossenschaftsbeizen\u00bb, sagt H\u00f6ner, \u00abnicht so durch\u00adgestylt und geschm\u00e4cklerisch.\u00bb Ihm gef\u00e4llt, dass hier auch Konzerte stattfinden, Asylbewerber arbeiten und die Preise vern\u00fcnftig sind, auch wenn mit frischen Produkten gekocht wird. Riz Casimir oder Penne mit Tomatensauce stehen an diesem Mittag auf dem Menu, \u00e0 la carte gibt\u2019s nicht. H\u00f6ner, selbst ein Gourmet und Bonvivant, ist nicht begeistert, nimmt es aber gelassen hin.<\/p>\n\n<p>\u00abDie Gastgebertradition gibt es in jeder Kultur\u00bb, erkl\u00e4rt er seine Mission, \u00abegal ob im oberen Amazonas, in muslimischen L\u00e4ndern oder bei uns. Wenn die zerf\u00e4llt, beginnt der innere Zusammenhalt einer Gesellschaft zu br\u00f6ckeln. Die Relevanz der Gastronomie f\u00e4llt einem erst auf, wenn sie pl\u00f6tzlich nicht mehr da ist.\u00bb<\/p>\n\n<p>H\u00f6ner hatte dieses Schl\u00fcsselerlebnis vor etwas mehr als zehn Jahren, als er sich als Kriegsreporter in Kolumbien versuchte. Seit vielen Jahren lebt er mit seiner Frau in Ecuador und beschr\u00e4nkt seine Besuche in der Schweiz auf wenige Wochen im Jahr. In dem von FARC-Rebellen, Paramilit\u00e4rs und Regierungstruppen umk\u00e4mpften Gebiet gab es nirgends mehr eine Beiz \u2014 keine Suppenk\u00fcche, keine Teestube, keinen&nbsp;Ort mehr, wo man sich w\u00e4rmen, sich austauschen und Hoffnung h\u00e4tte tanken k\u00f6nnen. Die Menschen in den D\u00f6rfern blieben in ihrer Angst allein zu Hause.<\/p>\n\n<p><span class=\"pull-right\">\u00abDie Gastgebertradition gibt es in jeder Kultur. Egal ob im oberen Amazonas, in muslimischen L\u00e4ndern oder bei uns.\u00bb<\/span>\u00abAber was ist das Erste, was es in Kriegsgebieten wieder braucht \u2014 noch bevor Strassenund H\u00e4user repariert und Wasserleitungen geflickt werden?\u00bb, fragt H\u00f6ner. \u00abVertrauen! Vertrauen in die Menschen und in das, was um dich herum passiert. Vertrauen auch in diejenigen, die von aussen kommen und beim Aufbau helfen. Vertrauen entsteht aber nur \u00fcber Kommunikation, und die findet vor allem beim gemeinsamen Essen und Trinken statt. Essen bedeutet, etwas miteinander zu teilen. Wer zusammen eine Suppe isst, macht viel mehr als das. Er beginnt einen Dialog.\u00bb Und welche Rolle spielt dabei der Gastgeber? \u00abEine sehr wichtige. Pers\u00f6nlich f\u00fcr jemanden zu kochen, ist bereits etwas sehr Intimes. Es braucht deshalb den neutralen Gastgeber, der einen gesch\u00fctzten Rahmen schafft, in dem man sich ungest\u00f6rt begegnen kann.\u00bb H\u00f6ner macht sich an seinem Blattsalat zu schaffen, ich tauche den L\u00f6ffel in meine K\u00fcrbissuppe. Er sagt: \u00abMan darf nicht vergessen: Die Wiege der Zivilisation liegt in der Gastronomie. En Guete.