{"id":44657,"date":"2016-07-08T07:00:00","date_gmt":"2016-07-08T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=44657"},"modified":"2020-05-21T15:58:12","modified_gmt":"2020-05-21T13:58:12","slug":"bioethanol-landhandel-mit-schweizer-beteiligung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/44657\/bioethanol-landhandel-mit-schweizer-beteiligung\/","title":{"rendered":"Bioethanol &#8211; Landhandel mit Schweizer Beteiligung"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Wer profitiert vom Freihandel mit Agrarfl\u00e4chen, was wird Entwicklungsl\u00e4ndern dabei versprochen und welche Ungleichheiten finden sich in den Pachtvertr\u00e4gen? Greenpeace hat den Deal einer Genfer Investitionsgruppe, anhand von Nachforschungen der Universit\u00e4t Bern\u00a0und \u00abBrot f\u00fcr alle\u00bb, unter die Lupe genommen: Der Landkauf von\u00a0Addax Bioenergy in Sierra Leone zur Herstellung von Bioethanol wurde einst als besonders nachhaltig gefeiert und von Entwicklungsbanken gef\u00f6rdert. Nun steht das Projekt vor dem Aus.<\/strong><\/p>\n\n<p><span class=\"dropcap\">D<\/span>iese Geschichte beginnt in Strassburg und endet in einem kleinen Dorf in Sierra Leone. 2003 \u00adverabschiedet das Europ\u00e4ische Parlament die EU-Richtlinie 2003\/30\/EG, auch \u00abBiokraftrichtlinie\u00bb genannt. Biokraftstoffe werden nun gef\u00f6rdert, um die im Kyoto-Protokoll festgelegten Klimaziele zu erreichen. Vier Jahre sp\u00e4ter wird der Anteil am gesamten verkehrsbedingten Benzin- und Dieselverbrauch auf 10 Prozent \u00adfestgelegt. Was sich erst mal bescheiden anh\u00f6rt, \u00adentspricht j\u00e4hrlich 45 Milliarden Liter Treibstoff, die nun aus Pflanzen hergestellt werden sollten. In k\u00fcrzester Zeit entsteht ein immenser Markt\u00a0f\u00fcr Agrartreibstoffe.<\/p>\n\n<p>Die EU-Richtlinie brachte nicht nur f\u00fcr Europa weitreichende Neuerungen. Bald \u00adkrem\u00adpelte sie auch den Alltag vieler Klein\u00adbauern auf&nbsp;dem afrikanischen Kontinent um. Die \u00adNachfrage nach Agrartreibstoffen war \u00adn\u00e4mlich pl\u00f6tzlich dermassen riesig, dass sie durch \u00adZuckerr\u00fcben, Mais und Raps auf den&nbsp;\u00c4ckern \u00adEuropas nicht mehr gedeckt werden konnte. Die globale Produktion von Biodiesel stieg \u00adzwischen 2000 und 2010 um den Faktor 22; diejenige von Bioethanol verdreifachte sich. Die&nbsp;Weltbank wies immer wieder auf die \u00ad\u00abungenutzten\u00bb B\u00f6den Afrikas hin. Investoren kal\u00adkulierten: je g\u00fcnstiger das Land, auf dem die&nbsp;Pflanzen f\u00fcr Agrartreibstoffe spriessen, desto h\u00f6her die Profite. Kostet eine Hektare Land\u00ad\u00adwirtschaftsfl\u00e4che in der Schweiz zwischen 20\u2009000 und 100\u2009000 Franken, sind es in vielen afrikanischen L\u00e4ndern um die zehn Franken. Bald schw\u00e4rmten europ\u00e4ische Investoren nach&nbsp;Afrika aus, auf der Suche nach g\u00fcnstigem Land \u2013 zum&nbsp;Beispiel nach Sierra Leone.