{"id":44594,"date":"2016-04-26T07:00:00","date_gmt":"2016-04-26T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=44594"},"modified":"2020-05-21T15:02:36","modified_gmt":"2020-05-21T13:02:36","slug":"die-grosse-verfuehrung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/44594\/die-grosse-verfuehrung\/","title":{"rendered":"Die grosse Verf\u00fchrung"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Kunstvanille aus Papierabf\u00e4llen, Pommes Chips mit perfektem Bruchverhalten. Die Sinnesfreude beim Essen ist konstruiert bis ins letzte Detail. Die Lebensmittelindustrie verf\u00fchrt uns mit Tausenden von Aromen und Zusatzstoffen. Das Beunruhigende da\u00adran ist: Unser Geschmack gew\u00f6hnt sich an die Design-Nahrung.<\/strong><\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Essen ist Sinnesrausch<\/h2>\n\n<p><span class=\"dropcap\">S<\/span>chokolade. Nichts geht \u00fcber Schokolade. Zuerst das Prickeln auf der Zunge: s\u00fcss, eine bittere Note vielleicht. Dann der Schmelz, die samtene Creme, die sich im Mund verteilt. Und schliesslich das Aroma. Es detoniert wie eine Bombe, feuert von der Mundh\u00f6hle in den Nasenraum. Millionen von Riechzellen funken ans Zwischenhirn und von dort ans Grosshirn und weiter in die Tiefen des Unterbewusstseins. Erinnerungen werden angeknipst, Emotionen werden gez\u00fcndet. Gl\u00fcck, Entz\u00fccken, Hochgef\u00fchl.<\/p>\n\n<p>Essen ist ein Sinnesrausch. Essen ist Verf\u00fchrung. Wahrscheinlich die gr\u00f6sste Verf\u00fchrung \u00fcberhaupt. Geht es ums Essen, werden wir schwach. 200 Entscheide treffen wir jeden Tag zum Essen und Trinken. 200 Verlockungen, denen wir nachgeben oder widerstehen. Wir denken h\u00e4ufiger an Nahrung als an Sex.<\/p>\n\n<p>Wer mit Essen verf\u00fchren kann, hat Macht \u00fcber Millionen von Konsumenten. Darum ist der Sinnesrausch l\u00e4ngst kein Zufall mehr. Er ist das Ergebnis eines pr\u00e4zisen Plans, ausget\u00fcftelt in den Labors der Nahrungsmittelindustrie. Sie designt unser Essen. Der Aufwand ist gewaltig. \u00abEine Tiefk\u00fchlpizza ist etwa so kompliziert wie ein Derivat der Finanzindustrie\u00bb, sagte j\u00fcngst <a href=\"https:\/\/www.gdi.ch\/de\/Think-Tank\/Studien\/Dr-David-Bosshart\">David Bosshart<\/a>, Trendforscher und Chef des Gottlieb-Duttweiler-Instituts, an einem Vortrag. Und er hat recht. Rund 7500 Zus\u00e4tze liegen im Werkzeugkasten der Lebensmittel\u00adindustrie. Sie tragen komplizierte Namen wie Polyvinylpolypyrrolidon oder Methylethylcellulose. Einige von ihnen werden auch als Baustoff eingesetzt, als Pflanzenschutzmittel oder in der Erd\u00f6lindustrie.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/815b9665-1cd6137f4c2f09acae835379051db1af.png\" alt=\"\"\/><figcaption>Polyvinylpolypyrrolidon<\/figcaption><\/figure>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Falsche Fr\u00fcchte<\/h2>\n\n<p>Das Beunruhigende ist nicht, dass wir so etwas essen, denn die Zusatzstoffe sind legal und f\u00fcr die allermeisten von uns unbedenklich, solange die Dosis stimmt. Beunruhigend ist, dass wir uns ans Geschmacksdesign in unserer Nahrung gew\u00f6hnen. Pl\u00f6tzlich schmeckt uns die frische Erdbeere im Joghurt nicht mehr, weil das Erdbeeraroma aus dem Labor anders ist; intensiver, besser. 