{"id":44645,"date":"2016-06-17T07:00:00","date_gmt":"2016-06-17T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=44645"},"modified":"2020-05-21T15:44:25","modified_gmt":"2020-05-21T13:44:25","slug":"im-aktuellen-wirtschaftssystem-ist-fairtrade-die-beste-alternative","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/44645\/im-aktuellen-wirtschaftssystem-ist-fairtrade-die-beste-alternative\/","title":{"rendered":"\u00abIm aktuellen Wirtschaftssystem ist Fairtrade die beste Alternative\u00bb"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin von Fairtrade Africa, Nyagoy Nyong\u2019o, erz\u00e4hlt im Interview, weshalb der derzeitige Weltmarkt f\u00fcr afrikanische Bauern lebensbedrohlich ist. Und sie fordert von westlichen Konsumenten mehr Fairtrade-Produkte zu kaufen. Aktuell k\u00f6nnen n\u00e4mlich nur 23 Prozent der fair produzierten Lebensmittel auch als solche verkauft werden.<\/strong><\/p>\n\n<p><em><span class=\"dropcap\">F<\/span>rau Nyong\u2019o, Fairtrade Africa setzt sich f\u00fcr existenzsichernde Einkommen bei afrikanischen Kleinbauern ein. Weshalb verdienen Afrikas Bauern heute nicht gen\u00fcgend durch den Verkauf von Kaffee, Kakao oder Tee?<\/em><\/p>\n\n<p>Wegen der ungleichen Machtverteilung in der Wertsch\u00f6pfungskette. Zwischenh\u00e4ndler und Zulieferer, zum Beispiel D\u00fcnger- oder Saatguth\u00e4ndler, tendieren dazu, ihre Marktmacht zu Ungunsten der Kleinbauern auszunutzen. Die grossen Agrokonzerne f\u00f6rdern eine mechanisierte, grossfl\u00e4chige Landwirtschaft und nicht die Kleinbauern. Hinzu kommen Handelsschranken in westlichen L\u00e4ndern, die f\u00fcr Exportprodukte unserer Bauern typischerweise am h\u00f6chsten sind.<\/p>\n\n<p><em>Wie wirken sich diese Schranken auf die Kleinbauern in Afrika aus?<\/em><\/p>\n\n<p>Die Bauern im Westen werden von ihren Regierungen stark subventioniert. Dadurch sinken die Marktpreise. Unsere Bauern k\u00f6nnen da unm\u00f6glich mithalten. Ein weiteres Problem, zum Beispiel beim Kaffee, ist die Preisvolatilit\u00e4t. Es gibt Zeiten, da ist der Weltmarktpreis so tief, dass mit den Eink\u00fcnften nicht einmal mehr die Produktionskosten gedeckt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n<p><em>Die Bauern geben die Landwirtschaft auf und ziehen in die St\u00e4dte.<\/em><\/p>\n\n<p>Nicht unbedingt. Afrika ist ein Kontinent der Kleinbauern und Landwirtschaft ist hier auch ein Lebensstil. Wenn diese Menschen nicht mehr in der Landwirtschaft arbeiten, was machen sie dann? In den St\u00e4dten gibt es nicht genug Arbeit. Derzeit beobachten wir jedoch, dass viele Bauern Exportprodukte wie Kaffee oder Tee mit Nahrungsmitteln f\u00fcr die Selbstversorgung ersetzen. Dies auch deshalb, weil die Kosten f\u00fcr D\u00fcnger f\u00fcr \u00abcash crops\u00bb zu hoch sind.<\/p>\n\n<p><em>Auch die Schweiz ist bekannt f\u00fcr ihre subventionierten Bauern und hohe Z\u00f6lle f\u00fcr ausl\u00e4ndische Agrarprodukte. Leiden afrikanischen Bauern direkt darunter?<\/em><\/p>\n\n<p>Ja, Zucker ist ein gutes Beispiel daf\u00fcr. Die Produktion von Zucker aus R\u00fcben wird in der Schweiz stark subventioniert. Bauern in S\u00fcdafrika und Malawi, die Zuckerrohr anpflanzen, und auf den Export angewiesen sind, k\u00f6nnen mit den tiefen Schweizer Preisen nicht mithalten.