\u00bb<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ich koche, also bin ich<\/h2>\n\n<p>Was H\u00f6ner als nettes Bonmot in unser Tischgespr\u00e4ch einwirft, wissen die Anthropologen schon lange: Essen, Kochen und der Umgang mit Lebensmitteln, all das hat f\u00fcr den Menschen eine Bedeutung, die weit \u00fcber die Ern\u00e4hrung hinausreicht. Schon der franz\u00f6sische \u00abGastrosoph\u00bb Jean Anthelme Brillat-Savarin stellte Anfang des 19. Jahrhunderts in seiner \u00abPhysiologie des Geschmacks\u00bb die These auf, dass Kochen der Schl\u00fcssel zu unserer Zivilisa\u00adtion sei. Der Ethnologe Claude L\u00e9vy-Strauss best\u00e4tigte dies 1964 in seinem Werk \u00abDas Rohe und das Gekochte\u00bb \u2014 f\u00fcr viele Kulturen liege der Unterschied zwischen Mensch und Tier in der symbolischen Handlung des Kochens. Noch einen Schritt weiter ging vor einigen Jahren der Anthropologe und Primatenforscher Richard Wrangham von der Universit\u00e4t Harvard. Er vertritt in seinem Buch \u00abFeuer fangen\u00bb die These, dass es nicht der Gebrauch von Werkzeugen, der Verzehr von Fleisch oder die Sprache gewesen seien, die w\u00e4hrend unserer Evolution die Abzweigung vom Affen einleiteten, sondern das Kochen. Seine Argumentation: Das Essen gekochter Lebensmittel ben\u00f6tigt viel weniger Zeit und Energie, als rohe Nahrung zu kauen und zu verdauen. Als unser Verdauungstrakt als Folge davon schrumpfte, wurde Energie frei f\u00fcr das Wachstum unseres Gehirns. Das erweiterte Gehirn habe zusammen mit der eingesparten Zeit und Energie die Grundlage geschaffen, damit der Mensch fortan eine Kultur entwickeln konnte, sagt Wrangham. Damit st\u00fcnde das Kochen am Anfang unserer Menschwerdung und w\u00e4re nicht, wie bisher angenommen, eine Folge davon.&nbsp;<span class=\"pull-right\">\u00abDie Notwendigkeit zu essen und die Freude am guten Geschmack sind der kleinste gemeinsame Nenner der Menschheit.\u00bb<\/span><\/p>\n\n<p>Wranghams Hypothese ist unter Anthro\u00adpologen bis heute umstritten, doch unabh\u00e4ngig davon hatte das Kochen weitgehende Konsequenzen f\u00fcr unsere Sozialisation. Denn als wir noch den ganzen Tag mit der Suche nach roher Nahrung besch\u00e4ftigt waren, assen wir wahrscheinlich meist unterwegs und allein. Erst mit der Entdeckung des Feuers und des Kochens versammelten sich die Menschen zum Essen, teilten, was sie zuvor gepfl\u00fcckt und erbeutet hatten, erz\u00e4hlten sich Geschichten, \u00fcbten sich in Selbstbeherrschung und Arbeitsteilung. Es ist diese spezielle Konstellation, die David H\u00f6ner f\u00fcr seine Arbeit nutzt.<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Durch Geselligkeit zur nachhaltigen Esskultur<\/h2>\n\n<p>Die Notwendigkeit zu essen und die Freude am guten Geschmack sind ohne Zweifel etwas Universelles, sozusagen der kleinste gemein\u00adsame Nenner der Menschheit. Doch obschon seit einigen Jahren ein regelrechter Kult ums Essen veranstaltet wird \u2014 von Molekular\u00adk\u00fcche bis Makrobiotik, von Fair Food bis Slowfood, bleibt ein Aspekt weitgehend unbeachtet: die soziale Komponente, das Verbindende, Rituelle und Dialogische des Essens. Dass ein veganer Vollkornriegel, allein vor dem Computer verschlungen, nicht dieselben psychologischen und sozialen Prozesse in Gang bringt wie eine in der Gruppe geschlachtete und gegrillte Sau, liegt nahe.