80 Prozent der Sinneseindr\u00fccke von Nahrung gewinnen wir \u00fcber den Geruchssinn: \u00fcber Nase, Mundh\u00f6hle, Rachen. Und so ist rund um die Herstellung von Aromastoffen eine gewaltige Industrie entstanden. Rund 24 Milliarden Dollar hat sie letztes Jahr weltweit umgesetzt. Der Weltmarktf\u00fchrer Givaudan mit Sitz in Genf h\u00e4lt allein f\u00fcr die Erdbeere 300 verschiedene Aromen bereit. Jedes davon ist abgestimmt auf eine bestimmte Weltregion und bestimmte Nahrungsmittel, fl\u00fcssige, feste oder gefrorene. <span class=\"pull-right\">Die gesamte Himbeerernte der Welt reicht nur f\u00fcr f\u00fcnf Prozent des globalen Bedarfs an Himbeeraroma.<\/span><\/p>\n\n<p>Die Aromaindustrie floriert, weil nat\u00fcrliche Rohstoffe wie Fr\u00fcchte oder Gew\u00fcrze teuer sind. Die gesamte Himbeerernte der Welt w\u00fcrde nur f\u00fcr f\u00fcnf Prozent des globalen Bedarfs an Himbeeraroma reichen. Als Ersatz konstruieren die Spezialisten Tinkturen aus ganz erstaunlichen Grundstoffen. Bei Himbeeren sind es Zedernholzsp\u00e4ne. Eingekocht mit Wasser, Alkohol und einem Cocktail weiterer Zutaten, entstehen daraus die grossen Beerentr\u00e4ume. Die Zedern-Himbeere ist g\u00fcnstig. Um 100 Kilogramm Joghurt zu aromatisieren, zahlt die Industrie 4 Franken 50. W\u00fcrde sie frische Himbeeren verwenden, m\u00fcsste sie knapp 40 Franken auslegen.<\/p>\n\n<p>Vanille, einer der knappsten und teuersten Rohstoffe \u00fcberhaupt, konstruieren die Food-Designer g\u00fcnstig aus Abfall der Papierherstellung. Zum Einsatz kommen auch gentechnische Methoden: Aromen von Honig, H\u00fclsenfr\u00fcchten oder Mandeln werden im Bioreaktor aus Schimmelpilzen und Bakterien imitiert. Und das Beste daran ist: Die Firmen d\u00fcrfen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nat%C3%BCrliches_Aroma\">\u00abnat\u00fcrliches Aroma\u00bb<\/a> auf die Packung schreiben, weil Ausgangsstoffe wie Schimmelpilze nat\u00fcrlich sind.<\/p>\n\n<p>Die Vorschriften f\u00fcr Aromen sind grossz\u00fcgig ausgelegt, vielleicht zu grossz\u00fcgig. In Deutschland deckte eine Konsumentenorganisation auf, dass manche Joghurts andere Fr\u00fcchte enthalten, als auf dem Becher zu sehen sind. Die Technik dahinter heisst \u00abUmfruchten\u00bb: Statt teurer Kirschen gibt man die g\u00fcnstigeren Cranberries hinein. Aus der Schweiz sind keine solchen F\u00e4lle bekannt. Die Qualit\u00e4t gerade bei Joghurt ist viel h\u00f6her. Doch auch hier helfen die Hersteller mit Aromen nach. Auch hier sch\u00fctten sie Milcheiweisspulver f\u00fcr ein besseres Mundgef\u00fchl hinein. Und auch hier gibt es falsche Fr\u00fcchte, zum Beispiel im Kirschen-Fr\u00fcchtetee. Im Papierbeutel haben sich allerhand Fruchtkr\u00fcmel und Schalenst\u00fccke versammelt, nur Kirschen nicht. An sie erinnert nur ein Pulver aus Kirschensaftkonzentrat. Den Rest besorgen Aromastoffe.<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die K\u00f6nigin der Cornetwaffeln<\/h2>\n\n<p>Die besten Tricks sind meistens simpel. Und einer der simpelsten Tricks in der Lebensmittelindustrie ist der Trick von Paul Jung: Es ist Luft. Jung, 64-j\u00e4hrig, steht in Jeans und zerknitterter Jacke im Pausenraum der Frisco-Glace-Fabrik in Rorschach am Bodensee. Sie haben dort, und das sieht etwas kurios aus, die bunten Sonnenschirme und Stehtische aufgestellt, die sonst im Freibad stehen. Jung ist ein wichtiger Mann. Ihm hat die Schweiz das Rahmcornet zu verdanken. Drei von vier Cornets, die in diesem Land geleckt werden, kommen von Frisco. Jung hat sie entwickelt, \u00fcber Jahrzehnte Schicht f\u00fcr Schicht zusammengesetzt zu einer \u00abSymphonie der Erlebnisse\u00bb. Das mit der Symphonie sagt allerdings nicht Jung, sondern die Marketingfrau, die neben ihm unter dem Sonnenschirm steht.