{"id":44973,"date":"2017-08-08T07:00:00","date_gmt":"2017-08-08T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=44973"},"modified":"2020-05-25T14:03:10","modified_gmt":"2020-05-25T12:03:10","slug":"einaeugigen-wissenschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/44973\/einaeugigen-wissenschaft\/","title":{"rendered":"Die Not der ein\u00e4ugigen Wissenschaft"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Der Glaube an die messbare Welt verhilft der Wissenschaft zur Interpretationsmacht \u00fcber die Natur. Eine gef\u00e4hrliche Tendenz mit durchaus theologischen Wurzeln.<\/strong><\/p>\n\n<p>Eine Kolumne von Markus Waldvogel<\/p>\n\n<p><span class=\"dropcap\">K<\/span>irchliche Schriftgelehrte strebten bis ins sp\u00e4te Mittelalter nach einer allseits g\u00fcltigen Interpretation der Heiligen Schrift. Deshalb bezeichneten sie die in der Bibel h\u00e4ufigen \u00abUniversalien\u00bb, abstrakte Begriffe wie das Gute, das Gerechte und das G\u00f6ttliche als unumst\u00f6ssliche Realit\u00e4ten. Kritische M\u00f6nche sahen das anders. Die Universalien waren f\u00fcr sie die Folge eines Denkprozesses, der von den Gegenst\u00e4nden ausging. Erst die Beobachtung verschiedener B\u00e4ume beispielsweise f\u00fchre zur Idee des Baumes. Das G\u00f6ttliche wurde so zu einer Konstruktion des Menschen aufgrund von Erfahrungen mit der Unendlichkeit der Sch\u00f6pfung oder seiner eigenen Unzul\u00e4nglichkeit. Welt und Natur konnten jedenfalls nicht mehr allein im Kontext der Heiligen Schrift verstanden werden. Der blitzgescheite Franziskanerm\u00f6nch Wilhelm von Ockham (1285\u20131347) brachte es auf den Punkt. Die wirklichen Dinge sind individuell, ihre Bezeichnungen dagegen abstrakt: \u00abDer Begriff ist niemals wirklich dasselbe wie jenes, dessen Begriff er ist.\u00bb Die orthodoxen Kirchenf\u00fchrer sahen durch diesen \u00abrevolution\u00e4ren\u00bb, lebendigen Ansatz ihr starres und abstraktes Lehrgeb\u00e4ude in Gefahr und verfolgten die abtr\u00fcnnigen M\u00f6nche bis aufs Blut.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Weiss die Wissenschaft noch, dass sie nichts weiss?<\/h3>\n\n<p>Heute scheint alles ganz anders zu sein. Wir leben in Zeiten, in der jede und jeder forschen kann, was er oder sie will. Oder doch nicht ganz? Es \u00fcberrascht auf jeden Fall, mit welcher Selbstverst\u00e4ndlichkeit zurzeit zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Deutungshoheit gegen\u00fcber Mensch und Natur unterstreichen. Die M\u00f6glichkeit, Wirklichkeiten \u00abvollst\u00e4ndig zu erfassen\u00bb, wird als sinnvolles Ziel verfolgt \u2013&nbsp;trotz logischer und empirischer Einschr\u00e4nkungen. An dieser Stelle seien nur drei Einw\u00e4nde skizziert.<\/p>\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Schneekristalle verf\u00fcgen zwar \u00fcber eine identische, hexagonale (drei sich schneidende Geraden) Struktur. Real gibt es sie aber nur als \u00e4hnliche und immer unterschiedliche Einzelflocken.<\/li><li>Seit bald einmal hundert Jahren zeigt die physikalische Unsch\u00e4rferelation Heisenbergs, dass Teilchen niemals \u00abrein\u00bb erkannt werden k\u00f6nnen. Es ist zum Beispiel unm\u00f6glich, den Ort und den Impuls eines Teilchens gleichzeitig mit unbegrenzter Genauigkeit zu messen.<\/li><li>Jede Definition einer \u00abInformation\u00bb schliesst etwas ein und etwas aus. Deshalb ist eine Definition in den empirischen\u00a0Wissenschaften niemals vollst\u00e4ndig.