<\/p>\n\n<p>Slowfood ist diesbez\u00fcglich ein Vorreiter. Das Netzwerk, 1989 von Carlo Petrini gegr\u00fcndet, hat mittlerweile Hunderttausende Anh\u00e4nger in \u00fcber 150 L\u00e4ndern. Petrini gr\u00fcndete Slowfood, nachdem er sich \u00fcber die geplante Er\u00f6ffnung eines McDonald\u2019s an der Piazza di Spagna in Rom ge\u00e4rgert hatte. Abgesehen davon, dass Slowfood Restaurants auszeichnet, die mit lokalen, umweltschonend hergestellten Produkten kochen, tritt die Organisation vehement f\u00fcr eine neue (alte) Esskultur ein. In einem Programm aus dem Jahr 2012 wird das \u00abConvivium\u00bb, das Zusammensein bei Tisch, als zentrale Organisationsform der Bewegung beschrieben. Die Geselligkeit ist das Gegenmodell zum Utilitarismus und zur Entw\u00fcrdigung des Menschen in der heutigen Leistungsgesellschaft. Das Convivium verweist auf das Zusammensein bei Tisch \u2014 \u00abnicht nur um das Brot zu teilen, sondern um den Dialog, das Nachdenken und den Genuss an der Gemeinschaftlichkeit zu f\u00f6rdern. Das ist vielleicht der edelste Aspekt, den die Esskultur \u00fcber die Zeit hervorgebracht hat.\u00bb<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/0f69031d-bc29ca26b990f6e5d908c3908a8a1c14.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>In der K\u00fcche des Zentrums \u00abCalabash\u00bb in Orwa, einem Grenzgebiet zwischen S\u00fcdsudan und Kenia, hat Cuisine sans fronti\u00e8res vor drei Jahren einen interkulturellen Treffpunkt aufgebaut. \u00a9 Anna Hofmann<\/figcaption><\/figure>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Mit Rezepten Grenzen durchbrechen<\/h2>\n\n<p>Mittlerweile hat nicht nur Cuisine sans fronti\u00e8res das Potenzial des Conviviums erkannt. Die englische NGO International Alert hat letztes Jahr einen interessanten Versuch unternommen: Die armenisch-t\u00fcrkische Grenze ist seit 1993 geschlossen. Die grenznahen D\u00f6rfer unterhalten keine Kontakte mehr. \u00abDas bef\u00f6rdert gegenseitige Feindbilder\u00bb, erz\u00e4hlt Gulru Nabieva, Politologin und Leiterin des Programms \u00abRecipes for Peace\u00bb. Viele Familien haben jedoch famili\u00e4re Wurzeln auf der anderen Seite. Die D\u00f6rfer teilen kulturelle Gemeinsamkeiten \u2014 speziell in der K\u00fcche, die gepr\u00e4gt ist von einer gemeinsamen Flora und Fauna, vom Einsatz derselben Gew\u00fcrze und \u00e4hnlichen Zubereitungsarten.<\/p>\n\n<p>Nabieva hat deshalb mit ihrem Team beidseits der Grenze Rezepte gesammelt und diese miteinander verglichen. Schliesslich hat sie die Frauen zum gemeinsamen Kochen und Essen zusammengebracht. \u00ab\u00dcber die Rezepte hatten wir ein Mittel, um die Gemeinsamkeiten anstelle der Verschiedenheiten hervorzuheben. Das verbindet.\u00bb Die K\u00fcche als Rahmen, um auch sensible politische Themen wie den t\u00fcrkischen Genozid in Armenien anzusprechen? \u00abJa\u00bb, sagt Nabieva. \u00abDie Stimmung in der K\u00fcche ist viel entspannter und friedlicher als anderswo. Manche Frauen entwickeln w\u00e4hrend des Kochens sogar einen starken gemeinsamen Wunsch, alte Vorurteile hinter sich zu lassen.\u00bb<\/p>\n\n<p>Alert International will das Programm nun auf andere Gebiete ausweiten und zudem Wege finden, damit auch M\u00e4nner Teil des Prozesses werden. Denn Nabieva weiss: In patriarchalischen Gesellschaften k\u00f6nnen die Frauen in der K\u00fcche noch lange vers\u00f6hnlich Suppen kochen. Solange die M\u00e4nner sich nicht genauso ann\u00e4hern, wird die \u00dcberbr\u00fcckung von Grenzen nicht nachhaltig sein.