{"id":44944,"date":"2017-06-02T07:00:00","date_gmt":"2017-06-02T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=44944"},"modified":"2020-05-23T17:44:33","modified_gmt":"2020-05-23T15:44:33","slug":"verraeterische-sprache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/44944\/verraeterische-sprache\/","title":{"rendered":"Verr\u00e4terische Sprache"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>In politischen Debatten werden W\u00f6rter wie \u00abKlimaschutz\u00bb oder \u00abKlimaschutzziele\u00bb gedankenlos verwendet. Die Begriffe blenden den Menschen als Schadenverursacher aus.<\/strong><\/p>\n\n<p><span class=\"dropcap\">A<\/span>merica First. Mit Slogans wie diesem hat Donald Trump seinen Wahlkampf 2016 bestritten. Die Amerikaner w\u00e4hlten ihn ins Weisse Haus. Nicht weil sie w\u00fctend waren. Auch nicht weil sie dumm sind. Sondern weil Trump in deutlichen Farben das Bild eines ideologisch \u00abstrengen\u00bb Amerikas malte, in dem Werte wie Eigeninteresse, offener Wirtschaftswettkampf und eine klare Aufteilung der Welt in Gut und B\u00f6se wieder etwas gelten.\u2002\u2767\u2002Die Ideologie, f\u00fcr die Trump steht, ist keine Erfindung der Amerikaner. Oder der Politik an und f\u00fcr sich. Sie ist auch keine Neuerfindung. Es gibt das \u00abstrenge\u00bb Weltbild seit Menschengedenken. Ebenso seinen ideologischen Widersacher, den die Forschung als \u00abf\u00fcrsorgliches\u00bb Weltbild kennt. Es betont Werte wie Empathie, Kooperation, soziale F\u00fcrsorge und Schutz. In der Politik f\u00fchren \u00abstrenge\u00bb Werte zu konservativen Positionen \u2013 wie dem Abbau von Steuern,02 die als ungerechte Bestrafung von Selbstdisziplin gesehen werden. \u00abF\u00fcrsorgliche\u00bb Werte bedingen progressive Positionen \u2013 wie soziale F\u00fcrsorgesysteme oder den Schutz von Mensch und Natur.\u2002\u2767\u2002Mit Trumps Sieg war zu rechnen \u2013 nicht nur, weil er selbst eine Sprache spricht, die seine strengen Werte, die viele Amerikaner teilen, unmissverst\u00e4ndlich macht. Sondern auch, weil Hillary Clinton keinen authentischen Einblick in die f\u00fcrsorglichen Werte gab, die sie politisch bewegen. Stattdessen argumentierte sie mit Fakten und erkl\u00e4rte Programmdetails. Dieser Fehler \u2013 das Vernachl\u00e4ssigen der moralischen Pr\u00e4misse eigener politischer Anliegen \u2013\u00a0wurde im Wahlkampf \u00fcberaus deutlich und hatte gravierende Folgen. Dieser Fehler pr\u00e4gt auch weite Bereiche der Debatte rund um den Naturschutz. Mit allen Konsequenzen f\u00fcr unser Leben als Teil dieser Umwelt.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">\u00abSchutz\u00bb statt \u00abRegulierung\u00bb<\/h3>\n\n<p>Das beginnt bereits beim Wort \u00abUmweltregulierung\u00bb. Es aktiviert einen gedanklichen Deutungsrahmen \u2013 in der Forschung Frame genannt \u2013, der das regelnde Eingreifen in den Vordergrund stellt, n\u00e4mlich den Eingriff in den freien Markt, der auch die Nutzung der Umwelt umfasst. Regulierung widerspricht dem moralischen Anliegen strenger, konservativer B\u00fcrger, nach deren Weltbild sich die Kraft des Marktes, eine Gesellschaft durch Wettbewerb zu optimieren, dann am besten entfaltet, wenn man nicht eingreift.