{"id":44854,"date":"2017-02-17T07:00:00","date_gmt":"2017-02-17T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=44854"},"modified":"2020-05-23T15:51:54","modified_gmt":"2020-05-23T13:51:54","slug":"der-apfel-faellt-nicht-weit-vom-stamme-die-junge-generation-und-ihr-politisches-engagement","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/44854\/der-apfel-faellt-nicht-weit-vom-stamme-die-junge-generation-und-ihr-politisches-engagement\/","title":{"rendered":"Der Apfel f\u00e4llt nicht weit vom Stamme: Die junge Generation und ihr politisches Engagement"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Seit einigen Jahren ergeben die grossen \u00abJugendstudien\u00bb ein \u00e4hnliches Bild: Junge haben keine Zeit, sie sind mit sich selbst besch\u00e4ftigt, politische Parteien sind nicht cool und es fehlt an politischer Bildung.<\/strong><\/p>\n\n<p>Kolumne von Markus Waldvogel<\/p>\n\n<p><span class=\"dropcap\">E<\/span>in starkes Argument steht aber auffallend abseits. \u00abDer Apfel f\u00e4llt nicht weit vom Stamme\u00bb! Das heisst, Junge entsprechen in ihrem (politischen) Verhalten weitgehend dem famili\u00e4ren N\u00e4hrboden. Dem wird auffallend wenig Beachtung geschenkt. Vielmehr sollen es die Schulen richten, Verb\u00e4nde sind gefragt, Vereine und kulturelle, allenfalls auch religi\u00f6se Institutionen. Die \u00abheilige Familie\u00bb aber bleibt eigenartigerweise tabuisiert.<\/p>\n\n<p>Dies entgegen aller entwicklungspsychologischer Einsichten. Gottfried Kellers Bemerkung, dass zu Hause beginnen muss, was sp\u00e4ter im Dorf, in der Gemeinschaft, in der \u00abAllmende\u00bb eben wirken soll, wird negiert. Offensichtlich traut man sich nicht an die eigentliche P\u00e4dagogik heran. Das ist h\u00f6chst brisant. Es tangiert nicht nur die Umweltorganisationen direkt, die mit einem kleinen Teil \u00f6kologisch bereits motivierter Jugendlicher zusammenarbeiten. Auch die Parteien sind betroffen. Das rotgr\u00fcne Lager besonders, denn junge W\u00e4hler\/innen sind zurzeit kein Garant f\u00fcr die fortschrittlichen Kr\u00e4fte. Im Gegenteil. Die aktive Jugend entspricht dem politischen Klima im Lande und der L\u00f6wenanteil der ganzen Generation verh\u00e4lt sich abstinent. Die Jugend spiegelt eben ihre Sozialisation; wie sie aufw\u00e4chst, so verh\u00e4lt sie sich. Im Wesentlichen geh\u00f6ren die Jugendlichen und jungen Erwachsenen wie wir alle zu einer von drei sozialen Schichten: Die am besten Ausgebildeten geh\u00f6ren zur (oberen) Mittelschicht, haben halbwegs vern\u00fcnftige L\u00f6hne und in vielen F\u00e4llen eine Erbschaft in Aussicht und oft Eltern, die bereit sind, sich enorm zu engagieren, damit sowohl T\u00f6chter und S\u00f6hne die berufliche Laufbahn und die Kinder unter ein Dach bringen k\u00f6nnen. Politisches Engagement in diesem Segment l\u00e4uft mehrheitlich unter dem Motto: \u201eNice to have\u201c. Die Jungen mit den schlechtesten Aussichten dagegen z\u00e4hlen kaum mehr zur Mittelschicht und resignieren h\u00e4ufig schon fr\u00fch angesichts der Anforderungen qualifizierender Bildungsziele. Oft haben sie gar keine Vorstellung, was denn werden soll. Von ihren Eltern erwarten sie wenig und sie haben auch wenig zu erwarten. Sie suchen ihre Erfolgserlebnisse in der Provokation jener, die sich ihrer Meinung nach einen Deut um die Abgeh\u00e4ngten scheren und die das \u201eganze System\u201c zu verantworten haben. Oft ist das die Polizei. In diesem Segment, das etwa 10% der Generation ausmacht, dominiert eine diffuse Wut.<\/p>\n\n<p>Dazwischen bewegen sich junge Menschen, deren Eltern kaum auf Familieng\u00fcter zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnen und die im Falle negativer sozialer Ereignisse wie Scheidungen oder Arbeitsplatzverluste fast keine famili\u00e4ren Ressourcen zur Verf\u00fcgung haben. Dadurch geraten sie in akute soziale Abstiegsgefahr. Umso mehr z\u00e4hlt f\u00fcr sie nur die eigene Anstrengung. Diese f\u00fchrt -aller k\u00fcnstlicher Glamourwelten zum Trotz- zu manchmal recht biederen Zielen. F\u00fcr politisch-\u00f6ffentliche Aktivit\u00e4ten ist die Luft sehr d\u00fcnn. Anders als in anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern sch\u00e4tzen die Jugendlichen in der Schweiz aber ihre eigene berufliche Zukunft positiv ein. Rund 90 Prozent sind zuversichtlich, die Ausbildung zu erhalten, die sie sich w\u00fcnschen.