{"id":44630,"date":"2016-05-27T07:00:00","date_gmt":"2016-05-27T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=44630"},"modified":"2020-05-21T15:32:48","modified_gmt":"2020-05-21T13:32:48","slug":"es-braucht-eine-klare-befristung-der-betriebsbewilligung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/44630\/es-braucht-eine-klare-befristung-der-betriebsbewilligung\/","title":{"rendered":"\u00abEs braucht eine klare Befristung der Betriebsbewilligung\u00bb"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Gregory Jaczko hat als Chef der US-Atomaufsicht den Super-GAU von Fukushima miterlebt. Obwohl er sich nicht als Gegner der Atomkraft sieht, verfolgt er die Atomindustrie mit kritischem Blick. Der Schweiz empfiehlt er, die Laufzeit der alten Reaktoren in irgendeiner Form zu begrenzen. Die Schweizerische Energie-Stiftung SES hat sich nach Jaczkos Auftritt am Nuclear Phaseout Congress 2016 mit ihm unterhalten.<\/strong><\/p>\n\n<p><span class=\"dropcap\">G<\/span>regory Jaczko referierte am Nuclear Phaseout Congress 2016 als \u00abMann mit einschl\u00e4giger Erfahrung\u00bb und zeigte mit klaren Worten die Grenzen der Atomaufsicht auf. Dabei r\u00e4umte der ehemalige Chef der US-Atomaufsichtsbeh\u00f6rde mit vorherrschenden Missverst\u00e4ndnissen auf. Die Verantwortung f\u00fcr die Sicherheit eines Atomkraftwerks trage nicht prim\u00e4r die Atomaufsicht. Diese liege letztlich bei den Betreibern selbst. Zudem werde Sicherheit unterschiedlich definiert und verstanden. Die Bev\u00f6lkerung beispielsweise verstehe \u00abSicherheit\u00bb als Garantie f\u00fcr die Unm\u00f6glichkeit eines nuklearen Unfalls. F\u00fcr die Aufsichtsbeh\u00f6rden jedoch heisse \u00absicher\u00bb nur, dass die AKW-Betreiber die gesetzlichen Anforderungen einhalten. Sein Fazit ist ern\u00fcchternd: Ein Unfall kann sich jederzeit wieder ereignen. Das zeigt auch ein Blick in die Geschichte der Atomenergie. Ein Gespr\u00e4ch mit Gregory Jaczko \u00fcber die Herausforderungen beim Langzeitbetrieb von alten AKW und die beste L\u00f6sung f\u00fcr eine sichere Ausserbetriebnahme.<\/p>\n\n<p>SES: <em>Herr Jaczko, wenn Sie h\u00f6ren, dass die Schweiz mit Beznau I das \u00e4lteste AKW der Welt betreibt, was l\u00f6st das bei Ihnen aus?<\/em><\/p>\n\n<p>Gregory Jaczko: Das \u00fcberrascht mich nicht so sehr. In den USA gibt es Anlagen, die fast gleich alt sind wie das AKW Beznau. Was mich mehr \u00fcberrascht, ist die Tatsache, dass dieser Alt-Reaktor eine unbefristete Betriebsbewilligung besitzt. Aus meiner Sicht sind das heikle Voraussetzungen, um ein AKW zu betreiben. In den USA haben die Atomanlagen befristete Bewilligungen f\u00fcr eine Laufzeit von 40 Jahren. Die Betreiber haben die M\u00f6glichkeit, eine Laufzeit-Verl\u00e4ngerung zu beantragen. Um diese zu erhalten, werden diejenigen Komponenten der Anlage untersucht, welche von alterungsbedingten Abnutzungserscheinungen betroffen sein k\u00f6nnen. Die Betreiber m\u00fcssen aufzeigen, dass sie diese Komponenten gen\u00fcgend \u00fcberwachen. Sie m\u00fcssen sicherstellen, dass keine unvorhersehbaren Ereignisse eintreten k\u00f6nnen.