{"id":44884,"date":"2017-04-07T07:00:00","date_gmt":"2017-04-07T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=44884"},"modified":"2020-05-23T16:39:40","modified_gmt":"2020-05-23T14:39:40","slug":"nein-es-ist-nicht-lustig-wenn-die-erdoelindustrie-eine-regierung-teilweise-uebernimmt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/44884\/nein-es-ist-nicht-lustig-wenn-die-erdoelindustrie-eine-regierung-teilweise-uebernimmt\/","title":{"rendered":"\u00abNein. Es ist nicht lustig, wenn die Erd\u00f6lindustrie eine Regierung teilweise \u00fcbernimmt.\u00bb"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Greenpeace-Co-Gesch\u00e4ftsleiterin Jennifer Morgan \u00fcber Klimapolitik und weltweite Greenpeace-Aktionen zum Ausstieg aus Kohle und \u00d6l sowie der F\u00f6rderung von Erneuerbaren Energien.<\/strong><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Greenpeace \u2013 3 Millionen Mitglieder und zwei Frauen an der Spitze. Jennifer Morgan und Bunny McDiarmid machen es vor. Job Sharing im 21. Jahrhundert. Seit einem Jahr leitet die 50 j\u00e4hrige Jennifer Morgan gemeinsam mit Bunny McDiarmid Greenpeace International. <span class=\"s2\">Bei einem Besuch bei Greenpeace Schweiz<\/span> erz\u00e4hlt die Amerikanerin der Sonntags Zeitung von ihrer Zeit im Schweizerischen Solothurn und ihrer Liebe zu Berlin.<\/span><\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u00abRumsitzen reicht nicht mehr\u00bb<\/h2>\n\n<p>Interview SonntagsZeitung<\/p>\n\n<p>Greenpeace-Chefin Jennifer Morgan \u00fcber Trumps Klimapolitik, Gentechnik und ihre fr\u00fche Politisierung in einer Solothurner Gemeinde.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/b7acab13-gp0stpx3g_pressmedia.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3222\"\/><figcaption>\u00a9 Christian Aslund<\/figcaption><\/figure>\n\n<p><span class=\"dropcap\">S<\/span>eit einem Jahr leitet die langj\u00e4hrige Umwelt- und Klimaaktivistin Jennifer Morgan \u2013 im Jobsharing \u2013 die Umweltorganisation Greenpeace. Die 50-J\u00e4hrige agiert eher unauff\u00e4llig, von der Chefin des 400-Millionen-Unternehmens findet man im Netz jedenfalls nicht mal einen Wikipedia-Eintrag. \u00abOh, das habe ich gar nicht gewusst\u00bb, sagte die Amerikanerin bei unserem Gespr\u00e4ch am Sitz von Greenpeace Schweiz in Z\u00fcrich.<\/p>\n\n<p><em>Sonntagszeitung: Donald Trump hat vergangene Woche per Dekret die Klimapolitik seines Vorg\u00e4ngers Barack Obama zu einem grossen Teil gekippt. Schon vorher bezeichnete er das weltweite Pariser Klimaabkommen als f\u00fcr die USA nicht verbindlich. Wie sehen Sie diese Entwicklung?\u2028<\/em><\/p>\n\n<p>Jennifer Morgan: Sie ist schrecklich. Wir br\u00e4uchten einen Pr\u00e4sidenten, der den Klimawandel versteht. Einer, der die Erkenntnisse der Wissenschaft akzeptiert. Jetzt haben wir einen, der den vom Menschen verursachten Klimawandel leugnet. Das heisst aber nicht, dass die USA ein Land von Klimawandel-Leugnern sind.