{"id":44734,"date":"2016-10-25T07:00:00","date_gmt":"2016-10-25T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=44734"},"modified":"2020-05-23T11:52:50","modified_gmt":"2020-05-23T09:52:50","slug":"die-spaltung-der-atomis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/44734\/die-spaltung-der-atomis\/","title":{"rendered":"Die Spaltung der Atomis"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Eine philosophische Auseinandersetzung zur Spaltung des gesellschaftlichen Kerns und zwei entgegengesetzte Statements zur Atomdebatte.<\/strong><\/p>\n\n<p><span class=\"dropcap\">D<\/span>er Kolumnist und Philosoph Markus Waldvogel zur Atomdebatte: \u00abDer (Neo-)Liberalismus vertraut dem Markt wie einem Naturgesetz und sieht keinen Notstand, w\u00e4hrend die Vertreter einer nachhaltigen Politik die Grenzen des Wachstums sehen und an eine Befriedung des Energiehungers glauben.\u00bb<\/p>\n\n<p>Wenn Sie neben der Kolumne von Waldvogel auch die unterschiedlichen Standpunkte zweier Journalisten aus verschiedenen Lagern interessieren, lesen Sie weiter unten deren Argumente dazu.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Spaltung des gesellschaftlichen Kerns<\/strong><\/h3>\n\n<p>1973 erschien der erste Bericht des Club of Rome: \u00abDie Grenzen des Wachstums\u00bb. Im selben Jahr ordnete der Bundesrat wegen der Benzinknappheit (\u00abErd\u00f6lschock\u00bb) drei autofreie Sonntage an. Am 25. November war es so weit: Statt Autos und Motorr\u00e4der f\u00fcllten Fussg\u00e4nger die Schweizer Strassen.<\/p>\n\n<p>1974 reichten Studenten des Technikums Burgdorf eine Initiative f\u00fcr zw\u00f6lf autofreie Sonntage ein. Sie wurde trotz vieler Sympathien 1978 abgelehnt. Politbeobachter meinten, dass drei oder vier autofreie Sonntage eine Chance gehabt h\u00e4tten.<\/p>\n\n<p>Die Erfahrung autofreier Sonntage hatte experimentellen Charakter. Sie war in gewisser Weise radikal. Sie zeigte, dass einschneidende Massnahmen m\u00f6glich sind, wenn der politische Wille da ist. Die \u00e4lteren Schweizerinnen und Schweizer kannten das bereits: Die autofreien Sonntage erinnerten an die rationierten Lebensmittel w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs. Die Lebensmittelkarten sollten damals verhindern, dass reiche Familien mit Grosseink\u00e4ufen die L\u00e4den leer r\u00e4umten. Eigentlich geht es auch nicht an, dass einige Menschen heute hemmungslos Energie verbrauchen.<\/p>\n\n<p>\u00abDie Grenzen des Wachstums\u00bb machte eine wichtige Aussage: Es gibt objektive Schranken des Energieverbrauchs. Wenn sie systematisch \u00fcberschritten werden, bezahlen k\u00fcnftige Generationen die Rechnung. Der Markt kann dieses Problem nicht l\u00f6sen. Die Autofahrer h\u00e4tten 1973 auch nicht freiwillig auf ihr liebstes Spielzeug verzichtet. Aber in der Not frisst der Teufel Fliegen.<\/p>\n\n<p>Die Frage ist nur, was heisst Not? Dazu eine erhellende Episode aus der Schweizer Umweltbewegung: Nachdem die Burgdorfer Initiative abgelehnt worden war, wollten einige Mitarbeiter des WWF Schweiz, dass die Umweltorganisation sich definitiv gegen die Atomkraft stelle. Das war b\u00fcrgerlichen Politikern, die sich gerne auch als Umweltfreunde bezeichneten, ein Dorn im Auge. Sie machten Druck. Der WWF solle sich auf sein zentrales Anliegen beschr\u00e4nken: den Artenschutz. \u00c4hnlich t\u00f6nte es auch aus klassisch natursch\u00fctzerischen Kreisen: Man solle sich nicht in politische Debatten einmischen, sondern beim Kerngesch\u00e4ft bleiben.<\/p>\n\n<p>Schliesslich schaffte eine repr\u00e4sentative Umfrage Klarheit: 87 Prozent der WWF-Mitglieder standen hinter einer Anti-Atomkraft-Politik. F\u00fcr sie befand sich die Gesellschaft durchaus in einem Notstand. \u00c4hnlich sahen es \u00fcbrigens auch Willy Brandt und Olof Palme in ihrem Bericht der Nord-S\u00fcd-Kommission \u00abDie Zukunft sichern\u00bb aus dem Jahr 1980. Doch von einem Notstand wollte die politische Mehrheit in der Schweiz nichts wissen. Gesellschaftlichen Krisen k\u00f6nne man nicht mit einschr\u00e4nkenden Massnahmen begegnen.