{"id":44672,"date":"2016-07-29T07:00:00","date_gmt":"2016-07-29T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=44672"},"modified":"2020-05-21T16:08:55","modified_gmt":"2020-05-21T14:08:55","slug":"sell-high-buy-low","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/44672\/sell-high-buy-low\/","title":{"rendered":"\u00abSell High, Buy Low\u00bb"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Stromh\u00e4ndler Urs Martin Springer von\u00a0der BKW\u00a0erz\u00e4hlt, wie und welcher Strom in unsere Steckdose kommt.<\/strong><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Das eigentliche Ziel meiner Arbeit ist, dass niemand sie bemerkt. Die meisten meiner Freunde wissen nicht einmal, dass es meinen Job \u00fcberhaupt gibt. Sie sehen ein Kraftwerk und von dort fliesst der Strom in\u00a0ihre Steckdose. Dass das nicht so einfach ist, sehe ich jeden Morgen, wenn ich\u00a0gegen acht in mein B\u00fcro bei der BKW komme.<\/span><\/p>\n\n<p class=\"p2\"><span class=\"s1\">Ich bin Stromh\u00e4ndler bei der BKW. Unser Berner Energiekonzern produziert pro Jahr rund 10 Terawattstunden Strom \u2013 meine Abteilung aber&nbsp;kauft und verkauft jedes Jahr zusammengenommen mehr als das Zehnfache. Mein ganzer Tag dreht sich um den Handel, viel aber auch um&nbsp;die&nbsp;Unterst\u00fctzung meines Teams: IT-Sitzungen und Ablaufpl\u00e4ne f\u00fcr&nbsp;neue Projekte.<\/span><\/p>\n\n<p class=\"p2\"><span class=\"s1\">Warum es Stromhandel \u00fcberhaupt braucht? Vor allem wegen der Markt\u00f6ffnung. In der alten Zeit vor der Liberalisierung des Strommarkts&nbsp;hatten&nbsp;Stromanbieter wie die BKW eigene Versorgungsgebiete f\u00fcr&nbsp;ihre Kraftwerke: Man errechnete den voraussichtlichen Verbrauch der Kunden, und man sagte den Kunden schon einmal, sie sollten doch bitte am fr\u00fchen Nachmittag, wenn typischerweise der Verbrauch am h\u00f6chsten&nbsp;ist und das Kraftwerk gar nicht so viel liefern konnte, nicht waschen. Oder&nbsp;man baute gr\u00f6ssere Kraftwerke als Reserve, die man bei&nbsp;Bedarf hochfahren konnte. Es h\u00e4t, solang s h\u00e4t \u2013 das galt damals. Dann erm\u00f6glichte man es den Kunden, Strom auch bei anderen Anbietern zu&nbsp;beziehen. Dazu&nbsp;kommt heute, dass \u00d6kostrom aus erneuerbaren Energien, also Sonne und&nbsp;Wind, wetterabh\u00e4ngig ist. Es gibt also mehr Schwankungen im Netz&nbsp;\u2013&nbsp;eine L\u00fccke hier, einen \u00dcberschuss dort \u2013 und damit mehr Bedarf an&nbsp;H\u00e4ndlern. Heute ersetzt der Markt die Reserve. Er&nbsp;schliesst langfristige und kurzfristige L\u00fccken und vor allem minimiert er &nbsp;das Risiko, dass die&nbsp;BKW Verluste macht oder dass es auf einmal an Strom fehlt. Wir&nbsp;kaufen und verkaufen rund um die Uhr. <\/span><\/p>\n\n<p class=\"p2\"><span class=\"s1\">Auf meinem linken Bildschirm erledige ich Mails und so, auf dem rechten sehe ich, was meine H\u00e4ndler machen. Da sehe ich zw\u00f6lf Charts in drei&nbsp;Reihen, rote, gr\u00fcne, und schwarze Kurven auf weissem Grund. Es sieht aus wie ein B\u00f6rsenbarometer und zeigt die aktuellen Stromk\u00e4ufe und -verk\u00e4ufe an B\u00f6rsen in Frankreich, Deutschland und Italien. Darunter sieht man noch die CO<sub>2<\/sub>-Preise, die wichtig sind f\u00fcr unsere Kraftwerke: Die m\u00fcssen das dazukaufen; zwar nicht die Wasser- oder Atomkraftwerke, aber zum Beispiel unser deutsches Kohlekraftwerk. Je h\u00f6her der Graph, desto h\u00f6her der Preis. Auf der waagrechten Achse verl\u00e4uft die Tageszeit. Oha, haben wir da eben einen Verlust gemacht? Der rote Pfeil hier bedeutet einen Verkauf von uns, der gr\u00fcne Pfeil einen Kauf von uns.