<\/p>\n\n<p>SES: <em>Welches sind die grossen Herausforderungen beim Langzeitbetrieb von Atomkraftwerken?<\/em><\/p>\n\n<p>GJ:&nbsp;Es existieren Bauwerke, die bedeutend \u00e4lter sind als Atomkraftwerke. In der Schweiz gibt es z.B. Br\u00fccken, die auf die Antike zur\u00fcckgehen. Bauwerke k\u00f6nnen f\u00fcr sehr lange Zeit bestehen bleiben, wenn sie entsprechend in Stand gehalten werden. Bei der Atomkraft ist das anders. Die Bestandteile sind sehr rauen Bedingungen ausgesetzt, etwa starken Temperaturunterschieden oder sehr hohen Strahlenbelastungen. Diese Faktoren beschleunigen den Alterungsprozess der Materialien. Die grosse Herausforderung im Langzeitbetrieb ist, dass diese Alterungsprozesse stetig fortschreiten und das Verhalten der Materialien kaum vorhersehbar ist. Man begibt sich auf Felder, auf denen man schlicht noch zu wenig Erfahrung hat. Das erschwert die Beurteilung der Sicherheit stark: Sind die gesetzlichen Anforderungen nun erf\u00fcllt oder nicht?<\/p>\n\n<p>SES: <em>Was ist ihre Empfehlung an die Schweiz? Wie k\u00f6nnen wir die letzten Betriebsjahre unserer Alt-Reaktoren bis zur endg\u00fcltigen Ausserbetriebnahme sicher gestalten?<\/em><\/p>\n\n<p>GJ: Der beste Weg ein AKW abzuschalten ist, dies am Vorabend anzuk\u00fcnden. Denn der Entscheid, ein AKW f\u00fcr immer herunterzufahren, hat eine nicht zu vernachl\u00e4ssigende Auswirkung auf die Moral und die Leistungsbereitschaft der Angestellten. Das ist v\u00f6llig normal. Es gibt Umw\u00e4lzungen, der Arbeitsfluss wird beeintr\u00e4chtigt. Qualifizierte Fachleute werden die Stelle wechseln, um ihre Karriere weiterzuverfolgen, und nicht drei Jahre lang bis zum Betriebsende der Anlage bleiben. Man wird kaum mehr geeignete Fachleute f\u00fcr eine auf sechs Monate befristete Anstellung finden. In der Folge muss das bestehende Personal \u00dcberstunden leisten. Und das birgt das Potenzial f\u00fcr Fehler. Das ist einfach keine optimale Situation, um ein AKW sicher zu betreiben.<\/p>\n\n<p>SES: <em>Eine m\u00f6gliches Phaseout-\u00adSzenario bietet sich der Schweiz mit der Abstimmung zur Atomausstiegs\u00adinitiative, welche diesen Herbst vors Volk kommt. Die Initiative sieht eine Ausserbetriebnahme nach 45 Jahren vor. Denken Sie, das ist eine gute Idee?<\/em><\/p>\n\n<p>GJ: Ja. Ich denke, es braucht eine Art von Laufzeitbegrenzung. Als Kompromiss k\u00f6nnte man immer noch eine Laufzeiterweiterung von z.B. 15 Jahren garantieren, verbunden mit einer gewissenhaften \u00dcberpr\u00fcfung des Zustands der Anlage. Meiner Meinung nach braucht es \u2013 in irgendeiner Form \u2013 eine klare Befristung der Betriebsbewilligung. Ausser der Schweiz kommt mir kein anderes Land in den Sinn, in dem es das nicht gibt.<\/p>\n\n<p>SES: <em>Leider hat das Parlament k\u00fcrzlich genau einen solchen Kompromiss \u2013 ein Langzeitbetriebskonzept f\u00fcr jeweils eine Verl\u00e4ngerung von 10 Jahren \u2013 abgelehnt. Und dies gegen den Willen der Atomaufsicht ENSI&#8230;<\/em><\/p>\n\n<p>GJ: Wie kann man hier dagegen sein? Selbst als Atomkraft-Bef\u00fcrworter gibt es doch keine Einw\u00e4nde gegen eine Laufzeitbegrenzung, verbunden mit einer Laufzeitverl\u00e4ngerung unter bestimmten Sicherheitsauflagen? Das verstehe ich nicht.