<\/p>\n\n<p>Ein Frisco-Cornet besteht zur H\u00e4lfte aus Luft. Glace ist Schaum, ein feines Ger\u00fcst aus Fettk\u00fcgelchen und gefrorenen Wassertr\u00f6pfchen. Je schaumiger es ist, desto angenehmer f\u00fchlt es sich im Mund an. Der Schaum quillt in der Produktionshalle in Rorschach mit einer Temperatur von minus 6 Grad aus D\u00fcsen und fliesst in eine Cornetwaffel, die nach Meinung von Frisco die K\u00f6nigin der Schweizer Cornetwaffeln ist. Das Karomuster ist gr\u00f6sser als bei der Konkurrenz. So gelange das Biskuit besser an Zunge und Gaumen, werde dort schneller aufgeweicht und der Geschmack entfalte sich schneller \u2014 sagen jedenfalls die Leute von Frisco, und die haben das nat\u00fcrlich evaluiert.<\/p>\n\n<p><span class=\"pull-right\">Ein Frisco-Cornet besteht zur H\u00e4lfte aus Luft. Glace ist Schaum, ein feines Ger\u00fcst aus Fettk\u00fcgelchen und gefrorenen Wassertr\u00f6pfchen.<\/span>&nbsp;Jung und seine Kollegen haben sowieso alles evaluiert und ausprobiert: Die Schokoladenimpr\u00e4gnierung, damit die Waffel nicht aufweicht. Die Caramelisierung der Mandelsplitter obendrauf, damit sie knackig bleiben. Den Geschmack des echten Fruchtp\u00fcrees, der dann aber doch mit Zitronensaft verst\u00e4rkt werden muss. Und den Erdbeerschaum, nachgef\u00e4rbt mit Randensaft. Ist die Glace gebaut, und das dauert nur ein paar Sekunden, wird sie schockartig auf minus 40 Grad gefroren, so werden die Wasserkristalle m\u00f6glichst klein, was das Gef\u00fchl im Mund verbessert.<\/p>\n\n<p>Glace zu verkaufen, ist ein extrem schwieriges Gesch\u00e4ft. Das Publikum ist anspruchsvoll. Man m\u00fcsse \u00abErlebniswelten\u00bb anbieten, sagen die Marketingleute. Die Cornet-Welt, die Becher-Welt, die Wasserglace-Welt, die Pralinato-Welt. Die Letzere wird seit einigen Jahren ziemlich bedr\u00e4ngt von der Magnum-Welt, die dummerweise nicht zum Frisco-Imperium geh\u00f6rt, sondern zur Konkurrenzmarke Lusso. In beiden Sorten ist dasselbe drin: Vanilleglace und Schokolade. Die Marketingfrau von Frisco findet allerdings, bei Magnum sei der Schokoladenmantel dicker. \u00abDer Pralinato-Esser will keinen dicken Mantel. Der Unterschied im Mund ist gigantisch.\u00bb Da haben sie bei Frisco ja nochmals Gl\u00fcck gehabt.<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Das Schaugew\u00fcrz<\/h2>\n\n<p>Designte Lebensmittel mit Zutaten aus dem Labor ver\u00e4ndern unseren Sinn daf\u00fcr, wie Essen wirklich schmeckt. \u00abBei Kindern k\u00f6nnen echte Kirschen und Birnen nicht mehr mit den Kunstaromen mithalten\u00bb, sagt Christian Niemeyer, \u00absie sind geschmacklich nicht intensiv genug.\u00bb Niemeyer, junges Gesicht mit Vollbart, Biologe und einer der gr\u00f6ssten Spielverderber f\u00fcr die europ\u00e4ische Nahrungsmittelindustrie, leitet das <a href=\"https:\/\/www.zusatzstoffmuseum.de\/\">\u00abMuseum f\u00fcr Zusatzstoffe\u00bb<\/a> in Hamburg. Es sieht aus wie ein kleiner Einkaufsladen und beherbergt Hunderte von Fl\u00e4schchen, P\u00fclverchen und Sprays: Aromen, Verdickungsmittel, Geschmacksverst\u00e4rker, Farbstoffe: der bunte Zauberkasten der Food-Designer. Niemeyer f\u00fchrt mit seinen Mitarbeitenden einen ungleichen Kampf gegen die Giganten der Industrie. Er kennt deren Tricks. Und er verr\u00e4t sie geduldig jedem Besucher, der den Weg in seinen Ausstellungsraum findet. Er kann sie gen\u00fcsslich auseinandernehmen, bis der grosse Sinnesrausch zerlegt ist in ein paar Tinkturen und Puderh\u00e4ufchen.