<\/p>\n\n<p><em>Was m\u00fcsste die Schweiz Ihrer Meinung nach tun, um die Marktchancen f\u00fcr afrikanische Bauern zu verbessern? <\/em><\/p>\n\n<p>Die Subventionen senken und Z\u00f6lle abbauen; auch wenn mir bewusst ist, dass die Schweizer Bauern das auf keinen Fall h\u00f6ren wollen (lacht). Die L\u00f6sung liegt aber nat\u00fcrlich nicht bei einem einzelnen Land. Wir m\u00fcssen eine globale L\u00f6sung f\u00fcr die Handelsprobleme finden und uns als eine globale Familie verstehen. Wir sprechen hier von zwei Milliarden Kleinbauern weltweit! Wenn diese keinen Zugang zum Weltmarkt haben, werden wir die Sustainable Development Goals niemals erreichen, die letztes Jahr von der UN als globale Entwicklungsziele verabschiedet wurden.<\/p>\n\n<p><em>Sie sind zwar gegen Z\u00f6lle in Europa und den USA, sprechen sich aber gleichzeitig f\u00fcr mehr Protektionismus in Afrika aus. Ist das nicht widerspr\u00fcchlich?<\/em><\/p>\n\n<p>Nein, ich spreche mich nicht grunds\u00e4tzlich f\u00fcr mehr Protektionismus in Afrika aus. Wenn der Westen seine Subventionen und Z\u00f6lle reduziert werden die Weltmarktpreise steigen und die Kleinbauern aus Afrika konkurrenzf\u00e4higer. Wenn der Westen Subventionen und Z\u00f6lle nicht reduziert, m\u00fcssen diese jedoch auch in Afrika eingef\u00fchrt werden.<\/p>\n\n<p><em>Inwiefern w\u00fcrden die Bauern davon profitieren?<\/em><\/p>\n\n<p>Ich gebe Ihnen ein Beispiel: In Afrika bauen viele Bauern Reis an. Sie k\u00f6nnen diesen aber nicht Mal in Afrika verkaufen, weil man in den Gesch\u00e4ften viel g\u00fcnstigeren subventionierten Reis aus den USA oder aus Asien findet. Dasselbe gilt f\u00fcr Baumwolle: Die Weltmarktpreise sind im Keller seit die USA ihre Produktion stark erh\u00f6ht haben. Die USA fluten den Markt mit subventionierter Baumwolle. L\u00e4nder wie Mali, Benin, Senegal und Togo leiden stark darunter.<\/p>\n\n<p><em>Und wieso unterst\u00fctzen die afrikanischen Regierungen ihre Bauern nicht?<\/em><\/p>\n\n<p>Sie haben schlicht nicht die Mittel daf\u00fcr!<\/p>\n\n<p><em>Ist das nicht etwas zu einfach? Staaten wie Nigeria k\u00f6nnen auf grosse Einnahmen aus dem Verkauf von Erd\u00f6l zur\u00fcckgreifen. Weshalb profitieren die Bauern nicht davon? <\/em><\/p>\n\n<p>Nat\u00fcrlich ist das auch eine Frage der Priorit\u00e4ten. Viele afrikanischen Regierungen stecken viel mehr Geld in die Verteidigung, als in die Landwirtschaft. Zudem werden die vorhandenen Ressourcen vielerorts auch einfach sehr schlecht gemanagt.<\/p>\n\n<p><em>Gut, die Regierungen haben kein Geld oder wollen es nicht f\u00fcr die Subvention ihrer Bauern ausgeben. Aber sie k\u00f6nnten doch zumindest die Z\u00f6lle f\u00fcr ausl\u00e4ndische Produkte erh\u00f6hen, um die einheimischen Bauern zu sch\u00fctzen. Wieso tun sie das nicht?<\/em><\/p>\n\n<p>Einerseits spricht sich die Welthandelsorganisation deutlich gegen die Einf\u00fchrung von Z\u00f6llen aus, andererseits w\u00fcrde dies vom Westen nicht respektiert. F\u00fcr mich w\u00e4re das jedoch eine l\u00e4ngst f\u00e4llige Massnahme.<\/p>\n\n<p><em>Lobbyiert Fairtrade Africa aktiv f\u00fcr h\u00f6here Z\u00f6lle in Afrika? <\/em><\/p>\n\n<p>Bisher haben wir uns auf die Betreuung der Kleinbauern fokussiert. Aber wir haben realisiert, dass wir enger mit den Regierungen zusammenarbeiten m\u00fcssen und dass die \u00abfood advocacy\u00bb zu einem Schwerpunkt unserer Arbeit werden muss.