{"id":44896,"date":"2017-04-28T07:00:00","date_gmt":"2017-04-28T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=44896"},"modified":"2020-05-23T16:47:32","modified_gmt":"2020-05-23T14:47:32","slug":"egal-was-passiert-gib-niemals-auf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/44896\/egal-was-passiert-gib-niemals-auf\/","title":{"rendered":"\u00abEgal was passiert, gib niemals auf!\u00bb"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Qu\u00e4kerinnen und Qu\u00e4ker aus Nordamerika waren bei der Gr\u00fcndung von Greenpeace 1971 dabei. Wie kam es dazu? Und wie gr\u00fcn ist diese religi\u00f6se Gemeinschaft heute? Zu Besuch bei einer Religi\u00f6sen Gesellschaft der Freunde im nord\u00f6stlichen US-Bundesstaat Vermont.<\/strong><\/p>\n\n<p><span class=\"dropcap\">A<\/span>n diesem Anfang ist die Stille. Eine ganze Stunde lang sitzen wir, zwei M\u00e4nner und zwei Frauen, uns wortlos gegen\u00fcber. Der Raum im Begegnungshaus der Qu\u00e4ker in Burlington, ist hell und schmucklos, er erinnert an ein Schulzimmer aus dem 19. Jahrhundert. Die Mitschweigenden heis\u00adsen John, Adam und LVM. Wir haben uns vor der Andacht (dem sogenannten Meeting for Worship) die Hand gegeben und uns mit Vornamen vorgestellt, ohne Fragen, ohne Erkl\u00e4rungen. Und nun sind wir gemeinsam still \u2013 eine eigenartig intime Begegnung. Ich denke an meine anspruchsvolle journalistische Aufgabe: Wie kann ich diese stumme Gruppe von Qu\u00e4kern, diese Mitglieder der Religi\u00f6sen Gesellschaft der Freunde, wie sie mit vollem Namen heissen, stimmig portr\u00e4tieren? Ich sehe: John, der uns das Geb\u00e4ude aufgeschlossen hat, ist ein in Auftreten und Kleidung bescheidener Mann um die sechzig, er sitzt sehr ruhig und gelassen da. LVM, eine Afroamerikanerin um die siebzig, strahlt selbst im Schweigen viel Selbstbewusstsein aus. Sie hat sich in Kleiderschichten aus satten Farben geh\u00fcllt, ganz eigenwillige Boh\u00e9mienne. Adam, mein Sitznachbar, ist ein Mittzwanziger und tr\u00e4gt die altersgerechte Studentenuniform aus farbiger Trainingshose und Kapuzenpulli. Ihm f\u00e4llt das Stillsitzen nicht so leicht. Er verschr\u00e4nkt die Beine, die Arme und die Finger immer wieder neu. Doch er findet stets zur\u00fcck in die Konzentration. Genug gestarrt. Ich schlage meine Augen nieder auf die beruhigende Farbkombination des Teppichs: taubenblau, altrosa, hell- und dunkelgrau. \u00c4hnelt das Muster nicht einem Vogel Greif mit weit ausholenden Schwingen? Auf einmal pl\u00e4rrt ein Mobiltelefon in die zeitlose Stille. John erkl\u00e4rt die Andacht f\u00fcr beendet. Wir bleiben sitzen und ich erkl\u00e4re, dass ich vorab als Beobachterin und Berichterstatterin da bin. Ich m\u00f6chte das Vertrauen und die Gastfreundschaft der Anwesenden nicht ausnutzen. Wir reden nun offen dar\u00fcber, wie wir in diesen Raum gekommen sind.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Vier Menschen, ein Universum<\/h3>\n\n<p>John ist ein Qu\u00e4ker der achten Generation. Seine Vorfahren sind bereits im 17. Jahrhundert nach Amerika eingewandert. John ist nicht sicher, dass es in seiner Familie eine neunte Qu\u00e4ker-Generation geben wird. Seine Frau, die im polnischen Katholizismus aufgewachsen ist, f\u00fchlt sich dem Zen-Buddhismus nah, seine T\u00f6chter interessieren sich nicht besonders f\u00fcr das Qu\u00e4kertum. Im Gegensatz zu John hat LVM erst als erwachsene Person zur Religi\u00f6sen Gesellschaft der Freunde gefunden. Sie lobt die Kombination aus mystischem Erleben in der Andacht, solidarischer Gemeinschaft in den Versammlungen und engagiertem