{"id":44975,"date":"2017-08-04T07:00:00","date_gmt":"2017-08-04T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=44975"},"modified":"2020-05-25T13:54:42","modified_gmt":"2020-05-25T11:54:42","slug":"buergerwissenschaft-mit-kabeljau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/44975\/buergerwissenschaft-mit-kabeljau\/","title":{"rendered":"B\u00fcrgerwissenschaft mit Kabeljau \u2013 wie man die Plastikflut im Meer an die \u00d6ffentlichkeit bringt"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Dr. Max Liboiron ist eine feministische Umweltwissenschaftlerin und -aktivistin. Sie lehrt und forscht als Assistant Professor an der Memorial University von Neufundland (Kanada) im Fachbereich Geografie zum Thema\u00abDiscard Studies\u00bb (Abfall-Studien). Mit ihrem Citizen-Science-Projekt Civic Laboratory for Environmental Action Research (CLEAR) und einem Blog n\u00e4hert sie sich dem Plastikm\u00fcll im Ozean aus einer interdisziplin\u00e4ren Perspektive \u2013 aus bio-, geo- und sozialwissenschaftlichem Blickwinkel. Sie erforscht auch die Mechanismen des Aktivismus gegen solche globalen Probleme: \u00abPlastik ist ein globales Problem.\u00bb<\/strong><\/p>\n\n<p><span class=\"dropcap\">N<\/span>at\u00fcrlich gehe ich auch selbst raus, um Fische zu fangen\u00bb, beschreibt sie ihre Arbeit. \u00abDaneben denke ich aber auch \u00fcber die sozialen Rahmenbedingungen nach.\u00bb So analysiert die Neufundl\u00e4nder Umweltforscherin gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern, Aktivistinnen und Interessierten die Ursachen der Plastikflut sowie ihre gesellschaftlichen Grundlagen. Ein wichtiger Aspekt ist f\u00fcr sie die Unterscheidung von Waste und Discard: Das englische \u00abWaste\u00bb bedeutet M\u00fcll oder Abfall und bezeichnet Dinge, die nicht mehr nutzbar sind. \u00abDiscard\u00bb hingegen bezeichnet im Englischen eher Ausschuss von noch nutzbaren Dingen oder Teilen. Dr. Liboirons <a href=\"http:\/\/discardstudies.com\/\"><strong>Discard Studies Blog<\/strong><\/a> ist eine interdisziplin\u00e4re Plattform f\u00fcr die Auseinandersetzung mit dem Wegwerfen, auf der sich Wissenschaftler, Aktivisten und Interessierte austauschen und informieren k\u00f6nnen. Es geht um den wissenschaftlichen Exkurs mit Definitionen, Theorien und Publikationen und um die Kommunikation des Themas an die \u00d6ffentlichkeit \u2013 ob als allgemeinverst\u00e4ndliches Buch, als wissenschaftliche Publikation oder als Kunstprojekt.<\/p>\n\n<p>Der gr\u00f6sste Anteil Plastikm\u00fcll im Meer stammt von Verpackungen und \u00fcber 80 Prozent davon vom Land. Mikroplastik (Partikel unter 5 Millimeter) geraten in der Nahrungskette im Meer \u00fcber Speisefische und andere Meerestiere wieder zur\u00fcck auf unsere Teller. Ob und wie viele Plastikpartikel im Kabeljau und in anderen Speisefischen stecken, betrifft viele Neufundl\u00e4nder pers\u00f6nlich. Der Kabeljau-Fang ist ein St\u00fcck regionaler Identit\u00e4t. Genau dort setzt das Projekt CLEAR an: \u00abWir wollten herausfinden, wie stark der kanadische Kabeljau belastet ist\u00bb, sagt Max Liboiron. Die Kabeljau-Fischerei ist in der Provinz Neufundland eine wichtige Tradition. Im Juli und August darf man f\u00fcnf Fische pro Person und Tag fangen. Die Fischereibeh\u00f6rde (Department of Fisheries and Oceans) erlaubt diese sogenannte \u00abfood fishery\u00bb ohne Lizenz. Nat\u00fcrlich sind die Einwohner Neufundlands besorgt, dass auch ihr traditionsreichster Speisefisch mit Mikroplastik belastet sein k\u00f6nnte.