{"id":44947,"date":"2017-06-09T07:00:00","date_gmt":"2017-06-09T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=44947"},"modified":"2020-05-23T17:49:16","modified_gmt":"2020-05-23T15:49:16","slug":"in-die-wildnis-zu-sich-selbst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/44947\/in-die-wildnis-zu-sich-selbst\/","title":{"rendered":"In die Wildnis \u2013 zu sich selbst"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Alle konsumieren sie. Manche wollen sie bezwingen. Wenige treten in Verbindung zu ihr. Markus Vogler ist so einer. In Kursen lehrt er auch andere, wie Naturverbindung geht.<\/strong><\/p>\n\n<p><span class=\"dropcap\">D<\/span>as Fenster der Wohnung ist weit offen. Obwohl noch Winter ist, singt draussen ein Vogel. \u00abEin Rotkehlchen\u00bb, sagt Markus Vogler. Der 35-J\u00e4hrige lehnt sich aus dem Fenster, schaut links, schaut rechts, zuckt mit den Achseln und sagt: \u00abIch sehe sie zwar nicht, aber wenn ein Rotkehlchen so angibt, pirscht in der N\u00e4he eine Katze durch die Gegend.\u00bb\u2002\u2767\u2002Vogler ist Natur- und Wildnistrainer. Er leitet Menschen an, sich mit der Natur zu verbinden. Der Name ist Zufall. Vogler stammt auch nicht aus einer ornithologisch beschlagenen Familie \u2013 der Vater war Lehrer, die Mutter An\u00e4sthesistin. Und in jungen Jahren war sein Interesse an der Natur nie st\u00e4rker ausgepr\u00e4gt als das seiner gleichaltrigen Kollegen im Aargau, wo er aufwuchs. Sein wildestes Naturerlebnis bestand darin, sich in der zuweilen rauen Reuss flussabw\u00e4rts treiben zu lassen.\u2002\u2767\u2002Als Teenager wurde er zum ambitionierten Snowboarder. Zu den weniger vorteilhaften Seiten des Wintersports, namentlich f\u00fcr die Umwelt, machte er sich nicht gross Gedanken. Er absolvierte eine Lehre als Automatiker. Damals deutete nichts darauf hin, dass in seinem Wohnzimmer dereinst eine ganze Bibliothek zu Naturthemen stehen w\u00fcrde. Jetzt reihen sich in seinem Zuhause B\u00fccher mit Titeln wie \u00abDie geheime Sprache der V\u00f6gel\u00bb, \u00abLeben in der Natur\u00bb, \u00abDas Rotwild\u00bb oder \u00abDer F\u00e4hrtensucher\u00bb aneinander. Das Meiste habe er aber draussen gelernt, betont der kr\u00e4ftige Mann, der es in den eigenen vier W\u00e4nden nur selten lange aush\u00e4lt.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ein Wink von oben<\/h3>\n\n<p>Vogler war 22 Jahre alt und nach einem gr\u00f6beren Snowboard-Unfall verletzt, als ihm der Inhaber eines Musikladens von einer speziellen Schule in \u00d6sterreich erz\u00e4hlte. Er beschloss, sich f\u00fcr die Ausbildung zum Natur- und Wildnistrainer anzumelden. Auf seinem Konto hatte er noch genau den n\u00f6tigen Betrag. Das war f\u00fcr ihn kein Zufall, sondern ein Wink von oben. Er hat seinen Entscheid bis heute nicht bereut.\u2002\u2767\u2002In seinem B\u00fcndner Wahlwohnort hat Vogler, unterst\u00fctzt von Freunden, vor ein paar Jahren seine eigene Natur- und Wildnisschule er\u00f6ffnet. Auf einer versteckten Lichtung an einem Bach richteten sie den Schulungsplatz ein: eine Feuer- und Kochstelle, eine Schwitzh\u00fctte, ein Abort \u2013 alles mit Materialien aus der Umgebung. Wer an einem der mehrt\u00e4gigen Kurse teilnimmt, isst und schl\u00e4ft dort. Eine eigene Schutzh\u00fctte zu bauen ist Teil des einw\u00f6chigen&nbsp;Wildnis-Grundkurses. Die Teilnehmenden lernen ausserdem, wie man Feuer macht, Wasser und Nahrung beschafft, Gebrauchsgegenst\u00e4nde herstellt, Spuren liest, sich bei der Jagd lautlos fortbewegt und die Vogelsprache interpretiert. Die Kurse finden vorwiegend in der warmen Jahreszeit statt \u2013 zwischen April und Oktober ist Vogler fast permanent draussen am Unterrichten.