{"id":45082,"date":"2017-11-10T07:00:00","date_gmt":"2017-11-10T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=45082"},"modified":"2020-05-26T11:45:49","modified_gmt":"2020-05-26T09:45:49","slug":"das-volk-der-sami-stellt-sich-dem-klimawandel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/45082\/das-volk-der-sami-stellt-sich-dem-klimawandel\/","title":{"rendered":"Das Volk der Sami stellt sich dem Klimawandel"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Frau arbeitet in der Rentierzucht. Die K\u00fcche, in der sie mich empf\u00e4ngt, riecht nach frisch gebratenem Fisch. Die kleinen Fische in der Bratpfanne kommen direkt aus dem Fluss, der in der N\u00e4he vorbeifliesst.<\/p>\n\n<p>Das Haus von Terhi Vuojala-Magga und ihrem Mann steht in einer Lichtung. Wie geht das Volk der Sami mit dem Klimawandel um? Auf diese Frage hat die Rentierz\u00fcchterin eine klare Antwort: \u00abDie Sami warten nicht auf Wettervorhersagen. Sie wissen selber, was zu tun ist. Sie planen nicht im Voraus, wann sie mit ihren Herden weiterziehen. Sie beobachten den Himmel. Wenn sie sehen, dass der richtige Zeitpunkt gekommen ist, sind sie bereit.\u00bb Sie selber stammt aus der finnischen Mehrheitsbev\u00f6lkerung und hat einen samischen Rentierz\u00fcchter geheiratet. Die beiden wohnen in einem abgelegenen Dorf in Nordskandinavien, nahe der schwedischen Grenze. Das Dorf steht inmitten des n\u00f6rdlichen Nadelwaldes. Zu erreichen ist es \u00fcber eine Naturstrasse, die durch dichtes Waldgebiet und \u00fcber eisig kalte Fl\u00fcsse f\u00fchrt. Nach 25 Meilen ist man da.<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"alignright\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/d5f130ae-gp-foto-sami-3-e1510146772650.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4617\"\/><figcaption>Terhi Vuojala-Magga mit ihrem Ehemann auf ihrer Farm in Nordfinnland. \u00a9 Jacopo Pasott<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<p><\/p>\n\n<p>\u00abIn den 1990er Jahren hatte die \u00f6ffentliche Diskussion \u00fcber den Klimawandel gerade erst begonnen. Bereits zu diesem Zeitpunkt beobachteten die samischen Rentierz\u00fcchter jedoch erste Abweichungen im Ablauf der Jahreszeiten\u00bb, erz\u00e4hlt Terhi Vuojala-Magga.<\/p>\n\n<p>\u00abSie begannen, ihren Umgang mit den Herden anzupassen. Sie suchten neues Weideland. Die Kastration der m\u00e4nnlichen Tiere und das Schlachten verschoben sich zeitlich.\u00bb Mobilit\u00e4t, Flexibilit\u00e4t, schnelle Reaktion auf pl\u00f6tzliche Ver\u00e4nderungen sind wohl das, was Spezialisten f\u00fcr \u00d6kologie als \u00abAnpassung\u00bb bezeichnen w\u00fcrden.Was mir meine Gespr\u00e4chspartnerin \u00fcber die Beziehung der Sami zum Wetter und zum Klima berichtet, gibt mir einen ersten Eindruck davon, ob der Klimawandel f\u00fcr sie ein un\u00fcberwindbares Problem ist. Aufschlussreich ist die Erz\u00e4hlung auch im Hinblick darauf, wie sich die Sami im Rahmen der Diskussion um den Klimawandel sehen.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Unbequeme Minderheit<\/h3>\n\n<p>Zur Zeit meines Besuches sind die Rentiere nicht da, sie grasen auf weit entlegenen Sommerweiden. Auf dem Hof ist es ruhig. Landwirtschafsger\u00e4t liegt herum. Die Schneeraupe ruht im Gras. \u00dcber Lautsprecher h\u00f6rt man den samischen Radiosender YLE auch im Aussenbereich. Das Radio l\u00e4uft Tag und Nacht.