<\/p>\n\n<p>Alert International will aber nicht nur in Konfliktregionen neue Kontakte schaffen, sondern auch zu Hause in Grossbritannien. Daf\u00fcr hat die Organisation die \u00abConflict Kitchen\u00bb in London initiiert, ein tempor\u00e4res Pop-up-Restaurant f\u00fcr interkulturelle Begegnungen. K\u00f6che aus Syrien, Kolumbien, Jordanien, Nepal, Armenien und der T\u00fcrkei bereiten dort nicht nur Spezialit\u00e4ten ihrer Region zu, sondern informieren gleichzeitig \u00fcber ihre Heimat und deren Konflikte. Dabei liess sich die NGO von der \u00abConflict Kitchen\u00bb in Pittsburgh inspirieren, einem von K\u00fcnstlern gegr\u00fcndeten Pop-up-Restaurant, das konsequent nur L\u00e4nder zum Kochen einl\u00e4dt, mit denen die USA im Konflikt stehen. Afghanistan war auch schon zu Gast \u2014 und der Iran.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/51c2618a-b19f93dcbff7843a54342fcbb8df7195.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Mit einem iranischen Wrap zu mehr Verst\u00e4ndnis f\u00fcr andere Kulturen: Das Pop-up-Restaurant \u00abConflict Kitchen\u00bb in Pittsburgh macht\u2019s vor. \u00a9 Conflict Kitchen<\/figcaption><\/figure>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Gastrodiplomatie mit Clintons Kochkorps<\/h2>\n\n<p>Johanna Mendelson-Forman, Politolo\u00adgiedozentin an der American University in Washington, erkl\u00e4rt die Kraft der Geschm\u00e4cker und Ger\u00fcche f\u00fcr die Friedensarbeit wie folgt: \u00abDurch die Sinnlichkeit, die Intimit\u00e4t und die Emotionen, die Menschen mit dem Essen verbinden, k\u00f6nnen sie auf einer emotionalen Ebene angesprochen werden.\u00bb Die K\u00fcche sei oft das Erste, was Menschen von einer anderen Kultur kennenlernten. \u00abUnd sie trauen den K\u00fcchenchefs mehr als den Politikern.\u00bb Das gehe ihr \u00fcbrigens genauso, wenn sie an Donald Trump denke, f\u00fcgt sie lachend an. Einer ihrer Kollegen hat k\u00fcrzlich 140 Amerikaner und Amerikanerinnen befragt, ob das Essen ihr Bild und ihre Meinung von einem bestimmten Land ver\u00e4ndert habe. \u00dcber die H\u00e4lfte bejahten dies.<\/p>\n\n<p>Mendelson-Forman nutzt diese Erkenntnis auch f\u00fcr ihre Lehre: Ihre Vorlesung heisst \u00abConflict Cuisine\u00bb. In regelm\u00e4ssigen Abst\u00e4nden besucht sie mit Studierenden vietnamesische, \u00e4thiopische, chinesische und iranische Restaurants, um sie in einen Dialog mit den K\u00f6chen zu bringen. Dabei lernen sie nicht nur etwas \u00fcber die Esskultur, sondern auch \u00fcber die Konflikte und die politische Situation in den jeweiligen L\u00e4ndern. \u00abDie meisten Studierenden stammen aus Mittelklassefamilien. F\u00fcr die ist das komplett neu, Geschichte auch einmal von einem Betroffenen zu h\u00f6ren, statt sie in einem Buch nach\u00adzulesen\u00bb, erz\u00e4hlt die Politologin.<\/p>\n\n<p>Dass Politik auch durch den Magen geht, weiss selbst Hillary Clinton. Sie hat 2012 das American Chef Corps initiiert, dem die 80 besten amerikanischen K\u00f6che angeh\u00f6ren. Ihre Aufgabe: um die Welt fliegen und kochen, um das Bild Amerikas auf kulinarischem Weg aufzu\u00adbessern und Vertrauen aufzubauen. \u00abGastro\u00addiplomacy\u00bb heisst das in Diplomatenkreisen.