{"id":44810,"date":"2015-02-03T07:00:00","date_gmt":"2015-02-03T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=44810"},"modified":"2020-05-17T18:09:09","modified_gmt":"2020-05-17T16:09:09","slug":"unter-duck-setzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/44810\/unter-duck-setzen\/","title":{"rendered":"Unter Duck setzen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"normal\"><strong>Es gibt kaum einen anderen Begriff, der sich unter Politikerinnen und Politaktivisten so grosser Beliebtheit erfreut wie der \u00abDruck\u00bb. So will man beispielsweise den Druck auf eine Regierung oder eine Industrie erh\u00f6hen oder auch den Gegner unter Druck setzen.<\/strong><\/p>\n\n<p class=\"normal\"><span class=\"dropcap\">S<\/span>olche \u00abDruck-Parolen\u00bb werden zum einen eingesetzt, um das eigene Publikum zu bedienen, welches das Lied der Druckerh\u00f6hung gerne h\u00f6rt. Zum andern disziplinieren sie gleichzeitig: Als Mitarbeiterin oder Sympathisant verfolgt man dasselbe Ziel und kann ja gar nicht dagegen sein, den Druck zu erh\u00f6hen. Auff\u00e4llig ist jedenfalls, wie oft in Umweltkreisen der Aufruf: \u00abWir m\u00fcssen den Druck erh\u00f6hen\u00bb &#8211; z.B. auf AKW-Betreiber, Kohleabbauer, Chlorproduzenten, Abholzer und Pestizidhersteller \u2013 zu h\u00f6ren ist.<\/p>\n\n<p class=\"normal\">Doch was ist damit eigentlich genau gemeint? Allgemein gesagt etwa das Folgende: Zeichnet sich in einer Sache ein Zustand A ab, den man als schlecht erachtet und also nicht will, dann versucht man sozusagen den Gegenwind auf dem Weg zu A zu erh\u00f6hen, um zu erwirken, dass der Weg nach Zustand B, den man als den Richtigen erachtet, eingeschlagen wird.<\/p>\n\n<p class=\"normal\">Dem zugrunde liegt das aus der Mechanik stammende Bild des \u00abWegs des geringsten Widerstandes\u00bb, den z.B. ein Fluid immer begeht. Das Naturgesetz besagt, dass wenn auf einem Weg der Widerstand (z.B. der Druck) zunimmt, sich das Fluid einen anderen Weg sucht. Das ist dann trivial, wenn es nur einen anderen gibt. Gibt es mehrere Wege, die begangen werden k\u00f6nnten, wird die Sache komplexer. Etwa so, wie wenn man auf eine gekochte Kartoffel dr\u00fcckt, die in zig verschiedene Richtungen dem Druck nachgeben kann. In einem mechanischen Verst\u00e4ndnis von \u00abDruck erh\u00f6hen\u00bb wird der Gegner als passives Fluid betrachtet, dem man bloss alle falschen Wege verbauen und den richtigen Weg offen lassen muss \u2013 so wie ein Schachspieler, der den gegnerischen K\u00f6nig unter Versperrung vorhersehbarer Fluchtwege matt setzt. Welche Wege aber die unter Druck gesetzte \u00abPolit-Kartoffel\u00bb tats\u00e4chlich nimmt, ist nicht nur schwierig vorhersehbar, sondern oft nicht so wie beabsichtigt. Hinzu kommt der h\u00e4ufigste Ausweg f\u00fcr Unter-Druck-Gesetzte, die sich einfach \u00fcber ein Ventil vom \u00dcberdruck entlasten. So wird etwa mit einer Pressemitteilung oder einer kosmetischen Massnahme rasch zum Schein etwas nachgegeben und Druck abgelassen. Sodann gewartet, bis die Sache versandet ist.<\/p>\n\n<p class=\"normal\">Anders gesagt: Im Gegensatz zu technischen Einrichtungen l\u00f6st jede Intervention auf menschliche Systeme Nebenwirkungen aus, die zum Teil unvorhersehbar sind und sogar dominanter werden k\u00f6nnen als die beabsichtigte Wirkung. Zum Beispiel die Nebenwirkung \u00abTrotz\u00bb, den kein Fluid aber jeder Mensch kennt. Wenn beispielsweise ein \u201cVegan-Moralist\u201c mir Druck aufsetzt, weil ich Fleisch esse, mag ich ihm zwar im Moment zum Druckausgleich Recht geben, \u00e4ndere dennoch mein Verhalten nicht nachhaltig. Der Trotz kann gar so gross sein, dass ein Angriff das Gegenteil bewirkt, so wie bei einer paradoxen Intervention.