<\/p>\n\n<p><em>Es ist nicht nur Trump. Scott Pruitt, der Chef der US-Umweltbeh\u00f6rde EPA, ist ein Mann der \u00d6l- und Gasindustrie. Jetzt wollen die USA die Keystone-Pipeline bauen, um \u00d6l quer durchs Land zu pumpen. Das Budget der EPA soll um 30 Prozent reduziert werden. Das muss Sie doch beunruhigen.\u2028<\/em><\/p>\n\n<p>Nat\u00fcrlich beunruhigt mich das. Aber die Trump-Regierung kann nicht von einem Tag auf den anderen alles r\u00fcckg\u00e4ngig machen. Der Klima-Aktionsplan der Obama-Regierung basiert auf dem sogenannten Clean Air Act, einem Gesetz zur Reinhaltung der Luft. Das gilt seit Nixon. B\u00fcrger und Umweltorganisationen k\u00f6nnen ihn verklagen, wenn er sich nicht an dieses Gesetz h\u00e4lt. Und einzelne Bundesl\u00e4nder wie Kalifornien k\u00f6nnen selbstst\u00e4ndig vorangehen und erneuerbare Energien f\u00f6rdern.<\/p>\n\n<p><em>Alles nicht so schlimm also?<\/em><\/p>\n\n<p>Ich will das nicht sch\u00f6nreden, denn die Pl\u00e4ne von Trumps Regierung sind nicht sch\u00f6n. Ganz und gar nicht. Aber schauen Sie sich an, wie Trump in der vorletzten Woche bei der Gesundheitsreform gescheitert ist. Was er sagt und was daraus wird, ist oft nicht dasselbe.<\/p>\n\n<p><em>Beim Pariser Abkommen haben sich nach einem jahrzehntelangen Prozess weltweit Regierungen geeinigt, CO2-Emissionen zu reduzieren. Jetzt sagt Trump, das interessiere ihn nicht. Einen Sanktionsmechanismus gibt es nicht. Ist das nicht ein Konstruktionsfehler?<\/em><\/p>\n\n<p>Nat\u00fcrlich w\u00e4re es besser gewesen, wenn man mit Sanktionen drohen k\u00f6nnte. Nur h\u00e4tten dann China, Indien oder die USA nicht mitgemacht. Es gibt aber durchaus denkbare Sanktionsmassnahmen, zum Beispiel einen Strafzoll f\u00fcr Staaten, die sich nicht an die Pariser Vertr\u00e4ge halten. Wir sollten uns von Trumps Rhetorik nicht einsch\u00fcchtern lassen. Ob die USA tats\u00e4chlich aus dem Pariser Abkommen aussteigen, ist noch offen.<\/p>\n\n<p><em>Der Klimawandel scheint ihn nicht zu interessieren.\u2028<\/em><\/p>\n\n<p>Vielleicht versteht er jetzt aber, dass es nicht so einfach ist, da auszusteigen. Das Pariser Abkommen ist nicht einfach ein Umweltvertrag. Es ist Teil einer Aussenpolitik, die auf h\u00f6chster Ebene von den Regierungschefs vorangebracht wurde.<\/p>\n\n<p><em>Viele Menschen in der Schweiz machen sich laut einer neuen Studie heute weniger Sorgen um Klimaerw\u00e4rmung und Umweltschutz als auch schon. Ist das ein Problem f\u00fcr Sie?<\/em><\/p>\n\n<p>Es gibt auch andere Umfragen \u2013 zum Beispiel diejenige der Yale University, nach der sich eine grosse Mehrheit der Amerikaner f\u00fcr den Klimaschutz einsetzt. Ich denke, die Menschen sp\u00fcren nicht immer, wie dringlich das Problem ist. In den USA hat sich einiges ver\u00e4ndert, weil die Menschen die Auswirkungen gesp\u00fcrt haben: die \u00dcberschwemmungen in Florida, die D\u00fcrre in Kalifornien, die f\u00fcr die Landwirtschaft verheerend war.<\/p>\n\n<p><em>Sp\u00fcren Sie in den USA, dass die Leute sich mehr engagieren?