{"id":44720,"date":"2016-10-14T07:00:00","date_gmt":"2016-10-14T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=44720"},"modified":"2025-06-25T15:36:27","modified_gmt":"2025-06-25T13:36:27","slug":"wie-eine-bewaehrte-ehe-muehleberg-und-sein-atomi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/44720\/wie-eine-bewaehrte-ehe-muehleberg-und-sein-atomi\/","title":{"rendered":"Wie eine bew\u00e4hrte Ehe: M\u00fchleberg und sein Atomi"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Das Atomkraftwerk pr\u00e4gt die Gemeinde M\u00fchleberg seit vierzig Jahren. Die Bev\u00f6lkerung hat sich gut mit ihrem Meiler arrangiert, Kritik daran ist rar. Wenn \u00fcberhaupt, dann sorgen sich die M\u00fchleberger nicht um den Betrieb, sondern um das baldige Ende des AKW.<\/strong><\/p>\n\n<p><span class=\"dropcap\">M<\/span>u\u0308hleberg, das sind pra\u0308chtige, sorgfa\u0308ltig renovierte Bauernho\u0308fe, die Fenstersimse mit Geranien geschmu\u0308ckt. Davor ordentliche Ga\u0308rten, in denen Frauen und Mannen im Pensionsalter zwischen blu\u0308henden Begonien, fro\u0308hlichen Margeriten, strahlenden Sonnen\u00ad blumen und pastellfarbenem Mohn stehen und dem Unkraut den Garaus machen. Es ist, als wa\u0308ren die Zumutungen der Globalisierung an diesem gotthelfschen Idyll vorbeigezogen. Hier gibt es praktisch keine Ausla\u0308nder, keine Expats und keine Flu\u0308chtlinge, das Landwirt\u00adschaftsland blieb vor Umzonungen verschont und wurde nicht auf dem Immobilienmarkt verho\u0308kert. Das Kleingewerbe trotzt der Billig\u00adkonkurrenz. Milch und Eier kauft man noch direkt ab dem Hof, alles andere beim Volg im Dorf.<\/p>\n\n<p>Vom Vorplatz der kalkweissen Kirche, die etwas erho\u0308ht u\u0308ber Mu\u0308hle\u00adberg thront, hat man einen scho\u0308nen U\u0308berblick u\u0308ber die 15 Weiler,&nbsp;aus denen die Gemeinde mit ihren 2870 Einwohnern besteht. Die Ha\u0308lfte der 26 km<sup>2<\/sup> Gemeindefla\u0308che sind Felder und Wiesen, ein Drittel Wald. Westwa\u0308rts wandert der Blick Richtung Bielersee und Jura; ostwa\u0308rts&nbsp;in bewaldete Hu\u0308gel, hinter denen sich die Aare und der Wohlensee ver\u00adstecken. Dort hinten, hinter dem Chra\u0308jeberg, muss es irgendwo sein, das \u00abAtomi\u00bb, wie manche Mu\u0308hleberger ihr Atomkraftwerk liebevoll nennen. Ein Monstrum sucht man hier vergebens: weit und breit kein Betonklotz und Ku\u0308hlturm, aus dem eine bedrohliche Wasserdampffahne steigt, wie in Go\u0308sgen. Mu\u0308hleberg ist ein dezenter Meiler, dem es wohl ist in seiner Senke \u2013 er will kein Aufsehen erregen. \u00abEs gibt in die Ge\u00admeinde Zugezogene, die das AKW noch nie gesehen haben\u00bb, sagt&nbsp;ein Gemeinderat.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>U\u0308ber 30 Jahre lang im Fokus der Anti\u00ad-AKW-Bewegung<\/strong><\/h3>\n\n<p>Mu\u0308hleberg, seit 1972 am Netz, ist das dritta\u0308lteste AKW der Schweiz. Nirgends war der Widerstand so hartna\u0308ckig und konstant wie hier.