<\/p>\n\n<p>Dabei ist Niemeyer nicht etwa ein Zusatzstoff-Gegner. Er will nur, dass die Leute wissen, was in ihrem Essen drin ist \u2014 unter Umst\u00e4nden eine ganze Menge, denn mit Zusatzstoffen arbeiten l\u00e4ngst nicht mehr nur die Nahrungsmittelfirmen. Ein Fl\u00e4schchen Fruchtaroma kann man sich heute problemlos \u00fcbers Internet f\u00fcr 3.50 Franken bestellen \u2014 f\u00fcr den Heimgebrauch oder f\u00fcr den Schnellimbiss. Viele Poulet-Verk\u00e4ufer arbeiten heute mit einer Essenz namens \u00abChicken Glace\u00bb, einer Tinktur, die mit dem Spray aufs brutzelnde Huhn aufgetragen wird. Sie macht die Haut sch\u00f6n knusprig, verleiht dem Fleisch einen rauchigen Geschmack und f\u00e4rbt es so ein, dass es aussieht wie perfekt grilliert. Wegen des regen Interesses von Konsumenten gibt es den Wunderspray seit kurzem auch in Fachgesch\u00e4ften f\u00fcr den Privathaushalt zu kaufen.<\/p>\n\n<p>Viele Zusatzstoffe sind reine Geschmacksverst\u00e4rker f\u00fcr Saucen, Suppen oder Fertiggerichte. Sie helfen, den Mangel an echten Zutaten wie Fleisch oder Gem\u00fcse zu \u00fcberdecken. So schm\u00fcckt sich etwa die Eierschw\u00e4mmlisuppe Supr\u00eame von Knorr auf der Packung mit f\u00fcnf Sternen \u2014 und bietet daf\u00fcr 1,2 Prozent getrocknete Eierschw\u00e4mmchen und etwas Champignonsaft-Konzentrat. F\u00fcr den deftigen Pilzgoutsorgen Aromen, Hefeextrakt, Zucker, Salz und Kaliumchlorid. Letztgenanntes ist ebenfalls ein Geschmacksverst\u00e4rker. Er findet, dies nebenbei, auch als D\u00fcngemittel Verwendung.<\/p>\n\n<p>1,2 Prozent Pilze sind in der Welt der Fertigsuppen gar nicht mal so d\u00fcrftig. Die Maggi-Bouillon mit Rindsgeschmack hatte \u00fcberhaupt nie physischen Kontakt mit Rindfleisch. Ein halber Liter dieser Suppe enth\u00e4lt 0,3 Gramm Gem\u00fcse, den Rest besorgen Aromastoffe, Gew\u00fcrzextrakte, Geschmacksverst\u00e4rker und Caramelzucker. Die paar Petersilienst\u00fccke, die darin schwimmen, dienen der Optik. Die Branche nennt solche Zugaben \u00abSchaugew\u00fcrze\u00bb. Sie sollen dem Auge zeigen, was einem die Aromen und Verst\u00e4rker in den Gaumen l\u00fcgen.<\/p>\n\n<p>Das Auge ist Teil des Geschmackssystems. Der Konsumierende erwartet ein gewohntes Bild und sch\u00f6ne Farben. Vanilleglace muss gelb sein, obwohl nat\u00fcrliche Vanille nicht gelb ist. Fr\u00fcher war sie mal gelb, weil man Eier als Emulgatoren zugesetzt hat. Heute \u00fcbernehmen Zusatzstoffe diese Aufgabe. Man f\u00e4rbt nach, weil sich der Konsument an die gelbe Farbe gew\u00f6hnt hat, genauso wie er schwarze K\u00f6rnchen in der Vanille als Zeichen h\u00f6chster Qualit\u00e4t deutet: Oh, richtige Vanillesamen. Leider nicht. In vielen F\u00e4llen sind die schwarzen Punkte nur fein gemahlene leere Vanilleschoten. Sie haben keinen Geschmack. Es ist nur Dekoration. Ein Schaugew\u00fcrz.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/35a61073-f6f14ba73ba1d0c7fae5a705fe00b6d8.