<\/p>\n\n<p>Heute wird die Atomkraft trotz Tschernobyl und Fukushima und entgegen allen Ausstiegsszenarien im deutschsprachigen Europa wieder zum energiepolitischen Notnagel. Die einen sagen: Wer die Zukunft der Kerntechnologie bedroht, nimmt der Wirtschaft ihr Lebenselixier und schafft k\u00fcnstliche Stromengp\u00e4sse; ausserdem helfe die Atomkraft im Kampf zum Erreichen der Klimaziele. Die anderen rufen nach \u00absauberer\u00bb Energie und warnen vor atomaren Gefahren, vor der Intransparenz des Uranhandels und der weltweit wenig nachhaltigen Stromproduktion.<\/p>\n\n<p>Die Spaltung des gesellschaftlichen Kerns bleibt offensichtlich: Der (Neo-)Liberalismus vertraut dem Markt wie einem Naturgesetz und sieht keinen Notstand, w\u00e4hrend die Vertreter einer nachhaltigen Politik die Grenzen des Wachstums sehen und an eine Befriedung des Energiehungers glauben.<\/p>\n\n<p>Zwischen diesen Positionen leben viele Menschen, die beides wollen, den F\u00fcnfer und das Weggli, n\u00e4mlich einen hohen Lebensstandard mit m\u00f6glichst wenig (Markt-)Einschr\u00e4nkungen und ein durch gr\u00fcnen Ablass (Kompensationen) bes\u00e4nftigtes schlechtes Gewissen.<\/p>\n\n<p>Zur Freiheit des Einzelnen geh\u00f6rt das Wissen, dass man es auch einmal anders machen k\u00f6nnte \u2013 das mit den Ferien, dem Fleisch oder der Mobilit\u00e4t. Zur Freiheit einer Regierung geh\u00f6rt der Mut, auch einmal unpopul\u00e4re Entscheidungen zu f\u00e4llen, statt dauernd auf parlamentarische Mehrheiten zu schielen. Regierungen f\u00fchren besser, wenn sie das Abgew\u00e4hltwerden wegen politischer Inhalte bewusst in Kauf nehmen \u2013 und wenn sie Experimente wagen. Wie w\u00e4r\u2019s mit einer Aktion \u00abDas GA f\u00fcr 2000 Franken, befristet auf ein Jahr\u00bb? Oder mit \u00abflugfreien Pfingsten?\u00bb Oder einer verbindlichen Energieverbrauchskarte pro Kopf?<\/p>\n\n<p>\u00dcbrigens: Die autofreie Altstadt von Schaffhausen konnte vor vierzig Jahren nur verwirklicht werden, weil ein Pilotversuch diese wunderbare Erfahrung erm\u00f6glichte. Der konservative politische Slogan \u00abKeine Experimente!\u00bb ist in einer zerrissenen, modernen Gesellschaft fehl am Platz. Dies auch noch 43 Jahre nach den autofreien Sonntagen.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Standpunkte<\/strong><\/h3>\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Omert\u00e0 \u2013 das ungeschriebene Gesetz des Schweigens<\/strong><\/h4>\n\n<p>Von Susan Boos, Journalistin, wohnhaft in St. Gallen<\/p>\n\n<p>Da war die Besetzung von Kaiseraugst und die Atomkatastrophe von Tschernobyl. Doch f\u00fcr mich war damals alles weit weg und hatte nichts mit mir zu tun.<br>Dann wollte es der Zufall, dass ich Anfang der 1990er Jahre in die Ukraine reiste. Ich lernte Leute kennen, die 1986 in Prypjat gelebt hatten. Prypjat, das war die Stadt gleich neben dem geborstenen Reaktor von Tschernobyl. Die Menschen, die dort lebten, hatten aufrichtig an die Nuklearenergie geglaubt, weil sie f\u00fcr Fortschritt und Wohlstand stand.<br>Und dann passierte das Unvorstellbare, der Reaktor explodierte. Binnen weniger Stunden mussten die Leute Prypjat verlassen. Alles, was sie geliebt hatten, war f\u00fcr immer verschwunden.<br>Damals wollte ich genauer wissen, was eine solche Katastrophe mit einer Gesellschaft anstellt, und beschloss, dar\u00fcber ein Buch zu schreiben. Ich redete mit Evakuierten, Aufr\u00e4umarbeitern, WissenschaftlerInnen und auch den alten Menschen, die die hochverseuchte Zone nicht verlassen wollten.<br>Im Westen waren sich die ExpertInnen einig: Die Sowjets, diese Pfuscher, waren schuld, bei uns w\u00fcrde ein solcher Unfall nie passieren.<br>Tatsache war: Es gab in der Sowjetunion Leute, die gewarnt hatten, dass der Tschernobyl-Reaktor ein Konstruktionsproblem aufwies. Doch man wollte es nicht h\u00f6ren.<br>Dann kam der M\u00e4rz 2011. Drei Reaktoren in Fukushima schmolzen durch. Wieder ging ich hin, um mit den Betroffenen zu reden. Erneut verloren Tausende \u00fcber Nacht ihr gewohntes Leben \u2013 Haus, Hof, K\u00fche, Katzen, Garten.<br>Die Experten sagten diesmal, man habe vorher gewusst, dass Fukushima Daiichi f\u00fcr den Tsunami nicht ger\u00fcstet war. Selbst die oberste internationale Atombeh\u00f6rde habe das angemahnt. Doch es drang nichts nach draussen. Keiner hat laut gesagt: Liebe Leute von Tepco, so geht das nicht!<br>Es gibt weltweit viele Atomkraftwerke, die technisch nicht so ausger\u00fcstet sind, wie sie sein sollten. Die Branche weiss es, die Branche schweigt.