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Umweltverschmutzung ist Kolonialismus<\/h3>\n\n<p>Max Liboiron bezeichnet die Umweltverschmutzung als kolonialistisch, weil es dabei um die Besitznahme von Land geht und um die Zuweisung von Funktionen und Nutzung: Ein Teil des Landes wird zur M\u00fclldeponie erkl\u00e4rt und auch so benutzt. Diese Perspektive sei typisch f\u00fcr westliche Industrienationen, so die Umweltforscherin, und erstrecke sich auch auf die Wissenschaft, bei der \u00f6konomische Perspektive und Wertigkeit ebenfalls eine Rolle spielten. Nach dieser Definition w\u00e4re ein Projekt, in dem Wissenschaftler Fische fangen, analysieren und den Rest des Fischs nicht weiter verwerten, eine kolonialistische Methode. Eine dekolonialistische Methode dagegen untersucht Fische, die bereits Teil der Nahrungskette sind. \u00abIn unserem Citizen-Science-Projekt suchen wir im Nahrungsnetz der Menschen nach Mikroplastik. Wir untersuchen das Nahrungsnetz direkt, also die zum Verzehr gefangene Fische. Die Teilnehmer fangen Fische, die sie essen oder verkaufen wollen, und untersuchen Magen und Verdauungstrakt auf Mikroplastik. Die Mikroplastikteilchen kann man mit blossem Auge oder einer Lesebrille sehen. Wir trainieren und schulen unsere Teilnehmer, wie sie den Fisch sezieren und wo im Magen und in den Eingeweiden sie nach Plastikpartikeln suchen k\u00f6nnen. Sie lernen, Plastik von echten Nahrungsbestandteilen und Schleim zu unterscheiden.\u00bb Gerade die festen, zum Teil scharfkantigen St\u00fccke wie Garnelenpanzer oder Knochenst\u00fcckchen sehen Plastik manchmal sehr \u00e4hnlich.<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/93b48da5-1608-plastics-pcsf013-scaled.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4007\"\/><figcaption>\u00a9Bojan Furst<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<p>\u00abF\u00fcr gute wissenschaftliche Ergebnisse ist die Vergleichbarkeit und Reproduzierbarkeit der Daten wichtig. Das stellen wir durch Schulungen und Unterweisung sicher. Zus\u00e4tzlich haben wir methodische Vergleiche erprobt: Wir wissen nun, dass man in der K\u00fcche oder in der Garage genauso gute Ergebnisse bekommt wie im Labor und dass unsere einfachen Instrumente die gleichen Daten ergeben wie professionelle, viel teurere Instrumente. Wir benutzen einfaches Equipment, das sich jeder leisten kann, statt zum Beispiel teure Spektrometer.\u00bb<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">\u00abOpen Science\u00bb<\/h3>\n\n<p>Citizen Science ist eine Form der offenen Wissenschaft, bei der auch Laien mitarbeiten k\u00f6nnen. Max Liboiron entwickelt diese Idee der Partizipation noch weiter: \u00abDer partizipative Ansatz, Dr. Liboiron nennt dies einen feministischen Ansatz, bedeutet, dass wir alle Nutzer sind und auf Augenh\u00f6he miteinander kommunizieren. Wir \u2013 die Wissenschaftler \u2013 geben nicht nur Forschungsfragen vor, sondern entwickeln mit Nichtwissenschaftlern gemeinsam Fragestellungen und Forschungsprojekte. Jeder und jede kann Wissenschaft betreiben, wir m\u00fcssen nur die Bedingungen daf\u00fcr schaffen. Der Dialog auf Augenh\u00f6he und das aktive Partizipieren sind f\u00fcr uns wichtig.\u00bb<\/p>\n\n<p>Traditionelle Ans\u00e4tze gehen davon aus, dass nur Wissenschaftler Wissenschaft betreiben k\u00f6nnen. So erreichen wichtige Themen unserer Zeit im wissenschaftlichen Diskurs die breite \u00d6ffentlichkeit nicht. \u00abDie Forschung muss aus dem Elfenbeinturm der Universit\u00e4ten und der Labors heraus und direkt an die Menschen heran. Nur so kann es gelingen, Probleme wie Plastikm\u00fcll im Meer anzugehen.