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>\u00a9 Dan Saelinger \/ Trunk Archive<\/figcaption><\/figure>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Nestl\u00e9: Der Gesundheitskonzern<\/h2>\n\n<p>Im f\u00fcnften Stock an der Avenue de Nestl\u00e9 55 in Vevey sitzt Johannes Baensch. Es ist die Zentrale des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nestl%C3%A9\">gr\u00f6ssten Nahrungsmittelkonzerns der Welt<\/a>. Ein gewaltiger Bau, von oben sieht er aus, als w\u00e4re ein Raumschiff aus \u00abStar Wars\u00bb am Genfersee gelandet. Baensch tr\u00e4gt einen nachtblauen Anzug, sein Scheitel ist perfekt gezogen. In seinem R\u00fccken geht der Blick durch raumhohe Fenster auf einen Park, dahinter glitzert der See. Seit 24 Jahren arbeitet Baensch f\u00fcr Nestl\u00e9. Es ist ihm wichtig, dass man das weiss. Er wurde von seiner Firma nach Singapur geschickt, in die Niederlande, nach Frankreich. Jetzt ist er in der Schweiz und globaler Forschungschef des Konzerns. Baensch weiss also genau, wie man Essen designt, wie man mit Essen verf\u00fchrt.<\/p>\n\n<p>Das Unternehmen verfolgt mit seinen Produkten das 60\/40-Prinzip. Das heisst: In Blindtests m\u00fcssen mindestens 60 Prozent der Konsumentinnen und Konsumenten den Nestl\u00e9-Artikel gegen\u00fcber dem der Konkurrenz bevorzugen. Dann ist man zufrieden an der Avenue de Nestl\u00e9. Baensch will erkl\u00e4ren, welchen H\u00f6llenaufwand die Firma f\u00fcr diese 60-Prozent-Quote betreibt. Er greift zum Telefon, ruft eine Assistentin an. Sie solle eine Tafel Schokolade bringen, eine der neuen Sorten von Cailler. Die Marke Cailler geh\u00f6rt Nestl\u00e9. Als die Tafel eintrifft, gibt er den Befehl: \u00abDie essen wir jetzt. Machen Sie auf!\u00bb<\/p>\n\n<p><span class=\"pull-right\">Die Forschenden der Chipshersteller zerlegen dieses Ger\u00e4usch in einzelne Schwingungen und konstruieren daraus das optimale Krachmuster.<\/span> Die Schokolade hat Nestl\u00e9 viel Arbeit gekostet. Die Mandeln sind zwar eingegossen, aber nicht mit Schokolade \u00fcberzogen. Sie sitzen wie Edelsteine in kleinen Grotten in der Tafel. Diese Anordnung bereite dem Konsumenten ein einmaliges Geschmackserlebnis, findet Baensch. Man nehme im Mund zuerst die N\u00fcsse wahr und erst dann die Schokolade. Das zu fabrizieren, sei schwierig. Auch das dicke Papier liess sich nicht ohne weiteres in die Verpackungsmaschinen einspannen, aber Nestl\u00e9 wollte es<\/p>\n\n<p>so, weil das der Schokolade den Look eines handgemachten Produkts gebe. Und das ist dann schon etwas bizarr: Nestl\u00e9 verkauft jeden Tag weltweit eine Milliarde Produkte und tut so, als w\u00e4ren sie von Hand gemacht.<\/p>\n\n<p>Johannes Baensch ist ziemlich zufrieden mit der Schokolade und allem anderen, was er f\u00fcr Nestl\u00e9 geleistet hat. Finster wird seine Miene nur, wenn man ihn auf den Zucker und das Fett anspricht, das nicht nur in der Schokolade, sondern in vielen Nestl\u00e9-Produkten in ziemlich grossen Mengen zu finden ist: zum Beispiel in Fr\u00fchst\u00fccksflocken, die \u00abFitness\u00bb heissen, oder in Getr\u00e4nken f\u00fcr Kinder oder in den unz\u00e4hligen Glacen, Schokoriegeln und Joghurts, welche die Firma herstellt.<\/p>\n\n<p>Zucker und Fett sind althergebrachte Geschmacksverst\u00e4rker. Sie sorgen f\u00fcr einen runden, vollen Gout. Eine Etage \u00fcber dem Konferenzzimmer von Johannes Baensch hat der Konzern <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Liste_von_Nestl%C3%A9-Marken\">s\u00e4mtliche Produkte<\/a> ausgestellt, die er weltweit verkauft. Man muss einen Gang von etwa hundert Metern abschreiten, bis man an all den Sachen vorbeigegangen ist. Ein betr\u00e4chtlicher Teil davon ist Junkfood: S\u00fcsswaren, Tiefk\u00fchlpizza, Fertiggerichte, T\u00fctensuppe, Kuchen-Backmischungen, Instantkaffee. Nestl\u00e9 bezeichnet sich in seinen Firmenbrosch\u00fcren als \u00abf\u00fchrendes Unternehmen f\u00fcr Ern\u00e4hrung, Gesundheit und Wellness\u00bb. Warum stellt dann das Unternehmen so viel ungesundes Essen her?