Aktivismus von sozial und \u00f6kologisch engagierten Qu\u00e4kern. Adam sagt lange nichts, doch dann verr\u00e4t er, dass er dabei sei, seine Drogenabh\u00e4ngigkeit zu \u00fcberwinden. Die Qu\u00e4ker h\u00e4tten ihn von allem Anfang an vorbehaltlos und herzlich willkommen geheissen. Die Meditation zusammen mit anderen Menschen gebe ihm Halt. Bloss vier Menschen sind hier versammelt und bilden doch irgendwie ein ganzes Qu\u00e4keruniversum: herausfordernde Neugier, festigende Tradition, umfassende Spiritualit\u00e4t, st\u00fctzende Gemeinschaft.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Tradition und Widerstand<\/h3>\n\n<p>Weltweit gibt es heute vier- bis f\u00fcnfhunderttausend Qu\u00e4kerinnen und Qu\u00e4ker. Gut die H\u00e4lfte von ihnen lebt in Afrika. Allein in Kenia (44 Millionen Einwohner) z\u00e4hlt man zehnmal mehr Freunde als in Britannien (64 Millionen), wo die religi\u00f6se Gemeinschaft im turbulenten 17. Jahrhundert auf der Suche nach dem Urchristentum gegr\u00fcndet worden war.\u2002Die Migration dieser angels\u00e4chsischen Gemeinschaft in den S\u00fcden \u2013 nicht nur nach Afrika, sondern auch nach S\u00fcdamerika, wo heute die drittgr\u00f6sste Qu\u00e4kergemeinde lebt \u2013 ist eine eigene, spannende Geschichte, die uns jedoch zu weit von unseren Vermonter Freunden wegf\u00fchren w\u00fcrde. Die Distanz ist auch ideologisch, denn im Gegensatz zum hier portr\u00e4tierten liberalen Freundeskreis von Burlington sind die Qu\u00e4ker des S\u00fcdens meistens evangelikal. Ihr Gottesdienst folgt einer Liturgie und einer geistlichen F\u00fchrung, und die Bibel hat einen zentralen Stellenwert. Johns Vorfahren stammen aus der Gr\u00fcndergeneration der englischen Qu\u00e4ker. Sie waren Zeitgenossen von George Fox, die man in den \u00fcberseeischen Kolonien ebenso wie im Mutterland wegen ihres Glaubens verfolgte und bestrafte. 1660 wurden in Boston die Qu\u00e4kerin Mary Dyer und drei weitere Freunde als H\u00e4retiker geh\u00e4ngt. Geistliche und weltliche Obrigkeiten taten sich schwer mit der zentralen Qu\u00e4kerdoktrin vom \u00abInneren Licht\u00bb, das in jedem Menschen unabh\u00e4ngig von seiner gesellschaftlichen Stellung leuchte. Denn diese Botschaft ist antiautorit\u00e4r, ja\u00a0anarchistisch.\u2002Die fr\u00fchen Qu\u00e4kerinnen und Qu\u00e4ker brauchten keine geweihten Priester f\u00fcr die Aus\u00fcbung ihrer Religion und wollten deshalb auch keine Kirchensteuer zahlen.<\/p>\n\n<p>Sie leisteten keine (Loyalit\u00e4ts-)Schw\u00fcre, weil das die Wahrhaftigkeit ihrer sonstigen Aussagen relativiert h\u00e4tte. Sie verweigerten als \u00fcberzeugte Pazifisten den Kriegsdienst in den neuen amerikanischen Siedlungen, die st\u00e4ndig B\u00fcrgerwehren zu ihrer Verteidigung gegen die indianische Bev\u00f6lkerung rekrutierten.\u20021789 wurde die Religionsfreiheit in die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika aufgenommen. Die Qu\u00e4ker konnten ihren Glauben nun offener leben und gewannen einigen Einfluss. In den heutigen Bundesstaaten Pennsylvania und Rhode Island stellten sie zeitweise die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung und auch der Regierung.\u2002Frei von unmittelbarer \u00e4usserer Bedrohung wandten sich viele Freunde im 18. Jahrhundert nach innen. Sie pflegten in dieser quietistischen Phase ihre Spiritualit\u00e4t nicht mehr mit lautstarken Kanzelreden, sondern in erwartungsvoller Stille \u2013 genauso wie ich es 200 Jahre sp\u00e4ter in Burlington erlebe. Manche Qu\u00e4ker glaubten, die Identit\u00e4t und den Zusammenhalt der Qu\u00e4kergemeinschaft durch eine besondere Sprache (etwa andere, nichtheidnische Namen f\u00fcr die Tage der Woche) und besondere Verhaltensregeln sichern zu m\u00fcssen. Zur Uniformierung trug auch die vorgeschriebene einfache Bekleidung bei, vorzugsweise in einem d\u00fcsteren Olivgrau. Diese Farbe heisst in den USA heute noch Qu\u00e4kergrau.