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Gegen die Natur oder mit ihr?<\/h3>\n\n<p>Wer das Angebot seiner Schule NaturLeben studiert und sich f\u00fcr \u00dcberlebenstechniken interessiert, d\u00fcrfte sich angesprochen f\u00fchlen. Es werden immer mehr, die wissen wollen, wie man in der Wildnis klarkommt. Vor allem M\u00e4nner interessieren sich f\u00fcr diese F\u00e4higkeit, die im Englischen als \u00abBushcraft\u00bb bezeichnet wird \u2013 wom\u00f6glich inspiriert durch die vielen TV-Formate mit harten Kerlen wie Bear Grylls, Ray Mears, Les Stroud oder Ed Wardle. Das Gemeinsame an diesen Sendungen: Der Held (seltener die Heldin) setzt sich mit primitiven Mitteln gegen die Natur durch. In der Schweiz war Survival als chillig-thrillige Fernsehunterhaltung bereits 1999 ein Erfolg \u2013 im Reality-Format \u00abExpedition Robinson\u00bb.\u2002\u2767\u2002In Voglers Kurse verirren sich manchmal auch Leute, die sich unter NaturLeben eine Art Lagerfeuerromantik \u00e0 la Marlboro Man vorstellen, allenfalls inklusive Ausnehmen und Verspeisen des wilden Tieres, das man selber get\u00f6tet hat. (Sie werden erfahren, dass das T\u00f6ten von Tieren nicht im Angebot ist.) Und es gibt noch eine andere Gruppe, die sich eher unerwartet f\u00fcr die Besch\u00e4ftigung mit der Natur interessiert und laut Vogler nicht selten in Milit\u00e4rkleidung daherkommt: \u00abSie wollen die Natur \u00fcberwinden, sich gegen die Elemente behaupten. Das zu k\u00f6nnen, ein krasser Fighter zu sein, gibt einem nat\u00fcrlich Sicherheit.\u00bb\u2002\u2767\u2002Obwohl er das B\u00fcndner Jagdpatent hat und im \u00f6rtlichen Jagdverein engagiert ist, will Vogler seinen Sch\u00fclern nicht beibringen, wie man sich gegen die Natur behauptet. F\u00fcr ihn ist das Leben und \u00dcberleben in der Wildnis etwas, das der Mensch mit der Natur macht. Oder wie er sagt: \u00abNur schon die Unterscheidung zwischen Mensch und Natur ist doch absurd.\u00bb Er hofft jeweils, \u00abdass auch jene Leute, die mit einer andern Motivation zu mir kommen, eine Verbindung zur Natur finden\u00bb.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Spiritualit\u00e4t und\u00a0Naturverbindung geh\u00f6ren\u00a0zusammen<\/h3>\n\n<p>Markus Vogler nennt sich auch \u00abStiller B\u00e4r\u00bb. Das Wissen, das er sich in der Ausbildung und in vielen Kursen angeeignet habe und jetzt weitergebe, gehe auf die Indianer zur\u00fcck, erkl\u00e4rt er. Was unterscheidet ihn also von den selbsternannten und nicht selten reaktion\u00e4ren Schamanen im Land? Er \u00fcberlegt lange, h\u00e4lt eine selbstgedrehte Zigarette in der Hand, schaut aus dem Fenster. Das Rotkehlchen ist verstummt, es ist jetzt still draus\u00adsen. Dann sagt er: \u00abDie Zeremonien, die bei vielen im Zentrum stehen, sind auch mir wichtig. Aber man sollte nicht nur die Schwitzh\u00fctte geniessen, sondern auch die Naturverbindung f\u00f6rdern. Sonst fehlt die Verankerung. Spiritualit\u00e4t ohne Naturverbindung geht nicht \u2013 und umgekehrt. Spiritualit\u00e4t ist Verbundenheit. Und letztlich geht es im Leben doch genau darum: verbunden zu sein \u2013 pr\u00e4sent, wach, aktiv.