<\/p>\n\n<p>Innerhalb Skandinaviens ist die indigene Bev\u00f6lkerung eine Minderheit. Der Radiosender ist daher von grosser Bedeutung f\u00fcr das Zusammengeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl der Sami. Von den circa 100&nbsp;000 indigenen Menschen dieser Region der Erde leben \u00fcber die H\u00e4lfte in Norwegen, 30 bis 40&nbsp;Prozent in Schweden, ungef\u00e4hr 10&nbsp;Prozent in Finnland und einige Tausend in Russland. Die samische Lebensweise unterscheidet sich kaum vom Lebensstil der \u00fcbrigen Menschen in Europa. Die meisten Sami, die ich antreffe, kleiden sich wie die Mehrheitsgesellschaft. Sie haben dieselben Autos und die gleichen Apps auf ihren Tabletts. In samischen Gebieten trifft man auf Journalisten, Lehrpersonen, Politiker, Hotelbesitzer. Nur 10&nbsp;Prozent der Sami sind noch in der traditionellen Rentierzucht besch\u00e4ftigt. Dennoch zeigt sich bei den Sami ein besonderer Bezug zur Natur, den urbane Menschen so nicht kennen. Jagen, fischen und Tiere z\u00fcchten sind nach wie vor zentral f\u00fcr die Kultur und Wirtschaft der Sami<\/p>\n\n<p>Die Sami verteilen sich auf weite Gebiete. In Norwegen sind 40&nbsp;Prozent der Landfl\u00e4che von samischen Menschen bewohnt. Wer Rentierzucht betreibt, muss weite Strecken zur\u00fccklegen, um immer wieder zwischen Sommer und Winterweiden zu wechseln. Diese Praxis f\u00fchrt regelm\u00e4ssig zu Konflikten mit Regierungen. Im Gegensatz zu anderen indigenen V\u00f6lkern \u00fcberqueren die Sami oftmals nationalstaatliche Grenzen. Seit der Zeit der russischen Zaren ziehen sie daher immer wieder den Unmut der M\u00e4chtigen auf sich.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/c42685e2-aili-keskitalo_1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4649\"\/><figcaption>Aili Keskitalo, Pr\u00e4sidentin des norwegischen Sami-Parlaments, beobachtet einen der ersten Aktivisten, der die Rechte der Samis auf ihr Land, ihre Natur und ihre Kultur verteidigt. Karasjok, Norwegen, 2015. \u00ae Jacopo Pasotti<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>\u00abJahrhundertelang versuchten die Beh\u00f6rden, uns zur Assimilation zu zwingen. Unsere Volksgruppe sollte f\u00fcr immer von der Landkarte verschwinden. Heute gibt es jedoch Sami-Parlamente in Norwegen, Finnland und Schweden. Unsere Stimme wird auf politischer Ebene vermehrt geh\u00f6rt\u00bb, sagt Aili Keskitalo, Pr\u00e4sidentin des norwegischen Sami-Parlaments.<\/p>\n\n<p>Entsprechend der Tradition tr\u00e4gt sie die Gakti-Tracht, als sie mich durch das Parlamentsgeb\u00e4ude in Karasjok f\u00fchrt. Nachdem eine laute Touristengruppe abgezogen ist, berichtet Aili Keskitalo, dass die Sami noch immer nicht gen\u00fcgend eingebunden sind in Entscheide, die ihr Leben beeinflussen. Dieses Ungleichgewicht der Macht ist heutzutage besonders problematisch. Denn mit dem Klimawandel sind Kultur und Lebensgrundlagen der Sami ernsthaft bedroht.<\/p>\n\n<p>Der Raum, den die Sami einnehmen, wird ihnen als ethnische Minderheit streitig gemacht. Ellen Inga Turi ist Geografin und Politikexpertin beim Norwegischen Verband f\u00fcr Rentierz\u00fcchtung, und kennt die Lage auch aus pers\u00f6nlicher Erfahrung. Die Tochter eines samischen Z\u00fcchters erkl\u00e4rt: \u00abDer Beitrag der Sami zur Wirtschaftsleistung ist nicht sehr gross. Aber wenn es um Landbewirtschaftung geht, spielen wir eine zentrale Rolle. Wir sind seit Jahrhunderten in der Arktis ans\u00e4ssig.\u00bb Zusammen mit den anderen ethnischen Gruppen im hohen Norden bewohnen die Sami weitl\u00e4ufige Gebiete.<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"alignleft\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/8252c0a3-gp-foto-sami-11-e1510155899673.