\u2002Einige konservative Qu\u00e4kergesellschaften in den USA haben diese Art historischer Kleidung quasi als Tracht beibehalten. Doch die meisten zeitgen\u00f6ssischen Qu\u00e4kerinnen und Qu\u00e4ker unterscheiden sich, im Gegensatz etwa zur Religionsgemeinschaft der Amischen, \u00e4usserlich nicht von ihren Mitmenschen. Sie fahren keineswegs mit der Pferdekutsche, sondern nutzen die ganze Bandbreite der modernen Technik \u2013 wenn und solange es ihren Grunds\u00e4tzen entspricht.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/ea81cb55-dsc2457-scaled.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3306\"\/><figcaption>Qu\u00e4ker warten auf das \u00abInnere Licht\u00bb. Allein die spirituelle Erfahrung ist ausschlaggebend.<\/figcaption><\/figure>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Mutiger Kampf f\u00fcr Ideale<\/h3>\n\n<p>LVM, die auch Workshops zum Thema Qu\u00e4kertum leitet, breitet die wichtigsten Werte vor mir aus, die seit 350 Jahren und \u00fcber alle theologischen Spaltungen hinweg den spirituellen Kern dieser religi\u00f6sen Gesellschaft bilden: Einfachheit, Frieden, Wahrhaftigkeit, Gemeinschaft, Gleichberechtigung. An einer Weltkonferenz der Qu\u00e4ker 2012 ist offiziell das Zeugnis f\u00fcr \u00f6kologische Gerechtigkeit dazugekommen, das heisst der verantwortungsvolle Umgang mit der Erde und ihren nat\u00fcrlichen Ressourcen. Das sind hochherzige, jedoch ziemlich universelle ethische Grunds\u00e4tze. Es sind Ideale, die von vielen Religionen geteilt werden. So \u00fcberlege ich insgeheim. Als k\u00f6nne sie meine Gedanken lesen, stellt LVM klar, dass Qu\u00e4kerinnen und Qu\u00e4ker ihren Glauben nicht bloss bekennen, sondern leben. \u00abLass dein Leben sprechen!\u00bb ist ein zentrales und von den Mitgliedern ohne viel Aufhebens befolgtes Qu\u00e4kermotto. Die Maxime mutet den Einzelnen sehr viel pers\u00f6nliche Verantwortung zu. F\u00fcr ihren Glauben riskieren die Freunde ganz selbstverst\u00e4ndlich Verhaftungen und Gef\u00e4ngnisstrafen. Um Zeugnis abzulegen f\u00fcr Frieden oder Wahrhaftigkeit oder Gleichberechtigung, setzen sie wenn n\u00f6tig ihr Leben ein.\u2002So radikal handelten etwa diejenigen fr\u00fchen Freunde, die sich in den USA bereits um 1758 gegen die Sklaverei aussprachen und die die n\u00e4chsten hundert Jahre unter Lebensgefahr entflohene Sklavinnen und Sklaven in Sicherheit brachten.<\/p>\n\n<p>Im 19. Jahrhundert war die Religi\u00f6se Gesellschaft der Freunde in den USA ebenfalls stark beteiligt am Kampf f\u00fcr Frauenrechte; Qu\u00e4kerinnen leisteten Pionierarbeit in der Behandlung von psychisch Kranken und bei der Gef\u00e4ngnisreform.\u2002Wut zeigten auch die den Kriegsdienst verweigernden Qu\u00e4ker des American Friends Service Committee (AFSC), die in den beiden Weltkriegen unter widrigsten Umst\u00e4nden zivile Friedensarbeit leisteten und daf\u00fcr 1947 den Nobelpreis erhielten. Qu\u00e4kerinnen und Qu\u00e4ker engagierten sich in der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts in den Kampagnen gegen nukleare Aufr\u00fcstung. Anzutreffen waren sie etwa im Friedenscamp von Greenham Common und an den Demonstrationen gegen die Kriege in Vietnam, im Balkan, Irak und in Libyen.