{"id":45055,"date":"2017-09-29T07:00:00","date_gmt":"2017-09-29T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=45055"},"modified":"2020-05-26T10:49:18","modified_gmt":"2020-05-26T08:49:18","slug":"wer-baeume-pflanzt-wird-den-himmel-gewinnen-konfuzius-551-479-v-chr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/45055\/wer-baeume-pflanzt-wird-den-himmel-gewinnen-konfuzius-551-479-v-chr\/","title":{"rendered":"\u00abWer B\u00e4ume pflanzt, wird den Himmel gewinnen\u00bb"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Der Baum: Als Pforte der Wahrheit, als unfassbares Mysterium, als g\u00f6ttliche Reinheit oder bet\u00f6rendes Wesen \u2013 sein Dasein bewegt. Eine kulturgeschichtliche Betrachtung \u00fcber die sch\u00fctzenswerte und zugleich starke Existenz der B\u00e4ume.<\/strong><\/p>\n\n<p>Eine Kolumne von Markus Waldvogel<\/p>\n\n<p>Am 25. April 1952 wurde in Deutschland zum ersten Mal der Tag des Baumes begangen. Der damalige Bundespr\u00e4sident Theodor Heuss pflanzte im Hofgarten der Bundeshauptstadt Bonn einen Ahornbaum. Dieser Fr\u00fchlingstag sollte von nun an jedes Jahr gefeiert werden, um den Wald und seine Bedeutung f\u00fcr die Menschheit in Erinnerung zu rufen. Heuss bezog sich mit seiner Aktion auf den amerikanischen Journalisten Sterling Morton. Dieser hatte 1872 die Regierung des Bundesstaates Nebraska mit einem \u00abArbor Day\u00bb-Antrag \u00fcberzeugt, der innert zwanzig Jahren von allen US-Staaten angenommen wurde. Im Jahr 1951 schliesslich erkl\u00e4rten die Vereinten Nationen den 25. April zum \u00abTag des Baumes\u00bb.<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/678694c2-p109_the_colonists_under_liberty_tree-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4408\"\/><figcaption>Freiheitsbaum. Tag des Baumes, J. Sterling Morton<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<p>Der Erfolg dieser Aktion hat mit der kulturgeschichtlichen Bedeutung der B\u00e4ume zu tun. B\u00e4ume verk\u00f6rperten etwas G\u00f6ttliches, standen aber auch f\u00fcr das Reich von Feen, Hexen und D\u00e4monen und waren Orte der Gerichtsbarkeit \u2013 nicht zuletzt weil sie Kraft und Fruchtbarkeit symbolisierten.<\/p>\n\n<p>Das Zitat von Konfuzius (551\u2013479 v. Chr.) im Titel ist beispielhaft: B\u00e4ume werden als etwas Grosses, mit Idealen Verbundenes dargestellt. Der griechische Philosoph Platon (428\u2013348 v. Chr.) skizzierte die Platane sowohl als Schattenspenderin als auch als Bet\u00f6rerin, die in voller Bl\u00fcte die Umgebung mit ihrem Duft erf\u00fcllt. Die christliche Bewegung bek\u00e4mpfte derartigen \u00abBaumkult\u00bb als gottesl\u00e4sterlich. Im siebten Jahrhundert nach Christus forderte das Konzil von Nantes sogar, daf\u00fcr zu k\u00e4mpfen, \u00abdass die B\u00e4ume, die den D\u00e4monen geweiht sind und die das Volk verehrt (\u2026) mit den Wurzeln ausgehauen und verbrannt werden\u00bb.<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"alignleft\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/b98e8a14-hildegard_von_bingen-_werk_gottes_12._jh..jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4373\"\/><figcaption>Hildegard von Bingen: Werk Gottes (12. Jh.)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<p>Noch im zweiten Jahrtausend nach Christus war der M\u00f6nch Bernhard von Clairvaux (1090\u20131153) \u00fcberzeugt, dass man in den W\u00e4ldern mehr finden k\u00f6nne als in B\u00fcchern. \u00abB\u00e4ume und Steine werden dich lehren, was kein Lehrmeister dir zu h\u00f6ren gibt.\u00bb Diese Lehre war aber Mittel zum Zweck. Im Vordergrund stand die Achtung vor der christlichen Sch\u00f6pfung. Der Beschrieb nat\u00fcrlicher Objekte diente der Lehre oder war Ausgangspunkt f\u00fcr mystische Betrachtungen, wie etwa bei Hildegard von Bingen (1098\u20131179): \u00abDie Seele durchfliesst den Leib wie der Saft den Baum \u2026 Die Seele ist also f\u00fcr den K\u00f6rper, was der Saft f\u00fcr den Baum ist, und ihre Kr\u00e4fte entfaltet sie wie der Baum seine Gestalt.\u00bb<\/p>\n\n<p>Der gewiss nicht religi\u00f6se Vater der Evolutionstheorie, Charles Darwin, schw\u00e4rmte Jahrhunderte sp\u00e4ter von den unber\u00fchrten Urw\u00e4ldern in Brasilien oder auf Feuerland an der S\u00fcdspitze S\u00fcdamerikas, \u00abwo die M\u00e4chte des Lebens vorherrschen und wo Tod und Verfall obsiegen\u00bb. Die Urw\u00e4lder vergleicht er mit Tempeln, \u00abangef\u00fcllt mit mannigfaltigen Erzeugnissen des Gottes der Natur \u2013 niemand kann unger\u00fchrt in dieser Einsamkeit stehen und nicht sp\u00fcren, dass im Menschen mehr ist als nur der Atem seines K\u00f6rpers.