&nbsp;Es gab Proteste vor dem Werk, friedliche Anti-\u00adAKW-Ma\u0308rsche durchs Dorf, politisches Hickhack, Petitionen, kritische Blogs und medien\u00adwirksame Aktionen, wie im September 2000, als ein Aktivist mit einem motorisierten Gleitschirm auf dem Reaktordach landete. Kritiker be\u00adma\u0308ngelten immer wieder die fehlende Sicherheit des Reaktors. Gleich\u00adwohl erhielt Mu\u0308hleberg 2009 vom Bund eine unbefristete Betriebs\u00adbewilligung. Dagegen klagte ein Verein langja\u0308hriger Aktivisten gemein\u00adsam mit Anwohnern. Das Bundesverwaltungsgericht gab ihnen Recht.<\/p>\n\n<p>Aufa\u0308llig war dabei: Von den beschwerdeberechtigten Unterzeich\u00adnern, die in den Zonen 1 und 2 wohnen, welche am sta\u0308rksten von einem Reaktorunfall betroffen wa\u0308ren, war kein einziger aus der Gemein\u00adde Mu\u0308hleberg. Alle 15 Unterzeichner der Zone 1 wohnten in Nach\u00adbargemeinden. \u00abHie het nie o\u0308pper Angscht gha vor em AKW\u00bb, versi\u00adchert Gemeindepra\u0308sident Rene\u0301 Maire in breitem Berndeutsch.<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"alignleft\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/94e78d2c-foj2686.jpg\" alt=\"Das M\u00fchleberger \u00abAtomi\u00bb.\" class=\"wp-image-2193\"\/><figcaption>Das M\u00fchleberger \u00abAtomi\u00bb. \u00a9Greenpeace \/ Nicolas Fojtu<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<p>\u00abMu\u0308leba\u0308rg isch guet binang.\u00bb Der sta\u0308mmige Mittfu\u0308nfziger mit borsti\u00adgem Schnurrbart, von Beruf Ka\u0308sereimeister und politisch in der SVP zuhause, ist kein Hardliner und fu\u0308r einige seiner lokalen Parteigenossen zu moderat. Ku\u0308rzlich wurde er als Betriebsleiter der Ka\u0308serei Juchlishaus von der Milchgenossenschaft abgewa\u0308hlt \u2013 manche im Dorf sagen, weil er zum Schutz der Kinder eine Verkehrsberuhigungsmassnahme um das neue Schulhaus mitverantwortet hatte. Das erzu\u0308rnte die Bauern, die fortan mit ihren Traktoren und Heuwagen u\u0308ber Inseli und Ho\u0308gerli holpern mu\u0308ssen. Maire fu\u0308hrt den Bruch auf seine Doppelfunktion&nbsp;als Betriebsleiter und Gemeindepra\u0308sident zuru\u0308ck sowie \u00aba\u0308s gwu\u0308sses Misstroua\u0308\u00bb ihm gegenu\u0308ber.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Ein Reaktor wie in Fukushima<\/strong><\/h3>\n\n<p>Im AKW Mu\u0308hleberg arbeitet ein Siedewasserreaktor amerikani\u00adscher Bauart, baugleich wie die a\u0308lteren Blo\u0308cke des Kernkraftwerks Fukushima\u00ad-Daiichi. Wu\u0308rde sich in Mu\u0308hleberg ein vergleichbarer Unfall ereignen, mu\u0308ssten 185 000 Menschen umgesiedelt werden \u2013 darunter alle Einwohner der Stadt Bern. Zu diesem Ergebnis kam ein Gutachten des deutschen O\u0308ko-\u00adInstituts von September 2012, das von den Organi\u00adsationen A\u0308rztinnen und A\u0308rzte fu\u0308r Umweltschutz, A\u0308rzte fu\u0308r soziale Verantwortung sowie Greenpeace in Auftrag gegeben wurde. Wu\u0308rden wie in Fukushima grosse Mengen Radioaktivita\u0308t in die Aare und den Bielersee gelangen, blieben die Seeufer fu\u0308r Jahrzehnte gesperrt und Biel ko\u0308nnte kein Trinkwasser mehr beziehen. Ernten bis weit ins Allga\u0308u mu\u0308ssten verbrannt werden.<\/p>\n\n<p><span class=\"pull-right\">\u00abFu\u0308r Auswa\u0308rtige ist das AKW ein viel gro\u0308sseres Thema als fu\u0308r uns Mu\u0308hleberger.