{"id":44753,"date":"2016-11-15T07:00:00","date_gmt":"2016-11-15T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=44753"},"modified":"2020-05-23T12:39:59","modified_gmt":"2020-05-23T10:39:59","slug":"babylonische-sprachverwirrung-um-atomares-erbe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/44753\/babylonische-sprachverwirrung-um-atomares-erbe\/","title":{"rendered":"Babylonische Sprachverwirrung um atomares Erbe"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>In Babel wollten die Menschen einen riesigen Turm bauen. Einen richtig grossen. Sie wurden \u00ad\u00fcber\u00adm\u00fctig, schliesslich gr\u00f6ssenwahnsinnig und begannen zu streiten. Da liess Gott Gericht \u00adwalten\u00a0und erschuf mit den Sprachen die Sprachverwirrung. Hatten sich \u00adbisher\u00a0alle Menschen einer\u00a0Sprache bedient, so verstand nun der eine den anderen nicht mehr.<\/strong><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"dropcap\">H<\/span>eute heisst Babel Gorleben (D), Jura Ost \/ Z\u00fcrich Nordost (CH) oder Bure (F). Hier soll sich in naher Zukunft der Atomm\u00fcll stapeln. Ein riesiges Problem, \u00fcber dessen L\u00f6sung man sich weder einig wird noch verst\u00e4ndigen kann. Schon gar nicht, wenn man sich das Ganze in die Zukunft denkt: Das AKW Beznau hat in nur 47 Jahren radioaktiven M\u00fcll produziert, der eine Million Jahre lang strahlen wird. Das sind 33\u2009000 Generationen, von denen m\u00f6glichst keine auf die Idee kommen sollte, im Garten Erde an der falschen Stelle auf Schatzsuche zu gehen.<\/p>\n\n<p class=\"p2\">Es stellt sich die Frage, wie wir unsere Nachkommen \u00fcber dieses problematische Erbe informieren wollen. Linguisten sch\u00e4tzen, dass eine&nbsp;Sprache nur ungef\u00e4hr 10\u2009000 Jahre \u00fcberlebt. Zum Vergleich: Die Keilschrift, die erste Schriftsprache der Menschen, entstand vor etwa 5000 Jahren und ist heute kaum mehr verst\u00e4ndlich.<\/p>\n\n<p class=\"p2\">Deshalb befasste sich 1981 das amerikanische Energieministerium mit der Frage, wie Lesbarkeit und Verst\u00e4ndnis einer Information \u00fcber Hunderttausende von Jahren erhalten werden k\u00f6nnte und initiierte eine Forschungsgruppe: Die Atomsemiotik. Ein Forschungszweig, der Atomm\u00fcll als Kommunikationsproblem versteht. Seit \u00fcber 35 Jahren suchen Forscher nach den richtigen Worten, um den M\u00fcll zu beschreiben, den wir weiter anh\u00e4ufen.<\/p>\n\n<p class=\"p2\">Die erste konkrete Umsetzung plant derzeit die USA: Ab 2033 sollen insgesamt 50 sieben Meter hohe Monolithen das Endlager der amerikanischen Atomwaffenproduktion in New Mexico abstecken. In ihrer Mitte soll ein von Mauern umgebenes Informationszentrum \u00fcber das&nbsp;atomare Erbe Aufschluss geben \u2013 mit Warnhinweisen in den sechs Weltsprachen Englisch, Franz\u00f6sisch, Spanisch, Arabisch, Russisch und Chinesisch sowie in der Sprache der Navajo-Indianer. Ob das ausreicht und das aktuelle Warndreieck der Internationalen Atomenergiebeh\u00f6rde auch in Tausenden von Jahren noch verstanden werden wird, ist fraglich. So zeigen Untersuchungen, dass Kinder das Atomzeichen eher f\u00fcr einem Flugzeugpropeller halten, als es lebensbedrohlichem Abfall zuzuordnen. Totenk\u00f6pfe k\u00f6nnen heute zwar Tod bedeuten, aber eben auch das Emblem einer politischen Gruppe wie der Piraten-Partei darstellen.<\/p>\n\n<p>Die Ideen der Forschungsgruppe sind so wild, dass sie schon verzweifelt wirken. So schlug der Sprachwissenschaftler Thomas Sebeok vor, die Problematik der zeitlichen Begrenztheit von Symbolen zu umgehen, indem man eine Atompriesterschaft gr\u00fcnde. Eine unabh\u00e4ngige Organisation mit der einzigen Aufgabe, den nachfolgenden Generationen Wissen und Warnungen zum Atomm\u00fcll weiterzugeben.