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Gegen die Missachtung\u00a0des G\u00f6ttlichen<\/h3>\n\n<p>Die Betonung des gelebten Glaubens \u2013 oder des gl\u00e4ubigen Lebens \u2013 hat dazu gef\u00fchrt, dass die Qu\u00e4ker politisch, kulturell und wirtschaftlich bis heute viel mehr bewirken, als es ihre vergleichsweise kleine Zahl vermuten l\u00e4sst. Ihre Hauptmotivation ist die \u00dcberzeugung, dass die ungerechte Behandlung von Randst\u00e4ndigen eine S\u00fcnde gegen das in allen Menschen leuchtende \u00abInnere Licht\u00bb ist, eine Missachtung des G\u00f6ttlichen, das in jedem und jeder von uns wohnt.\u2002Diese mystisch-religi\u00f6se Haltung brachte eine ganze Reihe robuster zivilgesellschaftlicher Organisationen hervor. Dazu geh\u00f6ren spezifische Qu\u00e4kerinstitutionen wie das Quaker United Nations Office (QUNO) in New York, das versucht, auf Politiker der Vereinten Nationen Einfluss zu nehmen. Zunehmend wichtig ist auch das Netzwerk Quaker Earthcare Witness der \u00f6kologisch orientierten Freunde in Nordamerika.\u2002Vom Qu\u00e4kertum beeinflusst sind aber auch s\u00e4kulare und international bekannte NGOs wie die Hilfsorganisation Oxfam, die Menschenrechtsorganisation Amnes\u00adty International und die 1971 gegr\u00fcndete Umweltorganisation Greenpeace. Zur Greenpeace-Gr\u00fcndergeneration geh\u00f6rte das US-amerikanische Qu\u00e4kerpaar Dorothy und Irving Stowe. Die Fahrt des ersten \u00abgr\u00fcnen\u00bb Schiffes Greenpeace I nach Alaska zum Protest gegen die Atomversuche der USA in Amtchitka wurde durch ein Benefiz-Rockkonzert im kanadischen Vancouver erm\u00f6glicht. Mitorganisatorin war die damals schon weltbekannte Qu\u00e4kerin und S\u00e4ngerin Joan Baez.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ruah und Louis,\u00a0Fachleute f\u00fcrs Gr\u00fcne<\/h3>\n\n<p>Sind Qu\u00e4ker die besseren Umweltsch\u00fctzer? Das frage ich den kleinen Kreis in Burlington. Als Antwort erhalte ich die Kontaktdaten von Ruah Swennerfelt und Louis Cox. Das seien ihre Fachleute f\u00fcr alles Gr\u00fcne.\u2002Ein paar Tage sp\u00e4ter stehe ich nach einer langen Fahrt auf vereisten Nebenstrassen vor einer dunklen, eigenwilligen Holzkonstruktion, die man mir als Solarhaus beschrieben hat. Ich suche den Eingang. Ist es diese mit Klebern vollgekleisterte alte Holzt\u00fcr? Klingel hat es keine, Klopfen n\u00fctzt nichts. Ich trete kurzentschlossen ein und rufe \u00abHallo\u00bb, wie das im l\u00e4ndlichen Vermont noch \u00fcblich ist.\u2002Ruah und Louis sitzen in der Stube. Der Holzofen flackert. Ich rieche den Sauerteig in der grossen Sch\u00fcssel auf dem Stuhl daneben. Der angebotene Sessel ist altmodisch weich. Der Raum hat viel Hippie-Charme, was zu meinem Gegen\u00fcber passt. Louis hat seinen grau gewordenen Pferdeschwanz aus den 1960er Jahren beibehalten (oder wiederentdeckt). Ruah, die sich funktional elegant kleidet, scheint nichts von ihrer jugendlichen Entschlossenheit und ihrem Engagement eingeb\u00fcsst zu haben. Ich kann mir gut vorstellen, wie sie als junge Frau ausgesehen hat.\u2002In den 1980er Jahren war ich eine alleinerziehende Mutter auf der Suche nach einem spirituellen Ort, der meinen drei Kindern ein moralisches Fundament geben k\u00f6nnte\u00bb, beginnt Ruah zu erz\u00e4hlen. Ihr, der Tochter einer J\u00fcdin, gefiel das Mystische an der Qu\u00e4kerreligion, die stille Andacht, in der die Anwesenden darauf warten, dass etwas gegenw\u00e4rtig ist, was sie Gott, den lebendigen Christus oder das \u00abInnere Licht\u00bb nennen. Sehr schnell kam Ruah auf den harten Boden der Realit\u00e4t zur\u00fcck. Sie berichtet \u00fcber ihr Engagement gegen die Diktaturen in Lateinamerika, die Proteste, die Verhaftungen, die Gef\u00e4ngnisaufenthalte.