\u00bb<\/span>Kamen da bei Maire keine Zweifel auf am Atommeiler vor der ei\u00adgenen Haustu\u0308r? \u00abFukushima, das isch salopp usdru\u0308ckt eifach ver\u00adschlampet worde, me het zwenig i d Sicherheit investiert.\u00bb Und Tscher\u00adnobyl 25 Jahre zuvor?&nbsp;Da het\u2019s ne eifach d Chischte u\u0308berhitzt, wo\u0308u sids Letschte hei wo\u0308ua\u0308 usa\u0308presse.\u00bb Vergleichbar sei das nicht, sagt Maire. Schliesslich wu\u0308rde auch niemand die Praktiken einer Schweizer Firma mit einer ukrainischen vergleichen.<\/p>\n\n<p>Trotzdem entschied die BKW im Oktober 2013, das AKW Mu\u0308hle\u00adberg per Ende 2019 stillzulegen \u2013 nicht aus ideologischen, sondern aus wirtschaftlichen und politischen Gru\u0308nden. Danach soll das Werk in 15\u00ad-ja\u0308hriger Arbeit zuru\u0308ckgebaut werden. Kostenpunkt: u\u0308ber zwei Milli\u00adarden Franken. Atomkritikern ging dieser \u00abgeordnete Ausstieg\u00bb nicht schnell genug. Ju\u0308rg Joss, der seit 27 Jahren gegen den Betrieb von Mu\u0308hle\u00adberg mobilisiert, sagt: \u00abDie letzten Betriebsjahre eines AKWs sind&nbsp;die gefa\u0308hrlichsten.\u00bb Der Entscheid zur Stilllegung gaukle eine falsche Sicherheit vor. Joss und seine Weggefa\u0308hrten wollen deshalb, dass der Reaktor sofort vom Netz geht. Das Berner Stimmvolk verwarf dieses An\u00adsinnen am 18. Mai 2014 mit einer deutlichen Zweidrittelmehrheit. In der Gemeinde Mu\u0308hleberg sprachen sich sogar 75 Prozent dagegen aus.<\/p>\n\n<p><lite-youtube style=\"background-image: url('https:\/\/i.ytimg.com\/vi\/DiiEYlJbj_g\/hqdefault.jpg');\" videoid=\"DiiEYlJbj_g\" params=\"rel=0&#038;enablejsapi=1&#038;origin=https%3A%2F%2Fwww.greenpeace.ch&#038;cc_load_policy=1\"><\/lite-youtube><\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Genug vom medialen Interesse<\/strong><\/h3>\n\n<p>Wo man sich im Dorf auch umho\u0308rt, das vom Gemeindepra\u0308sidenten vermittelte Bild besta\u0308tigt sich: Das AKW scheint weder Ursache von A\u0308ngsten noch Grund fu\u0308r hitzige Debatten zu sein. \u00abFu\u0308r Auswa\u0308rtige ist das AKW ein viel gro\u0308sseres Thema als fu\u0308r uns Mu\u0308hleberger\u00bb, konsta\u00adtiert die Wirtin des Restaurants Traube, bei der immer wieder Journalis\u00adten mit Mikrofonen und Kameras durch die Gaststube rennen. Auch die Ba\u0308ckerin hat hundertprozentiges Vertrauen in die BKW. \u00abWas soll da schon passieren?\u00bb, fragt sie. \u00abDenen wird dermassen auf die Finger geschaut.\u00bb Irgendwoher mu\u0308sse man den Strom ja beziehen. Sie verstehe die AKW-Gegner manchmal nicht, wie sie da sitzen im Bundeshaus, hinter ihren Laptops, ohne sich zu fragen, woher der Strom fu\u0308r die Gera\u0308\u00adte kommt.