\u2028<\/em><\/p>\n\n<p>Ja, die Mitgliederzahlen von Greenpeace und anderen Umweltorganisationen sind gestiegen. Das Thema Klimawandel hat in der \u00f6ffentlichen Diskussion an Bedeutung gewonnen.<\/p>\n\n<p><em>Werden die Leute politischer?<\/em><\/p>\n\n<p>Ja, ganz klar. Fr\u00fcher sassen die Menschen auf dem Sofa und sagten sich: \u00abEs kommt schon gut.\u00bb Jetzt hatten wir den Brexit und die Wahl von Trump. Es ist klar, dass Aufdem-Sofa-Rumsitzen nicht mehr ausreicht. Das sehen wir zum Beispiel bei den Anw\u00e4lten, die nach dem Einreisestopp zu den Flugh\u00e4fen gingen und die Menschen beraten haben.<\/p>\n\n<p><em>Mehr Mitglieder, eine engagierte Bev\u00f6lkerung: So gesehen, ist die Trump-Regierung ein Geschenk f\u00fcr Greenpeace.\u2028<\/em><\/p>\n\n<p>Nein. Es ist nicht lustig, wenn die Erd\u00f6lindustrie eine Regierung teilweise \u00fcbernimmt und sich der Wissenschaft verweigert. Auf dieses Geschenk kann ich verzichten.<br>\n<span class=\"pull-right\">\u00abEs braucht auch eine gesellschaftliche Debatte: Was macht gl\u00fccklich?\u00bb<\/span><\/p>\n\n<p><em>Dass Sie die fossile Energie bek\u00e4mpfen, ist klar. Wie haben Sie es mit der Atomenergie? Neue AKW-Generationen, die deutlich sicherer sein sollen, sind in Entwicklung. Das k\u00f6nnte doch eine sinnvolle Alternative zu \u00d6l und Kohle sein.<\/em><\/p>\n\n<p>Auch eine neue Generation von Atomkraftwerken kann die Probleme der Technologie nicht l\u00f6sen. Das Restrisiko in den AKW wird bleiben. Ebenso das Problem des Atomm\u00fclls.<\/p>\n\n<p><em>Sie sind f\u00fcr den Ausstieg aus der Atomkraft. Kohlekraftwerke lehnen Sie auch ab. Gleichzeitig fahren die Menschen mit E-Bikes und benutzen Handys, die immer mehr Energie schlucken. Wie geht das auf?<\/em><\/p>\n\n<p>Langfristig durch erneuerbare Energien und Energieeffizienz. Das bringt auch Chancen f\u00fcr Innovation und neue Jobs. In den USA gibt es 260&#8217;000 Jobs in der Solar-Branche. Die werden nicht verschwinden.<\/p>\n\n<p><em>Ob die erneuerbaren Energien den Durchbruch schaffen werden, h\u00e4ngt auch von der Entwicklung bei den Speichertechnologien ab. Sehen Sie da Fortschritte?<\/em><\/p>\n\n<p>Die gibt es. Ich denke an Unternehmen wie Tesla mit Elon Musk, die riesige Batteriefabriken in der W\u00fcste bauen. Die Frage ist, wie schnell das passiert. Wenn ich Regierungschef w\u00e4re, w\u00fcrde ich meine Gelder da reinstecken, um weiterzuforschen.<\/p>\n\n<p><em>M\u00fcssen die Menschen k\u00fcnftig sparsamer leben, und k\u00f6nnen sie etwa nicht mehr warm duschen?<\/em><\/p>\n\n<p>Das kommt darauf an, was wir heute machen. Wir m\u00fcssen jetzt daran arbeiten, erneuerbare Energien rentabel zu machen, und wir m\u00fcssen die Energieeffizienz erh\u00f6hen, indem wir zum Beispiel effizientere Geb\u00e4ude und Autos bauen. Es braucht auch eine gesellschaftliche Debatte: Was macht gl\u00fccklich? Immer mehr zu kaufen oder auch Zeit mit Familien und Freunden zu verbringen?<\/p>\n\n<p><em>Aber die Leute wollen neue Fernseher, neue Handys.