<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/4be9a32a-dsc2627.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3309\"\/><figcaption>Ruah Swennerfelt und Louis Cox in ihrem Wohnzimmer. F\u00fcr sie steht die Sorge um die Umwelt an erster Stelle.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ein Satz ver\u00e4ndert\u00a0das Leben<\/h3>\n\n<p>1991 las Ruah auf einer internationalen Qu\u00e4kerkonferenz in Honduras auf einem Plakat: \u00abOhne den Planeten wird es keinen Frieden und keine Gerechtigkeit geben.\u00bb Der Satz ver\u00e4nderte ihr Leben. Die Sorge um die Erde wurde zur Grundlage aller anderen politischen Arbeit. Von 1995 bis 2012 arbeitete Ruah hauptberuflich als Generalsekret\u00e4rin des \u00f6kologischen Qu\u00e4ker-Netzwerks Quaker Earthcare Witness. Bei der Arbeit am organisationseigenen Magazin \u00abBefriending Creation\u00bb (mit der Sch\u00f6pfung Freundschaft schliessen) traf sie einen andern gr\u00fcnen Qu\u00e4ker, ihren heutigen Ehemann Louis Cox.\u2002\u00abIch bin eher zuf\u00e4llig zu den Qu\u00e4kern gekommen\u00bb, sagt Louis, der im damals noch rassengetrennten S\u00fcden der USA aufgewachsen ist. Erst w\u00e4hrend seiner Studienzeit in&nbsp;den fr\u00fchen 1960er Jahren wurden an den staatlichen Universit\u00e4ten des S\u00fcdens die ersten afroamerikanischen Studierenden zugelassen.\u2002Seine Freunde, die ihn aus der engen weissen Welt hinausf\u00fchrten, die ihm von Peace-Corps-Eins\u00e4tzen in fernen L\u00e4ndern erz\u00e4hlten und auf historischem B\u00fcrgerkriegsgel\u00e4nde eine Konferenz f\u00fcr Teilnehmende aller Hautfarben organisierten, waren alles auch Freunde im religi\u00f6sen Sinn. \u00abSuppe und Soziales\u00bb hiess eine Qu\u00e4kergruppe, mit der Louis am K\u00fcchentisch sass, um \u00fcber Gerechtigkeit und Gleichberechtigung von Schwarz und Weiss zu diskutieren.\u2002In den 1970er Jahren verlegte sich der politische Aktivismus in den USA auf den Widerstand gegen den Vietnamkrieg. Auch hier legten die Qu\u00e4ker ihr Zeugnis f\u00fcr den Frieden ab. Am spektakul\u00e4rsten tat es Norman Morrison, der sich am 2. November 1965 vor dem B\u00fcro des Kriegsministers Robert McNamara selbst verbrannte.\u2002\u00abDie 1970er Jahre ver\u00e4nderten mein Leben, doch ich brauchte zwanzig Jahre, um all die Puzzleteile zusammenzuf\u00fcgen\u00bb, erkl\u00e4rt Louis und f\u00fcgt schmunzelnd hinzu: \u00abDie Qu\u00e4kerfreunde haben nie missioniert, und in den stillen Andachten konnte ich ja nicht sehr viel \u00fcber ihre Lehre erfahren.\u00bb Louis wandte sich immer intensiver gr\u00fcnen Themen zu. Die fr\u00fche \u00d6kologiebewegung hatte zwar einiges erreicht, bessere Umweltschutzgesetze zum Beispiel, oder ein Recyclingsystem f\u00fcr Haushaltm\u00fcll. Doch f\u00fcr Louis war das zu wenig. Seine Einsch\u00e4tzung: \u00abDiese Art Umweltbewegung ist zu s\u00e4kular, zu menschenzentriert. Sie tut so, als ob die Natur bloss dazu da w\u00e4re, uns und unseren bequemen Lebensstil zu bedienen. Es fehlt ein tieferes Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Erde. Es geht um eine Welt, an der wir teilhaben, und nicht um eine von uns getrennte Umwelt.\u00bb Ruah pflichtet ihm bei: \u00abWir lieben unsere Kinder und w\u00fcrden alles f\u00fcr sie tun. So sollten wir auch die Erde lieben.\u00bb<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/13cfd3af-dsc2494.