\u2002\u2767\u2002Das im durch den Begriff \u00abUmweltregulierung\u00bb hervorgerufenen Frame nicht zum Tragen kommt, ist das moralische Anliegen ideologisch f\u00fcrsorglicher B\u00fcrger: der Schutz von Mensch und Natur im wirtschaftlichen Wettbewerb. Wer f\u00fcr dieses Anliegen sprachlich und gedanklich werben will, ist gut beraten, nicht den Begriff der Regulierung aufzugreifen, sondern weiterhin von Schutz zu sprechen.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Irref\u00fchrende Sprachbilder<\/h3>\n\n<p><span class=\"pull-right\">Selbst eine gestandene Bezeichnung wie \u00abKlimaschutz\u00bb ist ein ideologisch-sprachlicher Fehlgriff f\u00fcr all jene, denen der Schutz von Natur und Menschen am Herzen liegt.<\/span><\/p>\n\n<p>Ein schwerwiegendes Problem der Naturschutzdebatte ist bisher kaum bemerkt worden: Sie ist von Sprachbildern gepr\u00e4gt, die den Menschen ihre unmittelbare Verbundenheit mit der Natur gedanklich vorenthalten. So spricht man etwa \u00fcber das gesamte politische Spektrum hinweg vom Schutz \u00abnat\u00fcrlicher Ressourcen\u00bb. Versuchen Sie einmal, das Konzept aufzumalen. Und zwar so, dass ein Gegen\u00fcber es klar identifizieren k\u00f6nnte. Geht nicht? Richtig, geht nicht. Die Idee ist h\u00f6chst abstrakt, liegt ausserhalb unserer direkten Welterfahrung und ist deshalb nicht visualisierbar. Ganz anders die Konzepte \u00abWasser\u00bb, \u00abLuft\u00bb und \u00abErde\u00bb. Selbst ein Kind kann sie malen und wir w\u00fcrden sie erkennen. Denn wir haben direkten Zugang zu ihnen und unz\u00e4hlige Erfahrungen abgespeichert, die uns sagen, was Wasser, Luft und Erde sind \u2013 und warum sie f\u00fcr uns wichtig sind.\u2002\u2767\u2002Dies ist an einem kleinen Test schnell verdeutlicht. Schreiben Sie sich einmal \u00abnat\u00fcrliche Ressourcen\u00bb auf einen Zettel. Nun notieren Sie darunter die ersten zehn Dinge, die Ihnen durch den Kopf gehen. Wiederholen Sie die \u00dcbung f\u00fcr \u00abLuft\u00bb, \u00abWasser\u00bb und \u00abErde\u00bb. Wenn Sie die Listen vergleichen, f\u00e4llt ins Auge: W\u00e4hrend unter \u00abnat\u00fcrlichen Ressourcen\u00bb vornehmlich Substantive stehen, tauchen bei den anderen drei Konzepten zunehmend Verben wie \u00abatmen\u00bb, \u00abtrinken\u00bb oder \u00abgraben\u00bb und Adjektive wie \u00abfrisch\u00bb, \u00abnass\u00bb oder \u00abbraun\u00bb auf. Der Grund ist einfach. Unser Gehirn erkennt die drei Materien aus seiner konkreten Welterfahrung heraus wieder \u2013 und ruft automatisch Sinneseindr\u00fccke in Form&nbsp;von Adjektiven und Interaktionsmuster in Form von Verben auf. Mit dem Resultat, dass unser Gehirn zum Beispiel unmittelbar den Zusammenhang dieser drei \u00abnat\u00fcrlichen Ressourcen\u00bb mit Sauberkeit und ihre Bedeutung f\u00fcr uns (er)fassen kann.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ideologisch-sprachliche\u00a0Fehlgriffe<\/h3>\n\n<p>Selbst eine gestandene Bezeichnung wie \u00abKlimaschutz\u00bb ist ein ideologisch-sprachlicher Fehlgriff f\u00fcr all jene, denen der Schutz von Natur und Menschen am Herzen liegt. Ob \u00abKlimaschutzpolitik\u00bb, \u00abKlimaschutzziele\u00bb oder die \u00abSorge um das Klima\u00bb, der Temperaturanstieg erscheint hierbei als ein Ph\u00e4nomen sui generis. Der Schutz-Frame vergibt n\u00e4mlich drei Rollen: eine Bedrohung, ein potenzielles oder tats\u00e4chliches Opfer und den Retter, der sch\u00fctzend eingreifen soll.