{"id":44803,"date":"2016-12-30T07:00:00","date_gmt":"2016-12-30T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=44803"},"modified":"2020-05-23T13:40:19","modified_gmt":"2020-05-23T11:40:19","slug":"ich-will-nicht-in-einem-land-leben-das-sich-ums-klima-foutiert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/44803\/ich-will-nicht-in-einem-land-leben-das-sich-ums-klima-foutiert\/","title":{"rendered":"Ich will nicht in einem Land leben, das sich ums Klima foutiert"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Gemeinsam mit 538 anderen Frauen klagt die Z\u00fcrcher Historikerin Heidi Witzig gegen den Bundesrat. Die Landes\u00adregierung gef\u00e4hrde mit zu tief angesetzten Klimazielen die Gesundheit \u00e4lterer Menschen, insbesondere von Frauen.<\/strong><\/p>\n\n<p class=\"p1\">\u00abNat\u00fcrlich liege ich wegen der Klimaerw\u00e4rmung nicht im Sterben\u00bb, r\u00e4umt die 72-j\u00e4hrige Heidi Witzig ein. Ihr mache eine Hitzewelle nicht viel aus, sie habe es gern w\u00e4rmer. Gleichwohl habe sie zusammen mit 538 weiteren \u00abKlimaseniorinnen\u00bb Klage gegen den Bundesrat eingereicht: \u00abWeil ich als \u00e4ltere Frau klageberechtigt bin, und weil es sich um ein wichtiges gesellschaftspolitisches Anliegen handelt.\u00bb Ihr mache eine Hitzewelle nicht viel aus, sie habe es gern w\u00e4rmer. Gleichwohl habe sie zusammen mit 538 weiteren \u00abKlimaseniorinnen\u00bb Klage gegen den Bundesrat eingereicht: \u00abWeil ich als \u00e4ltere Frau klageberechtigt bin, und weil es sich um ein wichtiges gesellschaftspolitisches Anliegen handelt.\u00bb<\/p>\n\n<p class=\"p2\">Die Klageberechtigung ergibt sich aus der Statistik: Wenn die Durchschnittstemperatur auf der Welt stetig steigt und sich auch in der Schweiz Hitzeperioden h\u00e4ufen, leiden \u00e4ltere Frauen deutlich st\u00e4rker als M\u00e4nner und j\u00fcngere Personen. Dies ergab eine Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO. Eine weitere Studie des Bundesamtes f\u00fcr Gesundheit f\u00fchrte zum Ergebnis, dass im Hitzesommer 2003 die Sterblichkeitsrate bei Seniorinnen stark angestiegen war.<\/p>\n\n<p class=\"p2\">Nach Ansicht der Kl\u00e4gerinnen verst\u00f6sst der Bundesrat mit seinen zu tief angesetzten Klimazielen gegen die Verfassung, denn die Mass-nahmen reichen nicht aus, um solche Hitzewellen in Zukunft zu verhindern. Dabei verpflichtet neben der Europ\u00e4ischen Menschenrechtskonvention auch Artikel 74 der Bundesverfassung die Regierung, Mensch und Umwelt \u00abvor sch\u00e4dlichen oder l\u00e4stigen Einwirkungen\u00bb zu sch\u00fctzen. Ausserdem garantiert Artikel 10 allen das Recht auf k\u00f6rperliche Unversehrtheit.<\/p>\n\n<p class=\"p2\"><b>\u00abKein Klamauk\u00bb<\/b><\/p>\n\n<p class=\"p2\">Wenn es um Grundrechte und Schutzpflichten geht, sind tats\u00e4chlich die Gerichte zust\u00e4ndig und nicht die Parlamente. Der Weg der Klage sei deshalb auch kein Klamauk, betont Heidi Witzig: \u00abIch will nicht in einem Land leben, das sich ums Klima foutiert.\u00bb Hier habe sie die M\u00f6glichkeit, etwas dagegen zu unternehmen, \u00abpolitisch zu unternehmen\u00bb, betont sie nochmals, denn sie ist genervt, wie einige Klimaseniorinnen in den Medien dargestellt wurden.<\/p>\n\n<p class=\"p2\">Etwa Monika Stocker \u00abim bl\u00f6den Interview\u00bb des Tages-Anzeigers. Darin wurde der Z\u00fcrcher Alt-Stadtr\u00e4tin ihre Fitness vorgehalten sowie das Ph\u00e4nomen kritisiert, dass Schweizer Rentner ihren Lebensabend gerne in w\u00e4rmeren L\u00e4ndern verbringen. Als ob die eigene Gesundheit jede Sorge um die Umwelt und die Zukunft ausl\u00f6schen k\u00f6nnte \u2013 und ein Pension\u00e4rinnen leben in Thailand oder Spanien gleichzusetzen w\u00e4re<br>\nmit Gutheissung der Erderw\u00e4rmung.