{"id":44959,"date":"2017-06-23T07:00:00","date_gmt":"2017-06-23T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=44959"},"modified":"2020-05-25T11:15:40","modified_gmt":"2020-05-25T09:15:40","slug":"innerer-wandel-neues-atelier-fuer-meditierende-aktivisten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/44959\/innerer-wandel-neues-atelier-fuer-meditierende-aktivisten\/","title":{"rendered":"Innerer Wandel: Neues Atelier f\u00fcr meditierende Aktivisten"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Wie soll man die Welt ver\u00e4ndern, ohne sich selbst auf einen Wandel einzulassen? Darum geht es im neuen Atelier f\u00fcr innere Transition, das unter der Leitung von Michel Maxime Egger besteht, wie der Soziologe und \u00d6kotheologe im Interview erz\u00e4hlt.<\/strong><\/p>\n\n<p>Das Laboratorium ist bei der Entwicklungsorganisation Brot f\u00fcr alle angesiedelt, die sich im Norden wie im S\u00fcden f\u00fcr neue landwirtschaftliche und \u00f6konomische Modelle engagiert.<\/p>\n\n<p><em>Warum haben Sie ein solches Atelier initiiert?<\/em><\/p>\n\n<p>Die Menschheit steht an einem Scheidepunkt ihrer Geschichte. Das vorherrschende Wirtschaftssystem ist auf Wachstum, Produktion und Konsum ausgerichtet. Es gr\u00fcndet auf einem unbegrenzten materiellen und energetischen Zuwachs. Diese Illusion f\u00fchrt uns jedoch in eine Sackgasse, denn sie st\u00f6sst an die Grenzen der Erde wie auch der Menschen. Wir stehen vor einer massiven systemischen Umw\u00e4lzung, die auch die Gefahr des Zusammenbruchs in sich tr\u00e4gt. Es gen\u00fcgt einfach nicht mehr, das System zu reformieren, indem soziale und \u00f6kologische Dimensionen besser ber\u00fccksichtigt werden, wie es das Konzept der nachhaltigen Entwicklung vorsieht. Wir m\u00fcssen weiterdenken und einen tiefgreifenden Wandel einleiten, also einen wirklichen Paradigmenwechsel anstreben.<\/p>\n\n<p><em>Um welche Art Wandel geht es hier?<\/em><\/p>\n\n<p>Die Transition hat eine \u00e4ussere Dimension, die weltweit in vielen Alternativen zum Ausdruck kommt, wie es der Film \u00abTomorrow \u2013 Die Welt ist voller L\u00f6sungen\u00bb (2015) sehr sch\u00f6n aufzeigt. Insbesondere in den Bereichen Energie, Bildung, Wohnen, Urbane Landwirtschaft, alternative W\u00e4hrungen, \u00d6koquartiere oder St\u00e4dte im Wandel. Die Transition hat aber auch eine innere Dimension. Der Landwirt, Schriftsteller und Philosoph Pierre Rabhi sagt: Alle diese Initiativen sind zwar notwendig, aber wenn der Mensch sich nicht \u00e4ndert, sind sie zum Scheitern verurteilt.<\/p>\n\n<p><em>Wie zeigt sich diese innere Transition?<\/em><\/p>\n\n<p>Sie beginnt mit einer radikalen Infragestellung, die die Probleme an der Wurzel angeht. Wir k\u00f6nnen weniger konsumieren, biologisch und fair einkaufen, eher mit \u00d6V fahren und Abf\u00e4lle kompostieren. Die Erfahrung zeigt aber, dass diese \u00f6kologischen Massnahmen erst dann wirklich Sinn machen und nachhaltig werden, wenn sie im Sein verwurzelt sind. Die Konsumgesellschaft stellt die Frage nach der Erf\u00fcllung des Menschen. Was machen wir mit der Kraft unseres Begehrens? Streben wir danach, diese Kraft zu befreien, angesichts all der Marktmechanismen, die sie beanspruchen und instrumentalisieren?<\/p>\n\n<p><em>Umweltschutz reicht also nicht?<\/em><\/p>\n\n<p>Es geht um viel mehr als um den reinen Umweltschutz. Es muss eine \u00abmutige kulturelle Revolution\u00bb geschehen, wie Papst Franziskus in seiner Enzyklika Laudato si\u2019 schreibt.<\/p>\n\n<p><em>Wie kommt es, dass Brot f\u00fcr alle sich auf diesen Weg begibt?