<\/em><\/p>\n\n<p>Im Moment ist es hip, sich immer neue Dinge zu kaufen. Aber es ist m\u00f6glich, dass es bald hip sein wird, Kleider zu tauschen. Schauen Sie sich an, wie sich die Sharing-Economy in den letzten f\u00fcnf Jahren entwickelt hat. Vor f\u00fcnf Jahren h\u00e4tte man unm\u00f6glich jemanden anmailen k\u00f6nnen, um ein Zimmer in seinem Haus zu mieten, wenn der in den Ferien ist.<\/p>\n\n<p><em>Aber schlussendlich greifen Sie in die Marktwirtschaft ein. Sie wollen den Menschen vorschreiben, welche Handys sie kaufen sollen.\u2028<\/em><\/p>\n\n<p>Es geht nicht darum, Dinge zu verbieten. Aber man kann umweltsch\u00e4dliche Materialien, zum Beispiel die seltenen Erden in den Handys, verteuern. So werden Anreize geschaffen, damit die Menschen ihren Konsum \u00fcberdenken.<\/p>\n\n<p><em>Sie betonen, wie wichtig f\u00fcr Greenpeace die Wissenschaft sei. Dass es um Fakten und nicht um Glauben gehe. Bei der Gentechnologie sind Sie aber gar nicht auf der Linie der Wissenschaft. Auch hier gibt es n\u00e4mlich, wie beim Klimawandel, einen Konsens unter den Wissenschaftlern, der besagt, dass gentechnisch ver\u00e4nderte Lebensmittel gleich sicher sind wie konventionell gez\u00fcchtete.\u2028<\/em><\/p>\n\n<p>Ich glaube, der Konsens ist nicht so gross wie im Klimabereich.<\/p>\n\n<p><em>Das sehen Wissenschaftler anders. Greenpeace ist doch prinzipiell gegen die Gentechnologie in der Landwirtschaft.<\/em><\/p>\n\n<p>Ich w\u00fcrde behaupten, dass Greenpeace eine wissenschaftsbasierte Organisation ist. Wir w\u00fcrden aber lieber Modelle haben, die eine \u00f6kologische Landwirtschaft unterst\u00fctzen statt <a href=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/2015\/11\/05\/gentech-landwirtschaft-leere-versprechen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Gentechnik<\/a>. Diese f\u00f6rdert eine industrielle Landwirtschaft, die mehr Pestizide verbraucht. Das geht nicht in Richtung einer \u00f6kologischen Landwirtschaft.<br>\n<span class=\"pull-right\">\u00abWenn man auf 20 Jahre Gentechnik zur\u00fcckblickt, sieht es nicht nach einem grossen Durchbruch aus.\u00bb<\/span><\/p>\n\n<p><em>Wenn man das Ziel hat, eine nachhaltigere Landwirtschaft zu erreichen: M\u00fcsste man dann nicht offen sein f\u00fcr alle Methoden, die helfen k\u00f6nnen, dieses Ziel zu erreichen?\u2028<\/em><\/p>\n\n<p>Man hat bis jetzt noch nicht gesehen, dass die Gentechnologie da einen Beitrag leisten k\u00f6nnte.<\/p>\n\n<p><em>Doch, solche Beispiele gibt es. Auf Hawaii zerst\u00f6rte ein Virus die Papaya-Plantagen. Dank einer gentechnisch ver\u00e4nderten Sorte, die resistent ist gegen das Virus, haben die Papaya-Bauern nun wieder ein Auskommen.\u2028<\/em><\/p>\n\n<p>Ich glaube, es ist ein Problem des Systems. Wer behauptet, dass durch die Gentechnik die Armutsprobleme bek\u00e4mpft werden k\u00f6nnen? Wenn ich mit Unternehmen aus diesem Feld diskutiere und sie frage, warum sie nicht auf das Verursacherprinzip setzen, dann komme ich nicht weiter, das wollen sie nicht. Deshalb habe ich wenig Vertrauen. Sie haben andere Ziele, es geht ihnen um die industrielle Landwirtschaft.