<br>Solange die Omert\u00e0 gilt, tut man gut daran, davon auszugehen, dass kein AKW sicher ist \u2013 wirklich sicher ist aber eins: Ein stillgelegtes AKW.<\/p>\n\n<p>*<br>\u00abBeherrschtes Entsetzen \u2013 das Leben in der Ukraine zehn Jahre nach Tschernobyl\u00bb (1996)<br>\u00abStrahlende Schweiz. Handbuch zur Atomwirtschaft\u00bb (1999)<br>\u00abFukushima l\u00e4sst gr\u00fcssen. Die Folgen eines Super-GAUs\u00bb (2012)<\/p>\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Ich bin ein Atomfreund aus Umweltgr\u00fcnden<\/strong><\/h4>\n\n<p>Von Alex Baur (55), Journalist, wohnhaft in Z\u00fcrich<\/p>\n\n<p>F\u00fcr einen, der in den 1970er Jahren das Gymnasium in Aarau besuchte, war die Teilnahme an den Demos im nahen G\u00f6sgen schon fast ein Pflichtfach. So kam auch ich via Anti-AKW-Bewegung auf das Thema. Das war insofern speziell, als mein Stiefvater Kernphysiker war. Ich musste mich also sehr gut informieren, um gegen ihn anzutreten. Und es gelang mir sogar, ernsthafte Zweifel in ihm zu wecken.<br>Nur glaubte ich am Ende selber nicht mehr an meine Argumente. Die Wende kam 1986 mit Tschernobyl. Ein Atomausstieg erschien erstmals real greifbar. Real wurden damit aber auch die Konsequenzen. Zum einen sah ich, dass der Super-GAU zwar schlimm, aber nicht so verheerend wie bef\u00fcrchtet war. Zum andern wurde mir klar, dass die einzige reale Alternative fossile Brennstoffe sind. Alles andere ist gef\u00e4hrliches Wunschdenken. Sonne und Wind scheitern an der Unzuverl\u00e4ssigkeit und am enormen Verschleiss an Ressourcen, Bio-Treibstoffe sind schlicht ein Umweltverbrechen.<br>Ich bin ein Atomfreund aus Umweltgr\u00fcnden. Ich habe beruflich einige Jahre in Entwicklungsl\u00e4ndern verbracht. Und ich habe gelernt: Die meisten Menschen leben nicht wie wir im \u00dcberfluss, sie wollen Wachstum \u2013 und sie haben ein Recht darauf. Energie ist ein Schl\u00fcssel-Faktor. Atomkraft (Bandenergie) kombiniert mit Wasserkraft (Regelstrom), also das Schweizer Modell, ist schlichtweg genial. Wobei klar ist: Die problemlose Energiequelle gibt es nicht, es ist stets eine Frage des kleineren \u00dcbels.<br>Ich habe mehrere Atomkraftwerke besucht, darunter auch die Ruinen von Fukushima (das evakuierte Sperrgebiet hatte ich zuvor auf eigene Faust erkundet, illegalerweise). Ich habe meine Position stets kritisch hinterfragt, doch ich kam immer wieder zum selben Schluss: Es ist falsch, die Atomenergie zu bek\u00e4mpfen. Vielmehr sollten wir uns f\u00fcr neue, inh\u00e4rent sichere Reaktoren einsetzen. Mit AKW der vierten Generation, also der Br\u00fctertechnologie, die in Russland schon heute (und bald auch in China) Strom liefert, werden wir auch das Problem der lang strahlenden Abf\u00e4lle aus der Welt schaffen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine philosophische Auseinandersetzung zur Spaltung des gesellschaftlichen Kerns und zwei entgegengesetzte Statements zur Atomdebatte.<\/p>\n","protected":false},"author":49,"featured_media":40508,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_planet4_optimize_post_is_variant":false,"_planet4_optimize_experiment_name":"","_planet4_optimize_variant_name":"","ep_exclude_from_search":false,"p4_og_title":"","p4_og_description":"","p4_og_image":"","p4_og_image_id":"","p4_seo_canonical_url":"","p4_campaign_name":"not set","p4_local_project":"not set","p4_basket_name":"not set","p4_department":"","footnotes":""},"categories":[47],"tags":[42],"p4-page-type":[194],"gpch-article-type":[],"class_list":["post-44734","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-greenpeace","tag-energie","p4-page-type-hintergrund"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44734","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/49"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=44734"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44734\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/40508"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=44734"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=44734"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=44734"},{"taxonomy":"p4-page-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/p4-page-type?post=44734"},{"taxonomy":"gpch-article-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/gpch-article-type?post=44734"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}