<\/p>\n\n<p class=\"p2\">Heidi Witzig ist seit 1968 in der Frauenbewegung aktiv. Weil sie Geschichte studiert, ihre Dissertation aber in Kunstgeschichte geschrieben hatte, fand sie keine Stelle als Gymnasial<span class=\"s1\">lehrerin. Also arbeitete sie als Dokumentalistin <\/span>beim Schweizer Fernsehen, zog mit ihrem Partner eine Tochter auf \u2013 und vermisste zusehends ihr Spezialgebiet. Ihrer Freundin, der Histori-kerin Elisabeth Joris, die als Geschichtslehrerin arbeitete, ging es \u00e4hnlich. Beide wollten zur\u00fcck in die Forschung und begannen Frauengeschichte(n) zu recherchieren \u00abweil Frauen in der Schweizer Geschichte kaum vorkamen\u00bb.<\/p>\n\n<p class=\"p2\">Das Buch der Schweizer Frauen, zu dem etliche Historikerinnen Dokumente beisteuerten, erschien 1986 und gilt heute noch als Standardwerk. Erschienen ist es im Limmat Verlag, zu dessen Gr\u00fcnderinnen Heidi Witzig geh\u00f6rt. Diese Arbeit leistete sie neben ihrem Job beim Fernsehen. Nat\u00fcrlich sei das neben der Familie eine grosse Belastung gewesen, aber sie wie Elisabeth Joris h\u00e4tten damals in WGs mit anderen Elternpaaren gelebt. \u00abDas gab einen Tag Haushalt in der Woche, einen einzigen Tag Kinderbetreuung. Das ging.\u00bb<\/p>\n\n<p class=\"p2\">Das Buch schlug dermassen ein, dass die Auftr\u00e4ge von selber kamen, als erstes vom Nationalfonds. Sie k\u00fcndigte ihre Stelle beim Fernsehen und wurde freischaffende Historikerin mit Fokus Frauen-, Regional- und Alltagsgeschichte. Ihr wichtigstes Werk ist \u00abPolenta und Paradeplatz\u00bb, ein Buch \u00fcber den Alltag von Frauen und M\u00e4nnern um 1900.<\/p>\n\n<p class=\"p2\">Sie habe grosses Gl\u00fcck gehabt, dass das Thema sie zutiefst interessiert und bewegt habe. Sie k\u00f6nnte noch heute jede Woche einen Artikel platzieren und jeden Tag einen Vortrag halten, sagt sie. Doch mit 67 habe sie ihr Arbeitspensum reduziert: \u00abIch musste mich entscheiden, wof\u00fcr ich meine Energie einsetzen will.\u00bb Ihr letztes Buch \u2013 \u00abWie kluge Frauen alt werden\u00bb \u2013 ist vor neun Jahren erschienen.<\/p>\n\n<p class=\"p2\"><b>Der Reiz des Alterns<\/b><\/p>\n\n<p class=\"p2\">Alt zu werden, sei einfach spannend, sagt sie. \u00abEs ist eine Zeit der Reifung, der Vers\u00f6hnung und\u00bb, jetzt muss sie lachen, weil sie sich immer noch furchtbar aufregen kann: \u00abeine Zeit der M\u00e4ssigung.\u00bb Sie sei ein feuriger Typ, inzwischen aber \u00abrelativ gem\u00e4ssigt unterwegs\u00bb. Fr\u00fcher habe sie immer haargenau gewusst, was richtig und was falsch sei; sie sei \u00abenorm fundamentalistisch\u00bb gewesen. Jetzt lache sie manchmal \u00fcber ihr damaliges Ich.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/dad4901f-illu_01.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-2704\"\/><figcaption><span style=\"color: #000000;\">Heidi Witzig, Klimaseniorin und Kl\u00e4gerin, geboren 1944 in Frauenfeld, ist freischaffende Historikerin und Spezialistin f\u00fcr Frauen-, Geschlechter- und Alltagsgeschichte.<\/span><\/figcaption><\/figure>\n\n<p class=\"p2\">Ihren Fundamentalismus musste sie schon einmal auf Eis legen \u2013 in den Achtzigern, als sie acht Jahre f\u00fcr die SP im Gemeinderat Uster sass. Da war Gesp\u00fcr gefragt, um Sachfragen gemeinsam zu l\u00f6sen. \u00abIch habe dort gemerkt, dass nicht nur ich das Beste f\u00fcr meine Stadt wollte, sondern auch meine politischen Gegnerinnen und Gegner. Ihr Bestes war einfach etwas ganz anderes.