\u00bb<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"alignright\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/bfd2ab67-gp0stpoea_pressmedia_klein.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4412\"\/><figcaption>\u00a9 Valdemir Cunha<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<p><\/p>\n\n<p>W\u00e4lder weisen \u00fcber sich selbst hinaus. Es sind Orte, wo Menschen zu sich finden, spirituelle und existenzielle Erfahrungen machen k\u00f6nnen. Zunehmend wurden sich Schriftsteller und Journalisten im 19. Jahrhundert aber auch der Bedrohung dieser \u00abKraftorte\u00bb durch Abholzung und Spekulation bewusst. Es ist unter anderem Gottfried Keller zu verdanken, dass in der Schweiz ein nachhaltiges Forstgesetz geschaffen wurde. In seiner legend\u00e4ren Erz\u00e4hlung \u00abDas verlorene Lachen\u00bb geht es um die \u00abBaumschl\u00e4chterei\u00bb f\u00fcr die \u00aballes aufzehrenden St\u00e4dte\u00bb. Die W\u00e4lder und einzelne B\u00e4ume erhielten bei Keller fr\u00fch einen \u00f6kologischen Wert. Er stellte ihren rein \u00f6konomischen Nutzen radikal in Frage, weil die \u00abhundertj\u00e4hrigen Hochwaldbest\u00e4nde zu fallen begannen\u00bb, um \u00absofort dem Strich der Hagelwetter den Durchlass auf die Weinberge und Fluren zu \u00f6ffnen\u00bb.<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"alignleft\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/67e807e5-gottfried_keller_heroische_landschaft_oil_klein.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4374\"\/><figcaption>Gottfried Keller: Heroische Landschaft (1842)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<p><\/p>\n\n<p>Kellers Texte \u00fcber die bedrohten W\u00e4lder sind romantisch-schw\u00e4rmerisch und realistisch-\u00f6kologisch. Ins gleiche Horn stiess zur selben Zeit der franz\u00f6sische Schriftsteller Gustave Flaubert: \u00abWenn die Gesellschaft so fortf\u00e4hrt, wird in zweitausend Jahren nichts mehr sein, kein Grashalm, kein Baum; sie wird die Natur aufgefressen haben.\u00bb Die Vorstellung des Verschwindens der Natur erhielt erstmals apokalyptische Z\u00fcge.<\/p>\n\n<p>Erst im 20. Jahrhundert wurde die Natur zum (rein) politischen Gegenstand. Carl Am\u00e9rys brillanter Essay \u00abNatur als Politik\u00bb (1976) war eine Abrechnung mit den marxistischen \u00dcberzeugungen der entfesselten Produktivkr\u00e4fte und ihren notwendigen und ungebremsten Eingriffen in die Natur. Am\u00e9ry schrieb: \u00abBisher hat sich der Materialismus damit begn\u00fcgt, die Welt zu ver\u00e4ndern; jetzt kommt es darauf an, sie zu erhalten.\u00bb F\u00fcr Am\u00e9ry \u2013\u00a0wie viele der fr\u00fchen \u00abGr\u00fcnen\u00bb \u2013 war die Natur ein Ganzes, das es zu erhalten galt. Genaue wissenschaftliche Kenntnisse waren Voraussetzung daf\u00fcr. Doch schon bald erweiterte sich die Wahrnehmung der Natur wieder: Im Zusammenhang mit lokalen Widerstandsprojekten gegen die Zerst\u00f6rung von Landschaften wuchs das Bewusstsein, dass Widerstand nur dort wirklich gedeiht, wo sich Menschen auch mit ihren Erinnerungen und Gef\u00fchlen einbringen; wo man die eigene Kindheit verbracht hatte, war der Widerstand verwurzelt. Rein rationale Ans\u00e4tze zur Wahrnehmung der Natur k\u00f6nnen den Kampf gegen ihre Zerst\u00f6rung \u2013 und damit auch die Zerst\u00f6rung der menschlichen Lebensbasis \u2013 nicht ausl\u00f6sen. Man muss gleichsam lieben, was man \u00abum seiner selbst willen\u00bb erhalten will. So sind die B\u00e4ume mehr als nur CO<sub>2<\/sub>-Spender oder Garanten f\u00fcr Wasservorkommen geblieben.<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/ab3db925-log_boom_2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4414\"\/><figcaption>Die Abholzung der W\u00e4lder zwischen 1900 und 1918<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<p>In diesem Sinn haben Konfuzius, Darwin oder Keller einem vielf\u00e4ltigen, modernen Naturbegriff den Weg bereitet \u2013 entgegen bloss vereinnahmender religi\u00f6ser oder materialistisch-technisch-wissenschaftlicher Wahrnehmung von Natur. In Anlehnung an Carl Am\u00e9ry lautet die Devise heute: \u00abBisher hat man sich damit begn\u00fcgt, die n\u00fctzliche Natur zu erhalten; jetzt kommt es darauf an, sich mit ihr als umfassender Lebenspartnerin zu entwickeln.\u00bb<\/p>\n\n<p><strong>Markus Waldvogel<\/strong>\u00a0ist Autor, Philosoph und Leiter der Beratungsfirma Pantaris. Er war viele Jahre Mitarbeiter des WWF Schweiz und hat die Bieler Philosophietage mitbegr\u00fcndet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Baum: Als Pforte der Wahrheit, als unfassbares Mysterium, als g\u00f6ttliche Reinheit oder bet\u00f6rendes Wesen &#8211; sein Dasein bewegt. 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