<\/p>\n\n<p>Der Dorfpfarrer, Christfried Bo\u0308hm, erinnert sich, dass die Gemein\u00adde selbst nach dem Reaktorunfall in Fukushima von 2011 sehr prag\u00admatisch mit den Risiken des eigenen AKWs umgegangen sei. Wenn das AKW damals u\u0308berhaupt A\u0308ngste ausgelo\u0308st habe, so der Pfarrer, dann wegen dem darauffolgenden Entscheid der BKW, dieses 2019 vom Netz zu nehmen. Die Konsequenzen der Stilllegung fu\u0308r die Gemeinde: Das brenne einigen unter den Na\u0308geln. Schliesslich arbeiten auch heute noch rund 60 Mu\u0308hleberger a\u0308nnet em Chra\u0308jeberg, einige fu\u0308rs Wasserwerk, die meisten fu\u0308rs AKW. Hinzu kommt das lokale Gewerbe: Die \u00abTrau\u00adben\u00bb\u00ad-Wirtin besorgt das Catering fu\u0308r so manchen BKW-Anlass in der Region. Die Ba\u0308ckerin hat bis vor eineinhalb Jahren, als der Ku\u0308chenchef sich fu\u0308r A\ufbackware entschied, die BKW-Kantine mit frischen Gipfeli beliefert. Und so mancher Mu\u0308hleberger vermietet wa\u0308hrend der ja\u0308hrli\u00adchen mehrwo\u0308chigen Revision ein Zimmer an die ausla\u0308ndischen Inspek\u00adtoren, die zu Hunderten in die Gemeinde stro\u0308men; manche seit vielen Jahren. Die Inspektoren sind zu Freunden geworden \u2013 sie werden ab 2019 wegbleiben.<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"alignright\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/acf430ac-foj2612.jpg\" alt=\"Bilderbuchdorf M\u00fchleberg: Protest regt sich hier nur wenig. Und wenn, dann kommt er aus der Nachbargemeinde.\" class=\"wp-image-2194\"\/><figcaption>Bilderbuchdorf M\u00fchleberg: Protest regt sich hier nur wenig. Und wenn, dann kommt er aus der Nachbargemeinde. \u00a9Greenpeace \/ Nicolas Fojtu<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<p>Die BKW ist in der Gemeinde nicht nur als Arbeitgeberin gut an\u00adgesehen. Das Unternehmen pflegt auch einen innigen Kontakt mit sei\u00adner Standortgemeinde. Wenn immer etwas geplant wird: Die Mu\u0308hle\u00adberger sind die Ersten, die davon erfahren. Fu\u0308r die Infoveranstaltungen im Schulhaus reist der oder die CEO an. Die Bewohner werden ins Werk eingeladen, wo man sie aus erster Hand u\u0308ber die neusten Sicher\u00adheitsmassnahmen informiert. Die Botschaft ist stets dieselbe: Wir spielen mit offenen Karten, erfu\u0308llen sa\u0308mtliche Vorschriften, unsere Leute haben alles im Griff, es gibt nichts zu befu\u0308rchten. Danach werden Ha\u0308ppchen und Weisswein offeriert.<\/p>\n\n<p>Die BKW beteiligt sich auch an der Instandhaltung von Strassen, die sie mitbenu\u0308tzt. Und seit klar ist, dass sie die Mitarbeitenden u\u0308ber 2019 hinaus bescha\u0308ftigen und als Unternehmen wa\u0308hrend des 15\u00ad-ja\u0308hrigen Ru\u0308ckbaus am Standort pra\u0308sent sein will wie zuvor, sind auch die Exis\u00adtenza\u0308ngste weitgehend verpufft. \u00abDie BKW ist eine Musterschu\u0308lerin. Sie hat in Mu\u0308hleberg noch nie einen Fehler gemacht\u00bb, ru\u0308hmt Christian Wyss, Vizepra\u0308sident der SP Mu\u0308hleberg. Der langja\u0308hrige AKW-Gegner gesteht: \u00abWenn schon ein AKW, dann mo\u0308chte auch ich, dass es von diesen Leuten betrieben wird.\u00bb Selbst die Dorfjugend scheint entspannt mit dem Atommeiler vor der Haustu\u0308r zu leben. Die Jugendarbeiterin Regula Vonwyler hat mit ihren Schu\u0308tzlingen jedenfalls schon lange keine einschla\u0308gigen Diskussionen mehr gefu\u0308hrt: \u00abWenn sich einige Sorgen machten, dann wegen der baldigen Stillegung des AKWs\u00bb, erinnert sie sich. \u00abIch vermute, weil die Eltern im AKW arbeiten.