\u00bb Heute w\u00fcrde sie nie mehr in einem Parlament politisieren, obwohl sie die SP in Winterthur, wo sie seit vielen Jahren lebt, wiederholt auf die Wahlliste setzte. \u00abIch brauche meine Energie f\u00fcr anderes und der raue Ton, der heute herrscht, ist mir auch zuwider.\u00bb Jetzt sei sie mehr unterwegs, sei es, wie gerade eben, auf einer Schamanen-Tour durch die Mongolei oder wandernd durch die Schweiz.<\/p>\n\n<p class=\"p2\">Kein bisschen ruhiger geworden ist sie aber in ihrer Haltung. Das Private sei f\u00fcr sie \u2013 wie<br>\nin den bewegten Zeiten \u2013 nach wie vor politisch. Bis vor vier Jahren wohnte sie wieder in einer Wohngemeinschaft, nach dem Tod ihres Mannes zum ersten Mal ohne ihn in einer WG mit drei \u00e4lteren Frauen. Das sei erstmals schiefgegangen: \u00abDiskussionen finde ich beim Zusammenleben absolut in Ordnung, Streit und harte Worte muss ich aber nicht haben.\u00bb Schlimm findet sie das Scheitern nicht. Jetzt wohne sie eben zum ersten Mal in ihrem Leben allein und finde es toll.<\/p>\n\n<p class=\"p2\">Zumal sie auch ihre Enkel regelm\u00e4ssig sieht; sie hat jede Woche einen fixen Betreuungstag. Als ihr erstes Grosskind auf die Welt kam, war sie noch voll am Arbeiten und teilte ihrer Tochter mit, w\u00f6chentliche H\u00fctedienste k\u00e4men f\u00fcr sie nicht in Frage. \u00abUnd dann hab ich den Buben zum ersten Mal gesehen, er hat mich mit grossen Augen angeschaut, und es war um mich geschehen.\u00bb Sie ist heute froh darum \u2013 auf der Website der Klimaseniorinnen steht nicht von ungef\u00e4hr: \u00abHistorikerin und engagierte Grossmutter\u00bb.<\/p>\n\n<p class=\"p2\">Zum Engagement geh\u00f6rt auch ihre T\u00e4tigkeit im Matronat eines Think Tanks f\u00fcr die \u00e4ltere Frauengeneration. Dass diese Plattform \u00abGrossm\u00fctter(R)evolution\u00bb heisst, macht Heidi Witzig nicht besonders gl\u00fccklich: \u00abWir haben schliesslich nicht unser Leben lang daf\u00fcr gek\u00e4mpft, dass Frauen nicht in erster Linie M\u00fctter sein m\u00fcssen, um jetzt \u00e4ltere Frauen pauschal zu Grossm\u00fcttern zu machen.\u00bb Sie verstehe jede Frau, die sich dar\u00fcber aufregt. Aber nun sei es halt so \u2013 den Namen bringe man nicht mehr los und die Medien liebten ihn sowieso. Sie zuckt mit den Schultern. Das Alter, die Zeit der M\u00e4ssigung.<\/p>\n\n<p><strong>Vorbild Holland<\/strong><br>Die Klimaklage ist ein Projekt der Klimaseniorinnen (www.klimaseniorinnen.ch). Sie wird unterst\u00fctzt von Greenpeace Schweiz und weiteren Organisationen. Der Verein hat rund 540 Mitglieder, alles Frauen im AHV-Alter. Sie kritisieren, dass die Klimaerw\u00e4rmung mit dem im Schweizer CO<sub>2<\/sub>-Gesetz verbrieften Reduktions-Ziel bis 2020 nicht auf 2 \u00b0C reduziert werden kann \u2013 und schon gar nicht auf die 1,5 Grad gem\u00e4ss \u00dcbereinkommen der j\u00fcngsten Klimakonferenz in Paris. Immer mehr Menschen rufen die Justiz an, weil die Politik nicht gen\u00fcgend tut, um die Klimaerw\u00e4rmung zu begrenzen. In Holland haben fast 900 Zivilisten mit der Stiftung Urgenda gegen den Staat geklagt und erstinstanzlich Recht bekommen. Das Gericht hat den Staat verpflichtet, die Treibhausgasemissionen bis 2020 st\u00e4rker als geplant einzud\u00e4mmen, n\u00e4mlich um 25 bis 40 Prozent statt der geplanten 17 Prozent gegen\u00fcber 1990. Die Regierung hat gegen das Urteil Berufung eingelegt. In Belgien, den USA, Norwegen und den Philippinen laufen \u00e4hnliche Klagen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gemeinsam mit 538 anderen Frauen klagt die Z\u00fcrcher Historikerin Heidi Witzig gegen den Bundesrat. 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