<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Schweizer Milliard\u00e4r in Sierra Leone<\/h2>\n\n<p>Die Schweizer Investmentgruppe AOG entschied sich f\u00fcr die Region Makeni im \u00adZentrum Sierra Leones. Die Idee: Zuckerrohr anpflanzen, in einer eigenen Raffinerie zu \u00adBio\u00adethanol ver\u00adarbeiten und damit den euro\u00adp\u00e4ischen Markt beliefern. Das war auch deshalb lukrativ, weil die&nbsp;EU die meisten afrikanischen L\u00e4nder von Z\u00f6llen f\u00fcr den Import von Agrar\u00adtreibstoffen befreit hatte. Das tropische Klima in Makeni ist f\u00fcr die Kultivierung von Zucker\u00adrohr&nbsp;ideal. Zudem gibt es einen Fluss f\u00fcr die&nbsp;Bew\u00e4sserung der Plantagen w\u00e4hrend der&nbsp;\u00adTrockenperiode. Makeni ist \u00fcber eine gute \u00adStrasse mit der Hauptstadt Freetown und dem&nbsp;\u00addortigen Hafen verbunden und die \u00adDistanz zum &nbsp;Verschiffen nach Europa ist relativ kurz. Im Fr\u00fchjahr 2008 gr\u00fcndet AOG mit&nbsp;Sitz in&nbsp;Genf&nbsp;den lokalen Ableger Addax Bioenergy Sierra Leone Ltd. Gr\u00fcnder von AOG ist&nbsp;Jean Claude Gandur, der sein Verm\u00f6gen (laut \u00adForbes \u00fcber zwei Milliarden Dollar) mit Erd\u00ad\u00f6l\u00addeals im&nbsp;Irak und in Nigeria verdiente. Er&nbsp;ist&nbsp;bekannt f\u00fcr \u00adseine guten Kontakte bis in die obersten Regierungsetagen mehrerer \u00adafrikanischer L\u00e4nder.<\/p>\n\n<p>Gandur und seine Leute gehen wesentlich sensibler vor als viele andere Investoren in der&nbsp;Region. Addax sichert sich als Erstes die Unterst\u00fctzung der Bauern, informiert sie \u00fcber das Vorhaben und bezieht sie in die \u00adPlanung ein. Bei einem s\u00fcdafrikanischen \u00adBerater wird ein&nbsp;Gutachten in Auftrag gegeben, um zu \u00adbelegen, dass die Auswirkungen auf Mensch und \u00adUmwelt akzeptabel sind. Schliesslich wird ein \u00adAnwalt aus Freetown, bekannt f\u00fcr seine guten Be\u00adziehungen zur Regierung, beauftragt, mit&nbsp;den drei Oberh\u00e4uptern der involvierten Chiefdoms Pachtvertr\u00e4ge auszuhandeln. Das Land wird f\u00fcr&nbsp;50 Jahre an Addax abgetreten mit&nbsp;der Option auf&nbsp;eine Verl\u00e4ngerung um \u00adweitere 21 Jahre. Insgesamt pachtet das Unternehmen 54\u2009000 Hektaren (mehr als 500 Quadratkilo\u00admeter oder&nbsp;75\u2009630&nbsp;Fussballfelder). 52&nbsp;D\u00f6rfer und mehr als 13\u2009000&nbsp;Kleinbauern sind&nbsp;vom Projekt \u00adbe\u00adtroffen. Damit ist das Schweizer Investment unter den Agrartreibstoff-Investments in \u00adSierra&nbsp;Leone das gr\u00f6sste. 2011 hat Sierra Leone nach offiziellen Zahlen mehr als 10 Prozent seiner fruchtbaren Fl\u00e4che an ausl\u00e4ndische \u00adInvestoren verpachtet. Nach Sch\u00e4tzungen von NGOs sind es &nbsp;sogar \u00fcber 20 Prozent. Addax ver\u00e4ussert sp\u00e4ter wieder \u00adeinen&nbsp;Teil des Landes; aktuell werden nach eigenen Angaben noch 14\u2009300 Hektaren \u00adgenutzt.