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3308\"\/><figcaption>Nach der Andacht eilen die Qu\u00e4ker zu Kaffee und Kuchen. Zur\u00fcck bleibt das Bild des Qu\u00e4kerpriesters und Malers Edward Hicks, die Paradiesdarstellung \u00abThe Peasable Kingdom\u00bb.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"> 2000 Kilometer zu Fuss<\/h3>\n\n<p>Wenn es um die Sorge f\u00fcr den Planeten Erde geht, sind Ruah und Louis ein eingespieltes Team. Vom November 2007 bis zum April 2008 pilgerte das Qu\u00e4kerpaar zu Fuss vom kanadischen Vancouver \u00fcber 2000 Kilometer weit nach San Diego, Kalifornien, um unterwegs f\u00fcr \u00abFrieden f\u00fcr die Erde\u00bb zu werben.\u2002Leute vertreten die beiden ihre \u00f6kologischen Grundwerte in der Qu\u00e4kerversammlung in Burlington, aber auch in verschiedenen politischen Organisationen. Sie sind aktiv im lokalen Ableger des internationalen Initiative Transition Movement, einer gr\u00fcnen B\u00fcrgerinitiative, die den \u00f6kologischeren Umgang mit den Ressourcen von unten und vom Lokalen her aufbauen will.\u2002Doch die beiden kommen immer wieder auf das Thema des gelebten Glaubens zur\u00fcck. Vor kurzem hat Ruah ein Buch \u00fcber die Zusammenarbeit des Transition Movement mit Gl\u00e4ubigen verschiedener Konfessionen ver\u00f6ffentlicht. \u00abRising to the Challenge\u00bb heisst es \u2013 die Herausforderung annehmen.\u2002<\/p>\n\n<p>Woher kommt dieses Vertrauen, diese Hoffnung der Religion? Steht nicht in der Bibel oder der Thora oder im Koran geschrieben, dass wir Menschen uns die Erde untertan machen sollen? Und haben die meisten Religionen das nicht jahrhundertelang gef\u00f6rdert? Muss man Qu\u00e4kerin sein, um \u00f6kologisch denken und handeln zu k\u00f6nnen?\u2002\u00abDie Erkenntnis, dass wir unsere historisch beschr\u00e4nkte Sichtweise auf die Welt erweitern m\u00fcssen, ist nicht den Qu\u00e4kern vorbehalten\u00bb, sagt Louis, \u00abviele Glaubensgemeinschaften sind in dieser spirituellen Krise und m\u00fcssen sich neu orientieren oder erwachen.\u00bb Und Ruah erg\u00e4nzt: \u00abZuerst empfanden unsere Qu\u00e4kerfreunde die Sorge um die Erde bloss als zus\u00e4tzliche Aufgabe in einem ohnehin \u00fcberf\u00fcllten Aktionsplan. Heute sehen die meisten ein, dass es ohne Erde gar keine Zukunft, auch keinen Frieden und keine Gerechtigkeit gibt.\u00bb<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Gesch\u00e4ftige Stille\u00a0bei der Andacht<\/h3>\n\n<p>Im Qu\u00e4kerhaus in Burlington treffen sich an diesem Sonntag \u00fcber vierzig Qu\u00e4kerinnen und Qu\u00e4ker. Die Alt-68er sind in der \u00dcberzahl, doch es hat auch junge Leute und Familien mit Kindern. An diesem Morgen findet ein Workshop statt, in dem die Teilnehmenden sagen, wie sie selber ihren Qu\u00e4kerglauben sehen. Das spirituelle Spektrum ist breit. Viele sind aus anderen Glaubensgemeinschaften zu den Qu\u00e4kern gekommen, vor allem aus dem Katholizismus. Andere verstehen sich als Pantheisten oder Humanistinnen oder sympathisieren mit buddhistischen Ideen. Die einen wollen \u00abzur Quelle zur\u00fcckkehren\u00bb, andere \u00ab\u00fcber sich hinausgehen\u00bb. Ruah wirft ein \u00abNiemand besitzt das \u2039Innere Licht\u203a allein, es ist da, wo Menschen zusammenkommen.\u00bb\u2002Mit diesem Gedanken setze ich mich hin zur sonnt\u00e4glichen Andacht. Ich empfinde die Stille diesmal als sehr gesch\u00e4ftig, und das nicht nur, weil die Kinder in der ersten Viertelstunde mit dabei sind und etwas ungeduldiger auf den St\u00fchlen rumrutschen als die Erwachsenen. Die Unruhe h\u00e4lt die ganze Stunde an, sie ist nicht prim\u00e4r k\u00f6rperlich bedingt, sondern brodelt im versammelten Schweigen. Dieses birgt so viele unterschiedliche Lebensgeschichten, Gef\u00fchlszust\u00e4nde und Spiritualit\u00e4t.