\u00bb<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Tra\u0308umen von der Moderne<\/strong><\/h3>\n\n<p>Um das gute Verha\u0308ltnis zur BKW zu ergru\u0308nden, muss man einen Blick in die Geschichte von Mu\u0308hleberg werfen. Die Politiker der bis Ende des 19. Jahrhunderts weitgehend von der Landwirtschaft abha\u0308ngi\u00adgen Gemeinde waren der Modernisierung fru\u0308h zugewandt. 1917 wurde Mu\u0308hleberg zum Standort einer 240<br>\nMeter langen Staumauer und eines Elektrizita\u0308tswerks an der Mu\u0308ndung der Aare zum Wohlensee. Anfang der 60-er Jahre sollten die Da\u0308mme einer vorindustrialisierten Zeit kom\u00adplett eingebrochen werden: Der Kanton Bern plante mit dem Segen des Gemeinderats einen interkontinentalen Flughafen auf dem Gemein\u00addeboden. Mu\u0308hleberg sollte zu dem werden, was Kloten heute fu\u0308r Zu\u0308rich und die Schweiz ist. Das megalomane Projekt verschwand dann aller\u00addings in der Schublade. Dafu\u0308r hiess im Oktober 1966 der Gemeinderat das Baugesuch der BKW fu\u0308r ein Atomkraftwerk einstimmig gut.<\/p>\n\n<p>Ein internationales Konsortium, gebildet von General Electric und BBC, (schweiz. Elektronikkonzern Brown, Boveri &amp; Cie, 1988 mit ABB fu\u00adsioniert) fu\u0308hrte den Bau aus. Die Gemeinde fu\u0308hlte sich geschmeichelt; nicht einmal eine Standortentscha\u0308digung handelte der Gemeindepra\u0308\u00adsident aus. Eine Einfriedung des Areals wurde als unno\u0308tig befunden, das AKW war frei zuga\u0308nglich \u2013 so als ha\u0308tte sich einfach irgendein fortschritt\u00adliches Technikunternehmen an der Aare niedergelassen.<\/p>\n\n<p>Mit dem AKW kamen die Arbeitspla\u0308tze: Rund 350 Physiker, Inge\u00adnieure und Techniker fanden eine Stelle, oft auf Lebenszeit. Anfa\u0308nglich wohnten die meisten Mitarbeitenden noch im Dorf. Dafu\u0308r baute die BKW eigens die Siedlung Steinriesel: zweisto\u0308ckige Mehrfamilienha\u0308user mit rund hundert Wohnungen. Das \u00abAtomdo\u0308rfli\u00bb ist bei den Mu\u0308h\u00adlebergern und Mu\u0308hlebergerinnen bis heute als Wohnort beliebt.<\/p>\n\n<p><span class=\"pull-left\">Die hohen Gewinne der BKW bescherten der Gemeinde goldene Jahre: Schulden wurden abbezahlt und der Steuerfuss gesenkt, so dass er heute zu den tiefsten im Kanton Bern geho\u0308rt. <\/span>Die Siedlung unterhalb des Dorfkerns ist umgeben von Weizenfeldern, Kirschba\u0308umen, weidenden Ku\u0308hen und Wald; sie hat einen eigenen Spielplatz und manche scha\u0308tzen die grosszu\u0308gigen Schreberga\u0308rten.<\/p>\n\n<p>Das enge Zusammenleben zeigt sich auch in der Politik: Von 1949 bis 1970 hatte ein ranghoher BKW-Mitarbeiter Anrecht auf einen Sitz im elfko\u0308pfigen Gemeinderat. Seit die Manager des AKWs nicht mehr selbst im Dorf leben und der siebenko\u0308pfige Rat im Proporzverfah\u00adren gewa\u0308hlt wird, gilt dies nicht mehr. Heute sei die Gemeindever\u00adwaltung weder direkt noch indirekt mit der BKW verha\u0308ngt, versichert der Gemeindepra\u0308sident. Dass dieser traditionell ein SVP\u00ad oder FDP\u00ad Mann ist, der den Anliegen der BKW&nbsp;wohlgesinnt ist, du\u0308rfte fu\u0308r die BKW trotzdem vorteilhaft sein.