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4610\"\/><figcaption>Ellen Inga Turi in Koutekeino, Norwegen. \u00a9 Jacopo Pasott<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<p>Zahlenm\u00e4ssig stellen die Nachkommen der Ureinwohner in der ganzen Arktis jedoch nur ein paar Hunderttausend Menschen dar. Das B\u00fcro von Ellen Inga Turi liegt im kleinen norwegischen Dorf Koutekeino, gegen\u00fcber einer Grasfl\u00e4che, die von Birken und Krautweiden ges\u00e4umt ist. Auch im Sommer streicht ein k\u00fchler Wind durch die B\u00e4ume. An der Wand h\u00e4ngt eine grosse Karte von Eurasien. Alle ethnischen Gruppen der Polarregion sind darauf vermerkt. Es springt ins Auge, dass das Gebiet der Sami \u2013 immerhin ein betr\u00e4chtlicher Teil Skandinaviens \u2013 insgesamt nur einen kleinen Anteil der immensen Arktis ausmacht.<\/p>\n\n<p>Von den vier Millionen Menschen, die heute in der Arktis leben, sind nur eine Minderheit indigener Abstammung. Das fragile Gleichgewicht zwischen verf\u00fcgbaren Land und Bev\u00f6lkerungsdichte ist bedroht. Die Erderw\u00e4rmung und der einfachere Zugang zum hohen Norden wecken die Gier nach brachliegenden Ressourcen. Es ist eine regelrechte Kolonisierung der Arktis im Gange. Unweigerlich f\u00fchrt dies auch zu vermehrten Konflikten mit der indigenen Bev\u00f6lkerung. Oft lautet die Alternative Assimilation und Untergang.<\/p>\n\n<p>Die Sami nutzen neue Technologie durchaus, ohne dass sie dies als Assimilation sehen. Es ist in ihren Augen eher eine Frage der Anpassung. Dennoch wollen sie das Fischen und Beerensammeln nicht aufgeben. Dazu meint Aili Keskitalo: \u00abIm Alltag arbeite ich hier im S\u00e0mediggi, also in unserem Sami-Parlament. Klar leben wir ein modernes Leben. Aber die samischen Lebensgrundlagen bleiben weiterhin das Herz unserer Kultur. Sie tragen unsere Philosophie weiter. Ohne sie w\u00fcrde die samische Identit\u00e4t verschwinden.\u00bb<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Das Klima im Wandel<\/h3>\n\n<p>F\u00fcr die Bev\u00f6lkerung der Arktis, die so naturnah lebt, ist der Klimawandel eine unmittelbare Gefahr. Die Temperaturen steigen in der Arktis drei Mal schneller an als im weltweiten Durchschnitt. Bruce Forbes, \u00d6kologe an der University of Lapland im finnischen Rovaniemi, erkl\u00e4rt die Situation: \u00abTendenziell schneit es immer sp\u00e4ter im Jahr. Der Winter wird milder. Der Fr\u00fchling tritt vor der normalen Zeit ein.\u00bb Die Sami sind auch mit verst\u00e4rkten Regenf\u00e4llen in der kalten Jahreszeit konfrontiert, mit teils katastrophalen Folgen: \u00abIm Herbst wechseln sich nasse und dann wieder kalte Tage ab. Der Temperatursturz f\u00fchrt dann zur Bildung einer Eisschicht, und die Rentiere kommen beim Grasen nicht mehr an die Flechten heran, von denen sie sich haupts\u00e4chlich ern\u00e4hren.\u00bb<\/p>\n\n<p>Rentiere kommen zwar damit klar, dass den gr\u00f6ssten Teil des Jahrs eine leichte Schneeschicht \u00fcber dem Weideland liegt. Jedoch ver\u00e4ndern sich die Schneeverh\u00e4ltnisse zunehmend, und dicke Schneeschichten k\u00f6nnen nicht mehr so leicht durchgekaut werden. Die Frage ist, wie schnell sich die Tiere anpassen k\u00f6nnen. Die Anpassungsf\u00e4higkeit der Tierwelt ist mit der Geschwindigkeit der aktuellen Umweltver\u00e4nderung \u00fcberfordert.