<\/p>\n\n<p class=\"p1\">Dem Semiotiker Roland Posner schwebt ein \u00abZukunftsrat\u00bb aus demokratisch gew\u00e4hlten Abgeordneten mit derselben Aufgabe vor. Der Philosoph Stanislaw Lem sieht die L\u00f6sung in der Z\u00fcchtung einer bei Radioaktivit\u00e4t aufbl\u00fchenden Pflanze; eine sich selbst fortpflanzende Warnung an unsere Nachkommen. Die AutorInnen Fran\u00e7oise Bastide und Paolo Fabbri verfolgen eine \u00e4hnliche Idee mit der&nbsp;genetisch angepassten Strahlenkatze, deren Fell sich als Reaktion auf atomare Strahlung verf\u00e4rbt. Die Unm\u00f6glichkeit, die richtigen Mittel zu finden, belegt vor allem eines: Atomenergie ist und bleibt eine Sackgasse. Und wir stecken mittendrin.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/6797bcb0-illu3_medres.jpg\" alt=\"illu3_medres\" class=\"wp-image-2480\"\/><figcaption>\u00a9Michael Raaflaub<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Wie lange radioaktiver Abfall vor der Umwelt sicher verschlossen werden muss, unterliegt nationalen Richtlinien. In der Schweiz m\u00fcssen schwach- und mittelaktive Abf\u00e4lle 100\u2009000 Jahre, hochaktive Abf\u00e4lle wie abgebrannte Brennelemente eine Million Jahre sicher isoliert werden. Nach Ablauf dieser Zeit sollte die Radioaktivit\u00e4t der Abf\u00e4lle auf das Niveau der nat\u00fcrlichen Strahlung gefallen sein.<\/p>\n\n<p>Falls sich die gew\u00e4hlten Lagerstandorte als zu wenig sicher erweisen, wird die R\u00fcckholbarkeit in der Schweiz f\u00fcr 50 bis 100 Jahre vorgesehen, in Deutschland f\u00fcr 500 Jahre. Danach soll ein Tiefenlager endg\u00fcltig versiegelt werden.<\/p>\n\n<p>Beim Lager f\u00fcr milit\u00e4rische Abf\u00e4lle in New Mexico (USA) werden 10\u2009000 Jahre sichere Verwahrung als ausreichend bewertet. Die untenstehende Illustration&nbsp;zeigt, wie die Anlage \u00fcber diesen Zeitraum mit Warnzeichen vor menschlichen \u00dcbergriffen gesch\u00fctzt werden soll. Wie s\u00e4he das f\u00fcr hundert Mal l\u00e4ngere Zeitr\u00e4ume aus, wie sie f\u00fcr hochaktive Abf\u00e4lle in der Schweiz errechnet wurden?<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/40bdac68-illu2_medres.jpg\" alt=\"\u00a9Michael Raaflaub\" class=\"wp-image-2474\"\/><figcaption>\u00a9Michael Raaflaub<\/figcaption><\/figure>\n\n<p><strong>Inga Laas.<\/strong>&nbsp;Online-Redakteurin und Umweltingenieurin. Irgendwas zwischen Digital Native und Digital Immigrant. Bekennender B\u00fccherwurm. Wohnt mit ihrer Familie am Zimmerberg im Kanton Z\u00fcrich. Wenn sie nicht f\u00fcr Greenpeace schreibt, studiert sie Natur und Umwelt lieber analog. Vom Texten erholt sie sich beim G\u00e4rtnern, Lesen und Handwerkeln.<\/p>\n\n<p><strong>Michael Raaflaub.<\/strong>&nbsp;Nach abgeschlossenem Studium im Bereich Visuelle Kommunikation mit Vertiefung Illustration in Luzern ist Michael seit Anfang 2009 als selbstst\u00e4ndiger Illustrator t\u00e4tig. Michael lebt und zeichnet in Bern. www.mraaflaub.ch<\/p>\n\n<p><span class=\"s1\">\u00abDie Sicherheit von AKWs ist \u00fcberlebenswichtig. Darum muss jede Massnahme ergriffen werden, um ein weiteres Ungl\u00fcck zu verhindern: dazu geh\u00f6rt auch Magie. Beznau, das \u00e4lteste AKW der Welt erh\u00e4lt Schutz durch einen magischen Zaun.&nbsp;<\/span><span class=\"s1\">Magic Fence schliesst die Sicherheitsl\u00fccke und macht den ersten Schritt zum Atomkult.\u00bb <strong>Mach mit!<\/strong> Mehr dazu <a href=\"https:\/\/wemakeit.com\/projects\/magic-fence\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hier<\/a>.<\/span>\n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Babel wollten die Menschen einen riesigen Turm bauen. Einen richtig grossen. Sie wurden \u00ad\u00fcber\u00adm\u00fctig, schliesslich gr\u00f6ssenwahnsinnig und begannen zu streiten. Da liess Gott Gericht \u00adwalten\u00a0und erschuf mit den Sprachen die Sprachverwirrung. 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