<\/p>\n\n<p><em>Wie steht es um den innerafrikanischen Binnenmarkt? K\u00f6nnte dieser langfristig einen Ausweg aus der internationalen Isolation bieten?<\/em><\/p>\n\n<p>Wir haben in Afrika eine wachsende Mittelklasse, die ein gr\u00f6sseres Bewusstsein gegen\u00fcber fair produzierten Nahrungsmitteln hat und bereit ist, etwas mehr f\u00fcr afrikanische Produkte zu bezahlen. Sie finden heute schon in mehreren afrikanischen L\u00e4ndern Wein, Kaffe, Tee und Schokolade von Fairtrade-Produzenten. Allen voran nat\u00fcrlich in S\u00fcdafrika und Kenia, wo auch unsere beiden Gesch\u00e4ftsstellen sind. Aber im Vergleich mit Europa sind die Verk\u00e4ufe derzeit noch marginal. Dort ist das Bewusstsein f\u00fcr unsere Produkte bereits viel gr\u00f6sser. Trotzdem verkaufen wir aber auch in Europa lediglich 23 Prozent der Produkte, die nach Fairtrade-Richtlinien produziert werden, unter dem Fairtrade-Label.<\/p>\n\n<p><em>Weil die Nachfrage nach Fairtrade in Europa nicht gen\u00fcgend hoch ist?<\/em><\/p>\n\n<p>Ja, es gibt bei euch einfach zu wenig Leute, die solche Produkte kaufen (lacht). Deshalb ist das Marketing f\u00fcr Fairtrade-Produkte in westlichen L\u00e4ndern f\u00fcr uns so wichtig. Wenn eine Farm das Fairtrade-Label tr\u00e4gt, dann sind alle dort produzierten Produkte Fairtrade. Wenn diese als herk\u00f6mmliche Ware verkauft werden, verlieren die Bauern Geld.<\/p>\n\n<p><em>Nicht alle bef\u00fcrworten das Fairtrade-Konzept. Manche kritisieren, dass sie damit staatliche Aufgaben \u00fcbernehmen und die Regierungen vom Reformdruck entlasten. <\/em><\/p>\n\n<p>Was ist die Alternative? Sollen wir auf unsere Regierungen warten, w\u00e4hrend tausende von Frauen sterben, weil sie w\u00e4hrend der Geburt keine ausreichende medizinische Versorgung erhalten? Oder sollen wir die Gemeinschaften von Innen heraus st\u00e4rken und ihnen eine M\u00f6glichkeit geben, ihre Zukunft in die eigenen H\u00e4nde zu nehmen? Genau das tun wir mit unserer Fairtrade-Pr\u00e4mie f\u00fcr soziale Projekte in den Gemeinden, zum Beispiel f\u00fcr den Bau von Kliniken, die Unterst\u00fctzung von Schulen oder Weiterbildungen f\u00fcr Frauen.<\/p>\n\n<p><em>Ndongo Samba Sylla kritisiert in seinem Buch \u00abThe fair trade scandal\u00bb, dass Fairtrade keine L\u00f6sungen f\u00fcr die echten Probleme des Weltmarktes biete. Vielmehr schm\u00fccke es das aktuelle, unfaire System mit einem moralischen M\u00e4ntelchen. <\/em><\/p>\n\n<p>Nat\u00fcrlich w\u00e4re ein grunds\u00e4tzlicher Wandel des Wirtschaftssystems n\u00f6tig. Sicher ist es auch nicht falsch zu argumentieren, dass der Kapitalismus eine Wurzel unserer Probleme ist. Aber im aktuellen System ist Fairtrade die beste Alternative. Wir haben heute eine Million zertifizierte Bauern in Afrika und im Mittleren Osten. Mehr als drei Millionen Menschen profitieren von besseren Handelsbedingungen. Man muss unseren Erfolg oder Misserfolg in den Verbesserungen im Alltag der einzelnen Menschen beurteilen.<\/p>\n\n<p><em>Ein weiterer Kritikpunkt ist die Zusammenarbeit von Fairtrade mit Grosskonzernen wie Mars und Cadbury. Wie stehen Sie dazu?<\/em><\/p>\n\n<p>Wir sind stets an neuen Partnern und M\u00e4rkten interessiert solange diese Fairtrade-Prinzipien erf\u00fcllen.