<\/p>\n\n<p>Bei den K\u00e4ltewellen von 2013 und 2014 verendeten 27\u00a0000 der 61\u00a0000 Rentieren auf der russischen Jamal-Halbinsel. \u00abDie heutigen Rentierz\u00fcchter beobachten eine h\u00f6here Mortalit\u00e4t ihrer Tiere. Gleichzeitig werden ihre M\u00f6glichkeiten zur Ver\u00e4nderung ihre Praxis von aussen beschnitten. Dabei w\u00e4re Anpassung \u00fcberlebenswichtig. Sie m\u00fcssen entscheiden, welche Tiere sie wann kastrieren oder schlachten lassen. Dies sind zentrale Faktoren f\u00fcr die Wechselwirkung zwischen den Herden und der Landschaft. Eine andere M\u00f6glichkeit zur Rettung der Herden ist die Verlagerung in andere Gegenden. Dies wiederum wird durch die vielen neuen Schranken und Grundst\u00fcckabgrenzungen erschwert. Teils sind auch Regulierung im Spiel, die von den Hauptst\u00e4dten oder von Br\u00fcssel erlassen werden\u00bb, so Forbes weiter. Auch hier zeigt sich wieder, dass zur Bew\u00e4ltigung der Umweltver\u00e4nderung vor allem Flexibilit\u00e4t und Bewegungsfreiheit \u00fcber die gesamte Taiga entscheidend w\u00e4ren.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/c34293b0-gp03155_medium_res.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4631\"\/><figcaption>Rentiere sind zunehmend erschwerten Witterungsbedingungen ausgesetzt. Hier im Schnee am Inariseesee in Nordfinnland. \u00a9 Markus Mauthe \/ Greenpeace<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Auch Ellen Inga Turi betont die Sorgen rund um den Klimawandel: \u00abDie traditionelle Zuchtpraxis mit ihren zeitlichen Abl\u00e4ufen passt f\u00fcr die heutigen Z\u00fcchter nicht mehr. Die jungen Sami suchen neue Strategien f\u00fcr ihre Herden, weil die althergebrachten Instrumente mit dem schnellen Wandel nicht mehr Schritt halten. Die Gefahr ist, dass viele den Beruf verlassen, weil die H\u00fcrden immer h\u00f6her werden.\u00bb<\/p>\n\n<p>Fl\u00fcsse und Seen, die seit jeher immer zugefroren waren und mit den Herden leicht \u00fcberquert werden konnten, sind heute nicht mehr sicher: \u00abDie Eisschicht ist d\u00fcnner geworden und das Auftauen beginnt fr\u00fcher\u00bb, sagt Bruce Forbes. Er stellt auch fest, dass sich die Tundra zur\u00fcckzieht, w\u00e4hrend Pflanzenarten aus s\u00fcdlicheren Gebieten sich nach Norden ausbreiten. Die Erderw\u00e4rmung bewirkt einen Wandel, dessen Geschwindigkeit bisher einmalig ist. Nicht immer bietet traditionelles Wissen M\u00f6glichkeiten, die Ver\u00e4nderungen aufzufangen. Die Sami denken aber, dass ihre jahrhundertealte F\u00e4higkeit zur Mobilit\u00e4t und Flexibilit\u00e4t ein Weg ist, die steigenden Temperaturen zu bew\u00e4ltigen. Alles was sie brauchen, ist ein wenig Hilfe von Seiten der Regierungen.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Angst vor dem Klimawandel und vor der Regierung<\/h3>\n\n<p>Ich habe jetzt eine konkretere Vorstellung von den laufenden Umweltver\u00e4nderungen. Nun m\u00f6chte ich herausfinden, welches f\u00fcr die Sami die gr\u00f6ssten Herausforderungen bei der Anpassung sind. Die Antworten auf meine Fragen werden schnell politisch: \u00abWir haben immer wieder gravierende Ver\u00e4nderungen durchgemacht. Man hat unser Volk aufgeteilt und entlang nationalstaatlicher Grenzen gespalten. Leute, die unser Leben nicht kannten, haben uns Gesetze aufgezwungen. Es ging darum, uns zur Assimilation zu zwingen\u00bb, sagt Ellen Inga Turi. Sie sucht fieberhaft nach L\u00f6sungen, damit ihre Kultur nicht auseinanderf\u00e4llt: \u00abWenn man mit den Z\u00fcchtern redet, erf\u00e4hrt man, dass ihre Hauptsorge die Regierung ist, nicht der Klimawandel.