<\/em><\/p>\n\n<p>Brot f\u00fcr alle geh\u00f6rt zu den grossen Entwicklungsorganisationen der Schweiz und entstammt den evangelischen Kirchen. Wir engagieren uns im Norden wie im S\u00fcden f\u00fcr einen Wandel hin zu neuen Formen der Wirtschaft und der Nahrungsmittelproduktion. Nebst Sensibilisierungskampagnen leistet Brot f\u00fcr alle auch politische Lobbyarbeit und hat beispielsweise massgeblich zur Lancierung der Konzernverantwortungsinitiative beigetragen. Zusammen mit Fastenopfer f\u00fchren wir jedes Jahr in den Wochen vor Ostern eine Sensibilisierungskampagne zu Nord-S\u00fcd-Themen und zu verantwortungsbewusstem Lebensstil durch. Und wir sind \u00fcberzeugt, dass es einen radikalen Systemwechsel braucht. Unser Ziel ist es nicht, den bestehenden Projekten zu alternativer Energie oder Urbaner Landwirtschaft noch weitere hinzuzuf\u00fcgen. Was wir wollen, ist den Fokus auf die innere Dimension des Wandels legen, im Verbindung mit den spirituellen Wurzeln von Brot f\u00fcr alle.<\/p>\n\n<p><em>Was ist der Sinn des von ihnen initiierten Atelier?<\/em><\/p>\n\n<p>Das Atelier soll eine Verbindung schaffen zwischen der Ver\u00e4nderung der \u00e4usseren und der inneren Welt. Wir f\u00f6rdern eine neue Art des Engagements, einen meditierenden Aktivismus. Das Atelier steht an der Schnittstelle zwischen zwei Welten, zwischen den kirchlichen Kreisen mit der \u00d6kospiritualit\u00e4t als Eintrittstor, und der Zivilgesellschaft mit Schwerpunkt auf \u00d6kopsychologie. Die \u00d6kospiritualit\u00e4t bezieht sich explizit auf Transzendenz, auf ein g\u00f6ttliches Mysterium, w\u00e4hrend die \u00d6kopsychologie die Zusammenh\u00e4nge zwischen der menschlichen Psyche und der Natur erkundet, wobei nicht unbedingt das Heilige ber\u00fchrt wird. Unser Atelier ist ein Experiment, das es im Moment in dieser Form erst in der Westschweiz gibt.<\/p>\n\n<p><em>Sie f\u00f6rdern also Verbindungen zwischen kirchlichen Kreisen und Zivilgesellschaft?<\/em><\/p>\n\n<p>Spiritualit\u00e4t kann als Antrieb f\u00fcr den Wandel wirken. Umgekehrt kann auch die Transition eine spirituelle Erneuerung in kirchlichen Kreisen f\u00f6rdern. Es ist eine gegenseitige Bewegung.<\/p>\n\n<p><em>Wie konnten Sie die Gr\u00fcndung des Atelier zustande bringen?<\/em><\/p>\n\n<p>Als erstes war meine Aufgabe, m\u00f6gliche Personen oder Organisationen ausfindig zu machen, mit denen ein Potential zur Ko-Kreation sp\u00fcrbar war. Bis jetzt habe ich \u00fcber f\u00fcnfzig Gespr\u00e4che gef\u00fchrt, die H\u00e4lfte davon in kirchlichen Kreisen und die andere H\u00e4lfte mit der Zivilgesellschaft. Die Absicht war, Partnerschaften auf den Weg zu bringen. Es entwickelt sich ein filigranes Netzwerk von Kooperationen mit dem Atelier, mit Menschen, die uns im Herzen und im Geist nahestehen.<\/p>\n\n<p><em>Wie gestaltet sich diese Transition konkret?<\/em><\/p>\n\n<p>Wenn wir als Organisation in unserem Engagement f\u00fcr die Transition glaubw\u00fcrdig sein wollen, so m\u00fcssen wir auch unser internes Funktionieren grundlegend anpassen. Daher ist Brot f\u00fcr alle auf dem Weg zur Holakratie, einer neuen Form von gemeinsamer F\u00fchrung, die auf kollektiver Intelligenz basiert. Beispielsweise gibt es bei uns keine Pflichtenhefte mehr. Wir arbeiten jetzt nach Rollen. Dadurch hat jede und jeder mehr Verantwortung.<\/p>\n\n<p><em>Was sind die wichtigsten Aktivit\u00e4ten des Ateliers?<\/em><\/p>\n\n<p>Es gibt mehrere Stossrichtungen. Das Atelier macht Sensibilisierungsarbeit, organisiert Podiumsgespr\u00e4che, Vortr\u00e4ge und Workshops, beteiligt sich an Anl\u00e4ssen wie dem Forum G21, dem Festival de la Terre oder Alternatiba L\u00e9man. Es hat auch eine eigene Facebook-Seite. Bildungsarbeit ist ein weiterer wichtiger Teil meiner Arbeit, damit will das Atelier unsere inneren Ressourcen weiterentwickeln und unsere Vorstellungen in Richtung einer anderen, m\u00f6glichen Welt \u00f6ffnen (siehe Grafik \u201eWir bewegen Menschen \u2013 im Norden wir im S\u00fcden\u201c). Zum Beispiel \u00abkompostieren\u00bb wir weitverbreitete Gef\u00fchle wie Entmutigung, Angst und Machtlosigkeit, um damit neue mobilisierende Energien zu schaffen. Daraus sollten Multiplikatorinnen und Multiplikatoren entstehen, also Menschen die die innere Transition weitertragen.