<\/li><\/ol>\n\n<p>Wenn solche Einschr\u00e4nkungen als Randprobleme bagatellisiert werden, bedeutet das, dass in weiten Teilen des Wissenschaftsbetriebs allein \u00abauf Anwendung hin\u00bb geforscht wird. Die \u00fcberragenden Resultate gerade in den Bereichen der k\u00fcnstlichen Intelligenz und der Robotik verf\u00fchren folgerichtig zu offensichtlicher Betriebsblindheit. Anders kann nicht erkl\u00e4rt werden, wie vollmundig Wissenschaftler \u00fcber die Beseelung von Robotern oder \u00fcber den k\u00fcnstlichen Menschen reden. Auf der Suche nach dem absoluten Wissen kommt ihnen die Bescheidenheit abhanden. Wie fr\u00fcher die religi\u00f6sen Machthaber wollen sie die Interpretationsmacht \u00fcber die Welt.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wissenschaft als Religion<\/h3>\n\n<p>Die Spinne im Netz und ihre Beute ist ein gutes Bild f\u00fcr die herrschende Logik der Abstraktion. Nur die Beute steht zur Diskussion, aber nicht, was durch die Maschen f\u00e4llt. Nur was gemessen werden kann, existiert. Die kritischen Kr\u00e4fte hingegen lassen sich in der \u00f6ffentlichen Debatte, wo sie denn noch stattfindet, damit tr\u00f6sten, dass viele Technologien \u00absanft\u00bb w\u00e4ren und letztlich der gebeutelten Welt entgegenk\u00e4men. Das mag sein. Doch eine ganzheitliche und damit \u00f6kologische Betrachtungsweise von Mensch und Natur orientiert sich daran, ob sie die Natur lediglich als einen Komplex von Begriffen und Informationseinheiten versteht oder als letztlich niemals vollst\u00e4ndig zu erfassendes Ganzes. Dessen Gr\u00f6sse verlangt tiefen Respekt und eine durchaus auch politisch zu verstehende Demut.<\/p>\n\n<p>Wer die Welt dagegen \u2013&nbsp;wie differenziert auch immer \u2013 lediglich als vernetztes System begreift, wird sich fr\u00fcher oder sp\u00e4ter komplizenhaft zu den herrschenden wissenschaftlichen und mit ihnen oft verbandelten politisch-\u00f6konomischen Instanzen verhalten. Dagegen hilft auch eine Prise Achtsamkeit, fern\u00f6stliche Gelassenheit oder mystische Erkenntnis nicht. Es geht \u2013 in Anlehnung an Theodor W. Adorno \u2013 gerade nicht um Erholung f\u00fcr erm\u00fcdete Gesch\u00e4ftsleute, Politcracks und Wissenschaftler. Es geht um die tief im kollektiven Bewusstsein verankerte ein\u00e4ugige Logik der Messbarkeit mit ihrer Sehnsucht nach der g\u00fcltigen Interpretation von Welt und Natur. Sie m\u00fcsste um eine gleichberechtigte Haltung der Offenheit bez\u00fcglich des Unerfassbaren und der unendlichen Vielfalt erg\u00e4nzt werden. Das w\u00e4re eine notwendige Leitplanke f\u00fcr eine zukunftsgerichtete Wissenschaft. Zu Recht fragt beispielsweise der Schweizer Landschaftsschutz nach den psychologischen und spirituellen Folgen des Verschwindens markanter und \u00absch\u00f6ner\u00bb Landschaften. Ihre seelische Bedeutung \u2013&nbsp;gerade auch f\u00fcr das Heranwachsen von Kindern und Jugendlichen \u2013 wird ebenso einbezogen wie die Ver\u00e4nderung \u00e4sthetischer Wahrnehmung. Die breit angelegten Fragestellungen zielen in die letztlich entscheidende Richtung. Da gibt es kein Wenn und Aber. Es sei denn, man wolle den Entscheid, welches Wissen \u00fcber das Leben wirklich von Bedeutung sei, den tonangebenden modernen \u00abP\u00e4psten der Wissenschaft\u00bb \u00fcberlassen.<\/p>\n\n<p><strong>Markus Waldvogel<\/strong>\u00a0ist Autor, Philosoph und Leiter der Beratungsfirma Pantaris. Er war viele Jahre Mitarbeiter des WWF Schweiz und hat die Bieler Philosophietage mitbegr\u00fcndet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Glaube an die messbare Welt verhilft der Wissenschaft zur Interpretationsmacht \u00fcber die Natur. 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