\u00bb<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"alignright\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/3c8b6d8b-gp-foto-sami-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4611\"\/><figcaption>Flug \u00fcber S\u00e1pmi, dem Land der S\u00e1mi in Norwegen. \u00a9 Jacopo Pasott<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<p>F\u00fcr diese Haltung haben die Sami gute Gr\u00fcnde. Bei der Planung von neuen Strassen, Eisenbahnlinien und Infrastrukturprojekten werden die politischen Gremien der Sami oft kaum oder gar nicht angeh\u00f6rt. W\u00e4lder werden zunehmend f\u00fcr den Holzschlag genutzt, Entscheide \u00fcber Minenprojekte oder Windenergie-Anlagen werden oft ohne Beteiligung der Sami getroffen. Genauso problematisch wie die Klimaerw\u00e4rmung erweisen sich nationale und internationale Gesetze und Regulierungen zur Bodennutzung.<\/p>\n\n<p>Manche Gesetze wiederum werden zum Schutz der Lebensgrundlagen der Sami erlassen. Da viele Sami in der Betreuung nomadischer Rentierherden arbeiten, ist Mobilit\u00e4t f\u00fcr sie entscheidend. 2009 haben Norwegen und Schweden ein neues Abkommen f\u00fcr grenz\u00fcberschreitende Mobilit\u00e4t der Herden unterzeichnet. Dieses bezeichnet in Norwegen und Schweden 24 bzw. 16 Weidegebiete, die gegenseitig genutzt werden k\u00f6nnen von Z\u00fcchtern beider L\u00e4nder. Solche vorteilhaften Regelungen sind aber immer wieder umstritten. Ob sie auf Dauer Bestand haben werden, ist unsicher.<\/p>\n\n<p>2010 schrieb die UNO: \u00abIn den letzten zehn Jahren hat die schwedische Politik die Sami nicht als Menschen behandelt, die den Status einer indigenen Bev\u00f6lkerung besitzen, sondern im besten Fall wie eine nationale Minderheit. Schweden hat nicht gen\u00fcgend Schritte unternommen, um die Partizipation der Sami entsprechend der internationalen \u00dcbereinkommen sicherzustellen.\u00bb (UNHCHR 2010) Es wird kritisiert, dass die traditionellen T\u00e4tigkeiten der Sami als r\u00fcckst\u00e4ndig angesehen werden. Moderne Formen von Landwirtschaft und Bergbau werden bevorzugt. Die nomadische Lebensweise passt nicht gut in die Vorstellung eines modernen Lebens. F\u00fcr die nordischen Staaten sind die Sami nicht sesshaft und sollen demnach auch keine Bodenbesitzanspr\u00fcche anmelden.<\/p>\n\n<p>Die Erw\u00e4rmung der Polkappen er\u00f6ffnet auch neue Transportwege zum S\u00fcden. Die Region wird besser zug\u00e4nglich und \u00f6konomisch attraktiver, wegen fossilen Energievorkommen und touristischen M\u00f6glichkeiten. \u00abImmer wieder entsteht ein neuer Staudamm oder ein Tourismusprojekt\u00bb, erz\u00e4hlt Ellen Inga Turi. \u00abDiese Gefahr wird als gr\u00f6sseres Problem wahrgenommen als der Klimawandel selbst.\u00bb Urbanisierung, touristische Erschliessung und Energief\u00f6rderung weiten sich aus. Derzeit sind davon bereits 25\u00a0Prozent der samischen Gebiete betroffen. In ernstem Tonfall res\u00fcmiert die Geografin, dass solche Eingriffe unweigerlich zu Landverlusten f\u00fchren: \u00abWeidefl\u00e4che um Weidefl\u00e4che wird uns das ganze Land weggenommen. Gem\u00e4ss einer Studie des Umweltprogramms der Vereinten Nationen werden wir in den kommenden 80\u00a0Jahren 75\u00a0Prozent unserer Weidefl\u00e4chen verlieren.\u00bb Sie bef\u00fcrchtet, dass dies die Anstrengungen zur Anpassung an den Klimawandel bremsen wird: \u00abBeim Aufbau von Resilienz, also der Anpassungsf\u00e4higkeit an ver\u00e4nderte Bedingungen durch neue \u00dcberlebensstrategien, ist die Landfrage ein Kernproblem.\u00bb<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die samischen L\u00f6sung<\/h3>\n\n<p>Die Gespr\u00e4che mit den Samis haben mir gezeigt, dass sie durchaus Vorstellungen haben zum Umgang mit dem Klimawandel. Nur fliesst ihre Sichtweise selten in akademische oder \u00f6ffentliche Diskussionen ein. \u00abWir brauchen Eigentumsrechte auf unserem Land\u00bb, sagt Ellen Inga Turi. Zur m\u00f6glichen L\u00f6sung des Problems meint sie: \u00abWir m\u00fcssen unser Wissen anwenden.