\u2002Zweimal wird spontan das Wort ergriffen: Einmal, um daran zu erinnern, dass das \u00abInnere Licht\u00bb nicht nur in spektakul\u00e4ren Momenten und Aktionen da ist, sondern als st\u00e4ndige Pr\u00e4senz oder zumindest als st\u00e4ndige Chance. Eine zweite Stimme mahnt, dieses Licht nicht als individuell brennende Flamme zu begreifen, sondern als Leuchten, das uns alle verbinde und gen\u00e4hrt und gepflegt werden m\u00fcsse.\u2002Das t\u00f6nt ein wenig nach New Age \u2013 oder wie die Predigt in irgendeiner Kirche. Nur wird die Andacht hier nicht mit einem priesterlichen Segen beendet, sondern mit handfesten politischen Voten. Man diskutiert \u00fcber die Immigrationssperre f\u00fcr Muslime und die angedrohte Wiederaufnahme der umstrittenen Pipeline-Projekte Keystone-XL und Dakota Access. Etliche beklagen den Rassismus und Sexismus der neuen US-Regierung. Die zum Teil \u00e4usserst kampferprobten Qu\u00e4kerinnen und Qu\u00e4ker suchen gemeinsam nach gewaltfreien, produktiven Methoden des Widerstands. Sie vernetzen sich spontan, planen die n\u00e4chsten Protestaktionen und machen sich gegenseitig Mut. Alle wissen aus der langen, bewegten Qu\u00e4kergeschichte, dass es f\u00fcr den&nbsp;gelebten Glauben einen langen Atem braucht. Schliesslich reicht jemand einen Handzettel&nbsp;mit den Worten des Dalai Lama herum:&nbsp;\u00abGib niemals auf, egal was&nbsp;passiert, gib niemals auf!\u00bb<\/p>\n<lite-youtube style=\"background-image: url('https:\/\/i.ytimg.com\/vi\/2cYtCio6HlI\/hqdefault.jpg');\" videoid=\"2cYtCio6HlI\" params=\"rel=0&#038;enablejsapi=1&#038;origin=https%3A%2F%2Fwww.greenpeace.ch&#038;cc_load_policy=1\"><\/lite-youtube>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Qu\u00e4kerinnen und Qu\u00e4ker aus Nordamerika waren bei der Gr\u00fcndung von Greenpeace 1971 dabei. Wie kam es dazu? Und wie gr\u00fcn ist diese religi\u00f6se Gemeinschaft heute? Zu Besuch bei einer Religi\u00f6sen Gesellschaft der Freunde im nord\u00f6stlichen US-Bundesstaat Vermont.<\/p>\n","protected":false},"author":49,"featured_media":44897,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_planet4_optimize_post_is_variant":false,"_planet4_optimize_experiment_name":"","_planet4_optimize_variant_name":"","ep_exclude_from_search":false,"p4_og_title":"","p4_og_description":"","p4_og_image":"","p4_og_image_id":"","p4_seo_canonical_url":"","p4_campaign_name":"not set","p4_local_project":"not set","p4_basket_name":"not set","p4_department":"","footnotes":""},"categories":[47],"tags":[46],"p4-page-type":[194],"gpch-article-type":[],"class_list":["post-44896","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-greenpeace","tag-ueber-uns","p4-page-type-hintergrund"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44896","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/49"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=44896"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44896\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/44897"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=44896"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=44896"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=44896"},{"taxonomy":"p4-page-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/p4-page-type?post=44896"},{"taxonomy":"gpch-article-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/gpch-article-type?post=44896"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}