<\/p>\n\n<p><span class=\"pull-right\">\u00abWas mich nicht umbringt, macht mich st\u00e4rker!\u00bb<\/span><\/p>\n\n<p class=\"normal\">Neben Trotz ist Aufr\u00fcstung eine h\u00e4ufige, meist nicht beabsichtigte Reaktion. Ein Angriff kann die Verteidigung st\u00e4rken, weil nicht jeder Gegner sein Unrecht einsieht und sich nach einem Angriff in gew\u00fcnschter Weise ver\u00e4ndert. Allenfalls ein bisschen oder in einem Teil. So kann man zwar z.B. Nestl\u00e9 mit einer Kampagne dazu bringen, auf urwaldzerst\u00f6rerisches Palm\u00f6l in einem seiner Schokoladeriegel zu verzichten. Als Nebenwirkung r\u00fcstet der Konzern auf und heuert zur k\u00fcnftigen Abwehr von solchen Angriffen ein Dutzend Google-Leute an. Als weitere Nebenwirkung wird er bester Online-Vermarkter im Nahrungsmittelbereich.<\/p>\n\n<p class=\"normal\">\u00abWas mich nicht umbringt, macht mich st\u00e4rker!\u00bb, hat bereits Friedrich Nietzsche erkannt. Das ist nicht immer wahr, aber birgt viel Wahres. Verallgemeinert lautet das Nietzsche-Bonmot: \u00abWas nicht umgebracht wird, wird durch den Angriff gest\u00e4rkt.\u00bb Wie ein Sch\u00e4dling, der mit einem Insektizid ausgemerzt werden soll. Zwar kann es anf\u00e4nglich einen Sch\u00e4dling recht erfolgreich t\u00f6ten, doch einige wenige Exemplare \u00fcberleben. Ihre Kinder werden robuster, und mit der Zeit hat das bek\u00e4mpfte Insekt Resistenzen entwickelt.<\/p>\n\n<p class=\"normal\">Das heisst nicht, mit dem \u00abWeg des geringsten Widerstandes\u00bb aufzuh\u00f6ren zu arbeiten. Es heisst aber, in sozialen Systemen die weniger gut voraussehbaren nicht linearen Wirkungen besonders zu beachten. So k\u00f6nnen system-bedingte Widerst\u00e4nde, wie z.B. dass eine angegriffene Firma nicht Konkurs gehen will, ungeheuer stark sein. Ausserdem k\u00f6nnen R\u00fcckkoppelungseffekte zahlreiche Nebenwirkungen verursachen.<\/p>\n\n<p class=\"normal\">Dass in unseren Kreisen beim Ausruf \u00abWir m\u00fcssen mehr Druck aufsetzen\u00bb oftmals zu wenig systemisch nachgedacht wird, hat vor allem mit der Zeitnot zu tun, in die man sich selbst versetzt: Entweder, weil man ein Zeitfenster (\u00abwindow of opportunity\u00bb) nicht verpassen will oder weil man sich mit einer Druckerh\u00f6hung auf jemanden selber zum Handeln zwingt.<\/p>\n\n<p class=\"normal\">Diese Gefahr besteht besonders dann, wenn beim Druckaufsetzen Emp\u00f6rung Hauptantrieb ist. Erkennbar an Ausrufen wie: \u00abWenn die das tun, dann <strong>m\u00fcssen<\/strong> wir sofort &#8230;!\u00bb. Bei solchen linearen \u00abWenn-Dann\u00bb-Emp\u00f6rungen ist ein unsystemischer Tunnelblick quasi garantiert. Das mag im Einzelfall manchmal sogar genau das Richtige sein, aber meist birgt er die Gefahr, unerw\u00fcnschte Nebeneffekte auszul\u00f6sen.<\/p>\n\n<p class=\"normal\">Hinweis: Der (englischsprachige) Artikel <strong>\u00abLinking Systems Thinking with Yin\/Yang Daoism\u00bb beleuchtet <\/strong>dieses Ph\u00e4nomen wissenschaftlich, siehe <a class=\"pdf\" href=\"http:\/\/www.bcsss.org\/wp-content\/uploads\/2011\/09\/pdf50.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt kaum einen anderen Begriff, der sich unter Politikerinnen und Politaktivisten so grosser Beliebtheit erfreut wie der \u00abDruck\u00bb. 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