<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Melodie des Einzel-Chips<\/h2>\n\n<p>Den abwertenden Ausdruck \u00abJunkfood\u00bb hat die Branche l\u00e4ngst durch den freundlicheren Begriff \u00abIndulgence\u00bb ersetzt, was Genuss bedeutet. Indulgence-Produkte sind Produkte, die nicht besonders gesund sind, aber schmecken. Sie haben einen sogenannten \u00abBliss Point\u00bb. Das ist der Punkt, an dem sich das gew\u00fcnschte sensorische Empfinden maximal entwickelt. Der Punkt der optimalen S\u00fcsse bei Schokolade zum Beispiel.<\/p>\n\n<p>Wie man so etwas hinkriegt, fragen sich nicht nur die Leute in den Nestl\u00e9-Labors auf der ganzen Welt, sondern auch Forscher wie Erich Windhab. Er ist offiziell Professor f\u00fcr Food Process Engineering an der ETH Z\u00fcrich, aber genauso gut gef\u00e4llt ihm der inoffizielle Titel, den ihm seine Tochter verliehen hat. Sie nennt ihn \u00abProfessor Chocolat\u00bb. Windhab hat ein Verfahren entwickelt, um Schokolade herzustellen,die einerseits im Mund zum optimalen Zeitpunkt schmilzt, n\u00e4mlich bei einer Temperatur zwischen 29 und 32 Grad. Anderseits bildet sie keinen weissen Belag, den Schokolade fr\u00fcher bekam, wenn man sie zuhinterst im K\u00fcchenschrank vergessen hatte. Die Tochter war mit dem Schokoladen-Professor als Vater der Star der Schulklasse. Er selbst ist der Star der Schokoladenindustrie. Sie hat sein Verfahren begeistert \u00fcbernommen.<\/p>\n\n<p>Windhab, Kinnb\u00e4rtchen und schulterlanges Haar, sitzt in einem kleinen B\u00fcro im Z\u00fcrcher Universit\u00e4tsquartier. Wenn er von seiner Arbeit erz\u00e4hlt, dann zeichnet er Gauss\u2019sche Kurven und Prozessdiagramme auf ein Papier. Windhab versucht den Sinnesrausch mathematisch zu quantifizieren. Seine Hilfsmittel sind nicht Aromaessenzen und Verdickungsmittel, sondern der Fourier-Koeffizient und die Sinuskurve. Er spricht von der \u00abMelodie des Einzel-Chips\u00bb und meint damit das Ger\u00e4usch, das ein Kartoffel-Chip beim Zerbeissen von sich gibt. Wie ein Lebensmittel t\u00f6nt, ist relevant. Die Forschenden der Chips-Hersteller zerlegen dieses Ger\u00e4usch in einzelne Schwingungen und konstruieren daraus das optimale Krachmuster. Grosse Snack-Hersteller wie Kellogg mit seiner Chips-Marke Pringles achten sogar auf einen einheitlichen Bruchpunkt. Sie testen ihre Produkte mit einem mechanischen Stempel, der die Form von Schneidez\u00e4hnen hat. Der angestrebte Messwert liegt bei 276 Millibar. Anschliessend imitiert ein k\u00fcnstlicher Mund mit einer Kugelm\u00fchle die Zerkleinerung der Chips. Eine speichel\u00e4hnliche Fl\u00fcssigkeit wird dazugemischt. So stellen die Designer den Vorgang im Mund nach und basteln hernach eine Kartoffelscheibe mit optimalen Eigenschaften f\u00fcr den Verzehr. \u00abDer Konsument ist bereit, 10 bis 20 Kaubewegungen zu machen\u00bb, sagt Windhab. \u00abDann will er schlucken.\u00bb<\/p>\n\n<p>Gemessen an diesem Aufwand sieht die Firma Zweifel Pomy-Chips in Spreitenbach im Aargau aus wie ein Amateur- oder vielleicht eher wie ein Gourmet-Produzent. Sie schnitzt ihre Chips noch altmodisch aus einer Kartoffel und presst sie nicht aus Flocken in eine Einheitsform. Die Gew\u00fcrze mischt sie in grossen Trommeln in die fettfeuchten Chips. Die St\u00fccke sind unterschiedlich gross und unterschiedlich fest. Eine Bruchpunktmessung findet nicht statt.