\u00bb\u2002\u2767\u2002Am Anfang seiner Ausbildung stand die Erkenntnis, dass er in dem System, in dem wir leben, keinen Sinn sieht. \u00abIch fand einfach: Wie soll ich glauben, dass ich das Geld, das ich in die dritte S\u00e4ule einzahle, jemals wiedersehen werde?\u00bb Das Konzept, wonach Geld Sicherheit geben soll, habe er nie verstanden. Heute wisse er, dass er \u00fcberall \u00fcberleben k\u00f6nnte:&nbsp;\u00abOhne Geld. Das ist es, was mir Sicherheit gibt.\u00bb\u2002\u2767\u2002Mit 25 Jahren ging er f\u00fcr zehn Tage in den Wald, ausger\u00fcstet nur mit einem Messer. Seither tut er das regelm\u00e4ssig. Er hat schon unz\u00e4hlige Schutzh\u00fctten gebaut und weiss sich in der Natur mit einfachen Mitteln zu behelfen. Er kennt sich hervorragend mit Wildkr\u00e4utern und Wurzeln aus und kann Vogelstimmen zuordnen, nicht nur jene des Rotkehlchens.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Es geht um die Erfahrungen<\/h3>\n\n<p>\u00abSpuren und Vogelstimmen erz\u00e4hlen Geschichten\u00bb, sagt er. \u00abJe tiefer wir eintauchen, desto gr\u00f6s\u00adser wird das Verst\u00e4ndnis, desto spannender wird es.\u00bb Nat\u00fcrlich k\u00f6nne man sich auch Wissen durch Lesen aneignen, nicht aber die Erfahrung. Dass er es Erwachsenen und Kindern erm\u00f6glichen will, eigene Erfahrungen zu sammeln, hat mit seiner Hoffnung zu tun, dass sie diese weitergeben. Die Kinder liegen ihm besonders am Herzen: \u00abBei Erwachsenen muss oft zuerst etwas passieren, bis sie sich \u00f6ffnen \u2013 Kinder hingegen bringen die Offenheit mit.\u00bb\u2002\u2767\u2002Leider gebe es Eltern, die das Erlebte gleich wieder kaputtmachen, f\u00fcgt er an und erz\u00e4hlt aus einem Kinderkurs: Wie immer habe er die Teilnehmenden aufgefordert, sich einen Platz zu suchen und dort zu bleiben \u2013 aufmerksam, schauend und lauschend, was rundherum alles passiert. Dabei habe ein Junge aus n\u00e4chster N\u00e4he ein Reh beobachten k\u00f6nnen. Als ihn seine Mutter am Abend abholte, habe er ihr aufgeregt und mit riesiger Freude davon erz\u00e4hlt: \u00abMama, ich habe ein Reh gesehen!\u00bb Sie habe kurz zugeh\u00f6rt, in Gedanken wohl woanders, und dann beil\u00e4ufig gesagt: \u00abAch ja? Ich habe heute auch ein Reh gesehen.\u00bb Das, so Vogler, habe f\u00fcr den Jungen die ganze Bedeutung seines Erlebnisses zerst\u00f6rt.\u2002\u2767\u2002Meine Hoffnung ist, dass meine Kursbesucher, Kinder und Erwachsene, eine Art Bewusstseinserweiterung erleben\u00bb, sagt Vogler. Sie sollen grundlegende Lebens- und \u00dcberlebenstechniken lernen und dabei zu sich selber finden: \u00abJe mehr Aufmerksamkeit wir der Natur\u00a0entgegenbringen, desto tiefer\u00a0erleben wir auch uns\u00a0selbst.\u00bb<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alle konsumieren sie. Manche wollen sie bezwingen. Wenige treten in Verbindung zu ihr. Markus Vogler ist so einer. 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