<\/p>\n\n<p>Und wie Mendelson-Forman weiss, ist das Interesse in der Politik als Mittel der \u00abSoft Power\u00bb so gross wie nie zuvor.<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Toleranz dank Thaifood?<\/h2>\n\n<p>Doch reicht ein butterzart geschmortes Lamm oder ein exzellent gew\u00fcrzter Heilbutt wirklich, um einen Konflikt beizulegen? Gen\u00fcgt es, \u00f6fter einmal im Thai-Restaurant um die Ecke zu essen, um im interkulturellen Dialog mitreden zu k\u00f6nnen? Das ist Carole Counihan zu einfach. Die Anthropologin besch\u00e4ftigt sich seit \u00fcber 30 Jahren mit Esskultur und Kochen und hat eines der Standardwerke der Food Anthropology geschrieben. \u00abSehr schnell werden k\u00fcnstliche Begegnungen zu interkulturellen Dialogen verbr\u00e4mt\u00bb, sagt sie. \u00abWir Amerikaner lieben zwar mexikanisches Essen, aber lieben wir auch die Mexikaner?\u00bb Ihr kommen auf Anhieb etliche Beispiele in den Sinn, wo unterschiedliche K\u00fcchen zu Streit statt zu Ann\u00e4herung gef\u00fchrt h\u00e4tten. So zum Beispiel in Ita\u00adlien, als sich in den St\u00e4dten Hausbewohner an den Ger\u00fcchen ihrer neuen t\u00fcrkischen und arabischen Nachbarn st\u00f6rten, bis dies zum Politi\u00adkum wurde. In Luccas Zentrum verbot man die Er\u00ad\u00f6ffnung von neuen Kebabst\u00e4nden. Man k\u00f6nnte als Beispiel auch den seit Jahren schwelenden \u00abFalafel-Krieg\u00bb anf\u00fchren: Pal\u00e4stinenser und Libanesen werfen Israel vor, ihre K\u00fcche zu vereinnahmen und zu kommerzialisieren. \u00abKochen und Essen allein machen die Welt noch nicht zu einem friedlicheren Ort\u00bb, glaubt Counihan. \u00abEs kommt stark auf die Umst\u00e4nde an.\u00bb<\/p>\n\n<p><span class=\"pull-right\">\u00abWir Amerikaner lieben zwar mexikanisches Essen, aber lieben wir auch die Mexikaner?<\/span>Zum Abschluss unseres Essens bestellt David H\u00f6ner einen Espresso. Dann erz\u00e4hlt er von seinem neusten Projekt, einem Kochschiff auf dem Rio Napo in Ecuador. Damit will er entlang des Flusses von Dorf zu Dorf schippern und indigene Gruppen, Holzf\u00e4ller, Mitarbeiter von Erd\u00f6lgesellschaften, zugezogene Siedler und Touristen an einen gemeinsamen Tisch bringen und vers\u00f6hnen. Aktuell ist das Verh\u00e4ltnis alles andere als rosig, zu verschieden sind die Interessen und der Streit droht zu eskalieren: ein klassischer Fall f\u00fcr eine Frieden stiftende Beiz der CSF. In Puerto Francisco de Orellana, der am schnellsten wachsenden Stadt am Rio Napo, soll auch eine Kochschule entstehen. Sie wird das Personal f\u00fcr das Schiff ausbilden und den regionalen Tourismus mit Fachkr\u00e4ften versorgen.<\/p>\n\n<p>Nun muss H\u00f6ner aber los, sonst kommt er zu sp\u00e4t zu seinem n\u00e4chsten Termin. Er verabschiedet sich mit einem kr\u00e4ftigen H\u00e4ndedruck, greift seinen Velohelm und sprintet los. Erst jetzt merke ich, dass ich viele Fragen gar nicht gestellt habe, die ich mir auf der Hinfahrt notiert hatte. Wir hatten kein Interview gef\u00fchrt \u2014 wir waren beim Essen ins Gespr\u00e4ch gekommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Essen ist weit mehr als sich ern\u00e4hren. Essen ist vor allem ein sozialer Kitt. 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