<\/p>\n\n<p><em>K\u00f6nnen wir 9 bis 10 Milliarden Menschen ohne industrielle Landwirtschaft ern\u00e4hren?\u2028<\/em><\/p>\n\n<p>Ich glaube schon. Heute schaffen wir das jedenfalls nicht so gut, wenn man die Armut anschaut. Wenn man nun auf 20 Jahre Gentechnik zur\u00fcckblickt, sieht es nicht nach einem grossen Durchbruch aus.<\/p>\n\n<p><em>Greenpeace ist bekannt f\u00fcr spektakul\u00e4re Aktionen, die das Medieninteresse wecken. Haben Sie selber auch bei solchen Aktionen mitgemacht?<\/em><\/p>\n\n<p>Ja, bei einer Arktis-Expedition, wo wir M\u00fcll gesammelt haben. Auch wenn das nicht spektakul\u00e4r t\u00f6nt, war es schon schockierend. Es war unglaublich, wie viel Netze, Bojen und Plastikm\u00fcll von den Schleppnetzfischern wir eingesammelt haben. Aber ich will nicht angeben. Heute klettert meine Co-Chefin Bunny McDiarmid 90 Meter hoch auf einem \u00d6lbohrturm von Total bei Br\u00fcssel.<\/p>\n\n<p><em>Sie geht selber da hoch?<\/em><\/p>\n\n<p>Ja ja, sie hat mehr Training als ich.<\/p>\n\n<p><em>Sie leiten Greenpeace International zusammen mit der Neuseel\u00e4nderin Bunny McDiarmid im Jobsharing. Kann das \u00fcberhaupt funktionieren?<\/em><\/p>\n\n<p>Es funktioniert toll. Wir machen das in einer sehr integrierten Art und Weise. Jede von uns ist zust\u00e4ndig f\u00fcr verschiedene Teile, Bunny f\u00fcr die Finanzen, ich f\u00fcr Personal und so weiter.<\/p>\n\n<p><em>Arbeiten Sie zum ersten Mal in einem solchen Modell?\u2028<\/em><\/p>\n\n<p>Ja, zum ersten Mal. Und wir haben uns vorher nicht gekannt.<\/p>\n\n<p><em>Mussten Sie schon mal etwas machen, wof\u00fcr Sie sich \u00fcberwinden mussten?<\/em><\/p>\n\n<p>Ich habe bei Demos mitgemacht, wo ich wusste, dass die Polizei eingreifen wird. Seitdem ich Greenpeace-Chefin bin, habe ich mit einem Training f\u00fcr solche Aktionen angefangen.<\/p>\n\n<p><em>Was ist das f\u00fcr ein Training?\u2028<\/em><\/p>\n\n<p>In den USA gibt es ein Aktivistentraining, wo man lernt, zu klettern oder Banner zu befestigen.<\/p>\n\n<p><em>Gab es einen Moment in Ihrem Leben, wo Sie politisiert oder zur Umweltsch\u00fctzerin wurden?<\/em><\/p>\n\n<p>Da gibt es ein paar. Angefangen hat alles in Niedererlinsbach.<\/p>\n\n<p><em>Niedererlinsbach, die kleine Gemeinde im Kanton Solothurn?<\/em><em>Was hat Sie genau dorthin verschlagen?<\/em><\/p>\n\n<p>Gute Frage (lacht). Ich hatte an der Schule Fremdsprachen gelernt, seit ich elf Jahre alt war. Danach habe ich mich f\u00fcr ein zweimonatiges Austauschprogramm beworben. Ich habe die Schweiz gew\u00e4hlt und zuerst gedacht, ich w\u00fcrde in einer franz\u00f6sisch sprechenden Familie landen. Dann kam es aber anders. Ich lebte zwei Monate lang im Sommer bei einer Familie in Niedererlinsbach und ging zum Beispiel mit ins Pfadilager.<br>\n<span class=\"pull-right\">\u00abIch fliege ungef\u00e4hr zweimal pro Jahr nach Amerika und einmal nach China, das ist mein Schwachpunkt.