<\/p>\n\n<p>Der Preis wird auf j\u00e4hrlich neun US-Dollar pro Hektare angesetzt. Zur Kompensation er\u00adstellt das Unternehmen einen ausgekl\u00fcgelten Verteilschl\u00fcssel: 50 Prozent gehen an die Landeigent\u00fcmer, 20 Prozent an die Oberh\u00e4upter der\u00a0drei Chiefdoms, 20 Prozent an die \u00adDistriktverwalter und 10 Prozent an die Regierung. Landeigent\u00fcmer erhalten zus\u00e4tzlich \u00adeine\u00a0Abfindung von j\u00e4hrlich 3,2 US-Dollar pro Hektare f\u00fcr verlorene Getreideanbaufl\u00e4chen. Auf 2000 Hektaren soll mit Hilfe der Food and Agri\u00adculture Organization (FAO) der UNO ein Entwicklungsprogramm f\u00fcr Bauern aufgebaut \u00adwerden. Darin sollen sie lernen, halbmecha\u00adnisiert Reis anzupflanzen, um ihre Ern\u00e4hrung sicherzustellen. Der Deal scheint sauber und raffiniert zu sein: Niemand wird enteignet, das \u00fcbernommene Land wird entsch\u00e4digt, die Dorfbewohner werden in die Pl\u00e4ne von Addax involviert. Der Schweizer Investor tritt als Mustersch\u00fcler und Saubermann der Branche auf. Man gibt sich alle M\u00fche, nicht Teil der \u00adDebatte um das globale Landgrabbing (siehe Kasten) zu werden \u2013 auch wenn NGOs wie Brot\u00a0f\u00fcr alle schon bald kritisieren, dass viele beim Addax-Deal leer ausgingen. Darunter vor\u00a0allem die Frauen, die nach Gewohnheitsrecht kein Land besitzen d\u00fcrfen, und die \u00adLandnutzer ohne Eigentum, die von Familien\u00adan\u00adgeh\u00f6rigen und Nachbarn leihweise Land zum\u00a0Gebrauch erhalten, auf das sie f\u00fcr ihre Selbst\u00adversorgung angewiesen sind.<\/p>\n\n<p>Am 9. Februar 2010 reist Addax-Gr\u00fcnder Gandur mit dem Pr\u00e4sidenten von Sierra Leone, Ernest Bai Koroma, in die Nordprovinz, wo das Bioethanolprojekt angesiedelt ist. In einem Memorandum of Unterstanding zwischen Addax und dem Staat Sierra Leone werden dem Unternehmen weitreichende Steuererlasse \u00fcber 20 Jahre einger\u00e4umt. F\u00fcr das Wasser aus dem Fluss zur Bew\u00e4sserung der Plantagen wird ein Preis von 0,076 US-Cent pro Kubikmeter vereinbart. Im Gegenzug verspricht Addax bis zu 4000 \u00adArbeitspl\u00e4tze auf den Feldern und in der Bio\u00adethanolproduktion. H\u00e4nde werden gesch\u00fcttelt, Gandur und Koroma sind zufrieden. Der eine wird seinen Shareholdern in Genf von einem ge\u00adlungenen Deal f\u00fcr AOG berichten, der \u00adandere\u00a0seinen W\u00e4hlern in Sierra Leone vom per\u00ads\u00f6n\u00adlichen Einsatz f\u00fcr den wirtschaftlichen \u00adAufschwung.<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Fehlende Millionen infolge von Steuergeschenken<\/h2>\n\n<p>Und was haben die B\u00fcrger von Sierra Leone vom Deal? Die Hilfsorganisation Christian Aid&nbsp;UK hat den Steuerausfall f\u00fcr Sierra Leone aufgrund der mit Addax vereinbarten Sondersteuerregelung auf j\u00e4hrlich 12 Millionen Dollar berechnet. 13 Jahre sollte das Unternehmen davon profitieren, was zu Steuerausf\u00e4llen von 135 Millionen Dollar f\u00fchren w\u00fcrde. Das ist viel f\u00fcr ein Land, das im Human Development Index den f\u00fcnftletzten Platz belegt, in dem in manchen Gebieten mehr als die H\u00e4lfte der Menschen mit weniger als einem Euro pro Tag auskommen m\u00fcssen und die Lebenserwartung bei 50 Jahren liegt. Elisabeth B\u00fcrgi ist Spezialistin f\u00fcr \u00adV\u00f6l\u00adker\u00adrecht am Centre for Development and Environment (CDE) der Universit\u00e4t Bern. \u00adEiner &nbsp;\u00adihrer Arbeitsschwerpunkte sind Large Scale Land Acquisitions (LSLAs), wie die grossen Land\u00adk\u00e4ufe&nbsp;durch ausl\u00e4ndische Investoren im&nbsp;Fach\u00adjargon genannt werden. \u00abBei solchen Land\u00addeals herrscht in steuerrechtlichen Fragen der Wilde Westen\u00bb, sagt sie. \u00abEs br\u00e4uchte \u00adinter\u00adnationale Regeln zur Eind\u00e4mmung des aggres\u00adsiven Steuerwettbewerbs, damit Entwicklungsl\u00e4nder \u00fcberhaupt von Investitionen in Land &nbsp;profitieren k\u00f6nnten.\u00bb Doch solche Regeln \u00adfehlen&nbsp;bis heute, obwohl sie laut B\u00fcrgi aus Sicht&nbsp;der Menschenrechte dringend geboten w\u00e4ren. Selbst die OECD und der Internationale W\u00e4hrungs\u00adfonds stellen solche grossz\u00fcgigen Steuergeschenke heute in Frage. Nur die \u00adWelt\u00adbank h\u00e4lt daran fest.<\/p>\n\n<p>Im Rahmen eines dreij\u00e4hrigen NationalfondsProjekts des CDE zu LSLAs mit Schweizer Beteiligung hat B\u00fcrgi auch den Vertrag zwischen Addax und Sierra Leone unter die Lupe ge\u00adnommen. Besonders problematisch findet sie \u2013 abgesehen von den Steuererlassen \u2013 die Stabilit\u00e4tsklausel: Damit wird das zur Zeit der \u00adVer\u00ad\u00adtr\u00e4ge&nbsp;geltende Recht eingefroren und Addax bleibt ausgenommen von Gesetzes\u00e4nderungen, die das eigene Gesch\u00e4ft negativ beeinflussen k\u00f6nnten. Das Unternehmen entzieht sich damit k\u00fcnftigen politischen Reformen. Zudem sieht Addax in diesem Grundvertrag ein Schiedsgericht in London f\u00fcr rechtliche Auseinander\u00adsetzungen vor. Das bedeutet, dass die Bauern und die Zivilgesellschaft noch weniger M\u00f6g\u00adlichkeiten haben, gegen das Projekt zu klagen, als dies aufgrund von Analphabetismus und fehlendem Zugang zu Kommunikationsmitteln ohnehin der Fall ist.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/0313ec33-factory4.jpg\" alt=\"Trostlose Stimmung: ein Blick auf die Zuckerrohrfabrik von Addax. \u00a9 Fabian K\u00e4ser\" class=\"wp-image-1610\"\/><figcaption>Trostlose Stimmung: ein Blick auf die Zuckerrohrfabrik von Addax. \u00a9 Fabian K\u00e4ser<\/figcaption><\/figure>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Risiken auf Steuerzahler abgew\u00e4lzt<\/h2>\n\n<p>Obwohl internationale Experten solche Vertr\u00e4ge schon lange kritisieren, wird das Bio\u00adethanolprojekt in Makeni von Beginn weg als Entwicklungshilfe vermarktet. Addax gelingt es, gleich mehrere Entwicklungsbanken f\u00fcr das Unternehmen zu begeistern. Rund die H\u00e4lfte der insgesamt 455 Millionen Euro Investitionska\u00adpital schiessen deutsche, englische, nieder\u00adl\u00e4ndische, belgische, schwedische und \u00f6ster\u00adreich\u00adische Entwicklungsbanken und -fonds ein. Die&nbsp;niederl\u00e4ndische und die schwedische \u00adEntwicklungsbank beteiligen sich sogar zu 21 \u00adProzent am Aktienkapital. 25 Millionen Euro schiesst die Afrikanische Entwicklungsbank ein,&nbsp;die von mehreren Staaten finanziert wird, \u00addarunter auch von der Schweiz. Ein bedeutender Anteil der Investitionen f\u00fcr AOGs riskantes \u00adProjekt in Sierra Leone stammt somit aus europ\u00e4ischen Steuergeldern \u2013 darunter auch solche aus der Schweiz.