&nbsp;Bl\u00f6derweise liegt jetzt der gr\u00fcne Pfeil \u00fcber dem roten. Wir haben also teurer gekauft, als wir verkauft haben. Dabei gilt eigentlich \u00abSell High, Buy Low\u00bb. Sekunde, ich muss kurz nachschauen, wie viel wir verkauft haben. Ah, keine Riesenmenge. Noch mal gutgegangen. Ausserdem geht der Trend nach unten, der Strompreis ist danach weiter gefallen. Da&nbsp;haben wir vielleicht einfach rechtzeitig abgestossen.<\/span><\/p>\n\n<p class=\"p2\"><span class=\"s1\">Die BKW ist Energiehersteller und Energieanbieter, speist also ins Stromnetz ein und liefert anderswo aus. Das schafft Unmengen von Verpflichtungen: Bestimmte Strommengen m\u00fcssen unbedingt an einem vereinbarten Ort zu einer bestimmten Zeit bereitstehen \u2013 f\u00fcr einen festgelegten Preis. Gleichzeitig ist die Welt ja in Bewegung. Mal wird hier mehr, dort weniger gebraucht. Strom ist aber verg\u00e4nglich, man kann ihn&nbsp;nicht richtig speichern, also muss man ihn im richtigen Moment dort haben, wo er gebraucht wird. \u00dcberschuss hier, Nachfrage dort \u2013 dazwischen die Kabel. Das f\u00fchrt zum Handel. Macht den Handel aber auch kompliziert, weil man immer schauen muss, ob Platz im Netz ist f\u00fcr Lieferungen. Daher wird im Strommarkt auch noch manuell gehandelt. <\/span><\/p>\n\n<p class=\"p2\"><span class=\"s1\">Morgens pr\u00fcfen wir die Liste aller Gesch\u00e4fte, was rein- und rausgeht, wie viel wir daf\u00fcr zahlen und einnehmen werden. Das ist unser Masterplan. &nbsp;Dann kommt die Realit\u00e4t, wirft st\u00e4ndig alles \u00fcber den Kopf. Und so geht der Handel los. Risiken minimieren, Verpflichtungen erf\u00fcllen. Wenn&nbsp;man Energie braucht, kauft man, wenn man zu viel hat, versucht man zu verkaufen \u2013 \u00abPositionen gl\u00e4tten\u00bb heisst das. <\/span><\/p>\n\n<p class=\"p2\"><span class=\"s1\">Wir beliefern neben Haushalten auch grosse Firmen, die viel Strom brauchen, und andere Energieanbieter. Die langfristigen Vertr\u00e4ge regeln wir \u00fcber den sogenannten Terminmarkt, in dem man k\u00fcnftige Lieferpreise vereinbaren kann. Bei sehr grossen Anfragen f\u00fchren wir auch schon mal pers\u00f6nlich Verhandlungen, zum Beispiel mit einer grossen Alufirma, die viel Strom braucht und sich gegen Preisschwankungen absichern will. Die Tagesunterschiede gl\u00e4ttet unser Team am Spotmarkt, die kurzfristigen Abweichungen vom Tagesplan versuchen die Trader im Intraday-Team auszub\u00fcgeln. Einige H\u00e4ndler arbeiten hier im Schichtbetrieb. Sechs Tische in langen Reihen im Grossraumb\u00fcro, je sechs Bildschirme drauf, wie im Kino. Eine Zockerbude ist&nbsp;das aber nicht, meine H\u00e4ndlerinnen und H\u00e4ndler kriegen keine Gewinnbeteiligungen und sie haben Limiten, sie k\u00f6nnen keine Milliarden verzocken. Ein&nbsp;paar Millionen pro Mausklick sind es aber schon. Zum Mittagessen bleiben mir kaum 30 Minuten. Zwischen Sitzungen kontrolliere ich auf meinem Bildschirm, was im Markt l\u00e4uft. Im \u00e4ussersten Notfall muss ich schon mal rausrennen und stopp schreien. Dann wird der Handel komplett eingestellt. Wenn&nbsp;die Welt Kopf steht. Bei Fukushima, wo niemand wusste, ob am n\u00e4chsten Tag alle Kernkraftwerke weltweit abgeschaltet werden w\u00fcrden und \u00fcberall Strom fehlen w\u00fcrde. Oder