\u00bb<\/span><\/p>\n\n<p><em>Und wie wurden Sie dort politisiert?\u2028<\/em><\/p>\n\n<p>Damals unterst\u00fctzte die US-Regierung den Guerillakrieg gegen die linke Regierung in Nicaragua. Ich hatte keine Ahnung von Politik. Meine Freunde und meine Gastfamilie fragten mich da, was meine Regierung in Nicaragua mache. Das besch\u00e4ftigte mich. Ich begann, mit mehr Menschen \u00fcber die Rolle der USA in anderen L\u00e4ndern zu sprechen. So wurde ich f\u00fcr Politik sensibilisiert, vor allem f\u00fcr Aussenpolitik.<\/p>\n\n<p><em>Was sch\u00e4rfte dann Ihr Umweltbewusstsein?<\/em><\/p>\n\n<p>Ich las das Buch von Petra Kelly&#8230;<\/p>\n\n<p><em>&#8230; der Gr\u00fcnderin der Gr\u00fcnen Partei in Deutschland?\u2028<\/em><\/p>\n\n<p>Ja. Das Buch heisst \u00abF\u00fcr den Frieden k\u00e4mpfen.\u00bb Ich erinnere mich ganz genau, wo ich war, als ich das las: in der Lounge meiner Uni, wo ich den Master gemacht hatte. Ich war 21-j\u00e4hrig. Petra Kelly war die Erste, die das Pers\u00f6nliche mit dem Politischen zusammenbracht: mit der Frauenbewegung, der Umweltbewegung, der Atombewegung und einem Systemwandel. Das war der Moment, als mein aussen- und mein umweltpolitisches Interesse zusammenkamen.<\/p>\n\n<p><em>In Ihrer Biografie pendelten Sie immer wieder zwischen Europa und den USA. Wo f\u00fchlen Sie sich eher zu Hause?<\/em><\/p>\n\n<p>Im Moment f\u00fchle ich mich wohl in Europa mehr zu Hause, weil das, was ich derzeit in meinem Heimatland sehe, f\u00fcr mich fremd ist. Internationale Zusammenarbeit geh\u00f6rt zu mir, und da ist mir Europa aktuell n\u00e4her. Ein Teil von mir wird immer Amerikanerin sein. Aber eben: Momentan f\u00fchle ich mich eher als Berlinerin.<\/p>\n\n<p><em>Sie leben in Berlin und arbeiten in Amsterdam.\u2028<\/em><\/p>\n\n<p>Ja genau.<\/p>\n\n<p><em>Jetten Sie jeweils hin und her?\u2028<\/em><\/p>\n\n<p>Oh nein, ich fahre jede Woche mit dem Zug hin und zur\u00fcck, sechs Stunden ein Weg. Die Z\u00fcge fahren vollst\u00e4ndig mit erneuerbarer Energie.<\/p>\n\n<p><em>Wie sieht Ihre pers\u00f6nliche CO2-Bilanz aus?\u2028<\/em><\/p>\n\n<p>Die ist gut. Ich fliege ungef\u00e4hr zweimal pro Jahr nach Amerika und einmal nach China, das ist mein Schwachpunkt. Ansonsten lebe ich vegetarisch, wohne in einem energieeffizienten Haus, habe kein Auto.<\/p>\n\n<p><em>Sind Sie aus \u00f6kologischen Gr\u00fcnden Vegetarierin?\u2028<\/em><\/p>\n\n<p>Ja. Ich lebe seit 1989 vegetarisch, dazwischen lebte ich auch mal vegan. Als Doktorandin habe ich gesehen, wie viel Energie es braucht, um Fleisch zu produzieren. Da war mir klar, dass ich Vegetarierin sein m\u00f6chte.<\/p>\n\n<p><em>Sie leben mit einer Frau zusammen. Wurden Sie je diskriminiert deswegen?\u2028<\/em><\/p>\n\n<p>Nein.<\/p>\n\n<p><em>Auch nicht im l\u00e4ndlichen Amerika, wo Sie aufgewachsen sind?