<\/p>\n\n<p>Auch punkto Nachhaltigkeit wird das Projekt fr\u00fch als Leuchtturm gefeiert: Addax wird 2013 als&nbsp;erstes Zuckerrohr-Bioethanol-Projekt Afrikas in den Clean Development Mechanism des UNFCC aufgenommen (Rahmen\u00fcbereinkommen der Vereinten Nationen \u00fcber Klima\u00e4nderungen). Mit den Abf\u00e4llen aus der Bioethanolproduktion soll n\u00e4mlich Strom produziert werden \u2013 15 \u00adMegawatt, rund 20 Prozent des Gesamtbedarfs von Sierra Leone. Damit w\u00fcrden j\u00e4hrlich 56\u2009000 Tonnen CO2 eingespart, die sonst aus der \u00adVerstromung von Diesel angefallen \u00adw\u00e4ren, so die Kalkulation. An den Abf\u00e4llen aus der Bio\u00adethanolproduktion verdient Addax \u00adalso&nbsp;gleich zweimal \u2013 mit der Stromproduktion f\u00fcr Sierra Leone und den handelbaren CO2-Reduktions-Zertifikaten. Dies obschon mehrere Studien die&nbsp;Nachhaltigkeit von gr\u00fcnen Agrar\u00adtreibstoffen zu diesem Zeitpunkt bereits widerlegt haben, darunter zwei Forschungsarbeiten der Empa (2003 und 2007) im Auftrag des Bundes. Die&nbsp;Forscher haben darin gezeigt, dass die Treib\u00adhausgasemissionen bei Bioethanol zwar tat\u00ads\u00e4chlich geringer sind als bei Standard\u00adbenzin, die Gesamtumweltbelastung jedoch wesentlich h\u00f6her ausf\u00e4llt. Dies aufgrund intensiver \u00adLandnutzung sowie D\u00fcnger- und Pestizid\u00adeinsatz. Zudem ist der Wasserverbrauch enorm: F\u00fcr einen Liter Bioethanol werden durchschnittlich 2100 Liter Wasser verbraucht.<\/p>\n\n<p>Unabh\u00e4ngig davon erh\u00e4lt die Addax Bio\u00adenergy Sierra Leone Ltd. noch im gleichen Jahr\u00a0vom Roundtable on Sustainable Biomaterials (RSB) ein Nachhaltigkeitszertifikat verliehen \u2013 das erste \u00fcberhaupt f\u00fcr eine Bioethanol\u00adproduktion auf dem afrikanischen Kontinent. \u00ad\u00abAddax Bioenergy ist in k\u00fcrzester Zeit zu einem \u00adModell f\u00fcr nachhaltige Projekte in Afrika \u00adgeworden\u00bb, l\u00e4sst Peter Ryus vom RSB verlauten. Es\u00a0ist ein Lob unter Freunden: Der in Lausanne ans\u00e4ssige RSB wurde 2007 von Grosskonzernen und Treibstoffproduzenten ins Leben gerufen, darunter Shell, Petrobras, Du Pont und Addax Bioenergy selbst \u2013 unter Mitwirkung von \u00admehreren NGOs wie WWF und dem Sierra Club. \u00dcber die RSB-Zertifikate sichern sich Unternehmen den Zugang zum EU-Markt und er\u00adwer\u00adben Vertrauen bei Partnern wie zum Beispiel Entwicklungsbanken. Mehrere NGOs kritisierten den RSB schon fr\u00fch f\u00fcr Schein\u00adzertifizierungen und Greenwashing.