<\/p>\n\n<p>Ohne Entwicklungslabor kommt aber auch Zweifel Pomy-Chips nicht aus, denn ein Kernproblem der globalen Nahrungsmittelindustrie stellt sich auch in der Provinz in Spreitenbach: Wie stelle ich ein Produkt her, das immer gleich schmeckt, aus einem Rohstoff, der immer anders beschaffen ist? Kartoffeln unterliegen saisonalen Schwankungen, der Geschmack ist nicht immer derselbe. Der St\u00e4rkegehalt ver\u00e4ndert sich, das beeinflusst die Knusprigkeit. Dagegen helfen unter anderem Zusatzstoffe.<\/p>\n\n<p>Bei Zweifel ist Pietro Realini daf\u00fcr zust\u00e4ndig. Realini ist Lebensmittelingenieur. Er isst, berufeshalber, seit 19 Jahren j\u00e4hrlich zehn Kilogramm Pommes Chips und ist schlank wie ein Spargel, was beweise, sagt er, dass Chips der Figur nicht abtr\u00e4glich seien. Eine seiner grossen Herausforderungen ist es, die Erinnerungen der Konsumierenden zu aktivieren. Zweifel-Pommes-Chips in weissen Plastikschalen geh\u00f6ren seit Jahrzehnten zum Inventar jeder Schweizer Schulparty. Der erste Flirt, der erste Liebeskummer, der erste Kuss \u2014 die Zweifel-Chips waren dabei. Sie sind der kulinarische Soundtrack der Jugend. \u00abDarum\u00bb, sagt Realini, \u00abm\u00fcssen unsere Chips gleich schmecken wie vor dreissig Jahren. Denn mit den Chips kommen die Erinnerungen.\u00bb<\/p>\n\n<p>Essen ist auch ein Gef\u00fchl.<\/p>\n\n<p><em>Dieser Text stammt\u00a0aus dem Buch\u00a0<a href=\"http:\/\/www.nzz-libro.ch\/der-kult-um-unser-essen.html\">\u00abDer Kult um unser Essen: Wo es herkommt. Warum es schmeckt. Wie es uns verf\u00fchrt.\u00bb<\/a>\u00a0ISBN 978-3-03810-090-4<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kunstvanille aus Papierabf\u00e4llen, Pommes Chips mit perfektem Bruchverhalten. Die Sinnesfreude beim Essen ist konstruiert bis ins letzte Detail. Die Lebensmittelindustrie verf\u00fchrt uns mit Tausenden von Aromen und Zusatzstoffen. Das Beunruhigende da\u00adran ist: Unser Geschmack gew\u00f6hnt sich an die Design-Nahrung.<\/p>\n","protected":false},"author":49,"featured_media":44597,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_planet4_optimize_post_is_variant":false,"_planet4_optimize_experiment_name":"","_planet4_optimize_variant_name":"","ep_exclude_from_search":false,"p4_og_title":"","p4_og_description":"","p4_og_image":"","p4_og_image_id":"","p4_seo_canonical_url":"","p4_campaign_name":"not set","p4_local_project":"not set","p4_basket_name":"not set","p4_department":"","footnotes":""},"categories":[47],"tags":[33],"p4-page-type":[194],"gpch-article-type":[],"class_list":["post-44594","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-greenpeace","tag-ernaehrung","p4-page-type-hintergrund"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44594","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/49"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=44594"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44594\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/44597"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=44594"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=44594"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=44594"},{"taxonomy":"p4-page-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/p4-page-type?post=44594"},{"taxonomy":"gpch-article-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/gpch-article-type?post=44594"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}