<\/p>\n\n<p><em>Sie erw\u00e4hnen auch die CO<sub>2<\/sub>-Gespr\u00e4che. Um was geht es dabei?<\/em><\/p>\n\n<p>Die Methode der CO<sub>2<\/sub>-Gespr\u00e4che stammt aus dem angels\u00e4chsischen Raum. Durch die Arbeit der \u00abArtisans de la transition\u00bb \u2013 ein aus der Zeitschrift La Revue durable entstandener Verein \u2013 wird dieser Ansatz zunehmend auch in der Schweiz bekannt: An sechs Abendworkshops, die je zwei Stunden dauern, kombinieren jeweils acht Menschen Fakten, Gruppendiskussionen, \u00dcbungen und Spiele. Ziel ist, dass der CO2-Fussabdruck konkret reduziert wird. Die Teilnehmenden konfrontieren sich mit ihren Widerspr\u00fcchen, ihren verschiedenen W\u00fcnschen und ihren inneren Widerst\u00e4nden gegen notwendige Ver\u00e4nderungen. Es werden Gruppenleitende ausgebildet, welche die Bewegung f\u00f6rdern. Eine solche Gruppe wurde im Atelier gegr\u00fcndet.<\/p>\n\n<p><em>Sie haben auch einen Think tank ins Leben gerufen. Was ist dessen Rolle?<\/em><\/p>\n\n<p>Dieser Think tank besteht aus dreizehn Personen mit verschiedensten Kompetenzen, manche davon mit universit\u00e4rer Anbindung, wie Dominique Bourg, Christian Arnsperger oder Sophie Swaton. Wir m\u00f6chten mit s\u00e4mtlichen Ideen und laufenden Experimenten auf der Welt in Verbindung stehen. Der Think tank hat seine T\u00e4tigkeit eben erst aufgenommen. Ziel ist, der inneren Transition Gehalt zu verleihen.<\/p>\n\n<p><em>Kann man denn alles in Worte ausdr\u00fccken?<\/em><\/p>\n\n<p>Bei unserer Arbeitsmethode geht es nicht darum, uns intellektuell wie eine Zitrone auszupressen. Wir pflegen eine Gruppendynamik, die alle Dimensionen unseres Seins anspricht, die k\u00f6rperliche, emotionale, intuitive, vielleicht auch die spirituelle Seite. So sollen all jene Bestandteile gen\u00e4hrt werden, die sich sp\u00e4ter in eher mentaler Form \u00e4ussern k\u00f6nnen. Daf\u00fcr braucht es den gesch\u00fctzten Rahmen der Gruppe. Jede und jeder baut mit der Zeit die eigenen Schutzmauern ab.<\/p>\n\n<p><em>Letztlich weiss also niemand genau, was aus dem Prozess werden wird?<\/em><\/p>\n\n<p>Wir sind wie Alchemisten, die verschiedene Metalle kombinieren und dem Feuer aussetzen. Jetzt schauen wir, was passiert. Im Licht der Erprobung unserer Lebenserfahrungen werden wir beobachten, was in uns und bei den anderen geschieht. Es ist eine \u00dcbung der Einigkeit in der Vielfalt.<\/p>\n\n<p><em>Die Fragen stellte Philippe Le B\u00e9.<\/em><\/p>\n\n<p><em>Michel Maxime Egger\u00a0ist Soziologe, \u00d6kotheologe und Journalist. Er leitet das \u00abAtelier f\u00fcr innere Transition\u00bb bei Brot f\u00fcr alle. Beim Verlag Labor &amp; Fides ist er Co-Leiter der Reihe \u00abFondations \u00e9cologiques\u00bb. Er koordiniert das Netzwerk www.trilogies.org, das den Dialog zwischen spirituellen Traditionen und wichtigen Zeitfragen pflegt. Zu \u00d6kospiritualit\u00e4t und \u00d6kopsychologie sind diverse Essays aus seiner Feder erschienen: \u00abLa Terre comme soi-m\u00eame\u00bb (Verlag Labor &amp; Fides, 2012), \u00abSoigner l\u2019esprit, gu\u00e9rir la Terre\u00bb (Labor &amp; Fides, 2015), \u00abEcopsychologie. Retrouver notre lien avec la Terre\u00bb (Verlag Jouvence, 2017).<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie soll man die Welt ver\u00e4ndern, ohne sich selbst auf einen Wandel einzulassen? 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