\u2002\u2767\u2002Im Klimaschutz-Begriff wird die Opferrolle dem Klima zugeschrieben \u2013 nicht den Menschen und der Natur! Die Bedrohung liegt im Anstieg der Temperatur. Und die rettenden Helden \u2013 sind die Menschen. Was auff\u00e4llt: Die Ursache der Bedrohung wird nicht benannt. Wer davon ausgeht, dass der weltweite Temperaturanstieg auch von Menschenhand gemacht ist, sollte den Klimaschutz-Frame meiden \u2013 denn er blendet den Menschen als Schadenverursacher aus. Und er benennt nicht, worum es wirklich geht: den Schutz der Menschen und der Natur.\u2002\u2767\u2002Begriffe wie \u00abglobale Erw\u00e4rmung\u00bb und \u00abKlimawandel\u00bb machen die Sache nicht besser, im Gegenteil. Sie erschweren es progressiven Natursch\u00fctzern, die Dringlichkeit ihres politischen Anliegens greifbar zu&nbsp;machen.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Zerst\u00f6rung der Natur ist keine Seuche<\/h3>\n\n<p>Allerdings vermittelt nicht jeder Frame, der Dringlichkeit impliziert, automatisch auch die eigene Sicht auf ein politisches Anliegen. Das Wort \u00abUmweltverseuchung\u00bb ist ein Beispiel. Der Begriff nutzt eine Metapher: Wir \u00fcbertragen unser Wissen dar\u00fcber, was eine Seuche ist, auf die Umweltverschmutzung. Eine Seuche ist eine ansteckende Krankheit, deren Erreger in die Bev\u00f6lkerung getragen wird \u2013 von Ratten, so das stereotype Bild aus Geschichte und Literatur. Ist die Seuche einmal ausgebrochen, weitet sie sich rapide und ohne weiteres Zutun aus \u2013 bis sie irgendwann von selbst wieder abflaut. Es ist den Menschen kaum m\u00f6glich, einer Seuche Einhalt zu gebieten, obwohl sie die Dringlichkeit erkennen.\u2002\u2767\u2002Macht man also die Zerst\u00f6rung der Natur metaphorisch als \u00abSeuche\u00bb begreifbar, blendet man gedanklich v\u00f6llig aus, dass es sich dabei um einen Prozess handelt, dem der Mensch Einhalt gebieten k\u00f6nnte, wenn er wollte, der aber t\u00e4glich von Menschenhand weiter vorangetrieben und nicht eines Tages einfach von allein ausklingen wird.\u2002\u2767\u2002Wer seinen Mitmenschen die Notwendigkeit eines Handelns im Sinne der eigenen \u00dcberzeugungen und politischen Ziele begreifbar machen m\u00f6chte, sollte die richtigen Frames gebrauchen \u2013 eine konkrete und alltagsnahe Sprache, die die ideologischen Pr\u00e4missen deutlich erkennbar macht. Das ist unabdingbar f\u00fcr ein effektives und transparentes demokratisches Miteinander. Denn politischer Streit ist nie ein Streit um<br>\ndie Fakten an sich, sondern darum, welche Ursachen und L\u00f6sungen man angesichts der eigenen Ideologie aus&nbsp;einer Faktenlage ableitet \u2013 im Naturschutz und dar\u00fcber hinaus.<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"alignleft\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/a6cea351-ew_2_fix.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3608\"\/><\/figure><\/div>\n\n<p>Elisabeth Wehling forscht derzeit an der University of California, Berkeley in Amerika. Sie ist Linguistin, Kognitions- und Ideologie-forscherin, sowie Autorin des 2016 erschienenen SPIEGEL-Bestsellers \u00abPOLITISCHES FRAMING: WIE EINE NATION SICH IHR DENKEN EINREDET \u2013 UND DARAUS POLITIK MACHT\u00bb.<\/p>\n\n<p>\u00abInterview von Dr. Elisabeth Wehling: \u00abKognitionswissenschaft geh\u00f6rt in die Bildung\u00bb:<\/p>\n\n<figure><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/PLLzyS1-O4s\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In politischen Debatten werden W\u00f6rter wie \u00abKlimaschutz\u00bb oder \u00abKlimaschutzziele\u00bb gedankenlos verwendet. 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