<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u00abClash of civilizations\u00bb vor den Fabriktoren<\/h2>\n\n<p>Um mehr dar\u00fcber zu erfahren, wie es um die soziale und gesamtwirtschaftliche Nach\u00adhaltigkeit steht, die der RSB zus\u00e4tzlich zur \u00f6kologischen f\u00fcr seine Zertifizierungen bean\u00adsprucht, treffe ich mich mit Fabian K\u00e4ser. Der junge Sozialanthropologe und Doktorand an&nbsp;der&nbsp;Universit\u00e4t Bern reiste f\u00fcr seine Master\u00adarbeit im Sommer 2013 nach Makeni, um mit \u00adanderen Studierenden die Auswirkungen des Addax-Projekts zu erforschen. Er lebte drei Monate bei einem Lehrer in einer Siedlung neben der Bioethanol-Produktionsanlage, befragte die&nbsp;Menschen zu ihrem Alltag und nahm an ihrem Leben teil. Gleichzeitig traf er lokale \u00adAddax-Manager f\u00fcr Interviews. Seit seiner R\u00fcckkehr hat sich das Unternehmen zweimal bei der&nbsp;Universit\u00e4t beschwert. Er nimmt es gelassen, seine Erkenntnisse sind gut dokumentiert.&nbsp;K\u00e4ser spricht von einem \u00abClash of civilizations\u00bb, einem Aufeinanderprallen von zwei \u00adWelten, die nichts gemein haben. Die Trennlinie war nachts am Licht abzulesen: Die eine Seite, wo die Expats der von Addax beauftragten Subunternehmen aus S\u00fcdafrika, Senegal und Indien lebten, war hell erleuchtet. Die andere Seite, wo&nbsp;die Einheimischen, Hunderte aus dem ganzen Land zugezogene Wanderarbeiter und K\u00e4ser lebten, lag im Dunkeln. Auf der hellen Seite ein medizinisches Zentrum, weisse Jeeps und Klimaanlagen, auf der dunklen Seite Feuerstellen, \u00adzusammengeflickte Fahrr\u00e4der, Lehmh\u00fctten und Armut. Die Manager und Chefs der Fabrik, \u00advorwiegend Weisse aus S\u00fcdafrika, lebten fernab in einer Gated Community.<\/p>\n\n<p>\u00abNat\u00fcrlich gab es auch welche, die von der Situation profitierten, eine Bar er\u00f6ffneten oder Lebensmittel an Angestellte verkauften und sich so neue Einkommensquellen erschlossen\u00bb, erz\u00e4hlt K\u00e4ser. Und man d\u00fcrfe die Situation vor der Ankunft von Addax auch nicht romantisieren: \u00abNiemand in Makeni hing an einem kleinb\u00e4uer\u00adlichen Dasein. Die Leute wollten Modernisierung, Wohlstand, Arbeit und ein besseres Leben. Aber&nbsp;die meisten wurden entt\u00e4uscht.\u00bb Eine Umfrage K\u00e4sers unter 504 Dorfbewohnern ergab, dass nur ein F\u00fcnftel tats\u00e4chlich bei der Firma \u00adangestellt war \u2013 f\u00fcr 2 bis 5 Dollar am Tag, was knapp dem Mindestlohn in Sierra Leones \u00ad\u00f6ffentlichem Dienst entspricht. Die meisten arbeiteten als Tagel\u00f6hner, schleppten Zements\u00e4cke, zogen Z\u00e4une, hoben Gr\u00e4ben aus, f\u00e4llten Palmen und bestellten Felder. Die meisten Bauern h\u00e4tten aufgrund des verkauften Landes einen Geldsegen erwartet, bessere Infrastruktur und eine An\u00adstellung in der Fabrik. Doch bald sei Ern\u00fcch\u00adterung aufgekommen, f\u00fcr wie wenig \u00addieses Geld reichte \u2013 vor allem weil die Preise f\u00fcr Lebens\u00ad\u00admittel durch die Bev\u00f6lkerungszunahme im Dorf und den Verlust von wichtigen Ressourcen f\u00fcr die lokale Selbstversorgung stark gestiegen waren.