<\/p>\n\n<p><em>Aber dr\u00fccken nicht gerade solche Grosskonzerne die Preise bei den Bauern und setzen sich f\u00fcr die Deregulierung der afrikanischen M\u00e4rkte ein? <\/em><\/p>\n\n<p>Wir suchen uns unsere Partner sehr bewusst aus und arbeiten nur mit denjenigen zusammen, die auch unsere Prinzipien teilen und respektieren. Mars und Cadbury haben begonnen die Fairtrade-Prinzipien in ihre Lieferketten zu integrieren. Wir erhoffen uns dadurch neue, grosse M\u00e4rkte zu er\u00f6ffnen.<\/p>\n\n<p><em>Gut, lassen wir das. Eine letzte Frage: Die Leser des Greenpeace Magazins interessiert sicherlich auch, die Beziehung zwischen Fairtrade und \u00f6kologischer Nachhaltigkeit. Profitiert auch die Natur von Fairtrade?<\/em><\/p>\n\n<p>Unbedingt. Unsere Zertifizierung beinhaltet soziale, \u00f6konomische und \u00f6kologische Aspekte. Letzteres besteht zum Beispiel in einem fortschrittlichen Abfallmanagement, in der nachhaltigen Bodenbearbeitung, in der F\u00f6rderung der Biodiversit\u00e4t und einer Reduktion des Pestizideinsatzes. Der Umweltgedanke ist uns sehr wichtig. Ihre Leser k\u00f6nnen davon ausgehen: Es gibt keine Fairtrade-Produkte, die nicht auch \u00f6kologisch nachhaltig sind.<\/p>\n\n<p><strong>Nyagoy Nyong\u2019o<\/strong> ist seit Dezember 2013 Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin von Fairtrade Africa. Die Mutter von drei Kindern lebt mit ihrer Familie in Nairobi, Kenia. Davor hat sie \u00fcber acht Jahre f\u00fcr Max Havelaar und die FLO-CERT GmBH in der Schweiz gearbeitet. In dieser Funktion war sie f\u00fcr die Zertifizierung von Kleinbauern-Organisationen und Landwirtschaftsbetrieben in Afrika zust\u00e4ndig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin von Fairtrade Africa, Nyagoy Nyong\u2019o, erz\u00e4hlt im Interview, weshalb der derzeitige Weltmarkt f\u00fcr afrikanische Bauern lebensbedrohlich ist.<\/p>\n","protected":false},"author":49,"featured_media":44646,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_planet4_optimize_post_is_variant":false,"_planet4_optimize_experiment_name":"","_planet4_optimize_variant_name":"","ep_exclude_from_search":false,"p4_og_title":"","p4_og_description":"","p4_og_image":"","p4_og_image_id":"","p4_seo_canonical_url":"","p4_campaign_name":"not set","p4_local_project":"not set","p4_basket_name":"not set","p4_department":"","footnotes":""},"categories":[47],"tags":[33],"p4-page-type":[194],"gpch-article-type":[],"class_list":["post-44645","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-greenpeace","tag-ernaehrung","p4-page-type-hintergrund"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44645","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/49"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=44645"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44645\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/44646"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=44645"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=44645"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=44645"},{"taxonomy":"p4-page-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/p4-page-type?post=44645"},{"taxonomy":"gpch-article-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/gpch-article-type?post=44645"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}