<\/p>\n\n<p>Zusa\u0308tzlich zu den Arbeitspla\u0308tzen brachte die BKW Kapital. Seit der Inbetriebnahme des AKWs zahlt sie der Gemeinde Liegenschafts\u00adsteuern, aktuell ja\u0308hrlich etwa 600 000 Franken. Hinzu kommen Gewinnsteuern, die vom Jahresergebnis der BKW abha\u0308ngen. Laut SP\u00ad Vizepra\u0308sident Wyss, der selbst zwo\u0308lf Jahre im Gemeinderat sass, stammen heute von den zwo\u0308lf Millionen Jahresbudget rund eine von der AKW-Betreiberin.&nbsp;Mu\u0308hleberg baute ein neues Schulhaus und ru\u0308stete das Dach komplett mit Photovoltaik aus. Der dafu\u0308r notwendige Zusatzkredit wurde vom Gemeinderat ohne Diskussion durchgewinkt. Solche Freiheiten verbinden, das schafft Lo\u00adyalita\u0308t u\u0308ber Generationen und Parteigrenzen hinweg. Wer will unter solchen Bedingungen schon allzu laut Kritik u\u0308ben?<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong> Die Kritik der Zugezogenen<\/strong><\/h3>\n\n<p>Trotzdem gibt es Mu\u0308hleberger und Mu\u0308hlebergerinnen, die das AKW offen kritisieren. Alan S\u030cavar geho\u0308rt dazu. Er fu\u0308hrt in Biel ein Hotel&nbsp;und wohnt seit zehn Jahren im Dorf. In den Medien und u\u0308ber Facebook hat er sich mehrmals fu\u0308r einen Atomausstieg ausgesprochen. Als Risse im Reaktormantel publik wurden, habe er das Vertrauen in die BKW und in die Aufsichtsbeho\u0308rde ENSI verloren. Dass der Reaktor 2019 vom Netz geht, sei eine Erleichterung, auch wenn ihm der strahlende Ab\u00adfall daru\u0308ber hinaus Sorgen bereite. S\u030cavar ist u\u0308berzeugt: Die positive Ein\u00adstellung zum AKW in der Gemeinde ist gekauft. \u00abIch kann mir gut vorstellen, dass nach all dem, was man heute u\u0308ber diesen Reaktor weiss, viele in Mu\u0308hleberg a\u0308hnlich denken wie ich, aber die meisten wollen&nbsp;sich nicht exponieren.\u00bb Tatsa\u0308chlich fa\u0308llt auf, dass es meist Zugezogene sind, die sich kritisch a\u0308ussern. Oder zumindest solche, die nicht in der Gemeinde arbeiten. Als ga\u0308be es einen ungeschriebenen Kodex, der sich Kritik am Reaktor von Einheimischen und solchen verbittet, die auf Gescha\u0308fte in der Gemeinde angewiesen sind.<\/p>\n\n<p>Auch SP-Vize Christian Wyss ist ein Zugezogener. Vor 35 Jahren kam er her und arbeitete bis zur Fru\u0308hpensionierung auswa\u0308rts. Nun freut&nbsp;er sich u\u0308ber das nahende Ende des AKWs. Aktiv hat sich seine SP Mu\u0308hle\u00adberg jedoch nie fu\u0308r eine Stilllegung eingesetzt. Weshalb? \u00abVor zwanzig Jahren haben wir entschieden, dass wir das Thema Atomausstieg ein\u00adfrieren\u00bb, erkla\u0308rt er. Jedes Mal, wenn sie das Thema auf den Tisch ge\u00adbracht ha\u0308tten, seien sie als Nestbeschmutzer verunglimpft worden und ha\u0308tten einen monatelangen Krieg im Gemeinderat losgetreten. \u00abEs war schlicht politischer&nbsp;Selbstmord.\u00bb Seit sich seine Partei auf Sachge\u00adscha\u0308fte im Bildungs\u00ad-, Gesundheits\u00ad- und Infrastrukturbereich konzen\u00adtriere \u2013 eine Verkehrsberuhigung hier, ein neues A\u0308rztezentrum da \u2013 sei die Stimmung im Gemeinderat wieder \u00abkollegial und konstruktiv\u00bb.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Atomi 2 wa\u0308re gekommen<\/strong><\/h3>\n\n<p>Wie gross die Zustimmung zum AKW in Mu\u0308hleberg dank historisch gewachsener Na\u0308he zur BKW bis heute ist, zeigte sich zuletzt bei den Planungen von Mu\u0308hleberg 2. 