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/61f3b17e-sugarcane-irrigation-of-addax-5.jpg\" alt=\"Die Zuckerrohrplantagen brauchen riesige Bew\u00e4sserungsanlagen. \u00a9 Fabian K\u00e4ser\" class=\"wp-image-1611\"\/><figcaption>Die Zuckerrohrplantagen brauchen riesige&nbsp;Bew\u00e4sserungsanlagen. \u00a9 Fabian K\u00e4ser<\/figcaption><\/figure>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Diebstahl, Proteste und Ebola<\/h2>\n\n<p>Loyalit\u00e4t gegen\u00fcber Addax suchte K\u00e4ser vergeblich. Die Bioethanolproduktion wurde seinen Erz\u00e4hlungen zufolge kontinuierlich sabotiert, indem lokale Mitarbeitende Pumpen und&nbsp;Werkzeuge stahlen. Immer wieder nahmen Addax-Manager desillusioniert den Hut. Schlies\u00ads\u00adlich kam es vereinzelt zu Aufst\u00e4nden und Aus\u00adeinandersetzungen. Durch solche Zwischenf\u00e4lle geriet die Bioethanolproduktion wiederholt in Verzug. Zugleich fielen die Ernten geringer aus als urspr\u00fcnglich kalkuliert und der \u00d6lpreis be\u00adfindet sich seit 2013 im Sinkflug. Im Mai 2014 sprang dann auch noch die Ebola-Epidemie auf Sierra Leone \u00fcber. Mitarbeitende starben und die meisten Subunternehmer flohen Hals \u00fcber Kopf aus dem Land. Schliesslich ver\u00f6ffentlichte die EU am 28. April 2015 die Richtlinie P8_TA-PROV(2015)0100, die den Anteil herk\u00f6mmlicher Agrartreibstoffe f\u00fcr den Transportbereich auf 7&nbsp;Prozent beschr\u00e4nkte. Der einst so vielversprechende EU-Markt war \u00fcber Nacht um fast die H\u00e4lfte geschrumpft. Priorit\u00e4t haben seither Bio\u00adtreibstoffe aus Pflanzenabf\u00e4llen, die tats\u00e4chlich \u00abgr\u00fcn\u00bb sind. Am 24.&nbsp;Juni 2015 gab Addax Bioenergy in einer Medienmitteilung bekannt, die Produktion in Makeni werde herunterge\u00adfahren. Seither steht die Fabrik still, von W\u00e4chtern bewacht, damit sie nicht in Einzelteile \u00adzerlegt wird. Eine Anfrage Anfang M\u00e4rz nach der Zukunft des Projekts beantwortete die AOG in&nbsp;Genf mit einem Hinweis auf die acht Monate alte Medienmitteilung. Der einstige Leuchtturm f\u00fcr&nbsp;Entwicklung und Nachhaltigkeit hat seine Strahlkraft verloren. Das k\u00f6nnte nicht nur AOG, sondern auch die Entwicklungsbanken teuer zu stehen kommen \u2013 und mit ihnen die Steuerzahler, deren Geld mit im Projekt steckt. Den h\u00f6chsten Preis werden aber die Bauern in&nbsp;Makeni bezahlen. Wenn Addax endg\u00fcltig abzieht, haben sie alles verloren: den einzigen Arbeitgeber und ihr Land.<\/p>\n\n<p><em>Addax in Sierra Leone: Verkauf ins Ungewisse. Der Landwirtschaftsminister Sierra Leones gab\u00a0im M\u00e4rz gegen\u00fcber der Wirtschaftssendung \u00abeco\u00bb von SRF bekannt, dass \u00dcbernahmegespr\u00e4che f\u00fcr das Addax-Projekt in Makeni mit der \u00adbritischen Sunbird Bioenergy Ltd. stattfinden. Bei AOG in Genf hiess es Ende M\u00e4rz lediglich, die Evaluierung des Projekts sei verl\u00e4ngert worden. Was mit den Pachtvertr\u00e4gen und den rund 235 Millionen Franken an \u00f6ffentlichen Geldern bei\u00a0einem Verkauf geschieht, ist unklar. Brot f\u00fcr alle und die lokale NGO Silnorf begleiten die Menschen in der Umgebung von Makeni seit 2010. Sie fordern, dass die Entwicklungsbanken und das Seco Verantwortung \u00fcbernehmen und sicher\u00adstellen, dass das Projekt nicht an eine Firma mit zweifelhafter Vergangenheit verkauft wird und dass die Arbeitspl\u00e4tze erhalten bleiben.