{"id":44500,"date":"2016-01-22T07:00:00","date_gmt":"2016-01-22T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=44500"},"modified":"2020-05-21T14:14:55","modified_gmt":"2020-05-21T12:14:55","slug":"der-pfahl-im-fleisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/44500\/der-pfahl-im-fleisch\/","title":{"rendered":"Der Pfahl im Fleisch"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>\u00abDer Pfahl im Fleisch\u00bb ist ein bildhafter Ausdruck f\u00fcr eine st\u00e4ndige Bedrohung oder ein st\u00e4ndiges \u00c4rgernis. Er stammt aus der Bibel und verk\u00f6rpert eine schmerzliche Ermahnung gegen die \u00dcberheblichkeit. Ein Pfahl im Fleisch ist ein l\u00e4stiger Fremdk\u00f6rper, den man loswerden m\u00f6chte.<\/strong><\/p>\n\n<p>Eine Kolumne von Markus Waldvogel<\/p>\n\n<p><span class=\"dropcap\">W<\/span>er heute \u00fcber die \u00abFleischfrage\u00bb schreibt, st\u00f6rt fast automatisch den \u00f6ffentlichen Diskurs, denn Fleisch geh\u00f6rt zum t\u00e4glichen Ern\u00e4hrungsritual. Fleisch zu essen ist f\u00fcr die meisten Menschen fast gleichbedeutend wie Luft zu atmen. In der Schweiz werden pro Kopf j\u00e4hrlich \u00fcber 60 Kilogramm Fleisch verzehrt. Jung und Alt sind in dieser Zahl ebenso eingerechnet wie Vegetarier und Veganer. Fleischesser bringen es also auf gut 75 Kilo pro Jahr.<\/p>\n\n<p>Nat\u00fcrlich will niemand eingeschr\u00e4nkt werden, wenn es um etwas geht, das so viel Freude macht und einem den Feierabend und die Feiertage versch\u00f6nert. Der Fleischverzehr ist ein Akt der pers\u00f6nlichen Wahl und der Freiheit. Selbst sozial eingestellte Menschen drehen mitunter argumentative Pirouetten, wenn es darum geht, den hohen Fleischkonsum zu rechtfertigen. Sie sagen zum Beispiel, gerade \u00e4rmere Bev\u00f6lkerungsschichten k\u00f6nnten es sich schlicht nicht leisten, beim Kauf von Fleisch auf die Umweltvertr\u00e4glichkeit zu achten; nachhaltig produziertes Fleisch sei f\u00fcr sie viel zu teuer. Umgekehrt bedeutet das: Natura-Fleisch soll den besser Verdienenden vorbehalten sein. Nur in ihren Pfannen sollen \u00f6kologisch vertretbar produzierte Delikatessen brutzeln.<\/p>\n\n<p>Allerdings ist das Argument, naturnah produziertes Fleisch sei f\u00fcr Minderbemittelte zu teuer, kurzsichtig und abwegig, ja zynisch. Denn die \u00f6kologischen Folgen der Fleischindustrie durch den verheerenden Methanausstoss von Rinderkot und den enormen Wasser- und Futtermittelverbrauch treffen letztlich vor allem die Armen. Das einzige Mittel, um Tierfabriken zu verhindern, besteht darin, den Fleischkonsum insgesamt zu drosseln. \u00d6kologisch vertretbarer Fleischgenuss ist prim\u00e4r eine Frage der Menge.<\/p>\n\n<p>Die meisten von uns \u00c4lteren haben in ihren Kinder- und Jugendjahren lediglich einmal pro Woche Fleisch konsumiert. Das war keine Menschenrechtsverletzung, sondern eine \u00f6konomische Notwendigkeit; geschadet hat es niemandem. Der Fleischkonsum, zumal in grossen Mengen, ist kein unumst\u00f6ssliches Recht. Dass gut betuchte Menschen heute \u00abausgefalleneres\u00bb Fleisch konsumieren, liegt zwar in der Natur des Kapitalismus, ist aber wenig sinnvoll. Diese \u00abKultur der feinen St\u00fccke\u00bb tr\u00e4gt nichts zu einer umweltvertr\u00e4glichen Fleischproduktion bei.<\/p>\n\n<p><span class=\"pull-right\">\u00d6kologisch vertretbarer Fleischgenuss ist prim\u00e4r eine Frage der Menge.<\/span>Der Pfahl in unserem Fleisch ist die Normalit\u00e4t eingeschliffener Essgewohnheiten. Erst wenn wir Fleisch wieder respektvoll als eine Gabe beseelter Tiere betrachten, kann eine Konsumerfahrung der Beschr\u00e4nkung und eines hohen Bewusstseins gedeihen. Reich und Arm sitzen im selben Boot: \u00abDas Fressen kommt vor der Moral\u00bb, hat auch Bertolt Brecht schon richtig erkannt. Es braucht wohl noch eine Weile, bis die Moral dar\u00fcber entscheidet, wie wir Fleisch produzieren und letztlich konsumieren.<\/p>\n\n<p><strong>Markus Waldvogel<\/strong>, Jahrgang 52, Dr. phil., Autor und Schriftsteller, Philosoph, Germanist und Psychologe, hat mit Zingara Triste k\u00fcrzlich sein zehntes Buch ver\u00f6ffentlicht. Er leitet die Beratungsfirma pantaris, ist Gr\u00fcn\u00addungsmitglied der Bieler Philosophietage und war bis 2013 Dozent f\u00fcr Philosophie an der PH Bern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00abDer Pfahl im Fleisch\u00bb ist ein bildhafter Ausdruck f\u00fcr eine st\u00e4ndige Bedrohung oder ein st\u00e4ndiges \u00c4rgernis. 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