<\/p>\n\n<p>SES: <em>Man h\u00f6rt in der Schweiz immer wieder, die Atomkraft sei aus Klimaschutzgr\u00fcnden unabdingbar. Was sagen Sie dazu?<\/em><\/p>\n\n<p>Die aktuelle Tendenz ist die, dass in den n\u00e4chsten 10 bis 15 Jahren mehr AKW altersbedingt stillgelegt werden als neue ans Netz gehen. Schauen Sie sich die Schweiz an: Sie bauen keine neuen Atomkraftwerke mehr und die bestehenden werden fr\u00fcher oder sp\u00e4ter heruntergefahren. Vor diesem Hintergrund verstehe ich nicht, wie man von der Atomkraft als L\u00f6sung f\u00fcr den Klimawandel reden kann. Wenn dieser Trend sich fortsetzt, wird es ausser in China, Indien und Russland bald nur noch sehr wenige AKW geben. Viele Leute sprechen von der Notwendigkeit der Atomkraft f\u00fcr den Klimaschutz. Aber selbst wenn wir das Klimaproblem mit Hilfe der Atomkraft l\u00f6sen wollen, sitzen wir in der Tinte, denn die Atomkraft kann diese Rolle nicht erf\u00fcllen. Realistisch ist diese L\u00f6sung nicht. Die wenigen AKW-Neubauprojekte in den USA und Europa sind massiv hinter dem Zeitplan und massiv \u00fcber dem Budget. In den USA sind die Kosten dermassen explodiert, dass wir am Punkt angelangt sind, wo es schlicht nicht mehr m\u00f6glich ist, neue AKW zu bauen. Niemand ist bereit, ein neues AKW zu finanzieren.<\/p>\n\n<p><strong>Zu Gregory Jaczko<\/strong>: Die USA sind das Land mit den meisten betriebsf\u00e4higen Reaktoren weltweit. Gregory Jaczko wurde 2005 als Kommissar der US-Atomaufsichtsbeh\u00f6rde NRC vereidigt. 2009 ernannte Pr\u00e4sident Barack Obama ihn zum Vorsitzenden der Organisation. Im Nachgang an Fukushima vertrat Jaczko die Position, dass die Bewilligungen f\u00fcr vier neue Reaktor-Bauprojekte in den USA nicht erteilt werden sollten. Aus seiner Sicht waren die Konsequenzen aus dem Unfall in Fukushima nicht gezogen worden, entsprechende \u00c4nderungen an den Sicherheitsstandards fehlten. Doch Jaczko wurde von den \u00fcbrigen Kommissionsmitgliedern \u00fcberstimmt und die Bewilligungen wurden erteilt. 2012 trat Jaczko von seinem Amt zur\u00fcck. Heute arbeitet er als Berater im Bereich der erneuerbaren Energien.<\/p>\n\n<p><strong>\u00dcber den Autor<\/strong>: Valentin Schmidt ist Leiter Politik&amp;Kommunikation bei der\u00a0<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.energiestiftung.ch\/\" target=\"_blank\">Schweizerischen Energie-Stiftung SES<\/a>. Das Interview ist in der Ausgabe 2\/2016 des SES-Mitgliedermagazins \u00abEnergie und Umwelt\u00bb erschienen. Als politisch und finanziell unabh\u00e4ngige Fachorganisation setzt sich die SES seit nunmehr 40 Jahren f\u00fcr eine menschen- und umweltgerechte Energieversorgung der Schweiz ein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gregory Jaczko hat als Chef der US-Atomaufsicht den Super-GAU von Fukushima miterlebt. Obwohl er sich nicht als Gegner der Atomkraft sieht, verfolgt er die Atomindustrie mit kritischem Blick. Der Schweiz empfiehlt er, die Laufzeit der alten Reaktoren in irgendeiner Form zu begrenzen. 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