als der Franken pl\u00f6tzlich keine Kursbindung mehr hatte. Das war auch ein Strompreisschock. <\/span><\/p>\n\n<p class=\"p2\"><span class=\"s1\">Weil die Schweiz und auch wir von der BKW einen Grossteil unserer Energie aus Wasserkraft beziehen und das erst geht, wenn der Schnee schmilzt, sind wir&nbsp;im Sommer eher Verk\u00e4ufer, im Winter eher K\u00e4ufer von Strom aus anderen L\u00e4ndern. Diese Schwankungen sind langfristig vorhersehbar, daf\u00fcr schliessen wir langfristige Bezugsvereinbarungen ab, beispielsweise mit franz\u00f6sischen Kernkraftwerken oder deutschen Windkraftwerken. Aber es gibt auch kurzfristige Einfl\u00fcsse: Pl\u00f6tzlich k\u00fcndigt Russland eine neue Pipeline an. Langfristiger Strompreis runter. Oder Rebellen in Libyen stellen ihre Gaslieferungen nach Italien ein. Das erh\u00f6ht dort schlagartig den Energiepreis und, weil wir mit Italien handeln, dann auch den Preis bei uns, weil die Nachfrage steigt. Oder nehmen wir an, in Deutschland ist Windstille. Dann fehlt pl\u00f6tzlich Windenergie und schwups schnellt der Strompreis in die H\u00f6he. Also geben wir&nbsp;unserem Wasserkraftwerk Oberhasli Bescheid, das ist unser Kronjuwel. Innert zehn Minuten k\u00f6nnen die das Wasser fliessen lassen und wir H\u00e4ndler verkaufen diesen Strom f\u00fcr gutes Geld weiter.<\/span><\/p>\n\n<p class=\"p2\"><span class=\"s1\">Manchmal weht der Wind auch zu sehr, dann gibt es einen solchen Strom\u00fcberschuss, dass es sogar zu negativen Strompreisen kommt. Da kriegen wir&nbsp;Strom und Geld dazu \u2013 einfach damit die Leitungen sich leeren. Mit dieser Energie pumpen wir das Wasser in Oberhasli wieder den Berg hoch. Wie der&nbsp;Seespiegel sich hebt und senkt, h\u00e4ngt also vom europ\u00e4ischen Strommarkt ab. Mein Job, das ist \u00d6konomie in echt. Ich liebe das. Auch wenn es niemand mitbekommt.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stromh\u00e4ndler Urs Martin Springer von\u00a0der BKW\u00a0erz\u00e4hlt, wie und welcher Strom in unsere Steckdose kommt.<\/p>\n","protected":false},"author":49,"featured_media":44673,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_planet4_optimize_post_is_variant":false,"_planet4_optimize_experiment_name":"","_planet4_optimize_variant_name":"","ep_exclude_from_search":false,"p4_og_title":"","p4_og_description":"","p4_og_image":"","p4_og_image_id":"","p4_seo_canonical_url":"","p4_campaign_name":"not set","p4_local_project":"not set","p4_basket_name":"not set","p4_department":"","footnotes":""},"categories":[47],"tags":[42],"p4-page-type":[194],"gpch-article-type":[],"class_list":["post-44672","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-greenpeace","tag-energie","p4-page-type-hintergrund"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44672","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/49"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=44672"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44672\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/44673"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=44672"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=44672"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=44672"},{"taxonomy":"p4-page-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/p4-page-type?post=44672"},{"taxonomy":"gpch-article-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/gpch-article-type?post=44672"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}