\u2028<\/em><\/p>\n\n<p>Ich hatte wohl Gl\u00fcck. Unterdessen hat sich die Situation in den USA stark verbessert. Leider gibt es immer noch L\u00e4nder, wo wir beispielsweise nicht Hand in Hand durch die Strassen gehen k\u00f6nnten. Aber schauen Sie, ich wohne mit einer wunderbaren Frau in Berlin zusammen. Wenn sich da jemand daran st\u00f6rt, ist es sein oder ihr Problem und nicht meines.<\/p>\n\n<p><em>Ihre Partnerin auch ein Grund, warum Sie sagen, Berlin sei Ihre Heimat?\u2028<\/em><\/p>\n\n<p>Ja klar. Ich studierte schon in Berlin, 1989, kurz vor der Wende. Den Mauerfall habe ich um einen Monat verpasst, um in den USA mit meiner Doktorarbeit \u00fcber europ\u00e4ische Politik zu beginnen. Das war kein gutes Timing (lacht). Berlin hat mich immer angezogen. Die Stadt hat eine tiefe Seele, weil sie so viel erlebt hat. Ich bin unabh\u00e4ngig von meiner Frau dahin gegangen, aber heute ist es mehr und mehr Heimat, weil wir da zusammen leben.<\/p>\n\n<p><strong>Jennifer Morgan<\/strong>, 50, arbeitet seit fast 30 Jahren als Aktivistin im Klima- und Umweltbereich. Die studierte Politikwissenschaftlerin leitete unter anderem das Global Climate Change Program beim WWF, wo sie aktiv auch die Zusammenarbeit mit der Industrie suchte. Vor ihrer Berufung als Co-Gesch\u00e4ftsleiterin von Greenpeace war sie Direktorin des Klimaprogramms des World Resource Institute (WRI). Die geb\u00fcrtige Amerikanerin lebt mit ihrer Partnerin in Berlin und spricht (fast) perfekt Deutsch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Greenpeace-Co-Gesch\u00e4ftsleiterin Jennifer Morgan \u00fcber Klimapolitik und weltweite Greenpeace-Aktionen zum Ausstieg aus Kohle und \u00d6l sowie der F\u00f6rderung von Erneuerbaren Energien.<\/p>\n","protected":false},"author":49,"featured_media":28986,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_planet4_optimize_post_is_variant":false,"_planet4_optimize_experiment_name":"","_planet4_optimize_variant_name":"","ep_exclude_from_search":false,"p4_og_title":"","p4_og_description":"","p4_og_image":"","p4_og_image_id":"","p4_seo_canonical_url":"","p4_campaign_name":"not set","p4_local_project":"not set","p4_basket_name":"not set","p4_department":"","footnotes":""},"categories":[47],"tags":[46],"p4-page-type":[194],"gpch-article-type":[],"class_list":["post-44884","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-greenpeace","tag-ueber-uns","p4-page-type-hintergrund"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44884","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/49"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=44884"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44884\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/28986"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=44884"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=44884"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=44884"},{"taxonomy":"p4-page-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/p4-page-type?post=44884"},{"taxonomy":"gpch-article-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/gpch-article-type?post=44884"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}