\u00bb<br> Die globale Plastikflut, f\u00fcr die meisten Menschen eher abstrakt, wird f\u00fcr viele Neufundl\u00e4nder zu einem pers\u00f6nlichen Anliegen. \u00abIch erz\u00e4hle im Radio oft \u00fcber unsere Kabeljau-Projekte oder halte Vortr\u00e4ge ausserhalb der Universit\u00e4t. Die Leute kommen dann auf mich zu und wollen mitmachen. Im Kabeljau-Projekt \u00fcbernehmen zehn Personen die bezahlte Laborarbeit; einige Studierende aus verschiedenen Fachbereichen, andere haben keine akademische Ausbildung. Die untersuchten Fischm\u00e4gen und Eingeweide erhalten sie von \u00fcber hundert M\u00e4nnern und Frauen, die die Fische gefangen haben. Auch wenn das Projekt einen feministischen Denkansatz hat, sind nat\u00fcrlich Menschen jedes Geschlechts zur Mitarbeit eingeladen. Die Arbeit wird aus den \u00fcblichen Quellen von Universit\u00e4ten und Stiftungen finanziert. Auch die Citizen-Science-Mitarbeiter werden f\u00fcr ihre Arbeit entlohnt: \u00abNiemand arbeitet ohne Bezahlung f\u00fcr mich\u00bb, stellt Max Liboiron klar.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Fischnetze fischen<\/h3>\n\n<p>Der n\u00e4chste Schritt im Kampf gegen den Plastikm\u00fcll muss zumindest in Neufundland die Reduzierung des Plastiks in der Fischereiindustrie sein. Immerhin ist die kommerzielle Fischerei die gr\u00f6sste Quelle f\u00fcr synthetischen Meeresm\u00fcll. Moderne Netze bestehen aus Kunststoffen wie Nylon. Wenn sie zerrei\u00dfen und verloren gehen, schwimmen sie noch lange im Meer und sind \u00fcber Jahrzehnte t\u00f6dliche Fallen f\u00fcr Fische, V\u00f6gel und Meeress\u00e4uger. Netze aus traditionellem Material sind weniger problematisch, ihre Pflanzenfasern zerfallen mit der Zeit. Eine Idee ist, dass Fischer ihr traditionelles Fischereigeschirr (ohne moderne Kunststoffe) vorf\u00fchren. Viele Fischer in Neufundland sind offen f\u00fcr solchen Fischerei-Tourismus. Noch besser w\u00e4re, wenn die Fischer auch zerrissene Netze wieder mit an Land bringen w\u00fcrden \u2013 ihre eigenen oder solche, die sie aus dem Meer gefischt haben. In einzelnen L\u00e4ndern gibt es bereits Geld f\u00fcr die Ablieferung alter Netze an Land; bezahlt wird nach Gewicht. Eine andere M\u00f6glichkeit w\u00e4re ein Pfand f\u00fcr Netze: Bringt ein Fischer ein besch\u00e4digtes Netz zur\u00fcck an Land, statt es ins Meer zu werfen, erh\u00e4lt er das Pfand zur\u00fcck.<br>Regional besteht eine F\u00fclle von M\u00f6glichkeiten, die Plastikverschmutzung im Meer einzud\u00e4mmen, ob in Industrienationen oder in weniger industrialisierten Staaten.<br>Gleichzeitig muss es endlich eine globale Strategie gegen den Plastikm\u00fcll geben. \u00abDie L\u00f6sungen liegen auf dem Tisch\u00bb, sagt Max Liboiron: \u00abNun gilt es, sie umzusetzen. Die Staaten und die Staatengemeinschaft m\u00fcssen \u2013 genau wie beim Klimaschutz \u2013 gemeinsame L\u00f6sungen finden und gemeinsam handeln.\u00bb<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dr. Max Liboiron ist eine feministische Umweltwissenschaftlerin und -aktivistin. Sie lehrt und forscht als Assistant Professor an der Memorial University von Neufundland (Kanada) im Fachbereich Geografie zum Thema\u00abDiscard Studies\u00bb (Abfall-Studien). Mit ihrem Citizen-Science-Projekt Civic Laboratory for Environmental Action Research (CLEAR) und einem Blog n\u00e4hert sie sich dem Plastikm\u00fcll im Ozean aus einer interdisziplin\u00e4ren Perspektive \u2013 aus bio-, geo- und sozialwissenschaftlichem Blickwinkel. 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