2007 ku\u0308ndigte der damalige Konzernchef Kurt Rohrbach an der Jahresmedienkonferenz an, die BKW plane&nbsp;ein Ersatz\u00ad-AKW nur wenige Meter vom heutigen Reaktor entfernt. Laut Maire und Wyss war die Zustimmung fu\u0308r das Milliardenprojekt in der Gemeinde von Beginn weg gross. \u00abDie Planungen fu\u0308r ein Ersatz\u00ad-AKW waren sehr weit fortgeschritten\u00bb, erinnert sich Wyss, der damals in&nbsp;der zusta\u0308ndigen Kommission des Gemeinderats sass. \u00abBei einem Mei\u00adnungsumschwung in der O\u0308ffentlichkeit liesse sich Mu\u0308hleberg 2 sehr schnell wieder aus der Schublade holen.\u00bb<\/p>\n\n<p>Ab 2007 fanden Vorsondierungen statt. In Zusammenarbeit mit dem Gemeinderat wurden Standorte fu\u0308r Installationspla\u0308tze und Material\u00ad lager definiert, zusa\u0308tzliche Unterku\u0308nfte fu\u0308r die Belegschaft geplant und ein kurzes Stu\u0308ck Zufahrtsstrasse zum neuen Areal ausgebaut. Laut&nbsp;dem Gemeindepra\u0308sidenten stand sogar eine Tunnelbohrung durch den Chra\u0308jeberg zur Diskussion, um das Areal an die Autobahn A1 anzubinden.&nbsp;Die Einscha\u0308tzungen von Maire und Wyss sowie eine kantonale Abstim\u00admung im Februar 2011 zeigen: Wa\u0308ren knapp einen Monat nach der Abstimmung nicht mehrere Reaktorblo\u0308cke in Fukushima explodiert, Mu\u0308hleberg 2 wa\u0308re gebaut worden.&nbsp;\u00abDas Einzige, was die Mu\u0308hleberger nicht wollten, war ein 120 Me\u00adter hoher Ku\u0308hlturm vor ihrer Nase\u00bb, erinnert sich Wyss. Weil Mu\u0308h\u00adleberg 2 ein Mehrfaches an Strom des bestehenden AKWs liefern sollte, ha\u0308tte sich die Aare bei der Reaktorku\u0308hlung zu stark erhitzt. Ein Ku\u0308hl\u00adturm wa\u0308re deshalb no\u0308tig gewesen. Die BKW ging mit dem Problem prag\u00admatisch um. Sie lud den Gemeinderat zur Besichtigung der neusten Generation von sogenannten Hybridku\u0308hltu\u0308rmen nach Deutschland ein: viel niedriger, weil mit zusa\u0308tzlicher Ventilation ausgestattet, und ohne die bedrohliche Dampffahne, wie sie u\u0308ber Go\u0308sgen ha\u0308ngt.<\/p>\n\n<p>Damit wa\u0308re auch das neue AKW nicht in den Blick der Mu\u0308hleberger und Mu\u0308hlebergerinnen geru\u0308ckt. Es wa\u0308re weiterhin in der Senke am Aareufer geblieben, gut versteckt hinter dem Wa\u0308ldchen des Chra\u0308jebergs. Die Liegenschafts\u00ad- und Gewinnsteuern wa\u0308ren weiterhin geflossen und die Symbiose zwischen BKW und Mu\u0308hleberg fu\u0308r weitere 50 Jahre zementiert worden. Das gotthelfsche Idyll wa\u0308re auch nach dem Super\u00ad GAU von Fukushima und mit einem neuen \u00abAtomi\u00bb intakt geblieben.