<\/em><\/p>\n\n<p><em>Schweizer Landgrabbing: \u00fcber 180\u2009000 Hektaren. Die\u00a0<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.landmatrix.org\/\" target=\"_blank\">Landmatrix<\/a>\u00a0der Universit\u00e4t Bern ist die weltweit umfassendste \u00adDatenbank f\u00fcr grossfl\u00e4chige Landk\u00e4ufe von Staaten und Investoren. Insgesamt 40 Millionen \u00adHektaren (400\u2009000 km2) Land sind aufgef\u00fchrt, die seit dem Jahr 2000 gehandelt wurden, \u00addarunter auch 18 Deals von insgesamt 180\u2009000 Hektaren mit Schweizer Beteiligung. Drei \u00adweitere grosse Gesch\u00e4fte (170\u2009000 Hektaren) sind gescheitert. Die gr\u00f6ssten Investoren sind Glencore Xstrata mit 80\u2009000 Hektaren in der Ukraine und Addax Bioenergy mit 44\u2009000 Hektaren in Sierra Leone. Weitere Ziell\u00e4nder sind Brasilien, Nicaragua, Myanmar und Mosambik. Der Biotreibstoff-Boom und die Suche nach \u00adneuen Investitionsm\u00f6glichkeiten als Folge der Finanzkrise von 2008 f\u00fchrten dazu, dass euro\u00adp\u00e4ische Firmen heute zu den gr\u00f6ssten Land\u00adk\u00e4ufern geh\u00f6ren.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer profitiert vom Freihandel mit Agrarfl\u00e4chen, was wird Entwicklungsl\u00e4ndern dabei versprochen und welche Ungleichheiten finden sich in den Pachtvertr\u00e4gen? Greenpeace hat den Deal einer Genfer Investitionsgruppe, anhand von Nachforschungen der Universit\u00e4t Bern\u00a0und \u00abBrot f\u00fcr alle\u00bb, unter die Lupe genommen: Der Landkauf von\u00a0Addax Bioenergy in Sierra Leone zur Herstellung von Bioethanol wurde einst als besonders nachhaltig gefeiert und von Entwicklungsbanken gef\u00f6rdert. Nun steht das Projekt vor dem Aus.<\/p>\n","protected":false},"author":49,"featured_media":44658,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_planet4_optimize_post_is_variant":false,"_planet4_optimize_experiment_name":"","_planet4_optimize_variant_name":"","ep_exclude_from_search":false,"p4_og_title":"","p4_og_description":"","p4_og_image":"","p4_og_image_id":"","p4_seo_canonical_url":"","p4_campaign_name":"not set","p4_local_project":"not set","p4_basket_name":"not set","p4_department":"","footnotes":""},"categories":[47],"tags":[33],"p4-page-type":[194],"gpch-article-type":[],"class_list":["post-44657","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-greenpeace","tag-ernaehrung","p4-page-type-hintergrund"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44657","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/49"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=44657"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44657\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/44658"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=44657"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=44657"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=44657"},{"taxonomy":"p4-page-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/p4-page-type?post=44657"},{"taxonomy":"gpch-article-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/gpch-article-type?post=44657"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}