\u00bb Eine einfache Strategie: Flexibilit\u00e4t und Mobilit\u00e4t sind der Schl\u00fcssel zur Anpassung an zunehmend erratische Klimabedingungen.<\/p>\n\n<p>F\u00fcr die Sami ist das Leben ein kontinuierlicher Fluss. Obwohl heute 90&nbsp;Prozent der Sami nicht mehr in der Rentierzucht arbeiten, ist ihnen der Bezug zur Natur \u00e4usserst wichtig f\u00fcr das \u00dcberleben als ethnische Gruppe. Sie sind fest davon \u00fcberzeugt, dass sie mit Ver\u00e4nderungen umgehen k\u00f6nnen \u2013 zumindest mit jenen Ver\u00e4nderungen, die aus der Natur kommen.<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"alignleft\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/ed53d5ee-gp-foto-sami-2-e1510154548473.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4608\"\/><figcaption>Tradition und Moderne teilen sich R\u00e4ume und Bed\u00fcrfnisse in einem norwegischen Einkaufszentrum. \u00a9 Jacopo Pasott<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<p>Die Sami stehen vor politischen und klimatischen Herausforderungen. Sie denken, dass sie ihre Resilienz unter Beweis gestellt haben und dass sie auch den Klimawandel meistern k\u00f6nnten. \u00abTats\u00e4chlich beherrschen wir die Kunst zu \u00fcberleben\u00bb, sagt Parlamentspr\u00e4sidentin Aili Keskitalo. \u00abDer Beweis daf\u00fcr ist, dass es uns immer noch gibt. Wir sind weltoffen. Wir nutzen neue Technologien und Social Media. Wir haben beschlossen, mit der \u00d6ffentlichkeit und mit der Regierung in einen Austausch zu treten. Auch das ist eine Form der Anpassung!\u00bb<\/p>\n\n<p>Dennoch r\u00e4umt Aili Keskitalo ein, dass es keinen Pr\u00e4zedenzfall f\u00fcr die Geschwindigkeit der aktuellen Klimaentwicklung gibt. Die Kombination von schnellem Klimawandel und geringem Einfluss auf die Politik macht die Sami besonders verletzlich.<\/p>\n\n<p>\u00abJa, es herrscht die Vorstellung, dass die Sami es schaffen k\u00f6nnen\u00bb, best\u00e4tigt auch Bruce Forbes. Sie sehen sich nicht am Rande eines Abgrunds. Sicherlich gibt es f\u00fcr diese epochale Klimakrise keine Parallele in der Geschichte der Menschheit. Es gibt keine sicheren Wege, weder in der Wissenschaft noch in der indigenen Tradition. Aber die Sami meinen, das n\u00f6tige Wissen zu besitzen. Sie haben die Hoffnung, dass sie dieses Wissen einsetzen k\u00f6nnen. Oder dass man sie es zumindest versuchen l\u00e4sst.<\/p>\n\n<p>Mit etwas Bitterkeit meint Aili Keskitalo: \u00abDie Regierung sieht uns leider als Lobbygruppe, und nicht als ethnische Community. Sie sind zufrieden, wenn wir mit unseren Rentieren pittoreske Motive f\u00fcr ihre Postkarten abgeben. Sobald wir Eingaben machen, sind wir St\u00f6renfriede. Wir fordern Selbstbestimmung, also das Recht, unser Land und seine Ressourcen selber zu verwalten.\u00bb<\/p>\n\n<p><em>Diese Reportage wurde unterst\u00fctzt von \u201eInternews\u2019 Earth Journalism Network\u201c<\/em>.<\/p>\n\n<p><strong>Jacopo<\/strong> <strong>Pasotti<\/strong> arbeitet als Autor und Fotograf u. a. f\u00fcr\u00a0<em>National Geographic<\/em>\u00a0und\u00a0<em>Die Zeit<\/em>\u00a0und reist f\u00fcr sein Leben gern \u2013 ob nach Nepal, in die Arktis oder ins Nachbardorf. 2011 wurde er mit dem Piazzano-Preis f\u00fcr Wissenschaftsjournalismus ausgezeichnet. Er lebt mit seiner Familie in Basel und Mailand.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Frau arbeitet in der Rentierzucht. Die K\u00fcche, in der sie mich empf\u00e4ngt, riecht nach frisch gebratenem Fisch. 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