<\/p>\n<div data-render=\"planet4-blocks\/gallery\" data-attributes=\"{&quot;attributes&quot;:{&quot;multiple_image&quot;:&quot;54734,54733,54732&quot;,&quot;image_data&quot;:[{&quot;url&quot;:&quot;https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2016\\\/10\\\/a235c788-foj2555-1024x684-1.jpg&quot;,&quot;focalPoint&quot;:{&quot;x&quot;:0.5,&quot;y&quot;:0.5},&quot;id&quot;:54734},{&quot;url&quot;:&quot;https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2016\\\/10\\\/a4d07f71-foj2595-684x1024-1.jpg&quot;,&quot;focalPoint&quot;:{&quot;x&quot;:0.5,&quot;y&quot;:0.5},&quot;id&quot;:54733},{&quot;url&quot;:&quot;https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2016\\\/10\\\/34f8f3a7-foj2690-684x1024-1.jpg&quot;,&quot;focalPoint&quot;:{&quot;x&quot;:0.5,&quot;y&quot;:0.5},&quot;id&quot;:54732}],&quot;gallery_block_style&quot;:0,&quot;gallery_block_title&quot;:&quot;&quot;,&quot;gallery_block_description&quot;:&quot;&quot;,&quot;gallery_block_focus_points&quot;:&quot;&quot;,&quot;images&quot;:[{&quot;image_src&quot;:&quot;https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2016\\\/10\\\/a235c788-foj2555-1024x684-1.jpg&quot;,&quot;image_srcset&quot;:&quot;https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2016\\\/10\\\/a235c788-foj2555-1024x684-1.jpg 1024w, https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2016\\\/10\\\/a235c788-foj2555-1024x684-1-300x200.jpg 300w, https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2016\\\/10\\\/a235c788-foj2555-1024x684-1-768x513.jpg 768w, https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2016\\\/10\\\/a235c788-foj2555-1024x684-1-510x340.jpg 510w&quot;,&quot;image_sizes&quot;:false,&quot;alt_text&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;Das Dorf M\\u00fchleberg \\u00a9Greenpeace \\\/ Nicolas Fojtu\\n&quot;,&quot;focus_image&quot;:&quot;&quot;,&quot;credits&quot;:&quot;&quot;},{&quot;image_src&quot;:&quot;https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2016\\\/10\\\/a4d07f71-foj2595-684x1024-1.jpg&quot;,&quot;image_srcset&quot;:&quot;https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2016\\\/10\\\/a4d07f71-foj2595-684x1024-1.jpg 684w, https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2016\\\/10\\\/a4d07f71-foj2595-684x1024-1-200x300.jpg 200w, https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2016\\\/10\\\/a4d07f71-foj2595-684x1024-1-227x340.jpg 227w&quot;,&quot;image_sizes&quot;:false,&quot;alt_text&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;Ein Verkehrsschild zum AKW \\u00a9Greenpeace \\\/ Nicolas Fojtu\\n&quot;,&quot;focus_image&quot;:&quot;&quot;,&quot;credits&quot;:&quot;&quot;},{&quot;image_src&quot;:&quot;https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2016\\\/10\\\/34f8f3a7-foj2690-684x1024-1.jpg&quot;,&quot;image_srcset&quot;:&quot;https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2016\\\/10\\\/34f8f3a7-foj2690-684x1024-1.jpg 684w, https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2016\\\/10\\\/34f8f3a7-foj2690-684x1024-1-200x300.jpg 200w, https:\\\/\\\/www.greenpeace.ch\\\/static\\\/planet4-switzerland-stateless\\\/2016\\\/10\\\/34f8f3a7-foj2690-684x1024-1-227x340.jpg 227w&quot;,&quot;image_sizes&quot;:false,&quot;alt_text&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;Das \\u00abAtomi\\u00bb \\u00a9Greenpeace \\\/ Nicolas Fojtu\\n&quot;,&quot;focus_image&quot;:&quot;&quot;,&quot;credits&quot;:&quot;&quot;}]}}\"><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Atomkraftwerk pra\u0308gt die Gemeinde Mu\u0308hleberg seit vierzig Jahren. 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