<\/p>\n\n<p>Grunds\u00e4tzlich pr\u00e4gt die aktuellen Jungen auch ein ver\u00e4nderter Erziehungsstil: Aus den mitunter strengen Eltern der 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts wurden -wenn nicht Freunde- so doch zumindest Garanten f\u00fcr ein grosses Mass an Freiheit und in vielen F\u00e4llen auch an seelischer und materieller Verw\u00f6hnung. Viele Kinder und Jugendliche lernen \u201emit der Muttermilch\u201c, dass sie im Zentrum der Welt stehen und dass das eigene Vorankommen den \u201eSinn\u201c des Lebens ausmache. Andere fallen allerdings auch in eine lieblose Leere, gleichsam in ein p\u00e4dagogisches Vakuum. Das war f\u00fcr die 68er-Generation, welche sich mit dem Literaturnobelpreistr\u00e4ger Bob Dylan symboltr\u00e4chtig nochmals selber inszeniert, weniger der Fall. Sie lebte st\u00e4rker in einem \u201eWir\u201c-Gef\u00fchl, das auch sozial Benachteiligte atmosph\u00e4risch auffangen konnte.<\/p>\n\n<p>Man mag beklagen, dass dies heute anders sei. \u201eDie Jungen\u201c verhalten sich allerdings folgerichtig. Wer sich w\u00e4hrend der Kindheit an einen individualisierenden Dauerapplaus und eine \u201eOverprotection\u201c gew\u00f6hnt hat, wer immer schon \u00fcber sehr viel \u201eMaterielles\u201c verf\u00fcgte, hat -ebenso wie \u201eAbgeh\u00e4ngte\u201c- wenig Energie und Lust, sich um etwas Anderes als sich selber zu k\u00fcmmern. Das von Horst Eberhard Richter so genannte \u201eLernziel Solidarit\u00e4t\u201c r\u00fcckt entsprechend in den Hintergrund. Die alten Griechen nannten Leute ohne politisches Engagement \u00fcbrigens \u201eidi\u00f3tes\u201c. Doch so idiotisch denken die Jungen nicht. Ein gewisser Robin-Hood-Effekt lebt ebenso wie der (theoretische) Wunsch der Mehrheit, den Umweltschutz h\u00f6her als Wirtschaftsinteressen zu gewichten.<\/p>\n\n<p>Aber die Stimmung in der Gesellschaft und unter den Jungen hat sich gewandelt. Daran ist nicht nur die \u201eMacht der etablierten elterlichen Polit-Helden\u201c, die den Heranwachsenden keine Widerstandserfahrung erm\u00f6gliche, wie das der Psychologe Allan Guggenb\u00fchl j\u00fcngst formulierte, Schuld. Die sogenannte Entpolitisierung spiegelt lupenrein die gesamte Logik des Aufwachsens. Man soll sich also nicht wundern. Immerhin: Politik (und Recht) bleiben f\u00fcr engagierte junge Erwachsene ein erfolgversprechendes und spannendes Bet\u00e4tigungsfeld, auch wenn deren Mehrheit das kaum ber\u00fchrt.<\/p>\n\n<p><strong>Markus Waldvogel<\/strong> ist Autor, Philosoph und Leiter der Beratungsfirma Pantaris. Er war viele Jahre Mitarbeiter des WWF Schweiz und hat die Bieler Philosophietage mitbegr\u00fcndet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit einigen Jahren ergeben die grossen \u00abJugendstudien\u00bb ein \u00e4hnliches Bild: Junge haben keine Zeit, sie sind mit sich selbst besch\u00e4ftigt, politische Parteien sind nicht cool und es fehlt an politischer Bildung.<\/p>\n","protected":false},"author":49,"featured_media":42720,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_planet4_optimize_post_is_variant":false,"_planet4_optimize_experiment_name":"","_planet4_optimize_variant_name":"","ep_exclude_from_search":false,"p4_og_title":"","p4_og_description":"","p4_og_image":"","p4_og_image_id":"","p4_seo_canonical_url":"","p4_campaign_name":"not set","p4_local_project":"not set","p4_basket_name":"not set","p4_department":"","footnotes":""},"categories":[47],"tags":[],"p4-page-type":[194],"gpch-article-type":[],"class_list":["post-44854","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-greenpeace","p4-page-type-hintergrund"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44854","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/49"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=44854"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44854\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/42720"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=44854"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=44854"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=44854"},{"taxonomy":"p4-page-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/p4-page-type?post=44854"},{"taxonomy":"gpch-article-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/gpch-article-type?post=44854"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}